Dienstag, 21. Mai 2013

Sauber, Herr Saubermann!


Die Sache mit der Fallhöhe ist immer das Problem.
Hat man ohnehin ein etwas angeschmutzeltes Image, fällt das „Skandaaal“-Gejohle auch deutlich leiser aus.
Daß es Roland Koch oder Franz-Josef Strauß mit der Wahrheit nicht so genau nahmen, war jedem bekannt. Also konnte man ihnen auch schwerlich einen Strick draus drehen, wenn sie – wieder einmal – beim Lügen erwischt wurden.
Wenn Roland Koch mit latent rassistischen Tönen Wahlkampf machte, war das ungefähr so überraschend wie Lothar Matthäus beim Fremdgehen oder Martin Semmelrogge beim Fahren ohne Führerschein.
Harald Juhnke volltrunken oder Nina Hagen ausgeflippt Stuss redend – das sind Auffälligkeiten, die ihnen nicht schaden, weil es ohnehin ins Bild passt(e).
Deswegen wurden auch FJS und Koch immer wieder gewählt.

Schlecht ist es hingegen, wenn man als Moralapostel bei amoralischen Aktionen ertappt wird.
Wenn ausgerechnet die Wissenschaftsministerin bei ihrer Doktorarbeit abgeschrieben hat, ist die Fallhöhe enorm.
Wenn ausgerechnet katholische Priester, die bei jeder Gelegenheit gegen Sex und Schwule wettern zu Hunderten und Tausenden als notgeile Messdiener-Befummler enttarnt sind, ist der gemeine Gläubige not amused.

Allerdings kann man auf einen gewissen Gewöhnungseffekt hoffen. 
Heute kann kein Comedien der ganzen Welt auf Kinderficker-Anspielungen verzichten, wenn er die katholische Kirche erwähnt. Hagen Rether mußte sogar schon beschwichtigen, indem er versicherte, daß wirklich NICHT ALLE Priester pädophile Holocaustleugner wären.
Und siehe da; inzwischen gehören ephebophile Übergriffe in der Sakristei zum festen Konnotationsschema der RKK.
Sie wächst dennoch weiter.
So gerne man auch in Deutschland „Rübe ab!“ ruft, wenn das Thema „Kinderschänder“ in der Yellow Press breitgetreten wird, so intensiv verdrängen dieselben Menschen ihre Ansichten, wenn es um die zölibatären alten Männer im Kleid geht. 24 Millionen Deutsche sind nach wie vor Mitglied der größten transnationalen Ephebophilen-Schutz-Organisation der Welt und akzeptieren offensichtlich, daß die Bischofskonferenz bis heute eifrig die Aufklärung der Missbrauchsfälle verhindert.

Eine besondere Fallhöhe hat auch der Bayerische Ministerpräsident Seehofer aufgebaut, der 2008 in Bayern nicht zur Wahl stand und kurz zuvor auf dem CSU-Parteitag abgestraft worden war.

Dann aber wurde er völlig überraschend in beide Ämter (Bayerischer MP und CSU-Vorsitzender) katapultiert und nutzte die Gunst der Stunde sich als Saubermann von außen zu positionieren. Seine Stellung war extrem stark, weil die Partei auf IHN zugegangen war und er als letzte Rettung galt.
Er führte die neue CSU ein und zögerte nie auch nur eine Sekunde verdiente Parteifreunde über die Klinge springen zu lassen, wenn es ihm helfen konnte.
Crazy Horst ist eine Borderlinerpersönlichkeit mit echten psychopathischen Zügen. Das konnte man schon vor drei Jahren deutlich sehen.
Seehofers psychischer Zustand ist mindestens genauso bedenklich, läutet Ulrich mit Hinweis auf ein SPIEGEL-Portrait ein.
Der CSU-Chef erschiene als „wankelmütiger Willkürherrscher, als einer, der gern mit Menschen spielt, unberechenbar und verantwortungslos. […] Zigfach ist belegt, dass Horst Seehofer mit seinen häufig wechselnden Positionen die Politik der Bundesregierung, ja sogar die seiner eigenen CSU-Landesgruppe, immer wieder chaotisiert."
(Zeit 20.08.2010)
Das Psychogramm des Oberbayern erinnert in der Tat weniger an einen deutschen Politiker, als an eine neroeske Persönlichkeit aus der Feder eines Stephen King.
In Berlin regiert demnach ein Mensch als einer der großen Drei mit, dessen innere Antriebskräfte zutiefst von Bosheit und Destruktivität bestimmt sind.
Einem Psychopathen, der sich längst komplett von der Sachpolitik verabschiedet hat und seine einzige Befriedigung nur noch in Sadismus und Manipulation findet.

