Donnerstag, 20. April 2017

Good old times

So ein Interview mit Heinrich Bedford-Strohm wirkt noch einige Tage nach.
Nachdem ich seine Worte im aktuellen SPIEGEL ausgebreitet las, fühle ich mich ermattet.
Wie ein geistiges schwarzes Loch entziehen die gegenwärtigen EKD-Fürsten meinen Synapsen die Lebensenergie.
Breit-Kessler, Käßmann und co bestechen mit einer derartigen geistigen Schlichtheit, daß man sie eher in Satireformaten verortet sieht.
Sie wären perfekte Kandidaten für Stefan Raabs Demütigungs-Interviews, in denen er Jugendliche zum Auslachen präsentiert.

Den Niedergang der evangelischen Theologie Illustriert Käßmann mit ihrer BILD-Kolumne mustergültig. Ein paar Zeilen in Deutschlands unseriösester Großbuchstaben-Zeitung, scheinen genau das zu sein, wofür ein EKD-Funktionärs-Intellekt taugt.

(…..) Frappierend ist insbesondere die Unfähigkeit dieser Kategorie der Plapper-Bischöfinnen über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Genau wie Kollegin Käßmann, nimmt auch Breit-Keßler stets sich selbst und ihr eigenes Leben zum Maßstab.
In ihren Texten erzählt sie aus ihrer Familie, ihrem Alltag, beschreibt was ihr gefällt und überträgt das dann flugs auf alle anderen.

Die ganze bischöfliche Theologie ließe sich auf den Kernsatz: „Seid alle so wie ich, dann wird alles gut!“ reduzieren.

Auch in der heutigen Kolumne geht das so. (….)

Man haue mal eben seine eigenen Spontangedanken zu einem Topos heraus, ohne von irgendeiner Spur Hintergrundwissen belastet zu sein und google dazu ein passendes Jesus-Zitat. Oder Luther. Höchstwahrscheinlich gibt es dazu inzwischen auch eine Ebb, damit man nicht allzu lange recherchieren muß.

Ich (Käßmann-Breit-Keßler-Schneider-Bedford-Strohm) finde Rosen hübsch und das sagt Jesus ja auch!

Erschreckend ist aber nicht nur diese intellektuelle Genügsamkeit an sich, sondern daß solche Menschen auch noch mit akademischen Graden dekoriert sind, wie HBS als „Prof“ lehren und von staatlichen Stellen als Ethik-Experten konsultiert werden.

Erschreckend insbesondere aber auch, daß einem Mann mit der geistigen Kompetenz eines Heinrich Bedford-Strohms so viele Seiten in den besten deutschen Periodika, SZ, SPIEGEL, ZEIT freigeräumt werden.

Es handelt sich dabei also nicht nur um Theologen, die selbst nichts in Frage stellen, sondern ihnen werden auch keine Fragen gestellt.
Jesus sagt.., dann ist es auch so.

Dabei ist es ausgerechnet der SPIEGEL, der über viele Jahrzehnte von einem der kenntnisreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts gemacht wurde.

Rudolf Augsteins „Jesus Menschensohn“ ist immer noch das maßgebliche Werk über den historischen Jesus. Ich verwendet die überarbeitete Ausgabe von 1999.

[….] In der gerade erschienenen Fortschreibung seines "Jesus Menschensohn" von 1972 zieht der Journalist Augstein eine Bilanz der Jesusforschung in den letzten 27 Jahren. Der Ex-Katholik (seit 1968) macht publik - und nicht selten erst richtig lesbar, was Theologen in ihrer oft schwer verständlichen Fachliteratur zuweilen mit Absicht verstecken - aus Angst vor ihren Amtskirchen. Denn ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse widersprechen weithin dem, was in der Bibel steht und was auf den Kanzeln gepredigt wird.

Augsteins Fazit: Der Mensch Jesus, wenn es ihn denn gab, hat mit der Kunstfigur des biblischen und kirchlichen Jesus Christus nichts zu tun. Eine Biografie Jesu lässt sich mangels historischer Fakten nicht schreiben. Die meisten Worte, die in der Bibel Jesus zugeschrieben werden, hat er nicht gesprochen, die meisten Taten, die in der Bibel von ihm überliefert werden, hat er nicht vollbracht.
Jesus wollte weder eine neue Religion stiften noch eine Kirche gründen. Er wollte weder Gott noch die zweite Person eines dreifaltigen Gottes sein. Und schon gar nicht wollte er die Menschheit durch seinen Kreuzestod erlösen - ein solcher Gedanke wäre ihm absurd erschienen, von der leiblichen Auferstehung ganz zu schweigen. […..]

Augstein untersuchte für die erste Ausgabe von 1972 mehr als 600 theologische und historische Werke über Jesus Christus.

