Donnerstag, 10. Dezember 2015

Aufmerksamkeitsdefizit-Kompensationspolitik

Richtig wichtige Politik ist oftmals unsexy.
Dazu gilt es nämlich Interessen und Einflüsse zu analysieren. Das kann sehr kompliziert und unübersichtlich werden.
2015 ist das wärmste Jahr seit Beginn der Klimaaufzeichnungen, eine Gigastadt wie Peking liegt unter einer derartigen Smog-Glocke, daß man die Hand nicht mehr vor Augen sehen kann und dazu treffen sich die Regierungschefs der Welt zur Klimakonferenz in Paris.
Einige der Hauptklimaschädlinge werden aber stillschweigend gar nicht erst angesprochen: Schiffsverkehr, Flugzeuge, das viel zu billige Öl. Die dahinterstehenden Lobbyinteressen sind einfach zu groß. Und außerdem würde sich in der demokratischen Welt niemand trauen Schritte zu unternehmen, die den Wählern Flugreisen vermiesen würden.
Die Gesundheitspolitik gilt als Königin der Lobby-Seilschaften. Deutlich über 300 Milliarden Euro fließend allein in Deutschland jedes Jahr in den Gesundheitssektor. So generiert man Milliardäre und unfassbare Ungerechtigkeiten.
 Hohe Zeit sich intensiv öffentlich mit dem Thema zu beschäftigen, es zum Gegenstand von Wahlentscheidungen zu machen.
Das geschieht aber nicht, weil das Thema nicht nur unsexy, sondern auch so verschachtelt und kompliziert ist, daß politische Parteien den phlegmatischen Urnenpöbel damit gar nicht erst behelligen.
Für die öffentliche politische Diskussion setzten Parteigrößen lieber auf knackige Thesen, die jeder sofort versteht, bei denen man möglichst viel Aufmerksamkeit und Zustimmung erhält und sich möglichst auch noch von anderen Parteien klar abgrenzt.
Das Paradebeispiel dafür ist das von der CSU und insbesondere der CDU-Vizin Julia Klöckner immer wieder vehement geforderte „Burkaverbot“ in Deutschland.
So macht sich Klöckner beliebt und scharrt in Mainz schon mit den Füßen, um am 13.03.2016 Malu Dreyer aus dem Amt zu fegen.
Dabei ist das eine reine Aufmerksamkeitsdefizit-Kompensationspolitik, denn das Thema ist irrelevant. In ganz Deutschland gibt es vermutlich nicht mehr als ein Dutzend Burkaträgerinnen.
Klöckner ist eine Blenderin, die sich mit Petitessen profiliert. Aber es klappt sehr gut. Die CDU liegt in RP bei Umfragen weit vor der regierenden SPD und zudem bekommt Klöckner eine Talkshoweinladung nach der nächsten.

Unangenehmerweise springen Medien auch über jedes populistische Stöckchen und besetzen Aufregerthemen. In TV-Talkshows ist allemal das Spektakel angesagt.
Staat auch wichtige Themen zu setzen, wird inszeniert und für Inszenierungen braucht man Schreihälse.
Das läßt sich klar an den Gästelisten der JauchIllnerPlasbergWillMaischberger-Runden ausmachen.
Wenn es um Religion geht, holt man keinen ausgewiesenen Fachmann, sondern einen Schreihals wie Andreas Englisch oder Matthias Matussek.
So kommt auch immer wieder Prof Arnulf Baring vor die Kameras. Der 83-Jährige ist dafür bekannt, daß ihm öfter mal die Hutschnur platzt und daß er dann anfängt rumzugrölen.
Menschen wie Helmut Schmidt, die klar und langsam sprechen, aber dennoch Wichtiges und Relevantes sagen, ohne dabei den tumben Zuschauer zu langweilen, gibt es leider kaum noch.
Was es dafür zur Genüge gibt, sind extrem Unsympathen, die lügen und hetzen.
Das führt zwar zu keinerlei Erkenntnisgewinn und läßt die rechtsextreme Wählerschaft quantitativ anschwellen, aber dafür bringen sie auch Quote.
Für diesen Typ braunen Provokateur, der durch seine amoralischen Provokationen Leben in die todgerittenen Talkformate bringen soll, stehen Namen wie Akif Pirinçci, Erika Steinbach, Roger Köppel, Björn Höcke, Til Schweiger, Alexander Gauland oder Markus Söder. Sie haben die Funktion einer rechten, unsympathischen Nina Hagen in der öden Runde: Inhaltlich bedeutungslos, aber schräg und quotenträchtig.

