Sonntag, 25. September 2016

Werte im wahrsten Sinne.

Die abendländischen Werte, auf die sich Rechtsdemagogen wie Björn Höcke oder David Berger beziehen, sind allgemeingültig nicht zu definieren.
Was manch Linker als Aufforderung zur Nächstenliebe und Freundlichkeit aus der „christlich-jüdischen Kultur“ herausliest, ist für evangelikale Amerikaner und Dunkelkatholiken à la Akif Berger nur eine Chiffre, um andere Menschen abzuwerten und zu misshandeln.

[….] Die AfD spricht gern von Werten. Klingt gut, bedeutet aber: Die Partei will Menschen vorschreiben, wie sie zu leben und zu lieben haben.
Als ich noch ein Kind war, benutzten aktive konservative Politiker gern und oft den Begriff "Werte". Damals fiel es mir schwer zu entschlüsseln, was sie damit eigentlich meinten. Später verstand ich: In Wahrheit ging es den "Werte"-Verfechtern in der Regel um die Ablehnung von Irgendetwas - Homosexualität, urbanes Single-Leben, alleinerziehende Mütter, arbeitende Frauen, liberale Abtreibungsgesetze, laute Musik, originelle Frisuren, Jeans mit Löchern.


[….]  Tatsächlich aber waren Werte für sie stets das, was sie selbst gut fanden und woran sich die anderen gefälligst zu halten hätten. Weitergehende Begründungen überflüssig.
[….] Eine unter AfD-Rhetorikern beliebte Referenz ist der Jurist Carl Schmitt, einst ein großer Freund der Nazis, später ostentativ geläutert. Interessanterweise hat Schmitt in den Sechzigerjahren einmal ein Traktat namens "Die Tyrannei der Werte" verfasst, in dem zwei Sätze stehen, die das wahre Wesen des Wertegeredes von heute überraschend präzise entlarven: "Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen, aber Werte werden gesetzt und durchgesetzt." Das ist bei Werten wie Rechtsstaatlichkeit nicht nur kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit. Bei der Sexualmoral eher nicht. [….]

Diese “Werte” der AfD braucht kein Menschen.

Humanistische Werte, wie Menschenwürde und Toleranz mußten hingegen mühsam in 200 Jahren der Aufklärung gegen den erbitterten Widerstand der Christen erkämpft werden. Und wir müssen sicherlich noch einige Dekaden weiterkämpfen, denn einiges wird noch im Jahr 2016 erbittert von der großen Christenkoalition im Bundestag bekämpft:
Sterbehilfe, Patientenverfügung, PID, freie Entscheidungen über Schwangerschaften, Adoptionen und Eheschließungen, Tierschutz – um nur einiges zu nennen, das die Bundeskanzlerin ablehnt.
Merkel und die Union definieren christliche Werte also offenbar ganz anders.
 Für sie ist es wichtig Schwule rechtlich zu benachteiligen, Menschen zu entmündigen, Waffen in Krisengebiete zu liefern und 50 Millionen Küken zu schreddern.

Also vergessen wir doch die moralischen Werte, wenn diejenigen, die sich am meisten darauf einbilden am grausamsten gegen andere Menschen agieren.
„Moral Majority“ nennen sich die Wertkonservativen in Amerika seit Ronald Reagans Zeiten. Darunter versteht man: Ja zu Folter, Ja zu Todesstrafe, Nein zu Bürgerrechten, Ja zu Angriffskriegen, Ja zur Umweltzerstörung.

Konzentrieren wir uns lieber auf Sachwerte. Geld, Besitz, Immobilien, Juwelen, Aktien, Firmenanteile.
Das sind die Werte, nach denen fast alle streben und die man klar definieren kann.

Die realwirtschaftlichen Werte können allerdings von den „moralischen“ Werten tangiert werden.
Wirft man alle humanistischen Werte über Bord, schrumpfen womöglich in der Folge auch die Sachwerte.

Das erlebt gerade die Türkei, die in den ersten 10 Erdogan-Jahren ein rasantes Wirtschaftswachstum hinlegte und so wohlhabend wie nie zuvor wurde.
Es wurde viel verdient und ebenso viel gibt es jetzt auch zu verlieren durch Erdogans Metamorphose zum Diktator.

Politische Situation schadet Wachstum.
Der gescheiterte Militärputsch Mitte Juli und die darauffolgende Säuberungswelle gibt nicht nur auf politischer und gesellschaftlicher Ebene Grund zur Sorge - auch die türkische Wirtschaft hat unter dem harten Kurs der Regierung empfindlich zu leiden.
Die Ratingagentur Moody's senkt den Daumen über die Türkei. Die langfristigen Verbindlichkeiten würden nun nur noch mit "Ba1" bewertet, teilten die US-Bonitätswächter am Freitagabend (Ortszeit) mit. Das ist zwar nur eine Herabsetzung um eine Stufe, bedeutet aber, dass die Türkei aus dem so genannten Investment-Bereich in den Ramsch-Bereich hineinrutscht. [….]