[….] Ich bin nahe daran, Augsteins provozierende These von Seite 103 zu übernehmen: "Definition für Kirche: der Ort, an dem die Irrtümer der jeweils vorangegangenen Theologen-Generation berichtigt werden." ich möchte nur gern anstelle von Kirche Theologie setzen: "Definition für Theologie: der Ort ... usw.". Es erscheint mir als typischer Theologenirrtum (und Augstein ist hier eindeutig unter die Theologen gegangen), Kirche und Theologie gleichzusetzen. Es gehört doch mit zu den erstaunlichsten Wundern, daß sich nicht nur Religion, auch Glaube trotz der Theologie erhalten haben, und daß sogar noch Ansätze von "Kirche" da sind. […]

Augstein zeigt mustergültig wie ein Intellektueller und Wissenschaftler mit dem Thema „Jesus“ umgeht. Das diametrale Gegenteil erleben wir bei den Käßmann-Strohms von heute. Historische Wahrheiten, tiefgründige Analysen sind ihnen gar nicht bekannt. Für sie zählt nur der Jesus, den sie sich in ihrem naiven Kinderglauben selbst gebacken haben. Also ein freundlicher Sozialdemokrat der Gegenwart, der eine Aphorismen-Sammlung zur Untermauerung von EKD-Thesen vorgelegt hat.

Für mich ist es ausgeschlossen religiös zu sein.
Aber Theologie fasziniert mich. Leider stößt man sehr selten auf intelligente Theologen, die selbst gläubig sind.
Die Gläubigen schreiben im naiven Käßmann-Stil, welcher der allgemeinen Intelligenz spottet und die die denkenden Intellektuellen sind nicht gläubig.

Zum Heiligen Jahr 2000 setzte sich Rudolf Augstein im SPIEGEL in einem ausführlichen Artikel mit der Theologie Karol Woytilas, Joseph Ratzingers und Walter Kaspers auseinander.
Kaspar war damals Bischof. Es ist eine interessante Volte, daß sich ein Jahrzehnt später der zum Kardinal erhobene Kaspar zum liberalen Gegenspieler des Papstes Ratzinger entwickeln sollte.
Als Wissenschaftler sind allerdings alle drei Top-Kleriker etwas minderbemittelt.

Zum Einstieg in „Augsteins Theologie“ empfehle ich den besagten Spiegel-Artikel von 1999. Es wahres Lesevergnügen.
Unglaublich, aber wahr, dasselbe Nachrichtenmagazin veröffentlicht nur 18 Jahre später Heinrich Bedford-Strohm, während in derselben Ausgabe Augstein-Junior im Meinungsartikel unter dem Titel „Urbi et orbi“ Papst Franziskus lobpreist.

Wie konnte das Magazin nur so tief sinken?
Zum Glück muß Augstein Senior das nicht mehr erleben.

[…..] "Die Schrift lehrt nichts, was nicht mit der Vernunft in Einklang stünde", behauptet Walter Kasper, derzeit noch Bischof von Rottenburg-Stuttgart, demnächst im Vatikan tätig und vermutlich übers Jahr Kardinal, in seinem Jesus-Buch. Aber Millionen Unschuldiger sind verfolgt, bestraft und getötet worden, weil die Kirche den Einklang zwischen deren vernünftigem Denken und ihren eigenen Lehren bestritt, dem dogmatischen Verständnis der sogenannten Heiligen Schrift. [….] Wenn es um Details geht, läßt sich vielleicht streiten, ob der Papst und seine engsten Berater jeweils 20, 100 oder 200 Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben sind. Darin unterscheiden sich ihre Texte nicht vom 1993 erschienenen "Weltkatechismus", den eine Kommission unter Kardinal Joseph Ratzinger erarbeitete - offenbar spürbar vom Heiligen Geist erleuchtet (Kardinal Ratzinger: "Wir glaubten oft förmlich die höhere Hand zu spüren, die uns führte") - und den Johannes Paul II. eine "sichere Norm für die Lehre des Glaubens" nennt. […..] Die Liste, was Jesus vielleicht oder wahrscheinlich getan hat, ist kurz; die Liste, was er sicher nicht oder ziemlich sicher nicht getan hat, ist lang:
Er hat nicht getauft und kein Abendmahl gestiftet, er hat weder seinen Tod noch seine Auferstehung vorausgesagt. Weder hat er selbst Sünden vergeben, noch hat er eine Vollmacht erteilt, dies zu tun. Paulus jedenfalls weiß von dieser mächtigsten Waffe der jungen christlichen Kirche noch nichts. [….] Seit den Tagen des Jesus und des Paulus ist die Welt nicht vorangekommen; die Menschen haben durch die 2000jährige Wirkungsgeschichte der Christus-Legende, vor allem aber durch das segensreiche Wirken der Kirche, keine höhere Ethik oder Moral erlangt.
Die simple Ethik der alten Griechen oder einzelner Denker wie etwa des Gelehrten aus Jerusalem Rabbi Hillel (circa 30 vor bis 10 nach Christus) könnte für einen Wertekanon ausreichen - wollte man sich an einem solchen heute noch orientieren. Es bedürfte keiner "Christlichen Ethik", wie immer sie zustande gekommen sein mag - zumal sie, wie man sieht, ursprünglich nicht so neu und anders war, wie man vorzugaukeln versucht. [….]