Samstag, 22. Juli 2017

Kleines nettes Hamburg.

Inzwischen wächst es sich zu einer handfesten Manie des SPIEGELs heraus sich ständig über die Weltstadtambitionen der Stadt Hamburg lustig zu machen.
Hätten die Hamburger dieses Bestreben, würde ich mich natürlich auch darüber amüsieren.

Aber dabei handelt es sich um eine reine Medien-Hoax. Punktuelle Fake-News. Naja, allerdings ist Jan Fleischhauer der Autor, der gestern diese Attacke ritt.
Der selbsternannte Rächer der Konservativen, dessen SPIEGEL-Kolumne „der schwarze Kanal“ heißt, scheint sich mehr und mehr zum Nachfolger Matthias Matusseks, als braunes Enfant Terrible des Nachrichtenmagazins zu mausern.
Mindestens einen Profi-Verrückten braucht jedes Magazin.


Nachdem vor einem Monat Alexander Smoltczyk den toten Gaul „Weltstadt Hamburg“ ritt, sich über die Olympia-Blamage und den G20-Wahn mokierte und dabei vergaß, daß große Mehrheiten der Hamburger diese Megaprojekte eben nicht haben wollten, kommt nun Fleischhauer mit demselben Unsinn.
Niemand in Hamburg will Weltstadt sein.

[…..] „Hanseaten bleibt besser im Garten“, fordert Kolumnist Jan Fleischhauer. […..]
Dafür gibt es jede Menge Spott für den (angeblichen) Wunsch der Hamburger „unbedingt Weltstadt“ sein zu wollen, obwohl Hamburg definitiv nicht „irgendwie hip oder großstädtisch“ ist. Eher ein bisschen langweilig. […..]
Wenn die Stadt mal bei Ausschreitungen schmutzig werde, würden die Hamburger sofort aufräumen, man sei schließlich das „Stuttgart des Nordens“: „Andernorts warten sie nach Krawallen eine Woche auf die Stadtreinigung, in Hamburg rückt am nächsten Tag die Bewohnerschaft unter dem Motto ,Hamburg räumt auf‘ mit Besen und Eimer an.“
[…..] Wenn Fleischhauer mal auf Elternbesuch komme, schreibt er, würden die Hamburger U-Bahnen pünktlich fahren, würden sich die Obdachlosen artig bedanken und die Dealer unsichtbar machen. „Spießige Kaufmannsstadt“ eben. […..]

Ja, Herr Fleischhauer. Die Retourkutsche an das provinzielle Berlin, in dem man noch nicht mal einen richtigen Blumenstrauß bekommt und Weltläufigkeit mit mangelnder Hygiene der Bewohner und Unfreundlichkeit verwechselt wird, wälze ich lieber nicht aus.

Ich bin gerne im Fleischhauerschen Sinne Kleinstädtisch, wenn damit gemeint ist, daß ich es bevorzuge Menschen auf der Straße zu treffen, die öfter als einmal pro Woche duschen und einen nicht mit einer Pöbel-Attacke überziehen, wenn man freundlich grüßt.

Hamburg führte schon seit Jahrhunderten weltumspannenden Handelsbeziehungen, als Berlin noch ein Nest war. Berlin liegt kontinental, hat keinen internationalen Hafen, schmorte daher immer im eigenen Saft, während Hamburger von Natur aus polyglott veranlagt sind.

Hamburg beherbergt aufgrund seiner gewaltigen Handelsbeziehungen nach New York die zweitmeisten Konsulate der Welt. Im Gegensatz zu Berlin sind wir aber nie Sitz einer nationalen Regierung gewesen.
Staatsgäste trudeln bei Frau Merkel und Herrn Steinmeier in Berlin beinahe täglich ein; in Hamburg geschieht das kaum – aber der G20 zeigte welch zweifelhaftes Vergnügen es ist, wenn die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden müssen.

