Sonntag, 22. Oktober 2017

Psychoanalytischer Ansatz – Teil II

Auf eins der erkenntnisreichsten Bücher der letzten Jahre habe ich mehrfach hingewiesen, weil ich möchte, daß jeder es liest.

….ein anderes Buch, welches ich nicht genügend loben kann, ist Karen Duves „Warum die Sache schiefgeht“ von 2014. Hier erklärt sie absolut überzeugend, wieso weltweit die Arschgeigen das Sagen haben.

Warum die Sache schiefgeht
Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen
[….] Überleben ODER Beibehaltung des jetzigen Lebensstils – das ist der Entscheidungsradius, in dem wir uns bewegen. Schade nur, dass in Politik und Wirtschaft immer noch meist diejenigen das Sagen haben, die am allerwenigsten dazu geeignet sind. In ihre Positionen sind sie gekommen, weil sie Eigenschaften besitzen, die sich bei genauerer Betrachtung auch für eine Verbrecherlaufbahn eignen: Knallhartes Durchsetzungsvermögen, Risikobereitschaft, Selbstvertrauen und unbegrenzte Einsatzbereitschaft. Nette, verantwortungsvolle und sozial funktionierende Menschen schaffen es meist gar nicht erst bis in die Führungsetagen. Das ist ein Problem. [….]

Als Duve dieses grandiose kleine Werk (nur 170 großbuchstabige Seiten) verfasste, konnte niemand ahnen, daß ein Wahnsinniger wie Donald Trump für das US-Präsidentenamt kandidieren könnte, geschweige denn, daß er offiziell von einer großen Partei nominiert werden würde.
Liest man Duves Buch mit dem heutigen Wissen um den gegenwärtigen Okkupanten des Weißen Hauses erneut, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Der eben noch kühne Gedanke, daß Psychopathen außer Serienmörder auch sehr gut Politik können, erscheint inzwischen naheliegend.

Warum die Sache schiefgeht s.25

Die im US-Wahlkampf täglich präsentierten erschreckenden Verhaltensweisen Trumps, seine grotesk-brutalen Ausfälle, die hinlänglich dokumentierten Beleidigungen, grotesken Schimpftiraden und die offensichtliche Begeisterung für Brutalität schadeten Trump, wie man a posteriori weiß, nicht.

[…] Trump spon­ser­te 1989 eine Kam­pa­gne, die das Ziel hat­te, fünf Ju­gend­li­che in New York hin­zu­rich­ten. Als dann de­ren Un­schuld be­wie­sen war, ließ er das ein­fach nicht gel­ten.
Er prahl­te da­mit, sich Frau­en ge­gen­über jede Art von Überg­rif­fen leis­ten zu kön­nen ("Greif ih­nen an die Mu­schi. Du kannst al­les ma­chen").
Im Wahl­kampf ver­sprach Trump, er wer­de nicht nur das Wa­ter­boar­ding wie­der zu­las­sen, son­dern „noch viel wei­ter ge­hen“.
Er for­der­te sei­ne An­hän­ger auf Wahl­ver­an­stal­tun­gen auf, Pro­test­ler zu­sam­men­zu­schla­gen ("Prü­gelt ih­nen die See­le aus dem Leib. Ich zah­le den An­walt. Ver­spro­chen").
Er rief Waf­fen­nar­ren kaum ver­hoh­len dazu auf, sei­ne Kon­kur­ren­tin Hil­la­ry Clin­ton zu er­schie­ßen.
Er er­klär­te sich selbst für un­an­tast­bar ("Ich könn­te mit­ten auf der Fifth Ave­nue je­man­den er­schie­ßen, und es wür­de mich kei­ne ein­zi­ge Wäh­ler­stim­me kos­ten").
Er äu­ßer­te ver­schie­dent­lich Un­ver­ständ­nis dar­über, war­um man Atom­waf­fen, wenn man sie schon habe, nicht auch nut­zen dür­fe. [….]
(DER SPIEGEL, 21.10.2017, s.113 f)

Bei Duve konnte man schon drei Jahre zuvor nachlesen, weshalb so einer nicht sofort in der Gummizelle landet.
Man verwechselt seine dunklen destruktiven Ausfälle mit „Alphatierverhalten“ und leitet daraus sogar besonders große Führungsqualitäten ab.

Warium die Sache schiefgeht s.29

In den Führungsetagen gibt es überproportional viele Psychos.
Das muss nicht unbedingt eine Katastrophe sein.
Menschen mit Psychischen Probleme können dennoch, oder sogar gerade deswegen sehr erfolgreich sein.

