Sonntag, 13. August 2017

Korea, Krieg Krise und Geschichte.

Nukleare Abschreckung hat bisher funktioniert. Seit Hiroshima und Nagasaki sind nie mehr Atomwaffen in einem Krieg eingesetzt worden. Der dritte Weltkrieg ist ausgeblieben.
Das bedeutet aber nicht, die atomare „Massive Response“-Strategie perfekt ist.
Womöglich hat es nicht wegen der nuklearen Abschreckung, sondern trotz nuklearer Abschreckung keinen Weltkrieg mehr gegeben.

Wie wir inzwischen wissen, war die Welt einige mal sehr kurz davor unterzugehen. Kuba, Berlin und auch der Nahe Osten haben schon extrem gefährliche Situationen kreiert, die eher zufällig nicht im Ende der Menschheit mündeten.

Friedensbewahrend wirkte zum Beispiel die Konstellation der Regierungschefs in den 1970er, die wie Helmut Schmidt und Leonid Breschnew selbst „die ganze Scheiße“ (Schmidt) im WKII miterlebt hatten und wußten was Krieg bedeutet.
Bisher sind glücklicherweise auch noch nie Atomwaffen in die Hand von religiösen Fanatikern gefallen, die in ihrem Jenseitsglauben auf das Diesseits verzichten können.
Außerdem war es hilfreich gebildete und kluge Staatenlenker zu haben.

[….]   Zwei Staatschefs provozieren sich mit Atomwaffen. Diplomatie scheint gescheitert, ein Krieg greifbar nahe. Da erinnert sich der Präsident an das Buch "August 1914" über den Ausbruch des ersten Weltkriegs: Es dürfe nicht sein, sagt er, "dass man ein ähnliches Buch über die jetzige Zeit schreibt".
Der Präsident war John F. Kennedy, und bei dem nuklearen Säbelrasseln handelte es sich um die Kubakrise von 1962 zwischen Kennedy und seinem sowjetischen Gegenüber Nikita Chruschtschow. Sie wird dieser Tage wieder viel zitiert, als Vergleich zum eskalierenden Konflikt der USA mit Nordkorea.
Donald Trump liest bekanntlich keine Bücher und ist wenig interessiert an historischen Parallelen. Stattdessen twittert er die Welt gerade immer tiefer in die Krise mit seinen täglichen Drohungen an Pjöngjang. […..]

Die US-Präsidenten Kennedy, Clinton und Obama sind (waren) alle hochgebildet, sehr belesen und kannten die Geschichte.

Die Welt ist heute viel gefährlicher, weil mehr Saaten über Massenvernichtungswaffen verfügen und insbesondere weil Trump auf den Kopf gefallen ist und gar nicht weiß was er anrichtet; ganz offensichtlich nicht die geringste Ahnung von koreanischer Geschichte hat.
Es könnte ihn auch niemand darüber aufklären – selbst wenn er sich länger als 30 Sekunden konzentrieren könnte - weil seine Regierung alle Experten gefeuert hat und noch keinen Ersatz fand.

In den westlichen Medien hieß es immer „der irre Kim“, bevor zunehmend auch Trump als „irre“ betrachtet wird.
Aber abgesehen von der Personalie Trump, blicken wir alle durch die amerikanische Brille auf Nordkorea.
Die Perspektive Pjöngjangs wird gar nicht erst untersucht.

250.000 Amerikaner leben in Südkorea.
Der dem US Pacific Command (PACOM) unterstehende Großverband United States Forces Korea (USFK) steht seit 1957 mit mindestens 30.000 Mann direkt an der nordkoreanischen Grenze.

Man stelle sich für eine Minute vor, 30.000 bis an die Zähne bewaffnete nordkoreanische Elitesoldaten stünden in Mexiko direkt an der Südgrenze der USA.

Man stelle sich vor, dieser nordkoreanische Großverband stünde nicht nur drohend da, sondern hätte zuvor bereits auf US-Staatsgebiet gewütet, wie es die Amerikaner in Nordkorea taten.