Ich hätte in Hamburg lieber deutlich weniger Großveranstaltungen – und bin mir darin offensichtlich sogar mit einer Majorität meiner Mitstädter einig, wenn ich die Reaktionen und Leserbriefe lese, die erschienen, als eine Woche nach dem G20-Wochenende wieder die halbe Stadt gesperrt wurde, weil Schlagermove und der Triathlon stattfanden.

Eine Stadt darf nicht zu provinziell sein, aber für meinen Geschmack sind etwas unter zwei Millionen Bewohner auf einer Fläche von 755 Quadratkilometern auch fast das Maximum.
Die echten Weltstädte, die über 10, oder gar 20 Millionen Einwohner haben, werden einfach zu anstrengend, weil der Verkehr kollabiert, die Pendelzeiten zur Arbeit extrem, die Mieten im Zentrum unbezahlbar werden.
Die Luft wird unerträglich, der Flughafen ist Stunden entfernt.

Nein, ich bevorzuge es klein und fein.
Dafür aber stabil und eigenständig. Hamburg hängt im Gegensatz zu einer gewissen größeren deutschen Stadt östlich davon nicht am finanziellen Tropf des Bundes.

Hamburg verfügt über das mit Abstand höchste Prokopf-Einkommen aller Bundesländer und ist in Kombination damit gerade groß genug, um bei den spezifischen großstädtischen Einrichtungen international mitspielen zu können.
Hier gibt es Weltklasse-Kardiologen, Weltklasse-Ballett und auch die ganz großen internationalen Stars wie Adele oder Madonna gastieren hier.

Natürlich ist Hamburg nicht überall spitze.
Mit der Presse ist es beispielsweise sehr eigenartig. Alle bedeutenden wöchentlichen Periodika, SPIEGEL, STERN und ZEIT sitzen in Hamburg.

Dafür gibt es aber keine einzige gute überregionale Tageszeitung aus Hamburg.

Bis 2014 das biedere „Hamburger Abendblatt“ mit seiner 175.000-Auflage an die FUNKE-Mediengruppe verkauft wurde, gab es de facto nur Springer-Tagespresse neben der kleinen Boulevard-Zeitung Hamburger Morgenpost.

Aber keine Hamburger Tageszeitung erreicht das Niveau der FAZ, der FR, oder gar der SZ.
Sogar der aufgabenschwache Berliner Tagesspiegel (100.000 verkaufte Exemplare) ist besser als das Abla.

Wer in Hamburg eine vernünftige Tageszeitung mit regionalen Informationen lesen möchte, muß sich mit mehreren Tageszeitungen behelfen.

Die Meldungen über die aktuelle Entwicklung der Kirchenmitgliedszahlen in Hamburg kann ich also nur durch die trübe lila Brille des Abendblattes lesen.

Grundsätzlich ist die säkulare Entwicklung in Hamburg sehr positiv.

(…..) Ungeachtet der schnöden Realität, die ein eklatantes Desinteresse an der Kirche zeigt, versuchen Medien und Politiker mit allen Mitteln für die Frommen zu werben.
In der Pfingstausgabe des Hamburger Abendblattes erschienen drei volle Zeitungsseiten unter dem Titel „Nicht ohne meine Kirche“.
Funke-Autor Peter Wenig hatte sich auf eine Reise zu den 44 Kirchen sowie rund 50 Gemeindehäusern und Pastoraten des Kirchenkreises Hamburg-Ost gemacht, die geschlossen werden.
Ein Drittel ihrer knapp 300 Gebäude muß die evangelische Kirche in Hamburg Ost innerhalb der nächsten acht Jahre aufgeben, weil sich einfach niemand mehr für ihre Gottesdienste interessiert.

[….] Jedes Jahr verliert der Kirchenkreis 5500 Mitglieder, binnen 25 Jahren ist ihre Zahl von rund 658.000 auf 433.000 gesunken. [….]
(Abendblatt, 03./04./05.06.2017)

Interessanterweise macht sich die Kirchenführung, die immer noch auf einem Milliardenvermögen sitzt, doppelt unbeliebt, indem sie systematisch die ärmsten und schwächsten Gemeinden streben läßt.

