Samstag, 5. Mai 2018

Schämen für die eigene Regierung.

Das konnte ich wirklich nie verstehen: Wie kann man sich persönlich zu Tode beleidigt fühlen, wenn jemand die eigene Landsmannschaft, Stadt, Religion, Nation oder sonstige Zugehörigkeitsgruppe beleidigt.

Ich kann mich nur darüber wundern was für massive Minderheitskomplexe Menschen mit sich herumschleppen und wie extrem sie darauf angewiesen sind in einem festen Koordinatensystem verankert zu sein – als Christ. Als Weißer. Als Deutscher. Als Konservativer. Als Ostdeutscher. Als Amerikaner. Als Berliner.

Nach meinem subjektiven Empfinden – und das liegt sicher an meiner persönlichen Filterblase – sind Ossis, Religiöse und Rechte am schlimmsten von der „ich fühle mich beleidigt“-Psychose betroffen.
Bayern zum Beispiel eigenartigerweise fast gar nicht.
Die sind nicht beleidigungsfähig, weil sie so von Stolz und Begeisterung für ihr Heimatbundesland durchdrungen sind, daß es sie nicht das geringste bißchen erschüttern kann, wenn irgendein irrelevanter norddeutscher Tammox sie doof findet.
Schieße ich auf Facebook nur ein Zehntel meiner antibayerischen Bosheit auf Ostdeutschland ab, gibt es sofort eine massive Jammerflut und wütende Gegenreaktionen. Am schlimmsten sind wohlmeinende psychologische Exkurse darüber wieso sie sich persönlich so hart getroffen und beleidigt fühlen.

Ich erachte mich selbst gar nicht als besonders selbstbewußtes Individuum, aber das bißchen Selbstachtung, über das ich verfüge, steht in keinem Zusammenhang mit zufälligen Attributen wie Geburtsort, Hautfarbe oder Nationalität.
Ich kann mich nicht als Schubladenwesen definieren, das für alle Weißen, alle Männer oder alle Hamburger mitverantwortlich und mitfühlend ist.

Es käme mir nie in den Sinn ohne Ironie einen Satz mit „Ich, als Amerikaner, ich als Deutscher, ich als Weißer, ich als Mann, ich als Heterosexueller,…zu beginnen, weil meine Ansichten und Urteile unabhängig davon sind.

Und schon gar nicht verstehe ich wieso diese durch Geburt erworbenen Zufälligkeiten von den meisten Menschen positiv konnotiert werden. Stichwort Nationalstolz und Patriotismus – etwas Dümmeres und Destruktiveres findet sich kaum.
Ich als Amerikaner bin nicht zu beleidigen; im Gegenteil, jeder ist herzlich eingeladen seinen Antiamerikanismus über mir zu ergießen.
Erstens kritisiere ich selbst die Amerikaner so hart ich kann und zweitens bin ich mir stets darüber bewußt, daß solche Pauschalisierungen zwar zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören, aber nicht wörtlich genommen werden können.
Wenn ich die Amerikaner beschissen finde, meine ich damit bestimmte Ausprägungen, wie zB die Wahl Trumps oder das Tragen von Waffen.
Diese linguistische Vereinfachung bezieht sich aber selbstverständlich nicht auf jeden einzelnen der 330 Millionen Amerikaner. Unter denen gibt es selbstverständlich auch unzählige großartige Menschen.
Ich finde auch die Männer unerträglich, ärgere mich über den beschämenden Umgang mit Frauen.
Ich muss nicht extra dazu sagen, daß das selbstverständlich nicht für jeden einzelnen Mann gilt, weil es so schwachsinnig wäre 40 Millionen Deutsche und 3,5 Milliarden Erdenbürger aufgrund ihrer zufälligen Geschlechtszugehörigkeit zu verdammen.

Kürzlich zog ein Bekannter quasi gegen seinen Willen wegen eines Jobs aus Berlin nach Hamburg und schickte mir nach einer Woche eine wütende Mail wie schrecklich doch Hamburg wäre.
Bekanntlich mag ich Hamburg und sollte damit geärgert werden, aber wie sollte das funktionieren?
Wenn ich Hamburg lobe, dann ist das ein bewußt pauschaler Begriff. Zu Hamburg gehören nicht nur 1,8 Millionen Menschen, sondern auch Politik, Landschaften, Gebäude, Natur, Moden, Firmen, Akzente, Gewohnheiten, etc.
Ja, ich mag Hamburg, aber das ist selbstverständlich auch subjektiv und bedeutet natürlich nicht, daß ich jeden einzelnen der 1,8 Millionen Hamburger mag. Auch unter ihnen wimmelt es von Arschgeigen. Hier haben 19% Schill gewählt. Es gibt grausige Bausünden und habituelle Eigenarten.
Mein insgesamt positives Urteil ist auch von Gefühlen geprägt, die nicht verifizierbar sind und nicht davon tangiert werden, ob Person X und Y Hamburg ganz schrecklich finden.