Willy Brandts schwere depressive Episoden sind wohlbekannt; immer wieder war er nichts arbeitsfähig und schloss sich über Tage ein, war nicht ansprechbar.
Er war aber einer der besten Bundeskanzler, die wir je hatten, wurde mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

[….] Abra­ham Lin­coln zum Bei­spiel wein­te in der Öffent­lich­keit, und Theo­do­re Roo­se­velt war be­rühmt für sei­ne ma­ni­schen Ti­ra­den. Bei John F. Ken­ne­dy konn­ten die Au­to­ren der Stu­die zwar kei­nen un­mit­tel­ba­ren Hin­weis auf eine see­li­sche Stö­rung fin­den, doch stand er oft un­ter dem Ein­fluss psy­cho­ak­ti­ver Me­di­ka­men­te. Alle drei wa­ren zwei­fel­los er­folg­rei­che Prä­si­den­ten. [….]
(DER SPIEGEL, 21.10.2017, s.114)

Bei Trump liegt der Fall aber anders, da er zutiefst destruktiv veranlagt ist und zudem auch noch mit Dummheit und Borniertheit geschlagen ist.

Das von der Psychiaterin Prof Bandy Lee herausgegebene Buch über Trumps Wahnsinn legt dar, daß Trumps Wahnsinn hochgefährlich ist.

 […..] In THE DANGEROUS CASE OF DONALD TRUMP, twenty-seven psychiatrists, psychologists, and other mental health experts argue that, in Mr. Trump’s case, their moral and civic “duty to warn” America supersedes professional neutrality. They then explore Trump’s symptoms and potentially relevant diagnoses to find a complex, if also dangerously mad, man.
Philip Zimbardo and Rosemary Sword, for instance, explain Trump’s impulsivity in terms of “unbridled and extreme present hedonism.” Craig Malkin writes on pathological narcissism and politics as a lethal mix. Gail Sheehy, on a lack of trust that exceeds paranoia. Lance Dodes, on sociopathy. Robert Jay Lifton, on the “malignant normality” that can set in everyday life if psychiatrists do not speak up.
His madness is catching, too. From the trauma people have experienced under the Trump administration to the cult-like characteristics of his followers, he has created unprecedented mental health consequences across our nation and beyond.
It’s not all in our heads. It’s in his. […..]

Das ist in der Tat außerordentlich beunruhigend was die 27 Experten über Trump zusammentragen.

[….] Das Ver­hal­ten des Tä­ters zei­ge cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le ei­nes So­zi­o­pa­then, ur­teilt der Gut­ach­ter und Psych­ia­ter Lan­ce Do­des. Es hand­le sich da­bei um „eine der schwer­wie­gends­ten al­ler see­li­schen Stö­run­gen“. So­zi­o­pa­then lit­ten un­ter ei­nem „De­fekt in der grund­le­gen­den Na­tur ih­res Mensch­seins“. Ihre ty­pi­schen Ei­gen­schaf­ten: „Sa­dis­tisch, mit­leid­los, grau­sam, ab­wer­tend, un­mo­ra­lisch, pri­mi­tiv, kalt­schnäu­zig, räu­be­risch, schi­ka­nie­rend, ent­mensch­li­chend.“
Do­des lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass er von ei­nem ge­fähr­li­chen Mons­trum spricht. Doch ge­meint ist nicht etwa der At­ten­tä­ter von Las Ve­gas. Nein, die Rede ist vom am­tie­ren­den Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten.
Do­des' Ex­per­ti­se ist Teil ei­nes Buchs, in dem 27 Fach­leu­te – teils sehr nam­haf­te Psych­ia­ter und Psy­cho­lo­gen – ihr Ur­teil über Do­nald Trump ab­ge­ben(*). Der Band ist aus ei­ner Kon­fe­renz her­vor­ge­gan­gen, die un­ter dem Mot­to „Duty to Warn“ (Pflicht zu war­nen) an der Uni Yale statt­fand.
Ent­stan­den ist ein un­heim­li­ches See­len­pan­ora­ma. Trump wer­den ein „hy­per­ma­ni­sches Tem­pe­ra­ment“, eine „wahn­haf­te Los­lö­sung von der Wirk­lich­keit“ und „pa­ra­no­ide Hy­per­emp­find­lich­keit“ at­tes­tiert. Die Au­to­ren un­ter­stel­len ihm nicht nur „Ge­dan­ken­lo­sig­keit“, „Leicht­sinn“ und „Selbst­ver­herr­li­chung“, son­dern auch „Frau­en­hass“, „Bos­haf­tig­keit“ und „Be­wun­de­rung für Ge­walt­herr­scher“. So­gar vor Ver­glei­chen mit Adolf Hit­ler schre­cken die Fach­leu­te nicht zu­rück.
Den Le­ser hin­ter­lässt das Buch fas­sungs­los: Wird das mäch­tigs­te Land der Welt wirk­lich von ei­nem Ver­rück­ten re­giert? Ei­nem Grö­ßen­wahn­sin­ni­gen, der nicht recht weiß, was er tut? [….]
(DER SPIEGEL, 21.10.2017, s.112)

