Dienstag, 31. Oktober 2017

Theodizee 2017

Daß der Bundestag heute auch den Nichtreligiösen einen Feiertag spendiert hat, ist für mich irrelevant, da ich nicht angestellt bin.

Blöd ist allerdings das zu jedem christlichen Feiertag in den Zeitungen verbreitete Theodizee-Genöle der liberalen Christen, die öffentlich damit hadern wie absurd ihr Glaube ist.

Gerätselt darüber wurde aber schon vor 3.000 Jahren im alten China, bei den Sumerern, in Indien, im Iran, Babylonien und Ägypten.

Eine Antwort fiel nie einem ein. Zu offensichtlich ist die Tatsache, daß ein Gott nicht gleichzeitig allmächtig und gut sein kann.

Fall A) Ein allmächtiger Gott existiert nicht.

Fall B) Ein allmächtiger Gott existiert. Dann zeigen aber Auschwitz und die weiteren bekannten Genozide, daß er ein Arschloch sein muß und das ist per Definition eben nicht göttlich. Also existiert eben doch kein (lieber) Gott.

Was ich hier wieder einmal skizziere, ist das alte Theodizee-Problem.
Der Begriff wurde durch Gottfried Wilhelm Leibniz, dem letzten Universalgelehrten der Geschichte in seiner Abhandlung  „Essai de Théodicée“ (1710) geprägt.

Damit griff er aber einen Jahrtausende alten Gedankengang auf.

Die große Theodizee-Frage (Rechtfertigung Gottes“) wird immer wieder gestellt - seit Jahrtausenden, seit Epicur.

Sextus Empiricus, der Arzt und Philosoph des 2. Jahrhunderts, formulierte das Dilemma folgendermaßen:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
Oder er kann es und will es nicht:
Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
Oder er will es nicht und kann es nicht:
ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

„In letzter Zeit war die Leistungsbilanz Gottes, was die Juden anbelangt nicht gerade überwältigend." Er könne nicht zugleich allmächtig und gerecht sein - denn wäre er es, hätte er Ausschwitz nicht zugelassen. Doch offensichtlich konnte er es nicht verhindern.
Und was ist wenn es einen Gott gibt, der Ausschwitz verhindern wollte, aber nicht konnte?

Auch dazu hat Bauer eine einfache Antwort: „Ein armer Kerl, der Unterstützung braucht, der sich seine Stärke von uns holen muß - einen solchen Gott brauche ich nicht!“

Interessanter als die große Theodizee-Frage an sich finde ich die Tatsache, daß professionelle Priester, Ordensleute und klerikaler Hochadel nach 2000 Jahren Kopfzerbrechen immer noch keine Alibi-Antwort gefunden haben.

2017 formuliert Matthias Drobinski, der große Fromme der SZ das Problem in seinem lakonischen Leitartikel wie folgt:

[….] Und trotzdem klingt so manche Pfarrers- und auch Bischofsrede flach an diesem Tag: Du bist in Ordnung, wie du bist. Gott ist da und liebt dich, hat dich und die Welt in der Hand. Und geht es dir schlecht, ist er da.
Ist er das? Wo ist er, wenn in Syrien Assads Fassbomben Kinder zerreißen und angebliche Gotteskrieger Menschen köpfen? Wo ist er, wenn Menschen an Hunger und Krankheit krepieren? Ist er in den Folterkellern der Welt oder bei den ersaufenden Flüchtlingen im Mittelmeer, flüstert ihnen in ihrer verzweifelten Atemnot zu: Ist schon ok, wie du bist? Steht er den Alten bei, die einsam und vergessen im Neonlicht des Krankenhausflurs an ihr Ende kommen? Oder ist die Rede vom Beistand nicht mehr als eine billige Lüge? [….]
Intelligenten Menschen wird das Offensichtliche sofort klar: Da ist kein Gott.
Das Konstrukt einer übersinnlichen und allmächtigen Figur ist eine Idee primitiver Kulturen, die sich so über ihre Unwissenheit und Ängste hinwegtrösten.
Ein so postulierter Gott lebt lange, da er sich vorzüglich dazu eignet die Macht von Diktatoren und den Herrschenden allgemein zu sichern.
Mit dem Verweis auf den Willen Gottes, mucken die Unterdrückten und Ausgebeuteten nicht auf – so lange man sie angemessen unwissend und ungebildet hält.

Für die offiziellen Anhänger eines Gott-Kultes ist Aufklärung in jeder Hinsicht von Übel. Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit führte wenig überraschenderweise auch zu einer sukzessiven Schrumpfung der Kirchenmacht. Doofheit ist der Hauptverbündete des Glaubens und der mit dem Religiotismus verquickten Paradoxien.

Intelligentere und freier Denkende wissen hingegen, daß Religion eine Täuschung ist.

 „Glaube an Gott trotz Auschwitz? Die einzige Entschuldigung für Gott wäre, dass es ihn nicht gibt. Ich glaube, ich glaube nicht an Gott – aber ich glaube sogar das nicht.“
(Hellmuth Karasek)


Gott ist eine literarische Erfindung. Es gibt keinen Gott.“
(Marcel Reich-Ranicki)

Wie bekommt Drobinski die Kurve?
Wenn er schon als frommer Katholik zum Reformationstag den Leitartikel schreibt, wird ihm ja irgendwas als Gott-Begründung einfallen.
Dachte ich zumindest.
Aber es läuft immer auf das Gleiche hinaus.
Religioten glauben und das ist ihnen Begründung genug.

[….] Wann zeigt sich deine Gnade, gnädiger Gott? In allen Momenten der Menschlichkeit und der verzweifelten Liebe, dem unverhofften Guten; in der Hoffnung gegen alle Wahrscheinlichkeit, dem Vertrauen auf den schwankenden Boden, dass Gott auch in einer Welt voller Teufel "ein' feste Burg ist", wie es in dem Kirchenlied von Martin Luther heißt. Auch das zieht sich durch die Geschichte bis heute: Es gibt diese unglaublichen Momente der Gottesahnung und der Paradiesmusik, es gibt sie auch dort, wo jede Menschlichkeit gemordet scheint. Und keine Aufklärung dieser Welt hat sie bislang wegrationalisieren können. [….]

So argumentiert man ohne Argument.
Drobinski bestreitet ganz in Trump-Manier die Effekte der Aufklärung.
Er behauptet einfach das, was seinem Hirngespinst entspringt: Es gibt diese unglaublichen Momente der Gottesahnung.

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