Ähnliches erleben wir in Ostdeutschland (und leider auch Westdeutschland) durch die AfD-Affinität.


Die rechtsradikalen Attacken in Brandenburg, Mecklenburg Vorpommern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt schaden der Wirtschaft.

Rechtsextremisten und Rassisten werden in Deutschland immer häufiger gewalttätig. Von Januar bis Mitte September registrierte die Polizei bereits 507 Fälle fremdenfeindlicher Gewalt. Damit hat sich die Zahl gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt. Insgesamt wurden in den ersten achteinhalb Monaten des Jahres mehr als 1800 politisch motivierte Straftaten gegen Asylbewerber und Flüchtlinge registriert. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums an die Grünen-Fraktion im Bundestag hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Demnach legten Neonazis und Asylgegner in diesem Jahr schon 78 Mal Feuer, die Polizei zählte sieben Tötungsdelikte. [….]

De Maizières Behörden sind genauso wie David Berger und Björn Höcke aber auf dem rechten Auge blind und reagieren hysterisch auf die islamistische Gewalt, obwohl diese zahlenmäßig viel geringer als die durch Rechtsradikale ist.

Trotz der Zunahme rechter Gewalt stufen die Behörden nur 20 Rechtsextremisten als sogenannte Gefährder ein. Zum Vergleich: Bundesweit sind 520 islamistische Gefährder registriert. Das sei «nicht verständlich», sagte Grünen-Innenpolitikerin Irene Mihalic dem «Spiegel»: «Da klafft im rechten Bereich ein gewaltiges Loch zwischen der Anschlagswirklichkeit und der Zahl derer, die man real im Fokus hat.»

Da Rechtsextrem im Gegensatz zu Linksextremen grundsätzlich amoralisch und feige agieren, sind ihre Opfer ausschließlich unter den Schwachen zu finden:
Schwule, Flüchtlinge, Behinderte, Obdachlose.

Opfer, für die sich auch der Staat offensichtlich kaum interessiert.
Man stelle sich nur mal vor durch rechtsextreme Gewalt wären im Jahr 2016 schon 1.800 Gewalttaten gegen Millionäre verübt worden. Dann wäre aber Alarm im Bundesinnenministerium.
Der Wertekompass des Innenministers befindet sich also offensichtlich in gewaltiger Schieflage.
Wird gegen Arme und Schwache Gewalt ausgeübt, weil Rechte meinen damit ihren Werten zu frönen, stört es den wertkonservativen de Maizière scheinbar wenig.

Erst die Folgen der Folgen der Folgen, wenn statt der humanistischen Werte auch Sachwerte betroffen sind, wenn Arbeitgeber um ihre Profite bangen, alarmiert die Bundesregierung.

[….] Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit könnte das Image deutscher Produkte verschlechtern und so der Wirtschaft schaden. Das sagte Arbeitgeberpräsident Kramer der "Passauer Neuen Presse". [….] Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hat vor Schäden für die deutsche Wirtschaft gewarnt, sollte die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland weiter um sich greifen. "Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir im Ausland für unsere Willkommenskultur gefeiert wurden. Das ändert sich gerade. Jetzt zeigt sich ein anderes Bild", sagte Kramer der "Passauer Neuen Presse".
Wenn "nachhaltig der Eindruck entsteht, dass der Fremdenhass stärker ist als die Willkommenskultur, wird das ein großes Problem", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). "Das könnte unter anderem dazu führen, dass das Image deutscher Produkte leidet und die Investitionsbereitschaft zurückgeht."
[….] Kramer bemängelte in diesem Zusammenhang zudem die "Verrohung der Sprache", insbesondere in der Politik. "Leider äußern sich Politiker heute gegenüber Flüchtlingen und Fremden in einer Weise, die ihnen vor einiger Zeit noch peinlich gewesen wäre. Das ist unerträglich", sagte der BDA-Chef.   Vielleicht glaubten manche Politiker, dass die Bürger bei den etablierten Parteien blieben, wenn sie sich mit scharfen Worten über Flüchtlinge äußerten. "Aber das Gegenteil ist der Fall. Wer gegen Fremde ist, sucht sich das Original und nicht die Kopie", sagte Kramer mit Blick auf die Wahlerfolge der rechtspopulistischen AfD. [….]