Freitag, 28. Oktober 2016

Das Pippi-Langstrumpf-Zeitalter

Den Witz gab es schon bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen:
FOX News oder Breitbart könne man nur noch als „Comedy“ verstehen, während man sich bei den klassischen Comedy-Show Anchors (Jon Steward, Stephen Colbert oder John Oliver) seriös informiere.

Im Jahr 2016 sind die Grenzen zwischen Satire und Realität nicht nur aufgehoben, sondern mit dem Auftauchen des grundsätzlich dreist lügenden Donald Trump, gab es eine echte Rochade zwischen Wirklichkeit und Comedy.

Es macht eigentlich nichts, wenn Rechte ständig der Lüge überführt werden, denn ihre Anhänger pflegen einen derart verengten Medienkonsum, daß sie ohnehin nicht mitbekommen, daß ihre Helden angeprangert werden.
Und selbst wenn es so wäre, würden sie „den Medien“ ohnehin nicht glauben.

Donald Trump sagt selten die Wahrheit. Und alle wissen es. Gerade deshalb hat er eine Chance auf das Weiße Haus.
Er sagt: "Es gibt keine Überprüfung für Flüchtlinge, die in die USA kommen." Stimmt nicht. Er sagt: Der Orlando-Attentäter sei "als Afghane geboren worden". Falsch. Er sagt: Hillary Clinton wolle "Hunderttausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten" in die USA holen. Quatsch. Stimmt alles nicht.
Donald Trump hat das behauptet, gerade eben in seiner Rede nach der Terrorattacke von Orlando. Donald Trump lügt. Ständig.
Die unabhängige Seite Politifact überprüft Aussagen der US-Präsidentschaftsbewerber auf ihren Wahrheitsgehalt. Das Ergebnis für den Republikaner Trump: 76 Prozent seiner Aussagen waren gelogen. Nur zwei Prozent der überprüften Aussagen sind wahr. [….]  Jeder Kandidat weiß: Die Richtigstellung der Faktenchecker liest nur eine Minderheit der Millionen Wähler, die beispielsweise eine TV-Debatte verfolgt haben. [….] Trump lügt so ausdauernd, dass nicht klar ist, ob er sich seiner Lügen überhaupt noch bewusst ist. Oder ob es ihm einfach egal ist, dass er beispielsweise in zwei Interviews, die nur Minuten auseinanderliegen, zwei völlig verschiedene Geschichten über ein und dieselbe Tatsache erzählt.
Vor dem Hintergrund der vielen Lügen tritt eine der erschreckendsten Charaktereigenschaften Trumps deutlich hervor: absolute Schamlosigkeit. Es scheint ihm nichts auszumachen, wenn er der Lüge überführt wird. Es wirkt, als sei es ihm völlig egal. Mehr noch: Er ist sich offenbar sicher, dass er von der Lüge profitiert. [….] Seine Gegner, auch und vor allem die Medien, können ihn noch so oft überführen, Fans und Trump selbst interessiert das nicht. Schlimmer noch: Jeder noch so genaue Nachweis einer Trump-Lüge gilt seinen Fans sofort selbst als Lüge. Und gleichzeitig als Beweis seiner Unabhängigkeit vom verhassten Polit-Establishment. [….]

Trumps und Petrys Partei praktizieren darüber hinaus auch den Ausschluss kritischer Presse.
Ihr weitgehend frei erfundenes Weltbild des Hasses soll keine Kratzer bekommen. (………)

Aus Agentenfilmen meint man zu wissen, daß gute Lügen anstrengend sind. Man darf sich nicht verplappern, muß bei seiner Legende bleiben, auf Nachfragen gefasst sein und hat sich außerdem an alles zu erinnern was man zuvor gelogen hat, um sich nicht zu widersprechen.

Es erfordert also ein gewisses Maß an Intelligenz kontinuierlich öffentlich zu lügen und nicht aufzufliegen.
So war es zumindest bisher.
Trump lügt aber nicht nur beständig und ausdauernd, sondern er lügt auch noch extrem schlampig und schlecht. Er widerspricht sich ständig, kann innerhalb von Minuten eine Behauptung und das diametrale Gegenteil dessen in die Kamera brüllen.
Bei der letzten Präsidentschaftsdebatte sagte der GOPer vor über 100 Millionen Zuschauern voller Überzeugung, daß niemand Frauen mehr respektiere als er, daß er niemals einen behinderten Reporter nachgeäfft habe.
Dabei kennt jeder Zuschauer die Clips, in denen Trump genau das tat und jeder mußte also wissen, daß hier gelogen wird.
Allein, es stört gar nicht mehr.
Millionen Wähler sind von ihm begeistert. Endlich spricht einer das aus, was sie auch denken und steht nicht unter der Knute von Wahrheit und Fakten.

In Deutschland gibt es selbstverständlich einen ähnlichen Trend.
Über die diversen neuen Medienkanäle verbreiten AfDler ihre virtuelle Wahnwelt und ernten dafür Rekord-Zustimmungswerte.

