Sonntag, 18. März 2018

Haha, der Spahn

Da Guido Westerwelle nun tot ist und das auch noch relativ elendig und jung durch Krebs geschah, verbietet es sich nachzutreten.
Wie unangenehm und unseriös Westerwelle war, merkte man immer bei seinen gespreizten und affektierten Auftritten. Er schwankte stets zwischen „andere beleidigen“ und selbst „beleidigt sein“.
Seine kontinuierlich im Keller verharrenden Beliebtheitswerte, die er einmalig in der neueren Geschichte auch als Außenminister behielt, besserten sich erst ganz langsam, als er in den letzten anderthalb Amtsjahren ausnahmsweise anfing seine Aufgabe ernst zu nehmen, viel reiste und somit aus dem Dauerfokus der Öffentlichkeit verschwand.

(…..) Die BUNTE war jahrelang Westerwelles einziger Maßstab.

Das Fachblatt für Seichtes, Sachfremdes und Verblödung, die BUNTE aus dem Hause Burda, ist das erfolgreichste Klatschmagazin Deutschlands.
Mit einer Reichweite von über vier Millionen Lesern kann Chefradakteurin und Markwort-Lebensgefährtin Patrizia Riekel mit ihren oftmals fernab der Wahrheit angesiedelten Berichten durchaus politisch relevant sein.

Nur mit ihrer maßgeblicher Hilfe konnte Lügenbaron von und zu Guttenberg (Kunduz!) zum beliebtesten Politiker Deutschlands aufsteigen.
Die stets perfekt in Szene gesetzten Brüste seiner Ehefrau Stefanie - eine geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen wie BUNTE nie vergisst demütig zu erwähnen - kompensieren die fehlenden politischen Erfolge ihres Mannes.

Eine endlose Folge von Hochglanzphotos des adeligen Promi-Paars dürfte auch den konservativen Verleger und CDU-Bundespräsidentenwahlmann Hubert Burda erfreut haben, der seinen Parteien stets eine große Hilfe ist.

Frau Riekel geht nicht unkreativ vor.
Eine ihrer besten Ideen war das vor einigen Jahren eingeführte „Promi-Register“, das in jeder Ausgabe des Yellowpress-Flaggschiffs alle erwähnten Möchtegern-Wichtigen alphabetisch aufzählt.
So muß ein Pressesüchtiger nicht erst umständlich das ganze Heft durchblättern, sondern kann auf einen Blick erkennen, ob er wieder „drinsteht“!

König dieser Disziplin ist zweifelllos Guido Westerwelle, der seit Jahren in keiner einzigen BUNTE-Ausgabe fehlt.
Mögen seine Kollegen auch noch so viel Akten studiert und Hintergrunddiskussionen geführt haben - Guido raste wie besessen von einem Ball zur nächsten Eröffnung.
Kein Boulevardevent, keine Friseursalon-Einweihung, keine Gala, die ohne den FDP-Chef stattfand.
Erst nachdem er Außenminister wurde, kam es einmal zu einem Register-Novum: unter dem Buchstaben „W“ kein Guido!
Es blieb aber bei einer Ausnahme.
Auch in der aktuellen Ausgabe ist wieder ein Westerwelle-Bild.

Das Eventleben des Guido W. war die logische Entsprechung seiner politischen Konzeptionslosigkeit. Außer „Steuern runter“ hatte er rein gar nichts anzubieten. Dafür war er aber privat immer presse-präsent.
Die Antipode Trittin hielt sich privat aus den Medien fern, grübelte stattdessen über politischen Lösungen.
So gibt es von Trittin ein wegweisendes und kluges Buch „Stillstand made in Germany“, so wie sich auch sein Kollege Joschka Fischer mehrere Jahre vor 1998 intensiv in die Außenpolitik eingearbeitet hatte und seine Erkenntnisse in Buchform Für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Eine politische Antwort auf die globale Revolution vor der Bundestagswahl vorgelegt.
Inzwischen veröffentlichte Fischer weit über ein Dutzend politische Bücher.

Westerwelle tat nichts dergleichen. Er war so von sich überzeugt, daß er im höchsten Maße ahnungslos ins Außenamt stolperte und dort zu allem Übel auch noch verkündete er werde sich nicht darauf beschränken sich ein paar schöne Jahre im Außenamt zu machen, sondern auch Innenpolitik betreiben. Westerwelle hielt Außenpolitik also offensichtlich für ein minderwichtiges Hobby, das man nebenher betreiben könne. (….)

Zu Jens Spahn gibt es natürlich viele Parallelitäten.
Spahn trat mit 15 der JU und mit 17 der CDU bei.
Westerwelle ging mit 18 zur FDP und gründete dort die JuLis.

Beide stammen aus NRW, beide sind schwul, beide sind überzeugte Christen, beide etablierten sich als die Lauten und Schrillen in ihrer Partei, beide versuchten mit aller Kraft ihre Parteien nach ganz rechts zu rücken, beide sind nicht als Aktenfresser oder Fachpolitiker bekannt, beide zogen in schicke Berliner Szene-Wohnungen, beide sorgten als hochbezahlte Wirtschaftslobbyisten vor allem für ihr eigenes finanzielles Wohl, beide studierten an der Fernuni Hagen, beide nahmen an Bilderberger-Konferenzen teil, beide suchen manisch nach Pressepräsenz und beide wählten sich einen Ehemann, der durch seine Kontakte ihre Promisucht bespielen kann.

