Samstag, 17. Januar 2015

Nur die Guten und die Produktiven – Teil II


In deutschen Krankenhäusern tut man gut daran einige Fremdsprachen zu beherrschen.
Einerseits erscheint die Fachliteratur nach wie vor in Englisch und andererseits sind die Arbeitsbedingungen insbesondere in den privatisierten Kliniken so schlecht, daß deutsche Mediziner zu Myriaden jedes Jahr ins Ausland fliehen.
Wer junger Assistenzarzt ist, streckt ganz selbstverständlich seine Fühler in den angelsächsischen und skandinavischen Raum aus.
Ähnliche Fluchttendenzen gibt es aus den ländlichen Gebieten hin zu den großen Städten.
Schuld ist die völlig von Lobbyisten dominierte Gesundheitspolitik. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist so mächtig, daß sich auch Minister an ihm die Zähne ausbeißen. Dort sorgt man stets dafür, daß Pharmaindustrie, Krankenhauskonzerne und Medizintechnikhersteller große Gewinne machen, während das Patientenwohl hintan stehen muß. So kam es zum Prinzip der Fallpauschalen, das dafür sorgt, daß Kranke immer schneller durch das System gejagt werden und oft nur halbversorgt wieder aus dem Krankenhaus geschickt werden. So kommt es dazu, daß für Hygiene kein Geld und keine Zeit bleiben, so daß Zigtausende jedes Jahr an Krankenhausinfektionen sterben. So kommt es dazu, daß Radiologen sehr reich werden, während der Landarzt am Bettelstab geht und Hausbesuche aussterben. Die Gerätemedizin wird gepampert, die Zeit mit dem Patienten wird kaum bezahlt.
So  kommt es zum Facharzthopping mit vielen überflüssigen extrem teuren Diagnosemaßnahmen, weil den Patienten selbst niemand befragt. Der Patient tappt im Dunkeln und geht zu immer mehr Fachärzten, weil sich der einzelne doch keine Zeit nimmt.
Ein totaler Irrsinn.

In einem derart ausblutenden System, in dem moralisch verkommene CDU-Politiker wie Hamburgs Ole von Beust und Wolfgang Peiner Hamburgs Kliniken an einen Milliardär verschenken, der inzwischen so viel Geld der Beitragszahler an sich gerafft hat, daß er gar nicht mehr weiß wohin mit all den Milliarden und sich neuerdings Luxushotels kauft.
Das Geld stammt von uns allen und fehlt in Krankenhaus im Personaletat. Zu danken haben wir es der CDU, die aber beim Urnenpöbel die mit weitem Abstand beliebteste Partei ist.

Legendär ist das Desaster, das Beust mit dem Verkauf der Hamburger Krankenhäuser (LBK) an Asklepios anrichtete.

29.2.2004: Beim Volksentscheid stimmen 76,8 Prozent der Wähler gegen den LBK-Verkauf.

7.9.2004: Ole denkt sich „scheiß auf die Demokratie - Finanzsenator Peiner hat doch da diesen netten Vetter bei Asklepios“ und so beschließt der Senat den Verkauf des LBK an den privaten Betreiber Asklepios.

Neun Jahre später ist Aspklepios-Besitzer Broermann zwei Milliarden Euro reicher und seine Angestellten haben teilweise nicht mal einen Tarifvertrag. 
Heute streikten die Mitarbeiter vor dem Asklepios-Krankenhaus St. Georg.

100 Servicemitarbeiter fordern einen einheitlichen Haustarifvertrag. Doch die Unternehmensleitung lehnt weitere Verhandlungen ab […] Wenn sich Wut in Dezibel messen lassen würde, wäre die Obergrenze fast erreicht: Riesenwut. Gemeinsam mit etwa 100 anderen Servicemitarbeitern der Asklepios Kliniken steht Schoop vor dem Eingang des AK St. Georg an der Langen Reihe. Es sind Reinigungskräfte, Wachleute, Küchenhilfen, Lagerarbeiter aus allen Häusern. […]
Bereits zum dritten Mal seit Mitte Mai hat Ver.di zu einem Warnstreik aufgerufen. Die Gewerkschaft fordert einen Haustarifvertrag für die Tochterfirma Asklepios Services Hamburg (ASH). […] "Nach wie vor gibt es keine Bereitschaft, die 900 Beschäftigten angemessen zu entlohnen", kritisiert Björn Krings von Ver.di. […] Nach der Privatisierung des Hamburger Landesbetriebes Krankenhäuser 2007 waren die Servicebereiche in Tochterfirmen des Asklepios-Konzerns ausgelagert worden. Die Folge: Der Tarifvertrag der Hamburger Krankenhäuser muss nicht angewendet werden. […] Margerit Amori verdient 1100 Euro im Monat. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Servicekraft im Klinikum Nord, ist etwa für Essenverteilung zuständig. Die Schichten gehen von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends - mit zwei Stunden Pause. "Harte Arbeit, wenig Geld", sagt die 48-Jährige, während sie mit den anderen Demonstranten über den Steindamm zieht. Viele Kollegen hätten Zweitjobs oder seien auf Hartz IV angewiesen. Auch Amori denkt darüber nach.
So geht es vielen. Küchenhelfer Harald Lünstedts Bruttostundenlohn liegt bei 8,38 Euro.


In der Not frisst der Teufel Fliegen.
Wie schon in der ambulanten Pflege, baut man auch in den Krankenhäusern auf Ausländer.
Deutsche Reinigungskräfte gibt es ohnehin nicht mehr, weil sie zu mies bezahlt und behandelt werden.
Aber auch das Pflegepersonal wird inzwischen aus allen Teilen der Welt rekrutiert.

