Sonntag, 27. August 2017

Der Wahnsinn ist über mir

Die Troll- und Meme-Kultur erschwert die sachliche Auseinandersetzung im Internet erheblich.
Meme-Bildchen verwenden in der Regel Zitate oder (kurze) Sätze, um maximal zu amüsieren oder zu schockieren.
Wenn man aber einen schnellen Knalleffekt erzielen will, bleibt die Seriosität der Aussage auf der Strecke.

Man stelle ein unvorteilhaftes Bild von Heiko Mass oder Claudia Roth mit einem (erfundenen) muslimfreundlichen/deutschfeindlichen Inhalt in eine AfD-Facebookgruppe oder irgendeine andere rechte Filterblase und wird maximale Aufmerksamkeit generieren.
Es wird geteilt, geliked, gehatet und in der Aufwallung der Gefühle wird niemand mehr überprüfen, ob die dem Justizminister in den Mund gelegten Zitate wirklich stimmen.

Dabei sollte es doch Grundkonsens sein niemals die Worte „Quelle Internet“ zusammen zu benutzen.

Ich erlebe solche Internetspäße selbstverständlich auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Ein Bild eines dicken und bunt herausgeputzten Kardinals mit einem homophoben Spruch oder ein Artikel mit einem idiotischen Andreas-Scheuer-Zitat – let alone Trump-Tweets – und ich bin inzwischen sofort geneigt das zu glauben.
Es ist anstrengend sich konsequent zu zwingen jede Meldung zu prüfen, bevor man sie virtuell weiterreicht. Zudem gibt es massenhaft satirische Meldungen von „Eine Zeitung“, „der Postillon“, „the Onion“, die man guten Gewissens weiterleitet, die aber auch nichts anderes als eine Falsch-Information sind.
Die halb-seriöse Nachrichtenseite „Newslo“ verbreitet wahre Storys über radikale rechte Ansichten, die sie dann aber an einer Stelle entscheidend ausschmückt, bzw radikalisiert. Mit dem Teil wird für die Story geworben. Man klickt die Geschichte, weil man es tatsächlich für möglich hält, daß Mike Pence das gesagt hat.

[….] Newslo is the first hybrid News/Satire platform on the web. Readers come to us for a unique brand of entertainment and information that is enhanced by features like our fact-button, which allows readers to find what is fact and what is satire. […]
(fakenewswatch)

Newslo ist dennoch seriös, weil man farblich mit einem Klick („show facts“, „hide facts“) die erfundenen Parts der Story farblich kennzeichnen kann.

Sarah Palin: “If You’re In America, Speak American – The Way It’s Been For Thousands Of Years” [….]

Aber wer macht schon diesen mehrere Sekunden dauernden Schritt, wenn man auch in einer einzigen Sekunde einfach den Link teilen und Empörung generieren kann?

Newslo promoviert „trollen“ zu einem eigenen Mediengenre.
Trollen ist natürlich besonders verwerflich, weil es den Hass noch anstachelt und die Umgangsformen vergiftet.

Aber ich trolle auch – aus Verzweiflung.
Wie soll man sonst mit einer Kommentar-Website wie Kreuznet umgehen, wenn jedes Factchecking sofort von den Betreibern gelöscht wird?
Natürlich mischt man sich daraufhin als angeblich frommer Tradi unter die braunen Brüder und mischt den Laden auf – in der Hoffnung eine gewisse abschreckende Wirkung zu erzielen.
Trollen in guter Absicht.

In den sozialen Medien wird aber nicht nur getrollt, sondern es hat sich inzwischen auch eine Trollphobie entwickelt.
Die inzestuösen Filterblasen führen zu so stark vereinheitlichten Meinungen, daß jeder Widerspruch sofort als „Trollerei“ bekannt wird.
Mir ist das mehrfach mit kritischen Blogartikeln zum SPD-Wahlkampf passiert, die ich in geschlossenen Sozi-Gruppen postete, in der besten Absicht konstruktiv dazu beizutragen ein besseres SPD-Wahlergebnis zu erzielen.
Diese Gruppen sind aber so verschworen, daß man nur jubilierend und frohlockend vom nächsten Kanzler Martin Schulz spricht. Wer es wagt zu bezweifeln, daß er gewinnt, oder gar suggeriert, im Wahlkampf laufe nicht alles 100% perfekt für die Sozis, wird als vermeidlicher Troll enttarnt und blockiert.