Während „Herr Mronz“ seinen Guido in die reichen Schickimicki-Kreise der Pferdesportler einführte ist Spahns Mann sogar noch effektiver dabei ihn zu vermarkten.
Westerwelle hatte beste Verbindungen zur BUNTEN, aber Spahn heiratete gleich den Berliner BUNTE-Chef Daniel Funke.
Wie praktisch.

 [….] Der 36-Jährige beschreibt sich als "leidenschaftlicher Journalist" und "aufmerksamer Beobachter des (glatten) Society-Parketts". Die Trauung habe Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) vorgenommen, der mit Spahn und Funke persönlich bekannt sei, sagte eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage und bestätigte damit den Bericht der "Bild am Sonntag". [….]

Ähnlich wie Westerwelle, der sich auch in seinen ersten Ministertagen von seiner ekelhaftesten Seite zeigte und HartzIV-Empfängern vorwarf sie würden in „spätrömischer Dekadenz“ an den Grundfesten des Staates rütteln (was nicht nur frech und bösartig, sondern auch ein historisch grundfalsches Gleichnis war – nur die steinreiche Oberschicht Roms erging sich in Dekadenz) – beleidigte auch Spahn als erstes Arme, die auf „Tafeln“ angewiesen sind.

Genau wie Westerwelle ist auch Spahn völlig unfähig sich auch nur für wenige Tage zurück zu halten, oder gar einfach seine Arbeit im neuen Ministerium zu tun.
Stattdessen raste er am Wochenende wieder sofort zur BILD und diktierte den rechten Xenophoben neue Hetze gegen Arme, Minderheiten, sozial Schwache und Frauen in den Block.


Im Streit über das strikte ärztliche Werbungs- und Aufklärungsverbot bei Schwangerschaftsunterbrechungen, goss er ordentlich Öl ins Feuer.

 [….]  Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnte in der "BamS" davor, die bestehende Regelung leichtfertig zu gefährden. Zugleich provozierte der CDU-Politiker die Gegner des Werbeverbots. "Mich wundern die Maßstäbe: Wenn es um das Leben von Tieren geht, da sind einige, die jetzt für Abtreibungen werben wollen, kompromisslos. Aber in dieser Debatte wird manchmal gar nicht mehr berücksichtigt, dass es um ungeborenes menschliches Leben geht", sagte er.
Vor vielen Jahren sei "ein mühsamer gesellschaftlicher Kompromiss" gefunden worden. Schwangerschaftsabbrüche seien "keine ärztliche Leistung wie jede andere - und selbst für die gelten bei der Werbung strenge Regeln", hob der neue Gesundheitsminister hervor.
Grüne und Linke kritisierten Spahn scharf. Spahn versuche sich "schon wieder" mit "Hardliner-Positionen" zu profilieren, diesmal "auf Kosten von Frauen in Notlagen und Gewissensnöten", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Offenbar habe der neue Gesundheitsminister den Kern der Debatte um den Paragrafen 219a nicht verstanden, fügte Hofreiter hinzu: "Es geht darum, den Zugang zu sachlichen Informationen über Schwangerschaftsabbrüche zu erleichtern und nicht darum, kommerzielle Werbung zu erlauben." Gesundheitsminister Spahn solle lieber das Gespräch mit betroffenen Ärztinnen und Ärzten suchen, anstatt populistische Vergleiche zu ziehen, so Hofreiter.
Der parlamentarische Geschäftsführer der Linkspartei-Fraktion, Jan Korte, sagte: "Wenn ein Minister zwischen Werbung und sachlicher Information nicht unterscheiden kann, ist das ein krasses Problem." Er forderte zugleich die SPD auf, "endlich" die Mehrheit im Bundestag zu nutzen. [….]

Mal abgesehen davon, daß es immer widerlich ist, wenn konservative Katholiken ohne Uterus und Vagina den Menschen mit Uterus vorschreiben, was sie mit diesem zu tun und zu lassen haben, sollte sich die SPD nicht grämen diesen bösartigen Hardliner indirekt ins Ministeramt gehoben zu haben.
Hätte sich die SPD der Groko verweigert, wäre die Bundesregierung garantiert noch rechter geworden.
Die menschliche Unanständigkeit der Minister Seehofer und Spahn zeigt, wozu CDU und CSU fähig sind. Man mag gar nicht dran denken, welche ewig-gestrigen Typen im Merkel-Kabinett säßen, wenn keine Rücksicht auf die SPD genommen werden müsste; oder wenn AfD oder FDP beteiligt wären.
Außerdem läßt Spahn Merkels bevorzugte Strategie der asymmetrischen Demobilisierung kollabieren.
Das kann der SPD nur recht sein, um sich auch IN der Groko zu profilieren.
Umso besser können die Soziminister sich öffentlich wirksam für Frauen und sozial Schwache einsetzen, wenn ein ultrakonservativer Pöbler im Ministeramt misogyn und xenophob dampfplaudert.



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