Gefühle können sich ändern. Bei amerikanischen Regierungen bin ich mein Leben lang ein Wechselbad gewöhnt.
Der erste Präsident, mit dem ich mich intensiv beschäftigte, war der SDI-wahnsinnige Ronald Reagan, der Atomraketen im Weltraum stationieren wollte, in Europa gewaltig mit Pershing-II-Raketen aufrüstete, sich von bizarren Gurus und Astrologen seiner Frau beraten ließ und sich weigerte das böse Wort „AIDS“ auch nur auszusprechen, weil er es offenbar für Gottes Gerechtigkeit hielt Schwule auszurotten. Der Mann scherte sich nicht um Umweltschutz und verteilte massiv von unten nach oben um.
Ich verbrachte damals viel Zeit bei antiamerikanischen Friedensdemos und verachtete RR von ganzem Herzen. Bei GHB, der 1991 beinahe einen Weltkrieg anzettelte, wurde es noch schlimmer.
Das war schon eine große Umgewöhnung als mit Bill Clinton ein ausgesprochen Intellektueller auf die Weltbühne trat, der im Ausland wußte wovon er sprach, sich interessierte, immerhin versuchte eine allgemeine Krankenversicherung einzuführen und auch als erster Präsident offiziell bei einer Schwulengala auftrat.
Charme hatte der Mensch auch noch und erscheint mir bis heute als einer der begabtesten Redner unserer Zeit.
Wenn man dagegen den alternden tumbbräsig-provinziellen Kohl sah, wirkte Clinton wie eine Lichtgestalt.
Deutschland wurde mir viel peinlicher als Amerika.
Zehn Jahre später das umgekehrte Bild: GWB, schlimmer und dümmer und gefährlich als alles das ich mir bis dahin vorstellen konnte, ein verlogener tiefreligiöser Lobbyknecht, der mehrere illegale Angriffskriege von Zaun brach.
In Deutschland hingegen RotGrün mit ökologischer Steuerreform, Vizekanzler und Kanzler, die sich ausdrücklich als Atheisten beim Amtseid NICHT auf Gott bezogen und international die Vorreiterrolle als Irakkriegsgegner übernahmen.
Nie hätte ich mir vorstellen können Amerika noch mehr zu verachten als unter GWB, Rumsfeld und Cheney.
Und sehr sehr sehr verwundert stellte ich einige Jahre später fest, wie sich wieder einmal die Vorzeichen komplett geändert hatten.
Der weltweit adorierte Friedensnobelpreisträger Obama modernisierte die USA. Es gab dort Homogleichberechtigung und Haschisch-Freigabe, als in Deutschland noch nicht dran zu denken war und Schwarzgelb unter der ewigen Merkel glasklare Lobbypolitik für Milliardäre und gegen Menschenrechte betrieb.
Natürlich beobachtete ich während der Obama-Jahre das Abdriften der hasszerfressenen Teebeutler in den ultrarechtsextremen Sumpf, machte mir keine Illusionen bezüglich Obamas, dessen Passivität ich nie recht verstand.
Aber was dann im November 2016 geschah kann ich immer noch nicht recht fassen.
Ich kann nicht fassen, daß ausgerechnet die schläfrige Merkel im 13. Amtsjahr verglichen mit #45 in Washington wie eine liberale Ikone wirkt, daß sogar GWB geradezu klug und sympathisch wirkt.

Selbst wenn ich wollte, könnte ich weder für Deutschland, noch für Amerika patriotische Gefühle entwickeln oder mich gekränkt fühlen, wenn jemand eine der Nationen beleidigt.

Es gibt nur den kleinen Unterschied, daß ich die gesamte Trump-Administration so abgrundtief hasse, daß mich scharf antiamerikanisch Töne geradezu erfreuen, weil ich das für vernünftiger halte als die affirmative Trump-Schleimerei der Minister Spahn und Altmeier.

Ich kann mich nicht als Amerikaner schämen, weil ich emotional nichts mit den Trumpmerikanern gemein habe.
Also Feuer frei!
Ich bin offen für alle Beleidigungen wider die Amerikaner, die Deutschen, die Heterosexuellen, die Weißen, die Männer, die Europäer, die Reichen, den Westen!
Wir haben es verdient.

