Mittwoch, 31. Mai 2017

Reiche Hamburger

Doch, doch, ich lebe ja gern in dieser Stadt.
Natürlich ist deswegen nicht alles gut in Hamburg. Auch in der schönen reichen Elbmetropole drehen die Menschen gelegentlich durch.
Die 19%, die Ronald Schill am 23.September 2001 nach einer massiven Pro-Schill-Kampagne der SPRINGER-Zeitungen holte, kann ich auch 16 Jahre später diesen Bürgern nicht verzeihen.
Immerhin sahen die Hamburger im Gegensatz zu den Bürgern anderer Bundesländer ihren Fehler schon nach zwei Jahren ein und gaben dem Penis-Schwenker mit dem Hitler-Herpes bei den vorgezogenen Neuwahlen einen gewaltigen Tritt in den braunen Hintern.
Am 29. Februar 2004 erreichte die Pro DM, der Schill beigetreten war 3,1 % und seine ehemalige Partei „Rechtsstaatliche Offensive“ stolze 0,4 %.

Gelegentlich werden einige Hamburger immer noch ekelig.
2014 begannen einige Anwohner der Sophienterrasse, gelegen im allerfeinsten Stadtteil Harvestehude gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft zu stänkern.
Statt wie sonst üblich den Verfall der eigenen Grundstückspreise zu beklagen, wurden die Harvestehuder noch einen Schritt perfider und argumentierten scheinbar mit den armen Flüchtlingen mitfühlend, daß diese sich bei ihnen gar nicht ernähren könnten, weil alles viel zu teuer wäre.
Lieber sollten die Heimatvertriebenen in die randständigeren Stadtbezirke, wo es aufgrund der Armut auch mehr Lidls und Aldis gäbe.
Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen und der Hamburger Senat bekam große Probleme sich durchzusetzen, weil die Anwohner der Sophienterrasse die besten und teuersten Anwälte in Marsch setzten.
Die vermögenden Xenophoben scheiterten allerdings gerade wegen ihrer Macht und Professionalität. Der relativ neue SPD-Senat konnte schon aus Prinzip nicht nachgeben und zudem begannen sich eine Reihe Harvestehuder für ihre klagenden Freunde zu schämen. Wer will schon gern das Image als fremdenfeindlicher Schnösel mit seiner Adresse verbunden wissen?
In der Folge setzten sich viele Anwohner ganz besonders intensiv für die zukünftigen Flüchtlinge in der Unterkunft Sophienterrasse ein.
Nun, nachdem die Nachbarn die Neu-Harvesterhuder kennengelernt haben, ist es auf einmal doch vorstellbar, daß eine afghanische Familie durch das edle Pöseldorf-Center spaziert. Die Integration ist zur Erfolgsgeschichte geworden. Man hilft und versteht sich.
Der Verein Flüchtlingshilfe Harvestehude ist besonders aktiv und effektiv.
190 Flüchtlinge wohnen nun in dem Nobelstadtteil und alle sind zufrieden.

[….] "Die Vorurteile nehmen automatisch ab"
Der Widerstand gegen ein Flüchtlingsheim im noblen Hamburg-Harvestehude war entschlossen. Eine Studie zeigt nun: Plötzlich sind die meisten Anwohner froh über die Nachbarn.
[….] Die Ansichten der Anwohner sind enorm positiv, die Zustimmung zu dem dortigen Flüchtlingsheim liegt bei mehr als 80 Prozent. Ein Viertel der Befragten findet es sogar gut, dass die Menschen hierherkommen, damit ihre Nachbarn mal mit der Realität konfrontiert werden. [….] Ein Großteil der Harvestehuder sieht schlichtweg die Verpflichtung, etwas für die Schutzsuchenden zu tun.[….]

Eine Erfolgsgeschichte zweifellos, aber auch eine Geschichte mit erstaunlich wenig Strahlkraft.

