Samstag, 30. August 2014

Christenverfolgung


Der fromme Matthias Drobinski durfte wieder einmal den Leitartikel der auflagenstarken Wochenendausgabe der SZ schreiben.
Der Titel lautet, wenig überraschend: „Christenverfolgung“
Nicht gerade innovativ angesichts der Myriaden Berichte über das Wüten des IS wortreich das Elend der Christen im Irak und Syrien zu beklagen.
Mit dem ganz dicken Pinsel trägt Drobinski auf; wirft biblische Metaphern und NS-Analogien in seinen Artikel.

Ein arabisches „N“ malen sie den Christen auf die Hauswand, die Männer, die da angeblich im Namen Gottes das Land heimsuchen. Nasrani, Nazarener, so heißen die Christen im Koran. Und wen die Killer des Islamischen Staates als Nazarener brandmarken, der muss seinem Glauben abschwören oder eine Kopfsteuer zahlen. Oder er stirbt. Oft genug helfen weder Schwur noch Geld, oft genug machen die muslimischen Nachbarn von gestern mit, in dieser Mischung aus Angst und Gier, die auch die Nazis nutzten, um die Juden auszurauben und zu ermorden.
Im Irak, aber auch in Syrien findet eine mörderische religiöse Säuberung furchtbaren Ausmaßes statt. Sie zerstört die Kultur der Region, zu der auch die vielen uralten christlichen Gemeinschaften gehörten. Sie wird weitere Gewalt gebären, Glaubenskriege und Glaubenskrieger.
(Matthias Drobinski, SZ 30.08.14)

Es liegt mir fern die Situation der irakischen Christen zu beschönigen.
Zweifellos schweben viele von ihnen in tödlicher Gefahr.
Der Autor sieht die Christen ausschließlich als Opfer, die nun stellvertretend für diejenigen leiden müßten, welche der IS nicht zu fassen bekommt.

Sie zahlen den Preis, dass seit der iranischen Revolution 1979 und den Anschlägen von 2001 Auseinandersetzungen als heilige Kriege und Kreuzzüge überhöht werden. Die Christen zahlen für George W. Bushs Messianismus, mit dem er den Irak per Invasion zu einem besseren Land machen wollte. Den Ex-Präsidenten kriegen die IS-Terroristen nicht, also halten sie sich an jene, die in ihren Augen die Agenten des Westens sind – und ihnen wehrlos ausgeliefert.
(Matthias Drobinski, SZ 30.08.14)

Auch die Darstellung ist in etwa richtig.
Aber der überzeugte Christ Drobinski sieht nicht das Gesamtbild.
Für ihn scheinen Christen die ersten und ganz besonders unschuldigen Opfer zu sein. In diesem Zusammenhang weist er daraufhin, daß in Deutschland bisher eher erzkonservative Politiker und fundamentale Christen und von „Christenverfolgung“ sprachen. Dies sei inzwischen aber einen Tatsache und insofern müsse sich jeder mit dem Drama beschäftigen.
Daß zuvor schon mindestens 1,7 Millionen Menschen im Irak und Afghanistan durch westliche Interventionen gekillt wurden, daß 200.000 Syrer hingemetzelt und weitere 10 Millionen auf der Flucht sind, fällt Drobinski nicht ein.
Offenbar ist ein toter Christ für ihn beklagenswerter als ein totgefolterter Musel.
Konstruktive Vorschläge sind dem SZ-Kirchenschreiberling ebenso fremd.

Aufgabe des Westens sei es nun strikt auf Religionsfreiheit zu drängen und den Verfolgten zu helfen.

Zur Hilfe gehört, verfolgte Christen großzügig und schnell in Deutschland aufzunehmen, zu ihr gehört aber auch, alles zu tun, dass die christlichen Gemeinden im Nahen Osten nicht sterben. Zu dieser Hilfe gehört auch, gegenüber islamischen Staaten klarer als bisher Religionsfreiheit zu fordern – für alle.
(Matthias Drobinski, SZ 30.08.14)

Ich staune immer wieder über die Naivität von schreibenden Christen. Drobinski steigt hier regelrecht auf Käßmann-Niveau herab.

