Montag, 8. August 2016

Soldaten

Es liegt mir fern mich für Militärs zu begeistern.
Das ständige Bohei, welches die Amerikaner mit ihren „veterans“ anzetteln, ist mir vollkommen unverständlich.
Ich verstehe allerdings auch noch nicht mal den Begriff „Hero“; da habe ich tatsächlich eine Gemeinsamkeit mit Donald Trump.
Man ist also automatisch ein Held, wenn man sich im Irak erschießen lässt?
Der Soldatentod ist doch eher eine Tragödie, wenn man eingezogen wird und im Einsatz getötet wird. Der Soldatentod ist bitter, wenn jemand gezwungen wird ihn zu erleiden, weil sein Land von einer fremden Macht überfallen wird und man sich notgedrungen zur Wehr setzt, um seine Freunde zu verteidigen.
Wenn man aber freiwillig der Armee beitritt, dort gut bezahlt wird und dann zu denjenigen gehört, die nicht angegriffen werden, sondern in andere Teile der Welt reisen, um dort anzugreifen, erscheint mir der Soldatentod als normales Berufsrisiko.
Natürlich ist der persönliche Tod immer einer Tragödie für die Angehörigen, aber darüber hinaus kann ich keine spezifische soldatische Tragik erkennen.
Vielleicht bin ich unfair, weil mir alles widerstrebt, das gemeinhin positiv mit Soldatentum konnotiert wird.
Gehorsam, Befehle, Hierarchie, Uniformität, Patriotismus, Waffen, Gewaltanwendung, ritualisierte Männlichkeit, Orden, Sterne, Abzeichen, Wimpel, Ränge, Regeln, Gleichschritt, Kameradschaft, Homogenität und normierte Sprache kann ich nicht ausstehen.
Ich habe keinen Funken Nationalismus in mir; schätze Extravaganz und Individualität. All das was einen Mann zu einem schlechten Soldaten machen würde, ist mir sympathisch.
Genauso wenig taugte ich dazu bei Schützenvereinen, der Polizei, Rotariern, Bürgerwehren oder Freimaurern mitzumachen.
Ich stelle das neutral fest; wohlwissend, daß im Jahr 2016 natürlich Soldaten und Polizisten gebraucht werden; wohlwissend daß es gute individuelle Gründe geben mag einer Armee beizutreten.
Außerdem geht auch an Armeen die Zeit nicht vorbei. Sie wandeln sich. Stumpfes Exerzieren und Schießen sind schon lange keine ausreichenden Qualifikationen mehr. Es gibt Frauen in „der Truppe“, vermutlich gibt es sogar Wege sich gegen übermäßige Schikanen zu wehren.
Ich nehme an, daß im 21. Jahrhundert auch keine Vollidioten mehr Generäle werden können.
Sie müssen sich auf dem internationalen Parkett bewegen können, diplomatischen und technischen Verstand mitbringen.

Ein recht guter Offizier scheint der Zweisternchen-General Achim Lidsba zu sein.
Lidsba, 61, Generalmajor, ist seit 2011 Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Der Mann verweigerte einst den Wehrdienst und ist heute beliebt bei seinen Leuten. Er soll ein Kümmerer sein, der sich selbst wenig in Szene setzt und für die Untergebenen immer ansprechbar ist.

2005 bis 2006 kommandierte Lidsba das deutsche Kontingent am Hindukusch und hat am eigenen Leib erlebt wie grausam das sein kann.

Deshalb ist das Verständnis groß für die Männer und Frauen, die traumatisiert aus ihren Einsätzen zurückkommen. Sein Appell ist deutlich: "Noch immer gibt es zu viele Rückkehrer, denen der Mut fehlt, Schwächen zuzugeben. Als Vorgesetzter muss man das erkennen. Wir müssen in die Köpfe unserer Soldatinnen und Soldaten hineinbekommen, dass posttraumatische Belastungsstörungen keine Schwäche, sondern eine Krankheit sind. Und dass sie ärztlich behandelt werden müssen."
[….] "Für die Angehörigen ist es am schlimmsten", sagt er. "Wir Soldaten haben unsere prall gefüllte Tagesstruktur während der Einsätze. Und wenig Zeit, nachzudenken, zu reflektieren. Aber zu Hause, da sehen sie die Bilder von den Selbstmord-Attentaten oder den Erdbeben." Dennoch raten die erfahrenen Berufssoldaten den jungen, nicht zwischendurch nach Hause zu fahren. "Wenn man wieder los muss für drei Monate, ist der Abschied kaum auszuhalten", sagt der Führungsoffizier Lidsba. "Aber am Ende trifft jeder selbst die Entscheidung."