Das im äußersten Westen an der Elbe gelegene Blankenese produziert schon lange widerliche Schlagzeilen. Flüchtlinge? OK; irgendwie schon, aber bitte nicht in ihrem schönen reichen Blankenese, sondern beim armen Plebs in Billstedt und Jenfeld. Dabei gibt es in Blankenese ein geradezu ideales Stück Land, auf dem Flüchtlinge wirklich keinen Menschen stören könnten.

[….] Die Kampfzone haben sie inzwischen abgesperrt. "Gesichertes Objekt" steht an den Bauzäunen rund um den hügelig-kargen Sandplatz in Blankenese, als lagerten dort seltene Bodenschätze. Um Rohstoffe geht es am Björnsonweg im noblen Westen von Hamburg aber nicht. Es geht um Menschen.
Albrecht Hauter, ein weißhaariger Herr in rotem Rentnerjäckchen, spaziert an diesem Herbsttag den Zaun entlang, er macht ein düsteres Gesicht. "Hier könnten längst Häuser stehen", raunt er, "dann könnten die Flüchtlinge bald einziehen, Kinder würden auf der Straße spielen." Doch außer Sand und Gestrüpp ist hinter der Absperrung nichts zu sehen, dank einiger gewiefter Nachbarn: Erst verhinderten sie im April den Bau der Unterkünfte mit einer Straßenblockade, dann zog ein Anwohner vor Gericht. Seitdem liegen die Juristen im Dauerstreit.
In Blankenese verweigern wohlhabende Menschen Hilfsbedürftigen die Solidarität. [….]

Die juristischen Auseinandersetzungen dauern an.
Viel Geld, Vorurteile und Juristen machen es möglich.

Das Elend der stetig zunehmenden Bürgerbefragei, der Plebiszitwahn macht es möglich, daß einzelne Stinkstiefel immer mehr dem Gemeinwohl schaden können.

Im ebenfalls sehr reichen Eppendorf, dem Nachbarstadtteil Harvestehudes geht es auch gerade los.

Man sorgt sich um den Wegfall der benötigten Parkplätze.
In Eppendorf sind Parkplätze offensichtlich wichtiger als Menschen. Dabei hatte nicht etwa der rotgrüne Hamburger Senat per order di mufti über diesen Standort entschieden, sondern der Verteilungsschlüssel ergibt sich aus einer langen Diskussion mit flüchtlings-kritischen Bürger-Initiativen.

[…..] Rund 26.500 Flüchtlinge leben derzeit in 120 Folgeeinrichtungen, die über ganz Hamburg verteilt sind – zumindest fast. Denn in Eppendorf gibt es noch keine einzige Flüchtlingsunterkunft. Auch der dritte geplante Standort wird von massiver Kritik der Anwohner begleitet. Dabei reichen die Einwände von wegfallenden Parkplätzen bis hin zu einer allgemeinen Störung des feinen Stadtbildes.
Der schmale Grünstreifen grenzt an die U-Bahngleise und wird durch Parkplätze und die Loogestraße von den wenigen Wohnhäusern getrennt, die sich auf der gegenüberliegenden Seite befinden. Hier, so der „Zentrale Koordinierungsstab Flüchtlinge“ (ZKF), sollen Unterkünfte für 104 Flüchtlinge entstehen. Drei Container sollen aufgestellt werden. Es ist einer der wenigen Plätze in Eppendorf, die noch infrage kommen. Denn eigentlich müsste dieser wohlhabende Stadtteil insgesamt 415 Flüchtlinge aufnehmen. Das besagt der Verteilungsschlüssel, der nach mühsamen Verhandlungen mit der „Initiative für bessere Integration“ ausgehandelt wurde. Und während in Blankenese, Volksdorf oder Harvestehude nun endlich auch Flüchtlinge leben, ist Eppendorf offenbar immer noch weit entfernt davon. [….]

Das ständige Gejammer nach „Bürgerbeteiligung“ ist zu einer echten Geißel geworden.