Mit welchen Staaten soll denn „der Westen“ reden? Mit Wahabitistan? Dort sitzt eine saudische Königsfamilie, die sich als Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina begreift. Da gibt es keine Religionsfreiheit und „der Westen“ kann da auch nicht das Geringste erreichen, da er von dem Öl abhängig ist und nichts mehr als eine Destabilisierung Riads fürchtet.
Oder soll Deutschland vom Irak oder von Syrien Religionsfreiheit verlangen?
Bisher gab es dort sogar so etwas wie Religionsfreiheit – hauptsächlich dank der westlich-christlichen Einmischung gibt es aber keinen Staat mehr, der das garantieren und durchsetzen kann.
Oder soll Merkel mal Kalif Abu Bakr al-Bagdadi anrufen und ihm sagen; du, mal unter Kollegen, kannste nich ma Religionsfreiheit einführen?“
Dieser Drobinski-Vorschlag ist fast so dümmlich wie seine Empfehlung Christen hier aufzunehmen.
Wir wissen doch was passiert wenn Demokratie und Religionsfreiheit eingeführt werden soll – dann wird wie in Ägypten oder dem Irak der stärkste religiöse Block gewählt (Schiiten in Bagdad, die Muslimbrüder in Kairo) und das Gemetzel geht erst richtig los.

Unter Assad konnten sogar rund zwei Millionen Christen friedlich in Syrien leben.
(Melkitische Kirche mit Patriarch Youhanna X., Armenische Apostolische Kirche,  Syrisch-Katholische und Griechisch-Katholischen Kirche,  syrisch-orthodoxe Gemeinden, Assyrische Kirche, Chaldäische Kirche, Maroniten, verschiedene protestantische sowie römisch-katholische Gemeinden.)
Saddam wurde aber Opfer des von Washington bestimmten „Regime-Change“; mit Assad wird das Gleiche versucht.
Und dann kamen Muslimbrüder, demokratisch gewählte Schiitenregierungen und die ISIS.
Genau wie es schon vor 2003 jeder vorausgesagt hatte, der sich in der Gegend auskennt. Peter Scholl-Latour verließ seinerzeit die TV-Studios gar nicht mehr und erklärte über Wochen und Monate was passieren würde, daß die Christen dann wohl massakriert würden oder fliehen müßten.
Nun, da die Zukunft, die kommen mußte, gekommen ist, jammern die Irakkriegsbefürworter in der CDU.

Genauso weltfremd auch Drobinskis zweite Idee von der Aufnahme der Christen in Europa.
Schon jetzt sind es doch gerade die Parteien mit dem CHRISTEN-C im Parteinamen, die die Grenzen zumachen. Das Asylrecht wurde eben weiter verschärft und Europa schottet sich durch Frontex komplett ab.
Schon jetzt quellen die Auffanglager über, weil es gerade die konservativen Landespolitiker zB in Bayern sind, die Flüchtlingen in Deutschland das Leben möglichst unangenehm gestalten wollen – mögen sie nur schnell wieder freiwillig abhauen.
Von 10 Millionen Syrern auf der Flucht hat Deutschland bisher wenige Hundert aufgenommen.
Und wieso sollten eigentlich Christen bevorzugt werden?
Ist das Leben fliehende Kurden, Jesiden und Schiiten weniger wert?

