Donnerstag, 14. September 2017

Augen abwenden.

Die neuesten Umfragen zur Bundestagswahl – Grüne und SPD rutschen weiter ab, AfD und FDP legen stark zu – deprimieren mich.
Sie deprimieren mich insbesondere ob der großen Buch-Zwei-Analyse in der letzten Wochenend-SZ, die auswertet, daß die so verhassten Umfrageinstitute leider mit ihren letzten Daten vor Trump oder Bundestagswahlen immer Recht hatten. Die Ergebnisse lagen immer innerhalb der Fehlertoleranz von +/- zwei Prozentpunkte. Nur im Jahr 2005 irrte man sich mit dem CDU-Ergebnis.


Das alles deprimiert mich sogar dermaßen, daß ich an andere Ende der Welt gucke, um mich abzulenken.
Thema Kolumbien.
Dort gab es einen fünfzig Jahre währenden Bürgerkrieg, der damit der am längsten währende bewaffnete Konflikt in der westlichen Hemisphäre ist und in der europäischen Wahrnehmung kaum vorkommt. 200.000 Tote und sieben Millionen Flüchtlinge – alles Christen, alles Katholiken, die sich gegenseitig abmurxen – die uns nicht interessieren.

[….] Nach einem mehrjährigen erbitterten Machtkampf – der sogenannten Violencia (1948-1953) – schlossen die Konservativen und Liberalen einen Pakt der Machtteilung (1958-1974). Die "Violencia", der bis 1963 mehr als 200.000 Zivilisten zum Opfer fielen, hat das politische Klima des Landes nachhaltig vergiftet. Die "Nationale Front" zwischen Konservativen und Liberalen schloss andere Parteien faktisch von der Regierungsbildung aus. Auch danach wurden Oppositionelle bedroht und ermordet, darunter mehrere Präsidentschaftskandidaten. Den Tiefpunkt bildete die fast völlige Auslöschung der linken Partei Unión Patriótica in den 1980er Jahren. Die politische Teilhabe oppositioneller Parteien, linker Gewerkschaften und zivilgesellschaftlicher Organisationen wird bis heute behindert. Politische Morde sind heute nicht mehr so häufig wie noch in den 1980er Jahren, aber immer noch ein Faktum. [….] Die wichtigste Konfliktursache war und ist das große soziale Gefälle zwischen Arm und Reich und damit verbunden die extrem ungleiche Verteilung von Landbesitz. Kolumbien ist weltweit eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit; es steht auf Platz 12 von 168 Ländern laut UNDP (Gini-Index von 55,9 für 2013). [….] Zivilgesellschaftliche Initiativen engagieren sich seit Jahren lokal für gewaltfreie Lösungsansätze, beispielsweise in sogenannten Friedensgemeinden oder humanitären Zonen. Für sie und andere AktivistInnen bleibt Kolumbien ein gefährliches Land. 2014 wurden 626 MenschenrechtsaktivistInnen bedroht und 55 ermordet. Für 72% der Taten sind paramilitärische Gruppen verantwortlich (siehe Bericht der NRO "Somos Defensores"). […]

Papst Franzens Kirche spielt bei diesem Massenmord eine wesentliche Rolle.

[…..] Die kolumbianische Bischofskonferenz ist bezüglich der Aussöhnung mit den Farc mindestens so zerstritten wie der Rest der Gesellschaft. Der Klerus pflegt traditionell eine Nähe zu den wirtschaftlichen Eliten, den Großgrundbesitzern. Kolumbiens Reichtümer sind bis heute etwa so gerecht verteilt wie in einem mittelalterlichen Fürstentum, und diese Eliten haben wenig Interesse daran, dass sich daran etwas ändert. Genau das ist aber die Grundidee des Friedensschlusses - sie besteht darin, dass der bewaffnete Konflikt nur dann dauerhaft beendet werden kann, wenn auch die zentrale Konfliktursache beseitigt ist: die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit. […..]

Sich für Arme und Besitzlose einzusetzen kam für die römisch-katholische Kirche Jahrzehntelang überhaupt nicht in Frage. Woytila und Ratzinger ernannten nur erzkonservative Bischöfe, die fest an der Seite der Faschisten gegen Liberale und Menschenrechte kämpften.
Faschistoide Kleriker haben in Südamerika eine große Tradition.

Einer der bekanntesten Kolumbianer in dieser Hinsicht war Miguel Ángel Builes Gómez (1888 - 1971), der als Erzbischof Santa Rosa de Osos von 1924 bis zu seinem Tod wütete.
Bereits im jugendlichen Alter von 35 Jahren, am 29 November 1923 wurde er von Papst Pius XI als Bischof bestimmt.

Der Mann war eine Bestie.

