Samstag, 16. April 2016

Unbelehrbare Welt.

So genau weiß man es gar nicht wie viele Menschen jeden Tag verhungern, obwohl die Erde locker die dreifache Anzahl Individuen ernähren könnte.

(….) So nehmen wir auch die Millionen Menschen hin, die jedes Jahr elend an Hunger verrecken.
Es sind 10.000 -20.000 Kinder, die jeden Tag auf der Welt verhungern. Früher waren es mal 30.000 JEDEN TAG. Wer weiß das schon so genau? Wer zählt nach? Was zählt ein Kind überhaupt? Insbesondere wenn es ein Afrikanisches oder Nordkoreanisches ist? Das sind dann keine Gründe für „den Westen“ seine Agrarpolitik dahingehend zu ändern, daß der Hunger beendet werden könnte. (…..)

Verreckte Kinder interessieren uns rein gar nicht, wenn sie sich hinter anonymen Zahlen verstecken und unseren Lebensstandard nicht mit ihrem Elend bedrohen.

[…]  Viele Menschen haben gar keine klaren politischen Vorstellungen. Aber sie sagen: Etwas stimmt nicht auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind verhungert. In einer Welt, in der ein Prozent der Weltbevölkerung so viele Vermögenswerte besitzt wie die restlichen 99 Prozent. Da ist eine Unruhe. Schließlich hat jeder ein Gewissen.
[…]  Natürlich, die Konsequenzen der neoliberalen Wahnidee sind mörderisch. Menschen sterben. Nicht virtuell, sondern tatsächlich. 57 000 pro Tag. Punkt. […] Armageddon, die letzte Schlacht, die steht bevor. Wenn das transatlantische Handelsabkommen TTIP durchkommt, dann ist es vorbei mit der Demokratie. […] Dass Kinder verhungern, das war in den vergangenen Jahrzehnten immer weit weg. Jenseits der Meere. Jetzt sagt Unicef, dass 11,8 Prozent der Kinder unter zehn Jahren in Spanien permanent unterernährt sind. In Spanien! Das ist der Dschungel, und der […] Ach, die G7. Was die tun, ist uninteressant. Von dem, was in Heiligendamm im Jahr 2007 beschlossen wurde, wurde nichts umgesetzt. Die G7, das sind nur die Befehlsempfänger und ihre Befehle bekommen sie von den Konzernen.   […]
 (Jean Ziegler in der SZ am 04.06.15)

Verreckende Kinder sind allerdings dann ein Problem, wenn ihre Eltern mobil genug sind, um sich bis nach Europa durchzuschlagen.
Wir, die EU, wollen das Elend nämlich auf keinen Fall sehen.
Wenn Arme, Verzweifelte, Hungernde, durch deutsche Waffen Ausgebombte es bis in die EU schaffen, verfallen 500 Millionen Europäer in Kollektiv-Hysterie, wählen rechtsradikal, bewaffnen sich, befestigen Grenzen und bringen ihre Regierungen dazu mit schäbigen Deals die Armen wieder außer Sichtweite zu schieben.
Wenn die Myriaden Frauen und Kinder schön weit weg krepieren – im Mittelmeer, in der Türkei oder den Syrischen Anrainer-Staaten, gratulieren wir uns zu dieser erfolgreichen Politik, der Innenminister befindet wir wären „auf gutem Wege“ und die Beliebtheit der Kanzlerin steigt wieder in gewohnte Höhen.

Wäre Merkel zu strategischem Denken fähig, hätte Deutschland nicht in der letzten Dekade die außenpolitischen Beziehungen so eingefroren, daß gemeinsames Handeln kaum noch möglich ist, könnte man natürlich angesichts sich anbahnender menschlicher Superkatastrophen vorausschauend handeln, Verhungernde und Kriegsflüchtlinge rechtszeitig versorgen, bevor sie notgedrungen gen EU pilgern und im Mittelmeer ertrinken.
Schließlich fallen die Krisen nicht vom Himmel sondern bahnen sich lange an.
Aber Merkels Strategie des prinzipiellen Phlegmas, die scheinbar vom Wähler so geliebt wird, hilft da leider gar nicht.