[…..]  Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan eingetreten, die Kolonialmacht in Korea. Die Rote Armee rückte im August 1945 schnell nach Süden vor. Die USA fürchteten, Stalin könnte ganz Korea unter seine Kontrolle bekommen, sie definierte deshalb die südliche Hälfte der Halbinsel als ihre Einflusssphäre, mit dem 38. Breitengrad als Grenzlinie. Noch heute ist sie die innerkoreanische Grenze.
Im Koreakrieg starben allein im Norden etwa 1,5 Millionen Menschen
Dabei war niemandem in Washington bewusst, dass die verhasste Kolonialmacht Japan diese Linie schon einmal 1896 als Grenze von Einflusssphären definiert hatte, damals mit dem Zarenreich. Nach seinem Sieg im russisch-japanischen Krieg 1905 machte Tokio dann die Halbinsel, die strategische Mitte Nordostasiens, nach der auch Russland und China gegriffen hatten, zu seinem Protektorat, 1910 zur Kolonie. […..] Der Zweite Weltkrieg befreite Korea von den japanischen Besatzern, aber er spaltete es auch. Gespräche, das besetzte Land zu vereinen, scheiterten. […..]  Kim Il-sung, den Großvater des heutigen Machthabers […..] hatte sich im Widerstand gegen die Japaner einen Namen gemacht und später in der Roten Armee gedient. Nordkorea beanspruchte das Erbe dieses Widerstands von Anfang an für sich. […..] Am 25. Juni 1950 marschierte Kim Il-sung nach Südkorea ein, um das ganze Land unter seine Kontrolle zu bringen. Binnen weniger Wochen kontrollierten seine Truppen fast die ganze Halbinsel. Dann aber landete US-General Douglas MacArthur, gestützt durch ein Mandat der UN, im September 1950 und fiel den Nordkoreanern in die Flanke. […..]  Ein übler Vernichtungskrieg folgte, bei dem die Amerikaner alle Städte Nordkoreas zerstörten. Sie warfen 635 000 Tonnen Bomben über dem kleinen Land ab, mehr als im Zweiten Weltkrieg in allen Schlachten um den Pazifik. Etwa 1,5 Millionen Nordkoreaner kamen ums Leben. Die Frontlinie jedoch verschob sich kaum mehr. [….]       

Nachdem die USA 635.000 Tonnen Bomben über Korea abwarfen und 1,5 Millionen Koreaner töteten, die sich gegen die brutale japanische Besatzungsmacht erhoben hatten, liebte das koreanische Volk die Amerikaner nicht besonders.
Soviel Geschichtsbewußtsein ist notwendig für US-Amerikaner. Trump weiß darüber höchstwahrscheinlich gar nichts.

Was will Nordkorea eigentlich?

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."
(Egon Bahr)

Pjöngjang will sicher vor dem USFK sein, es möchte auf Augenhöhe mit den anderen Staaten agieren und sein Regime erhalten.

Bill Clinton hatte das erkannt und ging vorsichtigen Schrittes auf Kim Jong Il zu.
Es setzte fast schon sowas wie Entspannung ein, denn Pjöngjang hatte nach dem Ausfall der Sowjetunion als Schutzmacht und Lebensmittelieferant mit einer gewaltigen ökonomischen Krise, sogar Hungersnöten zu kämpfen und lechzte nach Hilfe.

Clinton entschied mutig und richtig; diplomatisches Tauwetter setzte ein und gipfelte im erfolgreichen Besuch der US-Außenministerin in Nordkorea im Jahr 2000.

[…..] Zum ersten Besuch eines hochrangigen US-Regierungsmitglieds seit dem Koreakrieg vor einem halben Jahrhundert ist US-Außenministerin Madeleine Albright am Montag in Nordkorea eingetroffen.
Der nordkoreanische Vizeaußenminister Kim Gye Gwan begrüßte Albright am Sunan-Flughafen von Pjöngjang. Albright, die auch Machthaber Kim Jong Il treffen wird, will sich von der Ernsthaftigkeit der nordkoreanischen Führung überzeugen, das Land aus seiner Jahrzehnte alten Isolation herauszuführen.
   Ausreichende Zugeständnisse Nordkoreas bei seinen Raketen- und Nuklearprogrammen und seiner Haltung zum internationalen Terrorismus könnten den Weg ebnen für einen möglichen Besuch von US-Präsident
Bill Clinton in Pjöngjang Mitte November. Auf dem Weg vom Flughafen
zum Mausoleum des 1994 gestorbenen «Großen Führers» Kim Il Sung, dem Vater des heutigen Machthabers, führte Albright ein 15-minütiges Telefongespräch mit ihrem japanischen Amtskollegen Yohei Kono.
   Dabei äußerte Kono laut Beamten des Außenministeriums in Tokio Japans Sorge über das Raketenprogramm sowie die mutmaßliche Entführung von Japanern durch nordkoreanische Agenten. Albright soll
Kono zugesagt haben, ihn am Mittwoch in Seoul im Rahmen eines Dreier-Treffens der Außenminister der USA, Japans und Südkoreas zu unterrichten.  Am ersten Tag wird Albright mit Kim-Stellvertreter Cho Myong Nok zusammentreffen, dessen Besuch Anfang des Monats in Washington den Weg für ihre zweitägige Visite geebnet hatte.  [….]