Factchecking vergessen, Verschwörungstheorien glauben, trollen, Memes generieren – all das ist eine zivilisatorische Unkultur, die unter anderem dazu führt, daß ein Hass- und Lügen verbreitender Twitterer US-Präsident geworden ist.

Als Konsequenz sollte man sich dieser Kultur verweigern. Streng bei den Fakten bleiben, keine Memes verwenden, jegliche Ironie vermeiden und statt sarkastischem Galgenhumor nur mit ehrlicher Betroffenheit auf die Nachrichtenlage reagieren.
Mit gutem Beispiel vorangehen bis die Troll- und Meme-Kultur Vergangenheit ist. Erst dann kann wieder seriös über Politik gesprochen werden.

Aber natürlich bin ich nicht so konsequent.

Ich verwende weiterhin diese Stilmittel.
Und zwar aus Notwehr.
Die reale politische Welt ist zu so einem T(r)ollhaus verkommen, daß man sie nicht mehr mit Mitteln des seriösen Journalismus beschreiben kann, ohne selbst wahnsinnig zu werden.

Beispiel Alex Jones, der fette, fleischfressende, rechtsradikale Verschwörungstheoretiker, der sich gern die Klamotten vom Leib reißt und Reporter zum Fellatio auffordert.
So geht Journalismus im Weißen Haus 2017.

Breitbart News, Gateway Pundit, LifeZette, Newsmax und Infowars.
Solche Typen besiedeln inzwischen das White House Presse-Corps und werden dort bevorzugt behandelt.

Ein guter Mann ist zum Beispiel Alex Jones, der sich schon seit 20 Jahren ganz und gar dem Hass und den Verschwörungstheorien verschrieben hat. Er zeigt es den linken Zecken. Für ihn ist es endlich so weit. Mit Trumps Einzug ins Weiße Haus wurden die Tore zur Hölle geöffnet, die Dämonenherrschaft ausgerufen. Nun ist auch Herr Jones Mainstream. Alex Jones weiß wie man sich gewählt ausdrückt und erklärt Demokraten mal die neue Welt.


Veit Medick, SPIEGEL-Korrespondent in Washington besuchte Anfang des Jahres die Infowars-Studios in Austin, Texas, und lernte Alex Jones als seriösen, kontrollierten Mann kennen.

[…..] Alex Jo­nes […..]  glaubt, dass die Re­gie­rung über Wet­ter­waf­fen ver­fügt, mit de­nen sie künst­li­che Tor­na­dos er­zeu­gen kann. Er ist über­zeugt, dass die Schwu­lenehe die Ver­schwö­rung ei­nes glo­ba­len Ge­heim­bun­des ist, „um den Zu­sam­men­bruch der Fa­mi­lie zu be­wir­ken“ und „Gott ab­zu­schaf­fen“. Er ist sich zu „95 Pro­zent si­cher“, dass das World Tra­de Cen­ter am 11. Sep­tem­ber 2001 nicht durch ei­nen An­schlag zer­stört, son­dern von der Re­gie­rung ge­sprengt wur­de. Das Mas­sa­ker an der San­dy-Hook-Grund­schu­le im Jahr 2012, bei dem 20 Kin­der star­ben, sei eine „Ente“ von Waf­fen­geg­nern. Es gibt kaum ein The­ma, zu dem Jo­nes nicht eine ei­ge­ne, von kei­ner­lei Fak­ten ge­stütz­te Wahr­heit an­zu­bie­ten hät­te. [….] Seit­dem Trump den eta­blier­ten Me­di­en den Krieg er­klärt hat, fühlt sich Jo­nes als jour­na­lis­ti­sche Avant­gar­de. In Wa­shing­ton fürch­ten man­che, dass sich sei­ne dunk­le Ge­dan­ken­welt im Re­gie­rungs­all­tag nie­der­schla­gen wird. Als Trump kürz­lich über Mil­lio­nen il­le­ga­le Wäh­ler­stim­men fan­ta­sier­te und der Pres­se vor­warf, nicht aus­rei­chend über Ter­ror­an­schlä­ge zu be­rich­ten, hör­ten vie­le schon Alex Jo­nes spre­chen. [….] Es ist Nach­mit­tag, Jo­nes läuft durch das Stu­dio. Der Ad­re­na­lin­pe­gel ist hoch, der Blut­zu­cker nied­rig. Er muss jetzt mal was es­sen. Auf den Tisch im Kon­fe­renz­raum ha­ben sei­ne Leu­te Grill­plat­ten ge­stellt. Hühn­chen, Rind, Würs­te. „Gu­tes Bar­be­cue“, sagt Jo­nes. „Schon pro­biert?“

