Sonntag, 1. Oktober 2017

Was man erwarten darf.

Aufgrund der lustigen Kritiken der Spon-Kolumnistin Anja Rützel über die neue RTL-II-Rammelshow „Love-Island“ sah ich mir letzte Woche eine der Folgen an.
Potzblitz; es ist in der TV-Unterhaltung wie in der amerikanischen Politik. Schlimmer geht immer.

[…..] Es geht um Besitz, um Macht, um Status, das ganze System der Bumsenomics, in dem Liebe ein notdürftig romantisch verbrämter Aktienmarkt ist. […..] Endlich hat man den Hamster, den man sich als Kind immer wünschte und nie bekam. Und zwar gleich ein ganzes Rudel dieser Tierchen, bei denen man nie so genau weiß, was im winzigen Oberstübchen hinter den blanken Knopfaugen so vor sich geht, wenn man sie jeden Abend bei ihren Kapriolen beobachtet. […..]

Auch wenn ich keine deutschen Shows und Soaps gucke, habe ich doch über Zweitverwertungskanäle wie Oliver Kalkofe in den letzten 20 Jahren eine umfassende Vorstellung von der Dummheit der C-Z-Promis entwickeln können.
Aber ich gebe zu, von dieser Love-Island-Bande überrascht zu sein; offensichtlich ist es doch möglich den bisherigen Niveau-Keller noch zu unterschreiten.

Was genau ist es aber, das mich an solchen Menschen so ungeheuer abstößt?
Es gab schließlich schon immer menschliche Abgründe. Kriminelle, Vergewaltiger, Soziopathen, Sadisten und Gewalttäter hat die Gattung Homo Sapiens immer hervorgebracht.
Wieso sollte man also geradezu physische Abscheu bei einem Dutzend der üblich operierten Busen-Blondis und Ganzkörper-rasierten Muskelboys empfinden?

Vermutlich liegt es daran, daß sie eine für mich besonders inkompatible Charaktereigenschaft bis zum Exzess ausleben: Selbstdarstellung.
Sie finden sich alle selbst so fabelhaft. Ihr ganzes Streben ist darauf ausgerichtet von möglichst vielen gesehen und bewundert zu werden. Manisch treibt es sie vor die Kamera. Sie sind immer schriller und lauter als die anderen.
Beim kleinsten Anlass, beispielsweise dem Eintreffen einer Textnachricht oder auch nur einem Blick in den Spiegel, kreischen sie kollektiv mit 120 Dezibel mit markerschütternden Stimmfarben, beginnen zu springen und die Arme hochzurecken.


Kleine Massai-Kinder lernen sich bei der Begegnung mit bestimmten Raubtieren eine möglichst großen Gegenstand wie einen Korb über den Kopf zu halten und laut zu schreien.
Sie wirken damit aus Sicht einer Hyäne größer und abschreckender.
So funktionieren auch die Bums-Island-Kreischfrauen auf RTL-II; man möchte wegrennen.

Ich bin so alt, daß ich noch der antiquierten Vorstellung anhänge, Stars oder Celebrities wären bekannt, weil sie über irgendeine besondere Fähigkeit verfügen. Ich fremdele noch mit der Erkenntnis, daß jede Nation nun über Tausende It-Girls und It-Boys verfügt, die rein gar nichts können, sondern einzig und allein penetrant um Aufmerksamkeit buhlen.

Ich mag Menschen mit den diametral entgegengesetzten Eigenschaften.
Bescheidene, zurückhaltende Typen, die zuhören können.
Leute, die eben nicht laut „ich, ich, ich“ brüllen. Kontemplative, Besonnene, die sich nicht radikal selbst überschätzen.

Es wäre aber dumm von mir Bücherwürmer und ernsthafte Denker in einer RTL-II-Kopulationsshow zu erwarten.

Das Medium Trash-TV erfordert notwendigerweise oberflächliche Kreischweiber und posierende Proleten-Kerle.
RTL-II & Co sind ihr natürliches Habitat, welches ich zum Glück weitgehend meiden kann. Niemand ist gezwungen sich die Zimmertemperatur-IQ-Parade anzusehen.

Anders liegt der Fall in der Politik.
Der Politik kann man nicht entgehen; wir brauchen Politiker.
Irgendeiner muß Bundeskanzler und US-Präsident sein.

Dort sähe ich ebenfalls gern sachorientierte, öffentlichkeitsscheue Personen, die nicht von persönlichem Ehrgeiz getrieben in die Talkshows pilgern.
Die parteitaktischen Spieler würde ich gern durch analytische Köpfe ersetzten.
Menschen, die nicht um Ansehen und Positionen buhlen, die nicht brutal die Ellenbogen ausfahren, andere mit Häme überschütten und stets ihren eigenen Vorteil suchen.

Es liegt aber in der Natur der Sache, nämlich unserer modernen Mediendemokratie, daß unscheinbare, nur am Allgemeinwohl interessierte und integre Personen es nicht in die vordere Reihe der Politik schaffen.

Als es noch kein Farb-TV gab, mußten Politiker nicht geschminkt werden und als die meisten Leute nur über Rundfunkempfänger verfügten, konnte ein Minister auch dick und häßlich sein.
Magenband-OP, Joggen, Personal-Trainer und persönliche Stylisten waren einmal irrelevant.
Durch Facebook, Twitter und Co muss ein Politiker auf der Karriereleiter viel Zeit aufwenden, um völlig unabhängig von seinen politischen Überzeugungen zu gefallen.
Ein Problem gründlich zu durchdenken und eine fundierte Lösungsstrategie zu präsentieren ist nicht möglich, wenn innerhalb von Minuten auf Ereignisse reagiert werden muss, weil man nach einer Stunden schon nicht mehr wahrgenommen wird.
Genau die Charaktereigenschaften, die mir sehr unangenehm sind, das Ellenbogen-Ausfahren im Ortsverein, das sich selbst anpreisen, muss man haben, um in die Parlamente zu kommen.
Dort muss man sich nun gegen hunderte Profi-Selbstdarsteller profilieren, um für wichtige Jobs infrage zu kommen.
Die Wähler mögen auch offensichtlich keine Unbekannten. Sie setzen nicht auf Sachthemen.
Mein arabischer Bäcker wählte mit der Erststimme CDU und mit der zweiten Stimme die FDP. Ich war entsetzt, als er mir das erzählte, weil ich weiß, daß er eher links tickt.
Auf meine Frage wieso er denn nicht SPD gewählt hätte, erklärte er, Schulz hätte ja keine Chance gehabt Kanzler zu werden, er wollte, daß seine Stimme zählt.
Merkel hingegen habe gute Chancen gehabt und Lindner sei doch jetzt wieder überall präsent.

Keine Kommentare:

Kommentar posten