Eine vierte Gewalt in diesem Staat, die ihrem Auftrag wirklich gerecht würde, sollte sich mit dem Kroppzeug nicht abgeben und die Sendezeit wichtigen Themen vorbehalten.

Lutz Bachmann, Tatjana Festerling und Björn Höcke sollten überhaupt nur kurz und sachlich in den Nachrichten abgehandelt werden, statt ihnen in epischer Breite Reportagen zu widmen. Sie sollten nicht eingeladen werden, um ihnen kein Forum zur Selbstdarstellung zu bieten.
Was wären Pegida und AfD heute, wenn nicht sämtliche Sendeanstalten und Zeitungen seit über einem Jahr akribisch über jeden einzelnen Verbalfurz des braunen Balletts schrieben?
Vermutlich wären sie nie über die 5%-Hürde gekommen.

Inzwischen beklagen auch in Amerika immer mehr Menschen, daß jeder Ausfall des irren Trumps sofort abendfüllend in allen Newssendern breit getreten wird. Nur so konnte er zum Führenden der GOPer Bewerber werden. Bereitwillig machen sämtliche Sender rund um die Uhr Werbung für ihn.

Calling all Media Outlets: Stop Covering Donald Trump and His Hate Speech
In the words of Arianna Huffington: "Donald J. Trump's campaign has become an ugly and dangerous force in American politics. So we will no longer be covering his campaign in HuffPost Entertainment."
Donald Trump is a security risk: to our president, to our politics, to the people. His hate speech is dangerous - he's fomenting fear and Islamophobia; and the media coverage is spreading that fear and rage like wildfire.

Sign the petition and stop the Trump media worship!
I have started this petition in response to the media that has glorified Donald Trump for too long. Bernie Sanders and Hiliary Clinton are invisible compared to the media circus that follows Donald Trump. The media has a responsibility to us the people, whom pay to have ALL news delivered to us. I am calling for all media outlets to give equal coverage to all candidates and to please STOP the Trump worship. It is destructive and distracting. We the people deserve to be informed about all the candidates.

Solche Petitionen haben bisher Zustimmung im homöopathischen Bereich, aber die Diskussion nimmt an Fahrt auf.

Senior managers from the five leading television networks – ABC News, CBS News, CNN, Fox, and NBC News – are reportedly banding together to push back against Donald Trump.

Es wird auch Zeit sich gegen das schrille rechte Pack zu wehren.
Es wird Zeit es der Medienaufmerksamkeit zu berauben.

Der Knalleffekt ersetzt die Erkenntnis
[….] Internet-Kommentare sind zum Symbol geworden für ungefähr alles, was an der Welt falsch ist, der Blitzhass, die Knalldummheit, die offen rausgerotzte Gewaltbereitschaft. Anfang November hatte ich versucht, den Rechtspopulismus anhand der Internetfigur des Trolls zu erklären. Es gibt dabei erstaunliche Parallelen, vor allem, sich ständig provoziert zu fühlen: Rechtspopulismus entlarvt sich im Netz als simplizistischer Opferkult nach Troll-Art zur Aufstachelung und Ablehnung eigener Verantwortung. Die faschistoide Trump-Eskalation in den USA offenbart nun eine weitere Parallele zwischen den Radikalen und den empörten Netzkommentatoren.
[….] Ende des Jahres 2015 gibt es die gleißenden, funkelnden und klugen Netzdiskussionen, es gibt die produktiven Netzdebatten, die sich die Netzavantgarde seit Beginn des Internets erhofft hatte. Aber sie entfalten - noch - eine wesentlich geringere Wirkmacht als die Internetkommentare nach Art der Trolle. [….] Bis dahin bestimmen die beschriebenen Prinzipien des dumpfen und dampfigen Internetkommentars immer stärker das politische Geschehen. In den USA mit den Republikanern und deren braunem Schaumkrönchen Trump, in Frankreich mit dem Front National, mit den rechtsdrehenden Regierungen in Polen und Ungarn und in Deutschland mit der Pegida-Partei AfD.
[….] Mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry saß ich im April, nach dem Anschlag von Tröglitz, in der Talkshow "Maybrit Illner". Sie hat dort wie in vielen anderen Talkshows vorgeführt, wie sich der Mechanismus und die Kraft des Internetkommentars in andere Medien übertragen lässt. Ein ständiges spöttisches Lächeln, den Kopf schütteln, die Augen kurz verdrehen - ohne jedes Argument inszenieren, dass das Gegenüber Unrecht hat. [….]