Er häuft sich das Es­sen auf ei­nen Plas­tik­tel­ler, dann zieht er plötz­lich sein Hemd aus, er er­klärt nicht, war­um. Mit nack­tem Ober­kör­per sitzt er da und schau­felt Fleisch in sich hin­ein. Eine Ka­ri­ka­tur von Männ­lich­keit, aber auch eine Macht­de­mons­tra­ti­on ge­gen­über dem Re­por­ter, den er vor sich hat. Er kann tun, was er will.
Dann steht Jo­nes auf und hält sich eine Wurst an den Schritt. „Willst du lut­schen?“, fragt er.
(DER SPIEGEL, Veit Medick, 25.02.2017, s.90ff)

Erfreulicherweise läßt sich Trump nun im Weißen Haus von Alex Jones beraten.(…)

Kann man sich nicht ausdenken. Bis General Kelly am 31.07.2017 Trumps Stabschef wurde, informierte sich der US-Präsident bei INFOWARS, glotze die inkarnierte Hetzsatire und machte damit Politik. Er imitiert den wahnsinnigen Hetzer sogar.


[….] 11 times Donald Trump sounded a lot like Alex Jones
Alex Jones, radio host and founder of InfoWars.com, is known for promoting conspiracy theories. He has called 9/11 an inside job, suggested the Sandy Hook and Pulse Nightclub shootings were “false flag” attacks, and said Hillary Clinton is a “demon” and an “interdimensional invader.”
Jones and InfoWars have an audience of more than 6.5 million a month, including the United States’ next president. Donald Trump and his son Donald Trump, Jr., have both shared articles from InfoWars, and Trump Sr. was a guest on Jones’s show in 2015, where he complimented Jones’s “amazing” reputation. Trump reportedly called Jones to thank him for his support after the election. [….]

Kann man das noch mit seriösen Journalistischen Mitteln beschreiben?

Im Büro des mächtigsten Mannes der Welt, dem Leader Of The Free World, hocken ein Haufen Nazis – Stephen Bannon und Miller, Seb Gorka, Michael Anton, Daniel Scavino und Peter Navarro – während der Chef INFOWARS glotzt?

Kann man es noch mit seriösen Journalistischen Mitteln beschreiben, wenn Trumps religiöse Berater Kritik an ihm für Gotteslästerung halten?


Wie konnte eine Wahnsinnige wie Paula White überhaupt jemals in die Nähe des US-Präsidenten kommen?

[….] After Charlottesville, Trump’s Spiritual Adviser Doubles Down:
Resisting Him Is Resisting “the Hand of God”
Televangelist and pastor Paula White has known Donald Trump since the early 2000s, and she is thought to be the president’s closest spiritual adviser. She prayed at his inauguration, appeared with him when he signed his executive order easing restrictions on pastors engaging in politics, and told evangelical TV host Jim Bakker she is in the White House at least weekly these days. This week, as Trump faced sustained criticism over his response to the violent white-nationalist rally in Charlottesville, Virginia, she proved her loyalty once more, appearing on the Jim Bakker Show to defend Trump’s presidency and his spiritual bona fides in apocalyptic terms. While White has condemned white supremacy as evil and has a racially mixed fan base, she didn’t mention Trump’s equivocations that have roiled the nation.
Instead, she made an extended comparison of the president to the biblical figure Esther on Bakker’s show Monday in an interview that at times sounded more like an impassioned sermon. Like Esther, White said, Trump is a come-from-nowhere figure elevated to leadership against all odds in order to do God’s will. She described Trump as a generous, humble man of “character and integrity” and vouched repeatedly for the state of his soul. “He surrounds himself with Christians, and he is a Christian,” she told Bakker, about a man who’s been widely reported as being irreligious for most of his life, prompting applause from the studio audience. “He loves prayer.” [….]

Dazu fällt mir nur ein: RESIST!

‘Raised up by God’: Televangelist Paula White compares Trump to Queen Esther.

Und dann muss ich zum Meme greifen….






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