Bei der deutschen Bundesregierung ist es noch nicht ganz so weit, weil ich mich immerhin schweren Herzens und entgegen meiner Gefühle aus reiner Vernunft stark dafür einsetzte, daß meine Partei, die SPD erneut in die Groko eintritt.
Ich stehe zu der Überzeugung, da ich nach wie vor alle Alternativen für deutlich schlechter halte. Die GROSSE Koalition ist das KLEINSTE aller Übel.

Aber dennoch; wenn ich mir ansehe, wie Spahn hetzt,  Scheuer debakuliert und Seehofer reine AfD-Politik betreibt, bin ich eigenartiger Weise noch in der Lage mich emotional so einzubringen, daß ich mich ernsthaft für diese Regierung schäme, obwohl ich natürlich niemals die Wahl der CSU oder CDU gutheißen könnte.

[….] Nicht nur in Ellwangen setzt Seehofer um, was die AfD fordert.
Die größere Gefahr für Flüchtlinge und Anhänger einer solidarischen Gesellschaft kommt heute nicht von der AfD, sondern vom Bundesinnenministerium. Es braucht gar keine AfD in der Regierung, AfD-Politik kann auch Horst Seehofer. Das hat er am vergangenen Donnerstag bewiesen, als er sich "politisch voll hinter den Maßnahmen der baden-württembergischen Sicherheitsbehörden und der Polizei in die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen in Baden-Württemberg stellte: "Diese Dinge müssen mit aller Härte und Konsequenz verfolgt werden.“ [….]

Eine fast schon unerträgliche Schande, daß es diese Minister gibt und daß die SPD diese Typen enablen muss. Ich schäme mich für die CSU.

Wie Trump in Washington setzt auch Seehofer streng auf eine WHITE MALE ONLY-Personalpolitik.



    
Wir haben einen 69-jährigen Geronten als Super-Verfassungsminister, der klar auf Xenophobie setzt und vor keiner rassistischen oder islamophoben Hetze zurückschreckt.
Zum Mitschämen.

[….]  Zuwanderer und deren Kinder prägen das Land längst mit. Nur in der Bundesregierung stellen sie keinen einzigen Vertreter mehr - die Koalitionäre haben eine furchtbare AfD-Forderung unbewusst erfüllt.
[….] Das politische Ende von Aydan Özoğuz kommt leise. [….] Und weil die Kanzlerin arg gerupft aus der Nacht kommt, erklärt sie, dass jetzt wenigstens das Kanzleramt wieder "schwarz werden" müsse.
Was lapidar klingt, beendet die Karriere der ersten türkeistämmigen Politikerin als Staatsministerin im Bundeskanzleramt. Für Union und SPD ist der Vorgang nicht der Rede wert; niemand erwähnt es später, keiner wird es öffentlich bedauern. Fast wirkt es so, als seien alle erleichtert. Özoğuz erfährt aus den Medien, dass sie nicht mehr gefragt ist.
 [….] Ataman [Sprecherin der Neuen Deutschen Organisationen (NDO)] ist frustriert, weil sie die Attacken der AfD und das Ausscheiden von Özoğuz verbindet. Erst habe AfD-Chef Alexander Gauland im Wahlkampf gefordert, man solle Özoğuz "nach Anatolien entsorgen". Und was sei dann passiert? "Man hat sie tatsächlich entsorgt. Man hat genau das gemacht, was Gauland mit seinem fürchterlichen Satz erreichen wollte." Nun mag das nicht bewusst passiert sein; in der Wahrnehmung vieler Migranten ist es trotzdem so rübergekommen.
[….] Für sie ist fast noch schlimmer, dass die SPD sich nicht mal um Ersatz bemühte. Keine Migrantin, kein Mann mit ausländischen Wurzeln in der Regierung? [….] Ähnlich scharf geht Yasemin Shooman mit Union und SPD ins Gericht. Shooman leitet die Akademieprogramme des Jüdischen Museums in Berlin und auch sie beklagt eine neue, gefährliche Spaltung. "Das Selbstverständnis als plurale Gesellschaft geht flöten", so Shooman. "Stattdessen ist die Angst sehr präsent, die von der AfD geschürt wird." Es fehle den großen Parteien an Strategien, dem neuen Trend positiv entgegenzuwirken. "Die Politik lässt sich von der AfD treiben." [….][….]


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