Donnerstag, 7. Juli 2016

Ungerechtigkeit und Terror.

Unfassbar abartig, was ein paar einzelne Psychos in Orlando, Paris und Brüssel anrichten konnte.

Verständlicherweise schockiert das unsere westliche Öffentlichkeit; die Newssender erzielen Rekordquoten, ARD und ZDF schalten Sondersendungen des Grauens, die überregionalen Zeitungen erscheinen mit Extraseiten.

Der Terroranschlag in Istanbul am 29.06.2016, bei dem mindestens 41 Menschen getötet und 239 verwundet werden, findet schon mit deutlich gedämpfter Medienpräsenz statt.
In der Türkei gab es dieses Jahr schon so viele Anschläge und außerdem mögen wir Erdogan nicht.
Es wird zwar noch das Brandenburger Tor in türkischen Farben angestrahlt und natürlich informieren die Zeitungen. Immerhin ist die Türkei ein bei Deutschen sehr beliebtes Reiseland. Da will man schon wissen wie sicher es ist türkische Flughäfen zu benutzen.

Die Lastwagenbombe des IS, die am 03.07.2016 den Bagdader Stadtteil Karada verwüstete, forderte nach bisherigen Zählungen mehr als 250 Todesopfer.
Terror in Bagdad, in Libyen oder gar in Nigeria, wo die Boko Haram Tausende Menschen durch Anschläge tötete, nehmen wir kaum noch wahr.
Die Toten sind zu viele und zu anonym und haben außerdem eine zu dunkle Hautfarbe, als daß es uns wirklich interessierte.
Die Horrorberichte darüber erscheinen nur noch ganz hinten in den Zeitungen, irgendwo online. Total verdrängt und überlagert vom Fußball.

[…] Es ist ein Klischee, dass sich Bagdad an Gewalt und Blutvergießen gewöhnt hat. Das stimmt einfach nicht. Der Tod ist der Tod, und wenn er kommt und die Leben deiner Lieben mit sich reißt, dann ist der Schmerz hier so groß wie überall anders.
[…] 81 der geborgenen Toten sind so stark verbrannt, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind. Das sagt die Polizei. Sie können nur mit Hilfe von DNA-Tests identifiziert werden. In den Geschäften, die von der Explosion getroffen wurden, liegen verstreut menschliche Körperteile. Freiwillige suchen sie zusammen und legen sie in Plastiksäcke und Betttücher.
215 Tote, so ist der Stand vom Montagabend. Damit ist es der tödlichste Angriff hier seit 2003. […] Einige Menschen waren gefangen in Geschäften, die gefüllt waren mit leicht entzündlicher Kleidung, Parfum und Plastik. Ein Freiwilliger berichtet, dass der Boden eines Ladens bedeckt war mit "geschmolzenen Körpern".[…]

Xenophobe Brexiteers, Le-Pen-Fans, CSU-Hetzer, Norbert-Hofer-Epigonen und AfD-Wähler können auch nach solchen Berichten offensichtlich nicht verstehen, wieso Menschen diesem Grauen entfliehen wollen, weshalb sie versuchen im sichereren Europa Asyl zu bekommen.
Europäischer und amerikanischer Konsens ist es weitgehend den Fliehenden die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
Die Tausenden Toten, die allein schon im Jahr 2016 vom Mittelmeer einfach verschluckt wurden, interessieren niemand.
Auch Papst Franziskus, der noch 2013 nach Lampedusa reiste und die Ertrunkenen beklagte, hält inzwischen die Klappe, obwohl es noch viel mehr Tote geworden sind.
Seine Diözesen in Osteuropa und USA unterstützen den fremdenfeindlichen Antiflüchtlingskurs ihrer Regierung.

Gelegentlich werden zwar ein paar Hundert Leichen geborgen, aber diese Meldungen muß man schon mit der Lupe suchen.

Italienische Marine birgt 217 Tote aus Schiffswrack
Bei den Leichen handelt es sich um Flüchtlinge, deren Boot im April 2015 gekentert war. Augenzeugen zufolge waren 700 Menschen an Bord. Nur 28 Menschen haben überlebt. […]

Was hat eigentlich diese verdammte Terrorscheiße ausgelöst?
Was ist Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts geschehen, daß weltweit zur Methode Massenterror gegriffen wird?
Diese Fragen werden mutmaßlich zukünftige Historikergenerationen noch lange beschäftigen.
In dem Antwortkomplex werden sich aber definitiv vier Stichworte finden:

·        Religion
·        Postkoloniale soziale Ungerechtigkeiten
·        Ökonomische Interessen
·        Sagenhafte Dummheit und Unverantwortlichkeit führender Politiker.