So geht große Politik!
Es wurde ein Abkommen ausgehandelt, welches auf der 1994 geschlossenen Vereinbarung fußte, daß Nordkorea auf sein Atomwaffenprogramm verzichte und die USA im Gegenzug bei der nordkoreanischen Energiekrise helfen würden, indem sie unter anderem zwei zivile Atomreaktoren liefern würden.

Leider lief Clintons Zeit ab und die US-Amerikaner schickten den mit einer Stimmenminderheit von 500.000 Votes eben nicht gewählten George W. Bush ins Weiße Haus.

GWB, den man bis Trump zu Recht als den dümmsten und schlechtesten US-Präsidenten aller Zeiten ansah, wußte offensichtlich auch nichts über Diplomatie und koreanisch-amerikanische Geschichte. Er kassierte alle Absprachen und begann wieder zu hetzen; zählte Nordkorea zur „Achse des Bösen“.

[…..] Die USA lieferten nie die Reaktoren, Pjöngjang stoppte sein Atomprogramm nur teilweise. Clintons Nachfolger George W. Bush ließ das Abkommen platzen. Sein Vize Dick Cheney forderte einen gewaltsamen Regimewechsel in Pjöngjang.
Robert Carlin, langjähriger CIA-Experte für Nordkorea, hält Bushs Platzenlassen des Genfer Abkommens für einen der größten Fehler der US-Außenpolitik. Es habe ein ständiges Forum für Gespräche geboten und vor allem Vertrauen geschaffen. Seither werde der Ton zwischen beiden Ländern immer schriller. Das vermochten auch die Sechs-Parteien-Gespräche, der von China initiierte Versuch, Nordkorea mit Hilfe seiner Nachbarn zu denuklearisieren, nicht mehr zu ändern. Der gegenwärtige verbale Schlagabtausch ist nur der jüngste Höhepunkt dieser ewigen Krise. [….]   

Kim Jong Il starb 2011, nachdem er von GWB zur Weißglut geärgert und angesichts seiner Beobachtungen was „Achse des Bösen“-Ländern ohne Massenvernichtungswaffen wie dem Irak widerfährt, das Atomprogramm wieder voll hochgefahren hatte.

Die USA greifen immer wieder andere Länder an und stürzen Regime.


Ein nicht amerikafreundliches Regime überlebt nur, wenn es sich eben nicht an das Diktat hält keine Massenvernichtungswaffen anzuschaffen.
Also jene Waffen, die die USA mit größter Selbstverständlichkeit selbst besitzen und einsetzen (Hiroshima!), aber anderen verbieten.

Wenn aber viele Nationen Atomwaffen besitzen  - was bei einigen zwar höchst illegal ist nach dem Atomwaffensperrvertrag, aber wie bei Israel dann doch akzeptiert wird – wird die Gefahr für die „Schurkenstaaten“, die noch keine haben, immer größer.
 Der Iran hat es bei seinen direkten westlichen und östlichen Nachbarn erlebt. Irak und Afghanistan wurden von den USA plattgemacht, weil sie keine Atombomben hatten.
Aus Sicht Teherans ist es also völlig logisch den Weg Pjöngjangs zu gehen und sich möglichst bald auch Atomraketen anzuschaffen.
Das ist Egon Bahrsche Realpolitik, die man als solche wie Bill Clinton erkennen kann und dann diplomatisch handelt, um Verbesserungen zu erzielen.
So kam es auch zum „Iran-Deal“ unter Barack Obama.

Clinton und Obama sind eben nicht auf den Kopf gefallen.

Trump allerdings umso mehr.