Wie eine finstere Gestalt aus einem Psychokrimi hat er sich seine Politwelt im heimischen Keller als Miniaturwelt nachgebaut und dirigiert dort kleine Voodoo-Modelle seiner Politik-Kollegen, als ob er Gott wäre.
Es gibt den Nachbau des Bahnhofs von Bonn, der Stadt, in der Seehofers Karriere begann. Nach dem Jahr 2004, als er wegen des Streits um die Gesundheitspolitik sein wichtigstes Amt verlor, baute er einen "Schattenbahnhof", so nennt er ihn, ein Gleis, das hinab ins Dunkel führt.
Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll. Vor ein paar Monaten dann schnitt er ihr Porträtfoto aus und kopierte es klein, dann klebte er es auf eine Plastikfigur und setzte sie in eine Diesellok. Seither dreht auch die Kanzlerin auf Seehofers Eisenbahn ihre Runden.
(Spiegel 16.08.10)
Seehofer Wahn trug schon vor Jahren gar seltsame Blüten.
Während eines Karriereknicks im Jahr 2004 ging er mit einem selbstgeschriebenen Kabarettstück auf ein paar kleine Bühnen.
Er selbst spielte Walter Mixa (!!!), der die Beichte eines imaginären Seehofers anhört.
Sein alter ego Beichtvater Mixa fragt darin den Sünder Seehofer unter anderem, ob er unkeusche Gedanken habe, wenn er an Angela Merkel denke. Der antwortet: "Vater, ich habe schon vieles angestellt, aber Wunder kann ich nicht vollbringen."

Noch lieber als die CDU-Kollegen macht er allerdings seine eigenen CSU-Untertanen nieder.

Übel erging es beispielsweise seiner einstigen Politfreundin Christina Haderthauer, die wie er aus Ingolstadt kommt und die er einst als „größtes Talent der CSU“ lobte.
Dann entschied sie sich, Generalsekretärin unter Erwin Huber zu werden, Seehofers Erzfeind. Plötzlich fiel Seehofer nur Schlechtes zu Haderthauer ein. Die Christine könne das nicht, sagte er, wenn Journalisten um ihn herumstanden. Als Seehofer die Macht in der CSU übernahm, dachte Haderthauer, ihre letzte Stunde habe geschlagen. Die Ministerien wurden verteilt, und am Ende klingelte doch noch Haderthauers Handy. Seehofer bot ihr das Sozialministerium an, aber er fand kaum freundliche Worte. "Du warst schon unter der Erde, jetzt habe ich dich noch mal aus dem Sarg geholt", sagte er. Er lachte dabei, es war das Lachen eines Mannes, der weiß, dass er nun Karrieren mit einem Anruf beflügeln oder beenden kann.
(Spiegel 16.08.10)
Das Nachtreten und Rächen ist die Sache des Süd-Zampanos der Bundesregierung.
Das Interessante ist, wie Seehofer mit den Feinden von gestern umgeht. Er versucht nicht, sich mit ihnen zu versöhnen. Es wäre einfach, denn er hat jetzt die Macht, und sie liegen am Wegesrand. Aber Seehofer blickt auf sie wie ein siegreicher Feldherr, er nennt sie "mein Lazarett" und kichert. Man muss unwillkürlich an einen Saal mit Versehrten denken, die blutige Binden um den Kopf tragen.
(Spiegel 16.08.10)

Seehofer macht viel Show, aber sein Bundesland ist nach wie vor der Saustall, der es unter CSU-Ägide immer war.
Seehofer weist Schuld zu, donnert gegen die Presse, aber er kann sich langsam nicht mehr als moralischer Außenstehender inszenieren.
Denn die Zustände, die ihn nun öffentlichkeitswirksam so sehr überrascht haben, daß er seinen Ministern drakonische Maßnahmen verordnet, kennt er in Wahrheit schon lange.
Seehofer ist nach wie vor nur ein Lügner.
Das engste Umfeld von Bayerns Ministerpräsident Seehofer war über die zweifelhafte Job-Praxis früh informiert: Nach SZ-Informationen wusste die Regierungszentrale mindestens seit Sommer 2009 davon, dass CSU-Landtagsabgeordnete Familienangehörige beschäftigten. Das wirft kein gutes Licht auf Seehofer.
[…] Die Frage, seit wann Seehofer von den Familienjobs weiß, ist von großer politischer Bedeutung. In den vergangenen Tagen hat Seehofer wiederholt versichert, er selbst habe erst durch die Berichterstattung der vergangenen Wochen davon erfahren. Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte er sogar vor einer Woche "Bösartigkeit" unterstellt und mit Konsequenzen gedroht, weil sie in einem Bericht die Frage aufgeworfen hatten, wie es sein könne, dass der Regierungschef und CSU-Vorsitzende keinerlei Kenntnis über die in seiner Partei weit verbreitete Praxis hatte, Familienangehörige zu beschäftigen.   Zu diesen Familienförderern gehören auch fünf heutige Kabinettsmitglieder: Helmut Brunner (Landwirtschaftsminister), Ludwig Spaenle (Kultusminister) sowie die Staatssekretäre Franz Pschierer (Finanzen), Gerhard Eck (Innen) und Bernd Sibler (Kultus). Justizministerin Beate Merk hatte ihre Schwester und damit eine Verwandte zweiten Grades für sich arbeiten lassen und aus ihrem Abgeordnetenetat bezahlt.  Dass immerhin der Chef der Staatskanzlei informiert war, wirft kein gutes Licht auf Seehofer, der sich in diesen Tagen als konsequenter Aufklärer in der Affäre zu profilieren versucht. Nun besteht mindestens Erklärungsbedarf, warum derartige Informationen, die in der Staatskanzlei auflaufen, offenbar nicht an den Regierungschef weitergegeben wurden. Der Chef der Staatskanzlei gehört zu Seehofers wichtigsten Mitarbeitern. […] Schneider war im Übrigen in besonderer Weise für das Thema Verwandtenjobs sensibilisiert. Er hatte selbst als Abgeordneter bis Ende 2005 seine Ehefrau bei sich beschäftigt.
(Mike Szymanski, SZ, 21.05.13)

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