Montag, 4. Mai 2015

Feindbilder – Teil I

In europäischen linken Kreisen ist Barack Obama natürlich schon deswegen verhasst, weil er nun einmal US-Präsident ist.
Als solcher ist er Oberbefehlshaber der stärksten Armee der Welt und dominiert (noch) die Wirtschaftsordnung des Planeten.
Tatsächlich könnte man abendfüllend über die Untaten und Amoral und Heuchelei Amerikas sprechen.
Es stimmt aber auch, daß man bei den meisten anderen Nationen ähnliche Bauschmerzen bekäme, wenn sie über diese weltdominierende Militär- und Wirtschaftsmacht verfügten.
Es stimmt aber auch, daß man es sich einigermaßen bequem macht, wenn man moralisch überheblich auf Militär verzichtet und von Pazifismus redet, während der IS Tausende abschlachtet, Frauen versklavt, Kinder massakriert.
Dann auf einmal hätte man es doch ganz gerne, wenn der große Bruder USA mal draufschlägt.
Es stimmt aber auch, daß man gerade im Nahen Osten kaum einen Konflikt findet, der nicht durch amerikanische Eingriffe und Einflüsse in der Vergangenheit erst richtig geschürt worden wäre.
Es stimmt aber auch, daß in gemütlich geheizten deutschen Wohnungen mit vollem Magen entspannter über Krisenursachen philosophiert, als im kurdischen Kobane während IS-Truppen einfallen und wie im Rausch alles köpfen.

Amerikas Rolle in der Welt ist eine schwierige.
Als Amerikaner fühle ich mich besonders frei in sozialen Netzwerken und Blogs Washingtons Politik mit äußerster Schärfe zu kritisieren.
Es gibt dazu jeden Grund.

Aber man hüte sich vor Pauschalurteilen. Die Doofheit der Amerikaner läßt sich zwar oft kaum aushalten, aber das Land ist verdammt groß und verdammt heterogen. So wie es nach europäischen Maßstäben unterirdisch verblödete Politiker im Kongress gibt (McConnell, Cruz, Rubio, Paul, …), leben andererseits auch Kiffer, Linke, Intellektuelle und wahnsinnig nette Menschen in Amerika.

Nach meiner bescheidenen Erfahrung gibt es die schärfsten Kritiker der amerikanischen Politik in Amerika selbst.
Und immerhin, das muß man schon einräumen, ist dort gesellschaftlich meistens einiges in Bewegung.
Die Bewegungen verlaufen keineswegs parallel zu Europa. Daher hat man den Eindruck, Amerika befände ich partiell noch in der moralischen Steinzeit. Das beweisen rassistische Cops, Waffenwahn und Todesstrafe.
Gleichzeitig geht es aber bei Teilaspekten rapide voran; da ist Amerika inzwischen meilenweit vor Europa.
Rechtsradikale Fundi-Christen kämpfen deswegen so verbissen gegen die Homoehe, weil sich die öffentliche Meinung dazu in der vergangenen Dekade RASANT verändert hat.
Als RotGrün 1999 das Gesetz zur eingetragenen Lebenspartnerschaft Schwuler und Lesben plante, war das revolutionär für amerikanische Verhältnisse.
Nun wird es aber bald so sein, daß Amerika weit vorbei gezogen ist, daß Homosexuelle rechtlich völlig gleichgestellt sind. Leihmutterschaften und Adoptionen sind ohnehin schon deutlich liberaler als beispielsweise in Deutschland geregelt.
Ähnliches gilt auch für die Einstellung zum Cannabis.
Ich staune auch gelegentlich, wenn ich mit Verwandten in den USA telefoniere, wie knallhart teilweise Umweltschutzrichtlinien durchgezogen werden.
Wie pragmatisch einige Dinge geregelt werden, die Upcycling oder Recycling betreffen.
In NY muß man nicht wie der letzte Depp Hamburgs mit einem Schreibtisch oder einer Waschmaschine oder gar alten Schuhen zu einem der wenigen Recyclinghöfe tuckern, wo man dann erst zwei Stunden Schlange steht, dann viel Geld bezahlen muß und schließlich auch noch extrem unfreundlich behandelt wird.
Nein, in NY ruft man eine Servicenummer, dann kommen am nächsten Tag freundliche Menschen ins Haus, holen nicht nur kostenlos alles ab, sondern geben einem dafür sogar noch eine Tax-Quittung, so daß man den Gegenwert der alten Sachen bei der nächsten Steuererklärung abziehen darf.

Ja, schon, Amerika ist scheiße.
Aber Amerika ist auch gelegentlich ziemlich toll.



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 To be continued.

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