Sonntag, 7. Februar 2016

US-Journalismus.

Leider erlauben meine technischen Möglichkeiten mir immer noch nur CNN im TV zu sehen. Zu gerne würde ich auch andere amerikanische Newssender gucken, aber über das Internet klappt das nicht.
Die guten Jungs und Mädels wie Rachel Maddow und Bill Maher bekomme ich paradoxerweise immer erst verspätet und eingeschränkt in Form von Videoschnipseln auf Facebook und Youtube mit, so daß die Information via Internet immer veraltet sind.

Über mein SZ-Abo bekomme ich einmal wöchentlich den politischen Teil der New York Times, aber für ganz aktuelle Informationen finde ich die Online-Auftritte der renommierten US-Tageszeitungen erstaunlich benutzerunfreundlich.

Von den deutschen TV-Nachrichtenredaktionen ist man gewöhnt wie zum Beispiel bei www.tagesschau.de sehr aktuell über weltweite News informiert zu werden.
www.cnn.com kann da nicht mithalten. CNN ist eben mehr eine Infotainment-Angelegenheit mit kurzen Videoschnipseln, endlosen Trailer-Blocks und Anchors, die selbst die Stars sind und nicht wie in ARD und ZDF erwünscht, eher hinter den Nachrichten selbst zurückstehen.

Dabei gibt es durchaus CNN-Anchors, die mir zumindest nicht unangenehm sind.
Anderson Cooper, Don Lemon oder Chief International Correspondent Christiane Amanpour sind keine Deppen; die verstehen schon ihr Handwerk.
Cooper und Lemon betreiben aber auch ein sehr amerikanisches Spiel. Jede TV-Debatte wird schon Tage vorher mit einer großen Countdown-Einblendung dramatisch angekündigt – noch 47 Stunden, 26 Minuten und 14 Sekunden bis zur Demokraten-Debatte.
Die anschließende Analyse erfolgt fast ausschließlich auf taktischer Ebene. Wer konnte wen überzeugen, wer seine Anhänger mobilisieren, wer sah schlecht aus?
Dazu gibt es eine Flut von Polls und Schalten zu Referenz-Zuschauern, die verkabelt in einem Raum hocken und im Sekundentakt physisch auf die Aussagen in den Debatten reagieren. Once again, we've gathered a virtual group of undecided…
Königsdisziplin ist aber die große Expertenrunde, in der gerne mal bis zu acht Leute zusammengeschaltet werden.
Diese sogenannten „experts“ sind aber bei näherem Hinsehen bloß Fans der jeweiligen Protagonisten und Parteien. Ein paar Demokraten-Vertreter hocken bei ein paar GOPer Fans und dann wird von dem eigenen Kandidaten geschwärmt.
Immer ausgewogen, einer rechts, einer links.
Geht es um eine GOPer Debatte, sind die Experten-Runden anschließend auch nur mit GOPern besetzt – ein Trump-Supporter, ein Cruz-Adviser, etc pp.
So läuft es auch bei anderen Themen. Kommt es mal wieder zu einer Schießerei in der Schule, werden anschließend ein NRA-Vertreter und ein Gun-Gegner interviewt.
Es wird gesendet was spektakulär ist.
The GOP establishment's bloodbath in New Hampshire – heißt beispielsweise eine aktuelle CNN-Story.

Trump erschien nicht zur letzten GOPer Debatte, weil er die FOX-Moderatorin Kelly nicht leiden kann. Das wurde stundenlang auf CNN mit Trump-Fans und Trump-Gegnern diskutiert. Gewonnen hatten erstere, weil ihr Mann eindeutig die Medien beherrschte, während Jeb Bush oder Carly Fiorina keine Chance hatten auch nur erwähnt zu werden. Gewonnen hatte auch FOX, die ihr Glück gar nicht fassen konnten, so viel kostenlose Werbung zu bekommen.
Es ist also innenpolitisch ordentlich was los aus Sicht der amerikanischen Newssender.

Man bewegt sich aber nur innerhalb des gewohnten Koordinatensystems.
Wer ist wie weit rechts oder links?
Wer wird von wem unterstützt?
Wer hat wie viel Geld für die Kampagne?
Wer kann bei den Umfragen überzeugen?

Es steckt an so zu denken.

Ich werde selbstverständlich die Demokraten wählen (weil es de facto nur zwei Parteien gibt und ich nicht die GOP wählen kann). Also wird mein Kreuz Mrs Clinton oder Mr. Sanders bekommen. In den Vorwahlen gibt es für mich nur das Kriterium wer den GOPer Kandidaten schlagen kann. Ich will unbedingt einen Präsidenten Cruz oder Trump oder Rubio verhindern, weil ich es für brandgefährlich halte solche Typen ins Oval Office zu lassen. Das sind irre Kriegstreiber, für die auch Foltermethoden ganz natürliche Mittel der Politik sind.
Bisher glaube ich, daß Hillary Clinton bessere Chancen hat zu gewinnen, weil sie knallhart ist, über gewaltige Ressourcen verfügt und offensichtlich über die Fähigkeiten verfügt ein hohes politisches Amt zu übernehmen.
Außerdem hat sie ja Bill dabei und der ist meiner Ansicht nach einer der intelligentesten Männer, den die USA in den letzten 50 Jahren hervorgebracht haben.
Ich habe einfach Angst, daß Senator Sanders zu sehr polearisieren könnte, daß am Ende die Republikaner gewinnen. Also lieber Clinton.