Als Generalmajor steht Lidsba eine große Villa zu, aber das schlug er aus und wohnt lieber ein einem winzigen Apartment auf dem Gelände der Führungsakademie. Was soll er mit einem repräsentativen Amtssitz, wenn er nur zum Arbeiten in Hamburg ist und in seiner Freizeit mit der Bahn nach Hause zu seiner Frau pendelt?
Seine Familie scheint ebenfalls wenig an soldatischem Pomp interessiert zu sein.

Stephan, der älteste Sohn, lebt mit Familie im pakistanischen Islamabad, von wo aus er politische und soziale Projektarbeit leitet.
Sohn Nummer zwei, Christian, ist Musiker. Seit ihm die Eltern Ende der 80er-Jahre eine spanische Gitarre schenkten – damals lebte die Familie in Brüssel, weil der Vater bei der Nato arbeitete –, war sein Berufswunsch klar. "Die Musikalität hat er nicht von mir", sagt er gleichwohl stolz. "Meine Frau spielt Klavier, von ihr hat er dieses Talent geerbt."
[….]  Sohn Nummer drei, Thomas, ist Polizist. Noch arbeitet er in Mecklenburg-Vorpommern, doch demnächst wechselt er nach Hamburg. "Bei der Bundeswehr war übrigens keiner von meinen Jungs", sagt Lidsba.

Für einen General ist dieser Typ offensichtlich ein ziemlich netter Mann.
Er hat allerdings nicht nur Fans.
Eine kann ihn gar nicht leiden.
Das ist Ursula von der Leyen, der Lidsbas demonstratives Understatement missfällt.
Sie möchte lieber Celebrity-Generäle, die für die Bundeswehr und die Ministerin werbend durch Talkshows und Empfänge ziehen.

Bevor jemand unnötig rätselt; der folgende Satz ist keine Satire, sondern völlig ernst gemeint:
Die Verteidigungsministerin entließ den General mit der Begründung, er gehe zu wenig auf Partys!

Völlig überraschend wird nach Informationen dieses Senders Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen den Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, Generalmajor Achim Lidsba, zum 1. September ablösen und in den einstweiligen Ruhestand versetzen.
Der Entlassungstermin ist völlig unüblich, die Kurzfristigkeit der Ankündigung auch. [….] Lidsba habe die Bundeswehr auf dem Hamburger und Berliner Pakett nicht ausreichend vertreten, wird ihm vorgehalten. Er gilt nicht als Partylöwe und hat gesellschaftliche Verpflichtungen nicht sonderlich gerne wahrgenommen. [….] Lidsba hat die Führungsakademie innerhalb der NATO sehr eng vernetzt, was ihm hoch angerechnet wird. Und er hat eine enge Zusammenarbeit mit der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg begründet mit dem Ziel, dass die Soldaten nach ihrer Zeit an der Führungsakademie auch einen zivil verwertbaren Abschluss mitnehmen können. [….]

Was auf den ersten Blick absurd wirkt, hat auf den zweiten Blick durchaus Sinn.
Sie will Konkurrenten und Kritiker mundtot machen.

Von der Leyen will immer selbst glänzen und kann keine kompetenten Fachleute neben sich gebrauchen, wenn diese auch noch bei den Soldaten sehr beliebt sind.

Das ist die Kehrseite der Selbstverliebtheit von der Leyens; sie ist außerordentlich unbeliebt bei den Kollegen und in der Parteispitze, da sie über Leichen geht, um selbst gut auszusehen.
Sie übernimmt nie selbst Verantwortung für ihre Fehler, läßt immer andere die Suppe auslöffeln.
Auch innerhalb ihres neuen Ministeriums praktiziert die mögliche Merkel-Nachfolgerin die Methode, indem sie Staatssekretäre feuert.
Aber je länger sie den Posten innehat, desto schwieriger wird es für sie die permanenten Pannen auf andere abzuwälzen.

