Montag, 13. Juni 2016

America, not doomed?

Es ist nicht wirklich zweckmäßig und verschwendet viel Zeit, aber nach so einem Hass-Anschlag wie dem gestrigen in Orlando, fällt es mir schwer nicht manisch und stundenlang weitere Berichte darüber zu konsumieren.
Dabei handelte es sich um ein enorm schnell aufgeklärtes Verbrechen.
Der Täter war getötet und identifiziert, der Tathergang offensichtlich und die Motive ob seines vorherigen demonstrativen Bekenntnis zum IS auch geklärt.

Vielleicht liegt es daran, daß man als einigermaßen moralisch normal tickender Mensch die Brutalität Omar Mateens nicht nachvollziehen kann, daß man sich nicht von „dem Fall“ löst.

Zu allem Übel wird einem im Anschluß das dunkelste Amerika präsentiert, so daß man immer wieder in neue Schockzustände verfällt.
Pastor Steven L Anderson beispielsweise postete ein Video, in dem er es als „good news“ darstellte, daß „50 sodomites, a bunch of disgusting pedophiles and perverts“ getötet wurden.

Und wieder einmal ahnt man gar nicht, was für christliches Kroppzeug in der Lage ist mit dem Klugtelefon die Exkremente aus dem Hohlraum zwischen den Ohren auf die sozialen Netzwerke zu streuen.

 

  




Klar, daß Donald Trump, der Chef-Widerling der GOP-Widerlinge geifernd seinen Vorteil aus den Leichen saugt.

Trump legte dagegen in einem Telefoninterview mit dem Sender CNN nach. Der Präsidentschaftsbewerber der Republikaner warf der muslimischen Gemeinschaft in den USA vor, den Behörden keine Hinweise auf potenzielle Gefährder zu geben. Er gehe davon aus, dass der Todesschütze Omar Mateen seinen Glaubensbrüdern als potenziell gewalttätig aufgefallen sei. Man müsse die Moscheen und die Glaubensgemeinschaften überwachen. "Und glauben Sie mir, die Gemeinden kennen die Leute, die ein Potenzial zum Explodieren haben", sagte Trump.

Aber, wie so oft in Krisen und Schockzuständen zeigt sich Amerika auch von seiner positiven Seite.

In Orlando war das Mitgefühl mit den getöteten Schwulen so selbstverständlich, daß sich unaufgefordert riesige Schlangen aus lauter freiwilligen Blutspendern  um die Krankenhäuser bildeten.
Der Andrang war so enorm, daß man die Menschen schließlich wegschicken mußte.

Auch bei Republikanern und Behörden schien mir keinerlei homophober Ton erkennbar – wenigstens das.

Beeindruckend auch, mit welcher Selbstverständlichkeit in Florida die gay community mit der muslim community zusammenstand.
Ich kann nicht beurteilen, ob das überall in Amerika so ist, aber in Orlando verstehen sich offensichtlich die Vertreter aller Minderheiten als Teil einer gemeinsamen „diversity coalition“.
Seit vielen Jahren arbeiten Juden, Exil-Cubaner, Schwarze, LGBTIs und Muslims eng zusammen. Man kennt sich, hilft und unterstützt sich.

Die peinliche Diskussion, die man aus Europa kennt, ob sich muslimische Organisationen nicht vom Terror distanzieren müßten, oder ob man sie damit erst unter Generalverdacht setzt, stellt sich scheinbar gar nicht erst in den USA, weil die Muslime dort selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind und ohnehin sofort an der Seite der Opfer standen.


Aber gerade in Relation zu der enorm hohen Gesamtzahl gibt es in den Staaten erstaunlich wenige islamistisch motivierte Mass-Shootings.
In Paris, London, Brüssel, Madrid, in der Türkei und erst recht in den Maghreb- und Nahostländern gab es weit schlimmere Anschläge seit dem 11. September 2001.

Dabei leben an die 3,5 Millionen Muslime in den USA und die Waffen liegen dort bekanntlich auf der Straße.
Daß es dort zu viel weniger islamistischen Anschlägen kommt, wird gemeinhin schlüssig damit erklärt, daß Muslime in den USA weit besser in die Gesellschaft integriert sind als in Europa.
Religionen werden grundsätzlich mehr akzeptiert und da junge Muslime nicht wie in den berüchtigten französischen Banlieues ausgegrenzt, perspektiv- und hoffnungslos zusammengepfercht, sondern überall verteilt leben, schaukelt sich erst gar keine dumpfe Stimmung auf, wie sie für die Abgehängten jeder Gesellschaft typisch ist.