Gefühl schlägt Verstand, Glaube die Fakten - diese Erfahrungen dürfte jeder schon mal in seinem privaten Leben gemacht haben. Inzwischen ist dieses irrationale Verhalten zu einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Phänomen geworden, vom dem politisch vor allem die AfD profitieren kann. Spätestens mit dem Eintritt der Flüchtlingskrise leben nicht wenige mit einem postfaktischen Weltbild, in dem Statistiken bzw. die Realität ausgeblendet wird. Nicht ein reales Ereignis bestimmt bei vielen das Fühlen oder Handeln, sondern die Angst vor einem eventuell eintretenden. [….]


Jeder kann sein eigener Journalist sein.
 Klassisches Gatekeeping durch professionelle Medienmenschen, die eine Flut von Meldungen überprüfen und nur die veröffentlichen, die wahr und relevant sind, entfällt.

Eine Zeitungs-Redaktion ohne Dokumentare (mal eben googeln, reicht ja auch irgendwie) ist schon schlimm, weil ihr unseriöse Quellen dazwischen rutschen und möglicherweise unbeabsichtigt die Story einen ganz falschen Spin bekommt.

Gefährlicher sind natürlich diejenigen Propagandisten, die bewußt Informationen fälschen, um einen bestimmten politischen Effekt zu erzielen.

Dazu gehören die massenhaft auftauchenden Berichte über kriminelle und übergriffige Flüchtlinge, die Nazis und AfDlern Zucker geben und die allgemeine politische Stimmung nach ganz rechts außen drehen sollen.

Da sich die rechten und linken Medienwelten so sehr voneinander entfernt haben, daß jeder in seiner eigenen inzestuösen Info-Blase lebt, nützt es auch nichts die Storys über kriminelle Ausländer zu widerlegen. Nazis sitzen in ihrem ureigenen Info-Mief und würden widersprechende Informationen gar nicht entdecken.

Asylbewerber erhalten Markenklamotten im Landratsamt, müssen im Supermarkt nicht zahlen und ein FKK-Bereich wird ihretwegen geschlossen. Die "Hoaxmap"-Webseite sammelt Falschmeldungen und verzeichnet sie auf einer Landkarte. Mittlerweile sind auch von Politikern verbreitete Gerüchte vertreten. Die Macher sind nominiert für den Grimme Online Award.
[….]  In Leipzig sitzt Software-Entwickler Lutz Helm, seine Partnerin Karolin Schwarz ist für ihren Job in der Verlagsbranche gerade für einige Wochen in Berlin. [….]  Im Februar haben die beiden die Hoaxmap gestartet, wollten endlich Übersicht haben über die zahlreichen Gerüchte, die sich um die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge verbreiten. Schwarz und Helm sammeln und posten seitdem Texte, die die Gerüchte widerlegen. Zeitungsartikel vor allem, aber auch Statements von Polizei oder Ämtern oder von vermeintlich betroffenen Unternehmen. Unter hoaxmap.org haben die beiden all die auf einer Landkarte platziert. [….]

Ich erinnere mich noch an meinen Geschichts- und Politik-Unterricht in der Schule, der freilich vor dem Online-Zeitalter stattfand.
Damals wurde mir eingeimpft immer die Quelle einer Information zu nennen und zu dokumentieren. Es mußte in Klausuren absolut sauber zitiert werden.

Das sehen die mit www Aufgewachsenen offensichtlich lockerer.

Youtube-Tutor Mirko Drotschmann muß seinen jugendlichen Fans erst einmal erklären, daß man nicht jede dahergeflogene Information, die zufällig ins Weltbild passt glauben darf.


Möglicherweise ist Youtube eine Möglichkeit einfältigen Menschen den kritischen Umgang mit Informationen beizubringen, wenn sie herkömmliche Medien wie Zeitungen ohnehin nicht mehr anfassen.

In Amerika sind es wieder einmal die Menschen von der Comedy-Fraktion, die der Masse Mensch erklären, wie Informationen manipuliert werden.


Man muß nicht bösartig sein wie die die Großlügnerin und Trump-Kampagnenchefin Kellyanne Conway, Trumps Ex-Manager Corey Lewandowski, Kayleigh McEnany als glühende Trump-Verehrerin,  Betsy McCughey, Healy Baumgardner, Scottie Nell Hughes oder Jakes besondere Freundin Katrina Pierson, die es heute vermochte selbst mich mit ihrer widerlichen Bosheit zu überraschen.

Es reicht auch aus ein bißchen schlampig zu sein, nicht so genau drauf zu achten wer was und warum postet.

Die schnelle Klick-Like-weiterleiten-Kultur sorgt dazu, daß der größte Unsinn sich rasend schnell weiterverbreitet. So können auch ganz nette Menschen in einen Sog geraten, wenn das xenophobe Gift aus den Trump-Petry-Dreckschleudern immer wieder auf einen durchsickert.

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