Kirchen in den reichen Stadtteilen stehen nicht zur Disposition.

[…..] Monatelang bewerteten Experten jedes kirchliche Gebäude, vom Michel bis zum kleinsten Pastorat in den Vier- und Marschlanden. Ausschlaggebend waren vor allem Lage, architektonische Qualität, Zustand des Gebäudes sowie Größe der Gemeinde. Wer dann das Prädikat "C" erhielt, wusste: Es gibt künftig kein Geld mehr vom Kirchenkreis, wenn die Heizung streiken sollte oder gar der Turm für einen sechsstelligen Betrag saniert werden muss. Und so verbirgt sich unter dem Stempel "nicht förderfähig" das wahrscheinliche Sterben auf Raten. [….]
(Abendblatt, 03./04./05.06.2017)

Abendblatt-Autor Wenig bringt viel Mitleid auf für die Pastoren, denen von ihrer Kirchenleitung der blaue Brief mit dem „Kategorie C“-Diktum ins Haus flattert.

Viele fromme Kirchen-affine Journalisten beklagen das Sterben der Kirchen, zählen die immer gleichen Gründe auf.
Immer herrscht ein larmoyanter Ton.

Nur das einzig Naheliegende liest man nie: „Die Kirchen schrumpfen – das ist ein Grund zur Freude!“

Die Kirche in Hamburg ist so gut wie tot – und das ist auch gut so.

In Hamburg ist die Kirche marginalisiert.
Katholiken finden traditionell ohnehin kaum statt.
Gut so, denn abgesehen davon, daß niemand mehr die Predigten der hanseatischen Pfaffen hören will, sind sie auch noch unangenehm. (….)
So viel Geld und so viel Werbung für die Kirchen und dennoch laufen die Mitglieder zu Hunderttausenden davon.

Das bedauernswerte Abendblatt versucht heute aber wieder einmal alles, um eine rosige Zukunft der Kirche herbei zuschreiben.
Kirchenmitglieder wären bessere Menschen als die bösen Atheisten, fährt der HH-Redakteur fort und beklagt den traditionell hohen Anteil der Freigeister in Hamburg.
Christen betrachtet FUNKE als „das Salz der Erde“, oder der Suppe – was auch immer dem Lokalschreiberling metaphorisch gerade einfiel.

Danke Herr Edgar S. Hasse, daß Sie mich offenbar als „fade Suppe“ betrachten. Da zahle ich doch gleich doppelt gern mein Abendblatt-Abonnement.

[…..]  Die Mehrheit der Menschen, die hier lebt, gehört längst keiner christlichen Religionsgemeinschaft mehr an. Die neuen statistischen Daten der beiden großen Kirchen belegen, dass nur noch weniger als 40 Prozent evangelisch oder katholisch sind. […..] Ausgerechnet in der Stadt mit dem berühmten Michel, Norddeutschlands schönster Barockkirche, hat das institutionalisierte Christentum keinen leichten Stand. […..] Die Hanseaten sind wohl bevorzugt Freigeister, und nicht von ungefähr kamen aus Hamburg wesentliche Impulse für die Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert.
[…..] Dass Christen immer mehr zur Minderheit werden, muss überhaupt nicht von Nachteil sein. […..] Selbst wenn ihre Zahl weiter sinkt, können die Christen das "Salz der Erde" bleiben. Auch mit weniger Mitgliedern hat die Kirche die Chance, die Welt und die Stadt ein bisschen besser zu machen. […..] Maßstab dafür kann nur sein, was der Herr der Kirche, nämlich Jesus Christus, auf den Weg gegeben hat: Gott und den Nächsten zu lieben. […..]
(Hamburger Abendblatt, 22.07.2017)

Zugegeben, mit solchen Zeitungen kann man sich nicht als Weltstadt gerieren.