Schließlich freut es mich zu sehen, daß am Beispiel Omar Mateen diesmal die NRA und sonstige Waffenlobby extrem angegriffen wird.

Obgleich der Attentäter bereits unter Beobachtung des FBIs stand, konnte er seelenruhig und legal in ein Geschäft spazieren, um sich ein Maschinengewehr zu kaufen.
Trumps Republikaner hatten noch vor ein paar Monaten dafür gesorgt, daß dies ohne Registrierung oder Backgroundchecks passieren konnte.
Personen, die wie Mateen auf der FBI-Watchlist standen hätten laut eines Gesetzentwurfes keine Waffen kaufen dürfen.
Die Republikaner verhinderten dies.

It’s also disgusting considering these very same Republicans (and one Democrat) listened to the NRA’s lobbyists over reason just six months ago and voted to kill a bill that would have made it impossible for a person on the terror watch list to legally acquire a gun.

Senate Republicans rejected a bill that aims to stop suspected terrorists from legally buying guns, on Thursday.  The vote came a day after at least 14 people were killed during the San Bernardino massacre in California by two suspects, including a woman said to have pledged allegiance to ISIS.
Forty-five senators voted for the bill and 54 voted against it. One Democrat, Sen. Heidi Heitkamp of North Dakota, and one Republican, Sen. Mark Kirk of Illinois, crossed party lines.
The measure would have denied people on the terrorist watch list the ability to buy guns.

This is how warped the gun-obsessed fringe of the right has gotten. Terror suspects can be barred from flying, but they must never have their right to bear arms infringed. That’s “tyranny.”
Guess who was on the terror watch list? Orlando’s nightclub shooter. […..]

Nein, ich glaube nicht, daß jetzt der Druck groß genug wird, um strengere Waffengesetze in den USA möglich zu machen.
Aber es ist schon für viele Menschen schockierend zu sehen, daß die republikanischen Senatoren gerade eben noch aktiv dafür sorgten den Massenmörder Mateen zu bewaffnen, sie rollten ihm gewissermaßen den Teppich aus.
Laut Donald Trump ist Barack Obama Schuld an dem Mass Shooting und sollte in Schande von seinem Amt zurücktreten.
Möglicherweise gibt es aber doch den ein oder anderen Amerikaner, der diese Sicht der Dinge unsinnig findet und eher die GOP beschuldigt.

 [….] Neben der Gefahr, die von Terroristen ausgeht, diskutieren US-Medien nun aber auch wieder über das Thema Waffenbesitz: "Warum können wir nicht mit einer Neubewertung unserer Waffengesetze auf Terrorismus und Gewalt reagieren?", fragt die "Washington Post". Und: "Warum sind diejenigen, die großmäulig ankündigen, die Härtesten im Kampf gegen islamistischen Terror zu sein, so schüchtern, wenn es um mögliche Antworten zum Thema "Waffenkontrolle" geht?" Die einzig angemessene Antwort auf Orlando sei Solidarität und intelligente Entschlossenheit.
Auch die "Daily News" greift das Thema Waffengesetze auf - und hat auf ihrer Titelseite bereits einen Schuldigen für die Attacke ausgemacht: "Danke, NRA", heißt es dort. Weil die Waffenvereinigung National Rifle Association gegen ein Verbot von Sturmfeuergewehren gekämpft habe, seien solche Massaker erst möglich, heißt es. Deswegen könnten "Irre" wie Omar M. legal Gewehre erwerben.
[….] Die Schweizer Zeitung "NZZ" vermutet, dass die Attacke auf den Schwulen- und Lesbenclub auch Auswirkungen auf die Präsidentschaftswahlen haben wird: Vor allem der republikanische Kandidat Donald Trump werde profitieren. "Besonders mit Blick auf die Präsidentenwahl im November dürfte dieser Sonntag zur Zäsur werden, die Amerika in ein 'Davor' und ein 'Danach' teilt", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung. [….][….]

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