Es ist einer der ältesten Tricks aus dem Koffer der konservativen Kommentatoren, das Links-Rechts-Spiel, und es ist deshalb so frustrierend, weil es so offensichtlich manipulativ ist und ausschließlich dazu dient, linke Positionen zu entkräften.
Man kann das jetzt gerade wieder beobachten. Ist etwa Bernie Sanders ein "Populist"? Warum genau? Weil er die Reichen stärker besteuern will?
Aber wenn sogar die Superkapitalisten von Goldman Sachs daran zweifeln, dass der Kapitalismus in der gegenwärtigen Form besonders gut funktioniert, weil er in den westlichen Industriestaaten vor allem wachsende Ungleichheit produziert - sind dann auch die Finanzmillionäre Populisten?
Bernie Sanders sei gegen "das Establishment", wird in den Leitartikeln und Kommentaren wie unter Hypnose wiederholt: Aber seit wann wäre das ein politisches Argument?
Und vor allem: Seit wann wäre es die Aufgabe der Presse, "das Establishment" zu stützen?

Es gibt aber auch eine Menge Dinge, die in der amerikanischen Politik, bzw der Berichterstattung über Politik gar keine Rolle spielen.
Nahezu irrelevant ist beispielsweise der Sinn der sogenannten Inhalte.
Es wird abgefragt wer am stärksten gegen Abtreibung ist, wer wie radikal gegen die Homoehe spricht, wer wie rabiat Obamacare schleifen würde.
Man überbietet sich mit Bekenntnissen für oder gegen Waffen, für oder gegen den Einsatz von Bodentruppen in Syrien.


So hat Marco Rubio beim Versuch die beiden Rechtsaußen Trump und Cruz nicht davonziehen zu lassen seine Ablehnung der Schwangerschaftsunterbrechung bis zum äußersten Rand radikalisiert.

Auch bei Inzest und Vergewaltigung müßten Abtreibungen streng verboten sein.
Damit macht Rubio noch einige Schritte auf der Rechts-Links-Achse des Koordinatensystems und versucht weitere Wähler zu erschließen, die bisher bei Cruz hafteten.

Tatsächlich zeigt sich in all diesen Links-Rechts-Texten der vergangenen Wochen eine entpolitisierte Sicht auf Politik, die gewollt ist und eingeübt: Statt um Argumente geht es um Geometrie, statt um Inhalte geht es um Mehrheiten, statt um Visionen geht es um Verteidigung dessen, was man hat.
Es gibt sie aber immer noch, die Unterschiede zwischen rechten und linken Argumenten.
Und so ist Trump eben das Gesicht eines radikalen, dummen und egoistischen Kapitalismus und Sanders das Gesicht eines durchaus bescheidenen und wenig revolutionären Versuchs, diesen Kapitalismus wieder gerechter zu machen.
Wie, um Himmels Willen, kann man die zwei auf eine Art und Weise vergleichen? Wo am Ende sogar rauskommt, dass sie beide vor allem eines seien: Populisten?
Das ist das Gegenteil von gutem Journalismus, das ist Nebelwerferei.

Es spielt aber keine Rolle, ob schärfere Gesetze tatsächlich zu weniger Abtreibungen führen – Europa zeigt eher einen umgekehrten Zusammenhang.
Es spielt auch keine Rolle, ob es überhaupt wünschenswert ist eine vergewaltigte Frau gegen ihren Willen dazu zu zwingen das Kind ihres Vergewaltigers auszutragen.
Es spielt auch keine Rolle, ob Obamacare sinnvoll ist, ob es vielleicht einen positiven Effekt haben könnte die Waffengesetze zu verschärfen und was damit gewonnen wäre tausende verheiratete gleichgeschlechtliche Paare zwangszuscheiden.

Die amerikanische Debattenkultur ist im Wahlkampf nicht lösungsorientiert, sondern beschränkt sich darauf sich möglichst extrem zu positionieren.
Wer bepöbelt den Iran, Putin und Nordkorea am lautesten, wem gelingt die affirmativste Schleimerei gegenüber Israel.

(Und unglücklicherweise ist in Amerika immer Wahlkampf, da alle zwei Jahre nationale Wahlen stattfinden, bei denen jedes Mandat so viel (Wahlkampf)-Geld kostet, daß alle Bewerber kontinuierlich Geld einsammeln müssen, wenn sie nicht wie Trump oder Bloomberg oder Perot über genügend eigene Milliarden verfügen.)

Die Medien bewerten wie klar sich ein Kandidat positioniert, recherchieren ob sich die Positionen verändert haben  - Gott bewahre die Staaten vor einem Flippflopper, denn seine Meinung zu ändern ist der größte denkbare Frevel im Rechtslinks-Koordinatenschema.
Und wenn Inhalte nun mal irrelevant sind, wird so etwas relevant:


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