Die Diagnosen decken sich zum Teil mit denen, die ich letzte Woche zusammentrug.

[….] Leo­nard Glass hofft, der Be­geis­te­rung der Trump-An­hän­ger mit sei­ner Ex­per­ti­se et­was ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen: „Die Leu­te glau­ben, Do­nald Trump sei ein rich­ti­ger Kerl“, sagt er. „Sie den­ken: Der hat Mumm, der hat Geld, der lässt sich von nie­man­dem was sa­gen.“ Des­halb sei es wich­tig, den Men­schen zu er­klä­ren, dass all das auf­ge­bla­se­ne Ge­prah­le ver­mut­lich nur Aus­druck ei­ner Ich-Schwä­che sei. Wer es nö­tig habe, sich selbst so maß­los zu prei­sen, dem mang­le es an Selbst­wert­ge­fühl. [….]
(DER SPIEGEL, 21.10.2017, s.114f.)

Das ist wenig überraschend, da Trump durch seine stark eingeschränkte Intelligenz und mangelnde Bildung gar nicht in der Lage ist seine gravierenden Charakterdefizite zu verbergen.

Jeder kennt das peinliche Gefühl, wenn man mit Verspätung etwas begreift, das die anderen offensichtlich schon länger wissen.
Üblicherweise versucht man dann den eigenen Lapsus zu verbergen und sich nicht anmerken zu lassen wie verzögert der Groschen gefallen ist.
Nur unter guten Freunden gibt man unumwunden zu „das begreife ich ja jetzt erst; was bin ich nur für ein Idiot!“.

Trump ist aber zu dumm, um zu abstrahieren. Er kann nicht zwischen seiner eigenen Erkenntnis und der Sicht auf ihn unterscheiden.
Wenn er etwas Banales begreift, das für den Rest der Welt eine altbekannte Binsenweisheit ist, verbirgt er seine Bildungslücke nicht nur nicht, sondern weist auch noch lautstark drauf hin, indem er behauptet „NOBODY EVER KNEW…“, daß Gesundheitspolitik kompliziert ist, oder er macht sich sogar doppelt lächerlich, indem er behauptet er habe als erster einen Zusammenhang erkannt, oder einen Begriff, wie „fake“ geprägt  – auch wenn es sich um einen terminus technicus handelt, der wie “prime the pump” seit Jahrzehnten gebräuchlich ist.

Das ist vielleicht das noch größere Problem, als die an sich schon schockierende Erkenntnis, daß ein neroesker Wahnsinniger ohne Selbstreflektion, Em­pa­thie­fä­hig­keit und Selbstkontrolle mit dem Atomcodes herumläuft:
62 Millionen Amerikaner wurden nicht etwa geschickt getäuscht und manipuliert ihn zu wählen, sondern sie haben sich für ihn entschieden, nachdem er anderthalb Jahre lang täglich bewiesen hatte, daß man ihn auf gar keinen Fall wählen darf.
Es waren nicht nur die schockierenden Ausfälle gegen jeden menschlichen Anstand, wie das Nachäffen eines Behinderten, das Prahlen mit Vergewaltigungsversuchen, der offensiv vorgetragene Rassismus und die manische Frauenverachtung.
Trump zeigt nicht nur mit seinen grotesken Bühnenaktionen – Wasserflaschen auskippen, um Rubios Schwitzen nachzumachen, auf Puerto Rico Paper-towels in die  Menge werfen und sich eine „10 out of 10“ für seine Hurricane-Management geben – wie unzurechnungsfähig er ist.
Seine manisches Lügen, die primitive Sprache und die ostentative Borniertheit zeigen in jedem Satz wie inkompetent er für das Präsidentenamt ist.

Ein demokratisches Wahlsystem, das so einen zum mächtigsten Mann der Welt macht, mit der Power die Erde 50 mal mit Atombomben zu zerstören, ist offensichtlich untauglich.

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