Doch es gibt alle guten Gründe, den bedrohten Christen zu helfen. Nicht, weil sie dem Westen näher wären als die Muslime, sondern weil sie ein Recht auf Religionsfreiheit haben. Sie haben das Recht zu glauben, was sie wollen, ohne dafür mit dem Tod bedroht zu werden. Das Recht, anders zu glauben – oder eben gar nicht –, für dieses Menschenrecht bezahlten Platon und Jesus mit dem Leben, in der Neuzeit wurde es erkämpft gegen die Macht und Gewalt der Kirchen. Es ist das Recht, sich öffentlich vor dem wie immer vorgestellten Höchsten in den Staub werfen zu dürfen, und das Recht, diesem Höchsten Lebewohl zu sagen.
(Matthias Drobinski, SZ 30.08.14)

Diesen Absatz kann ich kaum kommentieren, da ich ihn gar nicht verstehe. Sollen etwa nur Christen Religionsfreiheit haben und deswegen Hilfe erwarten können?
Braucht man sich nicht im Kurden im Iran, Alewiten in Syrien, Schiiten in Saudi Arabien sorgen, weil sie keine Religionsfreiheit haben?
Was geht in Kurt Kister vor, wenn er solche Wochenend-Leitartikel absegnet?

In sagenhafter Naivität schert Drobinski alle Christen über einen Kamm:

Die Christen dort wollen keine Märtyrer sein, anders als viele ihrer Vorgänger im alten Rom, die sich in heiligem Eifer vor hungrige Löwen knieten. Sie wollen schlicht leben, ohne beraubt zu werden, ohne Todesangst zu haben um ihre Kinder und sich.
(Matthias Drobinski, SZ 30.08.14)

Glaubt er ernsthaft, daß Kurden und Palästinenser nicht auch „schlicht, ohne Todesangst leben“ wollen?
Ist das etwa ein Alleinstellungsmerkmal der Christen?
Ohne es zu merken, widerspricht sich Drobinski selbst, wenn er die vielen uralten christlichen Gemeinschaften erwähnt.
Dass es in Bagdad, Damaskus, Kairo und Istanbul diese uralten Gemeinden gibt, zeigt ja, daß die Kalifen und sonstigen Islamischen Herrscher – ganz im Gegensatz zu christlichen Herrschern des Mittelalters – sehr wohl Religionsfreiheit gewährten.
Am Hofe des Kalifen machten auch Juden und Christen Karriere.
Schon Mohammed selbst arrangierte sich mit Juden und Christen; er duldete sie.
Das war im Christlichen Europa ganz anders. Dort hat man Anders- oder  Ungläubige lieber hingerichtet.
Im Nahen Osten lernten Christen über 1500 Jahre sich mit den Mächtigen zu arrangieren.
Bis zuletzt waren Christen die stärksten Unterstützer Assads, Mubaraks und Saddams.
Aus ihrer Sicht zu Recht; denn diese Diktatoren schützten sie.
Erst nachdem sie weggefegt wurden, bzw seit sie um ihre Macht kämpfen müssen, geht es auch den Christen an den Kragen.

Herr Drobinski scheint auch das nicht zu wissen:
Präsident Assad ist kein netter Mann. Myriaden Tote gehen auf sein Konto. Er wird dabei unterstützt von der katholischen Kirche in Syrien.
Da Assads Regime – unter dem Jubel des Westens – nun wankt, rächen sich die Rebellen an seinen einstigen Unterstützern.
Diese Rebellen – darunter die Al Nusra-Front, Al Kaida und IS sind allerdings nicht in erster Linie auf Religionsfreiheit ausgerichtet.
Das ist lange bekannt.
Wollte man ernsthaft die Christen in Syrien schützen, sollte man nicht nur Kurden, sondern eben auch die Regierungstruppen aus Damaskus massiv aufrüsten und damit Assad helfen.
Aber entweder ist Drobinski der Zusammenhang nicht bekannt, oder er traut sich nicht derart Unbequemes auszusprechen.
Stattdessen nur sein wolkiges doch es gibt alle guten Gründe, den bedrohten Christen zu helfen.

Wie man helfen könnte; dazu schweigt er lieber.

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