[….] "Die meisten Ereignisse sind Vorwegnahmen anderer Ereignisse, oder Teile dieser Ereignisse." Ein Beispiel für diese Sorte Ereignis, das andere Ereignisse vorwegnimmt, ist die Entscheidung des "World Food Programme" (WFP) der Vereinten Nationen im Jahr 2015, die monatlichen Zuschüsse zu den Lebensmittelkarten für syrische Flüchtlinge zu kürzen. Konnte eine Flüchtlingsfamilie im Sommer 2014 noch Nahrungsmittel und Hygieneartikel im Wert von rund 25 Dollar pro Mitglied mit ihrer Karte beziehen, war es ein Jahr später nur noch die Hälfte. Dieses Ereignis war wiederum nur die Folge eines anderen Ereignisses, nämlich der mangelnden Spendenbereitschaft internationaler Geber, die trotz eindringlicher Bitten des WFP das nötige Geld nicht aufbrachten und so das Budget immer weiter sinken ließen - bis eben die Unterstützung für syrische Flüchtlinge gekürzt werden musste. Erst um ein Drittel, dann noch einmal bis auf erbärmliche zwölf Dollar im Monat.
Die Ereignisse danach sind bekannt: Statt zu verhungern, wagten syrische Familien zu Hunderttausenden den Aufbruch nach Europa. Anschließend waren sich alle einig, dass es günstiger gewesen wäre, dieser verzweifelten Fluchtbewegung zuvorzukommen. Alle waren sich auch einig, dass dieses Ereignis hätte antizipiert und vermieden werden können, wenn die Hinweise des WFP auf die drohende Katastrophe ernst genommen worden wäre. Bundeskanzlerin Angela Merkel gestand bemerkenswert zerknirscht ein: "Hier haben wir alle miteinander - und ich schließe mich da mit ein - nicht gesehen, dass die internationalen Programme nicht ausreichend finanziert waren." [….]

Brüssel und Berlin werden aber nicht nur von Paralyse und Apathie geplagt, sondern sind zudem auch noch lernunfähig.

Dabei müßte Merkel nicht etwa erst Sherpas aus ihrem eigenen Kanzleramt losschicken, um zu erfahren, wo in der Welt das nächste Ungemach droht.
Peter Altmaier kann in Berlin bleiben; längst haben sich Agenturen darauf spezialisiert die Nahrungsmittelversorgung in allen Teile der Welt zu beobachten und zu analysieren.

Ein Blick auf Wikipdia genügt.

FEWS NET, the Famine Early Warning Systems Network, is a leading provider of information and analysis on food insecurity. Created in 1985 by the US Agency for International Development (USAID), and the US Department of State, after devastating famines in East and West Africa, FEWS NET today is a valuable resource to a vast community of governments, international relief agencies, NGOs, journalists, and researchers planning for, responding to, and reporting on humanitarian crises. [….]

Vor 30 Jahren, wir erinnern uns an die Live-Aid-Konzerte, die Bilder von den Marasmus-Kindern, verhungerten allein in Ostafrika über eine halbe Million Kinder.

In Eritrea, dem Sudan, dem Südsudan, dem Jemen und Äthiopien herrschen inzwischen noch schlimmere Verhältnisse.

[…..] Äthiopische Farmer, die diese [1985 – T.] Katastrophe überlebt haben, bezeichnen die derzeitige Dürre schon jetzt als weitaus schlimmer als alle vergangenen. Nach einer Reise in die östliche Region Äthiopiens Anfang April erklärte eine Sprecherin von "Catholic Relief Services": "Die Landschaft sieht apokalyptisch aus - alles Staub und Steine. Überall liegen tote Rinder zwischen Kakteen. Es gibt mehr tote Tiere, als die Hyänen verzehren können." Und das ist nur Äthiopien. […]

Wir tun aber wieder einmal nichts, stellen nicht genügend Mittel für die Lebensmittelversorgung zur Verfügung und wundern uns was all diese Eritreer plötzlich nach Europa treibt.

Das "World Food Program" (WFP) ist katastrophal unterfinanziert, es ist den westlichen Ländern offensichtlich nicht wichtig genug.

An assessment of historical rainfall data indicates that central/eastern Ethiopia has experienced the worst drought in more than 50 years. As a result, a major food security Emergency is expected to persist through much of 2016. This report presents a series of maps which illustrate the extent and the severity of the drought as well as its impacts on water availability, crop and rangeland conditions, and food security.

    Moving into the typical lean season period, broad areas of northern Greater Upper Nile will be in Emergency (IPC Phase 4), with households facing an increased risk for high levels of malnutrition and excess mortality. Some households in central Unity State are expected to be facing an extreme lack of food and are in Catastrophe (IPC Phase 5).

    The shortage of foreign currency and consistent depreciation of the South Sudanese Pound continue to make importing food commodities difficult. In the face of restricted supply of foreign exchange and depreciation of the South Sudanese Pound, local food prices continue to increase, constraining household market access. The price of 3.5 kg of sorghum in Rumbek was 70-80 SSP in March, 300 percent higher than the pre-crisis price.

    Concern for urban food insecurity remains high where many households are completely dependent on markets to access food and are unable to supplement their consumption through farming or livestock rearing. However, income-earning opportunities remain significantly below average. Additionally, the South Sudanese Pound further depreciated from 21.6 SSP/USD in mid-March to 32.2 SSP/USD on April 1st, further reducing the purchasing capacity of urban households.

    On March 29th, the Sudanese Government again closed its border with South Sudan, after opening the border in January for the first time since 2011. The open border had prompted a large number of people from Northern Bahr el Ghazal to migrate to Sudan in search of income-earning opportunities and greater food access. Increased migration from Eastern Equatoria to Uganda and Kenya was also reported in March.

Fluchtursachen bekämpfen?
Das tut ohnehin niemand.

Aber wir, Deutschland, die EU, sind noch nicht einmal bereit bei den akuten Symptomen, den mörderischen Hungerkatastrophen helfend einzugreifen.

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