[….] He seemed to some to possess arrogance and was observed to force a smile on occasion despite being a modest man though this caused consternation to his flock. He was nevertheless a tireless defender of orthodox principles and was harsh in those forces that sought to disrupt good morals and decent standards. He became a maligned and controversial figure due to his condemnations of liberal principles that were too secular in their nature and some believed that he lacked a concrete plan in relation to pastoral activism.[2] On 2 February 1927 he issued a pastoral letter on proper fashion for women believing women had to dress on a modest and conservative level; he also did not approve of women riding horses. Builes said that women in trousers or on horses were sins that he alone could absolve. [….]. In the 1950s he criticized those occasions where women were alone and not with a male companion - such as a husband - regardless of whether it was dark outside or not. He prohibited mambo dancing as a sin and a corruption of morals and condemned this and the dissent to that ruling in a 24 February 1953 pastoral letter while also criticizing the polka and the waltz among other dance forms. Pope Pius XII - in 1952 - titled him as a Domestic Prelate of His Holiness and an Assistant to the Pontifical Throne (or Monsignor) […]

Für die verhassten Liberalen, die Frauen erlauben wollten Hosen zu tragen oder gar zu tanzen, die zudem gegen die erzkonservativen Großgrundbesitzer demonstrierten, fand der fromme Kirchenmann – GOTT IST LIEBE – stets die richtigen Worte.

[…..] Berühmtestes Beispiel ist das Gebot von Erzbischof Miguel Ángel Builes: "Liberale zu töten, ist keine Sünde!" […..]

So stellt man sich einen anständigen Christen vor im Vatikan und ehrte den Killer-Erzbischof noch 30 Jahre nach seinem Tod. Der Mann wird heute als reif für die Seligsprechung angesehen, in Franzls Amtszeit gibt es dafür ein „nihil obstat“ – also eine Unbedenklichkeitserklärung für der Mörderkleriker.

[….] The beatification cause opened under Pope John Paul II on 8 October 1990 after the Congregation for the Causes of Saints issued the official "nihil obstat" and titled Builes as a Servant of God. The diocesan process was held in the Santa Rosa de Osos diocese from 29 September 2001 until 29 September 2003 when it was closed and all documentation sent to the C.C.S. in Rome who validated the process on 19 January 2007. The postulation later submitted the Positio dossier to the C.C.S. in 2013 for assessment. Theologians approved the cause on 6 December 2016. [….]

In der letzten Woche weilte Papst Franz persönlich in Kolumbien. Da hatten sich einige liberalere Pastoren überlegt, man solle vielleicht doch nicht unbedingt einem Kirchenfürsten huldigen, der zum Mord aufrief.
Aber dafür gibt es keine Unterstützung von Franzls Amtskirche.

[….] Anfang dieser Woche gab es in Bogotá eine Veranstaltung, bei der sich ein kleines Grüppchen von Priestern traf, um unter anderem für den Hassprediger Builes öffentlich um Verzeihung zu bitten. Der Jesuiten-Pater Javier Geraldo erklärte gegenüber der lokalen Presse: "Unsere Kirche hat eine Verantwortung, der sie sich endlich stellen muss." Geraldo sagte aber auch, es sei natürlich nicht möglich gewesen, für dieses öffentliche Bußgebet die Unterstützung der Amtskirche zu bekommen. [….]

Nein, natürlich nicht!

Bergoglio, der sich ja auch mit der faschistischen Mörderdiktatur in Argentinien gut arrangiert hatte, bleibt auf Woytila- und Ratzinger-Linie, wenn es um faschistische Horrorkleriker in Südamerika geht.

[….] Die Erwartungen an Franziskus' erste Kolumbien-Reise waren hoch. [….] Papst Franziskus gibt sich alle Mühe, seinen Besuch in Kolumbien zu entpolitisieren: Er schlug den Wunsch von Ex-Guerrilleros der einstigen Rebellentruppe Farc aus, die um eine Privataudienz gebeten hatten. Nur kurz traf er sich mit einer Delegation von fünf Bischöfen aus Venezuela, und er verzichtete auf jegliche Kritik an dem diktatorischen Regime von Präsident Nicolás Maduro.
Der Pontifex zeigte sich nur allgemein "besorgt" über die humanitäre Krise in dem Nachbarland - viele Venezolaner hatten gehofft, dass der Papst sich öffentlich für die Entsendung humanitärer Hilfe, Medikamente und Lebensmittel in die von Hunger und Mangelwirtschaft gepeinigte Nachbarrepublik einsetzen würde. [….]  In der Vergangenheit stand der Klerus oft auf der Seite der Herrschenden, das südamerikanische Land hat einige der konservativsten Geistlichen Lateinamerikas hervorgebracht. [….] Ausgerechnet dieser Papst, der in anderen lateinamerikanischen Ländern gern die herrschenden Klassen wegen ihres Elitismus und mangelnden Mitgefühls kritisiert, macht sich nun in Kolumbien zum Verbündeten der Regierenden: Franziskus und Präsident Juan Manuel Santos, ein Vertreter einer der traditionellsten und einflussreichsten Familien des Landes, wirken bei ihren gemeinsamen Auftritten wie ein Herz und eine Seele. [….] Franziskus hat die Demoralisierung der Gesellschaft und ihrer Institutionen, die dem kolumbianischen Konflikt zu Grunde liegt, bislang nicht angesprochen. Damit läuft er das Risiko, dass seine Appelle an Vergebung und Versöhnung verhallen. Die Abwanderung der Gläubigen, die auch in Kolumbien massenweise zu evangelikalen Pfingstkirchen überlaufen, ist so nicht zu stoppen. [….]

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