Es gibt einen weiteren Grund für die schäbige Lidsba-Abberufung.
Von der Leyen will offenbar ihrem treu ergebenen Günstling Carsten Breuer, der nur ein Sternchen hat, befördern und braucht daher eine angemessene Stelle, um ihn zum Zweisternchengeneral machen zu können.

[….] Carsten Breuer (51) ist Brigadegeneral, hat also „nur“ einen goldenen Stern auf den Schulterklappen. Damit es bald zwei werden, soll Breuer nun Nachfolger des bei der Truppe äußerst anerkannten Achim Lidsba werden. Breuer war zuletzt Unterabteilungsleiter „Politik I“ im Verteidigungsministerium und genoss die besondere Gunst der Ministerin.  Zum 1. September soll er jetzt in Hamburg antreten und vorher noch von  Ursula von der Leyen zum Generamajor befördert werden.
Intern wird der Ministerin bei diesem Personalwechsel „Respektlosigkeit“  gegenüber dem Afghanistan-Veteranen Lidsba vorgeworfen. Normalerweise werden Generäle im Fall der Versetzung in den einstweiligen Ruhestand nach Berlin befohlen, wo sie dann die Gründe in einem Vier-Augen-Gespräch von der Ministerin erfahren.
In diesem Fall bekam Lidsba in Hamburg aber nur zwei Anrufe von Generalskameraden aus Berlin, die ihm seine Absetzung knapp mitteilten.

Ein wahrlich miese Nummer den verdienten General Lidsba zwei Jahre vor seiner geplanten Pensionierung im Oktober 2018 rauszuschmeißen und dann noch nicht mal das Rückgrat zu haben ihm selbst zu sagen warum.

Die Kriegsministerin und Möchtegern-Merkel-Nachfolgerin ist nur deswegen so weit oben im Beliebtheitsranking, weil der Urnenpöbel zu desinteressiert ist, um zu wissen, was diese Frau treibt.

[….] Ursula von der Leyen ist eine Meisterin des politischen Marketings, und in diesem Sommer übertrifft sie sich wieder einmal selbst. Unverfroren nutzte die Verteidigungsministerin die tödlichen Schüsse von München, um in der ansonsten nachrichtenarmen Zeit die Debatte über Bundeswehr-Einsätze im Innern von Neuem zu beginnen. Doch es handelt sich um eine Scheindebatte. Ernsthaft zu diskutieren gibt es nichts.
Einsätze der Truppe im Fall einer sogenannten terroristischen Großlage? Wären ohnehin bereits zulässig - womit eine Grundgesetzänderung überflüssig ist. Die gemeinsamen Übungen von Polizei und Bundeswehr, die es künftig geben soll? Waren schon beschlossen, bevor die Schüsse von München fielen. Warum die Debatte trotzdem geführt wird? Weil sie für von der Leyen äußerst nützlich ist. [….]

Von der Leyen geht über Leichen, wenn es ihrer Karriere nützt.

Regierung und Koalition mißbrauchen Terroranschläge. Das darf nicht sein. [….] [….] Und jetzt will die BMV v. d. Leyen ein letztes Tabu der Nachkriegszeit schleifen, den Einsatz der Armee im Inneren - natürlich angeblich wieder nur zur Bekämpfung des Terrorismus. Wiederbewaffnung und Notstandsgesetze mit Bundeswehreinsatz im Inneren waren die großen Themen der unmittelbaren Zeit nach dem Krieg. Mit viel Demonstrationen und Widerstand wurden 1968 Grenzen für solche Einsätze im Grundgesetz erkämpft. Die sollen jetzt fallen. Im neuesten Weißbuch [Verfasser ist Einsternchenmann Carsten Breuer – T.] deuteten sich solche Pläne schon an. Entweder wird das geschehen durch eine Verfassungsänderung oder, wenn sich die Mehrheit dafür noch nicht findet, schleichend durch eine Praxis von Einsatzübungen. Wir sollen uns daran gewöhnen. Öffentlich begründet wird das alles durch die Notwendigkeit der Bekämpfung des Terrorismus. Lassen wir uns nichts vormachen. Diese Ministerin beschert uns fast unbemerkt schon Buwe-Bewaffnung mit Drohnen, die töten können.