Unstrittig dürfte sein, daß die von George W Bush angezettelten Kriege in Afghanistan und dem Irak zumindest eine ideale Werbung für Al Kaida, Taliban und IS waren.
Zudem fegten Amerika und England mit dem Saddam-Regime die Struktur weg, die den Islamismus unter Kontrolle hatte und eine gewisse Säkularität garantierte.
Saddam und Hunderttausende Iraker mußten sterben, weil sie von Downingstreet 10 und dem Weißen Haus beschuldigt wurden Terroristen zu beherbergen, in die 9/11-Anschläge verstrickt zu sein und Massenvernichtungswaffen zu horten. Auf eben diese Lesart stützten sich auch Merkel und Schäuble, die vehement das US-Britische Kriegsgetrommel gegen Gerhard Schröder unterstützten.

All diese Gründe waren, daran sei erinnert, vollständig erlogen.

Ganz langsam setzt sich die Erkenntnis über das kriegsverbrecherische Handeln Bushs und Blairs auch in ihren Heimatländern durch.
Sie haben eine gewaltige Schuld auf sich geladen.

[…] Der frühere US-Präsident George W. Bush handelt offenbar nach der Devise: Es reicht nicht, ein Verbrechen zu begehen, man muss auch unfähig sein, es zuzugeben. Dafür spricht sein trotziges Bekenntnis nach dem britischen Irak-Bericht von dieser Woche, der ganzen Welt gehe es heute besser, weil Saddam Hussein in Bagdad nicht mehr an der Macht sei. Das ist nicht nur halsstarrig, sondern auch Unfug.
Als die Vereinigten Staaten unter Bush im März 2003 den Irak angriffen, um Saddam zu stürzen, konnten sie sich weder auf Selbstverteidigung noch auf eine Resolution des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen berufen. Daher war Bushs Krieg ein Verbrechen namens Aggression. Es zählt - neben Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit - zu den Kern-Delikten des Völkerstrafrechts. Denn Angriffskriege schaffen eine schlechtere Welt. […]

[…] Tony Blairs politisches Vermächtnis ist zerstört. Demonstranten beschimpfen ihn als Kriegsverbrecher, ein Untersuchungsbericht zur Irak-Invasion bescheinigt ihm Versagen. Jetzt drohen Klagen.
Tony Blair wirkt sichtlich angefasst an diesem Nachmittag in London. […]  Ja, die Folgen des Einsatzes seien blutiger gewesen, als er es sich jemals habe vorstellen können. Für all das fühle er mehr "Trauer und Bedauern", als man es sich vorstellen könne, sagt Blair. Aber: "Die Welt war und ist ein besserer Ort ohne Saddam Hussein."
[…] 13 Jahre nach dem Beginn des Irakkriegs ist vieles, das vermutet und spekuliert worden war, nun offiziell aufgearbeitete Gewissheit.
[…] Nicht weniger als sieben Jahre hat [John] Chilcot mit der nach ihm benannten Kommission die britische Rolle vor und während des Irakkriegs untersucht. […]
    Der Einmarsch in den Irak sei "nicht das letzte Mittel gewesen", sagt er. Die britische Regierung habe nicht "alle friedlichen Optionen für eine Entwaffnung" des Iraks ausgeschöpft.
    Geheimdienstinformationen seien mit einer Sicherheit präsentiert worden, "die nicht gerechtfertigt" war. Die Erkenntnisse waren demnach "mangelhaft". Die Kommission greift die Führung der Dienste direkt an. Sie hätten Blair darauf hinweisen müssen, dass die Angaben über vermeintliche Nuklearwaffen nicht "zweifelsfrei belegt" seien.
    Der Entscheidungsprozess vor dem Krieg sei unbefriedigend gewesen, konstatiert Chilcot. Die britische Regierung habe die Autorität des Uno-Sicherheitsrates untergraben.
    Chilcot kritisiert außerdem, dass die Planung für die Zeit nach dem Krieg "völlig unzureichend" gewesen sei. "Trotz ausdrücklicher Warnungen wurden die Folgen der Invasion unterschätzt", heißt es in dem Bericht. […]

Im Gegensatz zu den Hunderttausende Verletzten, den Millionen Vertriebenen, den Millionen Angehörigen Getöteter, scheinen die strenggläubigen Christen Blair (trat 2007 zum Katholizismus über) und Bush keine besonderen Qualen zu leiden.

Sie sind beide freie Menschen und sie sind beide Multimillionäre.
Beide werden hermetisch geschützt.

Der Rest der Welt leidet darunter auf einem Terrorplaneten zu leben, auf dem sich niemand mehr sicher fühlen kann.
Das Leben unter der allgegenwärtigen Terrorgefahr bleibt ein Thema für die Feuilletons.
Wenigstens gibt es da brillante Texte.

Der Terror wird so schnell nicht aufhören. Die Gewalt wird andauern. Aber deswegen gewöhnt man sich doch nicht daran. Das wissen alle, die schon einmal jemanden durch einen Terroranschlag verloren haben. Terroristische Gewalt wird nie normal. Nicht in Bagdad oder Dhaka, nicht in Istanbul oder Beirut, nicht in Brüssel oder Paris. Sie wird nur häufiger.

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