Die perverse Logik dahinter:
Bevor wir den Gewinn der Konzern-Spitzen schmälern, drängen wir lieber die deutschen Arbeitnehmer aus dem Gesundheitsbereich, weil uns das das Wohl der Kranken und Pflegebedürftigen ohnehin kaum etwas wert ist. Wir setzen eben darauf, daß es Länder gibt, in denen die Arbeitsbedingungen noch schlechter sind, so daß die zu uns kommen und hier die Arbeit tun, die unter unserer Würde ist.
Das gilt aber keineswegs nur für den Pflegebereich, sondern auch für die Ärzteschaft, die nur deswegen „funktioniert“, weil jährlich Myriaden junge Ärzte aus aller Welt gezielt hierher gelockt werden.

Prinzipiell ist natürlich nichts gegen einen hohen Ausländeranteil unter Krankenhausärzten einzuwenden. Im Gegenteil, nach meiner Erfahrung profitieren die Patienten sogar massiv, weil Menschen, die bereit sind ihre Heimat zu verlassen und in einer neuen Sprache unter ganz andere Bedingungen neu anfangen motivierter und enthusiastischer sind.
Außerdem bringen Ärzte, die in verschiedenen Ecken der Welt ausgebildet wurden, neue Perspektiven und zusätzliche Behandlungsmethoden ein.
So staunen viele deutsche Ärzte in großen Kliniken über das chirurgische Geschick ihrer osteuropäischen Kollegen, weil man sich hier viel stärker auf Geräte und Medizinroboter verlässt.
Es ist kein Nachteil Innere Medizin in einem Land zu studieren, in dem nicht so viele Hightech-Pharmaka zur Verfügung stehen.

Also alles gut?

Nein, keineswegs.
Denn bei dieser Betrachtung wird völlig ausgeklammert, daß die vielen polnischen, rumänischen oder griechischen Ärzte in Deutschland in ihrer Heimat fehlen!

Das deutsche Gesundheitssystem hat ein parasitäres Verhältnis zu Osteuropa.
Viel viel ärmere Länder investieren Milliarden in die Facharztausbildung ihrer Studenten und anschließend werden sind in speziellen Jobbörsen vor Ort abgeworben und fliegen direkt nach Berlin oder München.
Extrem übel ist die Lage in Rumänien, also dem Land gegen das CSU-Politiker ihre widerliche Hetzkampagne „wer betrügt, der fliegt“-Kampagne richteten.
Nach Angaben des rumänischen Ärzteverband-Präsidenten Vasile Astărăstoae haben in den letzten 20 Jahren 21.000 rumänische Ärzte das Land verlassen. Für ihre Ausbildung gab Bukarest umgerechnet fast vier Milliarden Euro aus.
In deutschen Krankenhäusern arbeiten zurzeit knapp 4.000 rumänische Ärzte, noch etwas mehr sind es in Frankreich und England.
In Rumänien selbst ist die Ärzteschaft auf einen Minimalstand von gerade mal 14.000 abgesunken.
Dadurch verschärft sich die Lage in Rumänischen Klinken so massiv, daß eine unaufhaltsame Abwärtsspirale in Gang gesetzt wurde. Die noch verbliebenen Mediziner stehen unter so gewaltigen Druck, daß sie nun erst recht ausreisen möchten.

Kapitalismus pervers.
Man nutzt die Armen aus, weil man in den reichsten Ländern nicht bereit ist die Milliardäre finanziell in die Pflicht zu nehmen.
Großkonzerne zahlen keine Umsatzsteuern, zig Milliarden schwere Erben wie die Albrechts zahlen keine Erbschaftssteuer und auch bei den Menschen sucht sich Deutschland nur die aus, die finanziell interessant sind.

Die Bilder gleichen sich in Osteuropa.
Auch das kleine Tschechien verliert jedes Jahr hunderte ausgebildete Ärzte gen Nordwesteuropa.
Deutschland nutzt das schamlos aus und war im November 2013 prominent bei einer internationalen Jobmesse für Mediziner in Prag vertreten. Dutzende deutsche Kliniken warben tschechische Mediziner für rund 500 freie Ärztestellen in ganz Deutschland an.

In anderen Ländern ist die Lage nicht viel anders als in Tschechien. Aus Polen sind nach einem Bericht der Zeitschrift W Sieci seit dem Ende des Kommunismus 1989 schon schätzungsweise 17 000 bis 22 000 Ärzte emigriert, vor allem nach Deutschland, Großbritannien, Irland oder Norwegen. Dort lägen die Gehälter um ein Fünf- oder Sechsfaches über dem polnischen Niveau, schrieb das Blatt. Diejenigen, die bleiben, führen zähe Kämpfe, bis heute. In den vergangenen Tagen kam es wieder zu Streiks und zur Schließung zahlreicher Polikliniken, weil ein Teil der niedergelassenen Ärzte das Angebot des Warschauer Gesundheitsministeriums für die Vergütung im Jahr 2015 nicht akzeptiert.
Auch Ungarn und die Slowakei haben medizinisches Personal in hellen Scharen verloren, ebenso Bulgarien. Besonders stark betroffen ist Rumänien, wo nach Angaben des dortigen Ärzteverbandes seit 1990 rund 21 000 Ärzte die Flucht ergriffen, davon zwei Drittel, 14 000, seit dem EU-Beitritt 2007. […]



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