Mittwoch, 10. August 2016

Kirche, Krise Komik

Der fromme Katholik und Kirchenfreund Giovanni di Lorenzo hat ein Problem mit seinem klerikalen Wochenblatt, aka „Die Zeit“.
Nach der Kirchenrubrik „Glauben und Zweifeln“ im Blatt und der stramm katholischen regelmäßigen Beilage "Christ und Welt" will nun ausgerechnet die RKK nicht mehr bei dem Projekt mitmachen und überlässt das Frömmeln zukünftig ganz allein der „ZEIT“

[….]  Vom 1. Oktober an jedenfalls wird die Beilage, die einst unter dem Titel Rheinischer Merkur das Flaggschiff der katholischen Publizistik in Deutschland war, von der hundertprozentigen Zeit-Tochter "Credo" produziert. Die Redaktion zieht nach Berlin; der Etat, der bei über 750 000 Euro liegen soll, bleibt gleich, das Blatt wird weiterhin von fünf Redakteuren gemacht. Das Katholische Medienhaus in Bonn aber, getragen vom Verband der Diözesen Deutschlands, verliert ein gewichtiges Produkt: Sechs Jahre lang hat dort ein Tochterunternehmen der Katholischen Nachrichtenagentur Christ & Welt produziert und der Zeit zugeliefert.
[….] "Wir glauben, Christ & Welt so am besten absichern und weiterentwickeln zu können," sagt Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, und: "Wir wollen bei der Zeit nicht missionieren, aber mir war es immer wichtig, die Themen Religion und Sinnsuche bei uns zu verankern." Die Redaktion wird im alten Westberlin arbeiten, "wir lassen uns auf Berlin ein", sagt Patrik Schwarz, der als Geschäftsführender Redakteur der Zeit Herausgeber von Christ & Welt ist, "aber wir vergessen dabei nicht, wie wichtig die Regionen für die Religion in Deutschland sind." [….]

Nach dem Tod der beiden Ausnahme-Herausgeber Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt, können Holtzbrinck und di Lorenzo das einst so renommierte Hamburger Wochenblatt ganz auf Klerikalkurs trimmen.

In der aktuellen Ausgabe werben die Theophilen vom Speersort für die "Nacht der Kirchen.“

[….] Unter dem Motto "Lebe, Liebe, Lache" öffnen bei der "Nacht der Kirchen" am 17. September wieder mehr als 100 Gotteshäuser in Hamburg und Umgebung ihre Türen. Zu den rund 570 Veranstaltungen beim größten ökumenischen Fest des Nordens werden von 19 Uhr bis Mitternacht mehr als 70 000 Besucher erwartet, teilten die Veranstalter am Montag in Hamburg mit. [….]

Wie schön für den jungen Erzbischof des flächenmäßig größten Bistums Deutschlands. Stefan Heße genießt publizistische Dauerwerbung der nur wenige Straße weiter beheimateten „ZEIT“.

Einziger Wermutstropfen: Die frommen Herren Heße und di Lorenzo sind in der gottlosen Hansestadt relativ allein mit ihrer Begeisterung für den Katholizismus.
Trotz der brachialen kostenlosen Werbung aus den Medien und der nie dagewesenen Geldflut aus Rekordkirchensteuereinnahmen schrumpft die RKK des Erzbistums Hamburg weiter zusammen.

[….] Er kam als Hoffnungsträger nach Hamburg: Erzbischof Stefan Heße. [….] Wenn er auftritt, gibt es viel Weihrauch und devote Bekundungen. Aber unter der Oberfläche brodelt es. In den Gemeinden wächst der Unmut. [….] Aus 83 Pfarreien sollen nur noch 28 werden. Nicht nur dort, wo die Kirchen leer sind, sondern überall. Weil es nicht mehr genug Pfarrer gibt. Stattdessen werden Großpfarreien errichtet, Zusammenschlüsse von Gemeinden, oft eine Autostunde voneinander entfernt, sogenannte Pastorale Räume, an deren Spitze nur noch ein Pfarrer steht. [….] Da ist dann eine Gemeindereferentin nicht mehr für eine einzelne Kirche, sondern etwa für die Erstkommunionvorbereitung im großen Ganzen verantwortlich. In der Konsequenz heißt das: Keine Kirchengemeinde hat mehr einen eigenen, von der Kirche bezahlten Beschäftigten für sich, einen, der den Standort repräsentiert, der sich auskennt, hier vernetzt ist, als Ansprechpartner für alle Belange gilt. Keiner kennt sich mehr richtig aus, wechselndes Personal wird zum Dauerzustand.
[….][Es kommt] schnell zu fatalen Situationen wie etwa im geplanten Pastoralen Raum Südholstein mit den Gemeinden in Pinneberg, Halstenbek, Wedel, Uetersen, Quickborn und Elmshorn. Dort ist ein älteres Gemeindemitglied gestorben, seine Frau ruft bei den im Gemeindebrief aufgeführten vier Telefonnummern von Priestern und Mitarbeitern an, darunter Geistliche im Ruhestand. Niemand ist erreichbar. Die Frau geht in ihrer Not verzweifelt in die Praxis ihres Hausarztes. Der ist evangelisch, hat aber einen katholischen Freund, den er im Büro anruft. Der versucht, den Diakon zu erreichen, der mit der Zusatzbezeichnung "mit Zivilberuf" nur ehrenamtlich für die Kirche arbeitet, aber in jeder freien Minute Amtshandlungen vornimmt: Taufen, Eheschließungen, Beerdigungen. Das alles natürlich, ohne bezahlt zu werden. Schöne neue Gemeindewelt. [….]