Dienstag, 11. September 2018

Kübelböcks großer Sprung

Als ich gestern von Küblböcks Selbstmord hörte, rief ich als erstes einen meiner engsten Freunde an, der Kapitän ist. Vor knapp zehn Jahren hatte ich schon mal einen Brief von ihm veröffentlicht.
Daniel Küblböck hat Deine Idee geklaut, sagte ich ihm in gespielter Empörung.

Wie alle vernünftigen Menschen haben wir beide schon oft darüber gesprochen, wie man sich sicher, human, schnell und rücksichtsvoll selbst aus dem Leben nehmen kann.
Schließlich ist eins sicher: Wir werden alle sterben und bei den wenigstens Menschen geschieht das auf eine ideale Weise.
 Der medizinische Fortschritt bringt es mit sich, daß wir eben nicht mehr so leicht sterben. Krebs, Herzinfarkte, Lungenentzündungen, Embolien – all diese Methoden, die sich der liebe Gott ausdachte, um uns bis vor wenigen Jahrzehnten unkompliziert ins Jenseits abzuberufen funktionieren nur noch bedingt. Oft überlebt man, unterzieht sich ausgeklügelten Therapien und muss sich womöglich noch Jahrzehnte quälen nach einem Krankheitsereignis, das einen vor 100 Jahren locker erledigt hätte.
Theologen, strenggläubige und sonstige irre Fromme wie der gestern bei Anne Will debakulierende Ex-EKD-Chef Lügen-Bischof Huber finden Gefallen am endlosen Leiden, möchten das Leben möglichst in die Länge ziehen und Jahre in Krankenhäusern an Schläuchen angeschlossen leben.
Wer kein fanatischer Religiot ist, handelt vernünftig und rational, wenn er sich frühzeitig Alternativen ausdenkt um selbstbestimmt sein Leben zu beenden, bevor es ganz unerträglich wird.

Eine Schwierigkeit ist offenbar der richtige Zeitpunkt. Man darf nicht so lange warten, bis man sich nicht mehr selbst helfen kann, weil man schon zu wirr, zu schwach oder zu abhängig geworden ist.
Man muss zur Tat schreiten bevor es zu spät ist und da liegt der Hase im Pfeffer; die wenigstens mögen sich selbst umbringen, wenn es ihnen noch gut geht.
Aber nehmen wir mal an, man wäre entschlossen genug, um so ein Vorhaben umzusetzen.
Nur wie? Ganz einfach ist das nicht, weil die sicheren Methoden verrückterweise vom Staat kriminalisiert werden. Mitleid und Hilfe aus der Politik gibt es nicht; im Gegenteil, eine ganz große Allparteienkoalition verhindert humane und eigenverantwortliche Lösungen. Jens Spahn setzt sich sogar über
 höchstrichterliche Entscheidungen hinweg und verweigert Menschen in absoluter und brutaler Not das rettende Pentobarbital.
Spahn handelt in diesen Fällen extrem grausam und ich schreibe lieber nicht auf, was ich ihm dafür wünsche.
Was kann Otto Normal Suizider also tun? Die Menschen greifen zu dem was sie haben. Apotheker greifen zu Medikamenten. Soldaten töten sich vorzugsweise mit ihren eigenen Waffen. Allein 20 Selbstmorde gibt es jeden Tag unter ehemaligen US-Soldaten.
Ich habe aber weder Waffen noch tödliche Medikamente.
So viele sichere Methode gibt es nicht zu sterben. Schon gar nicht, wenn man wie ich rücksichtsvoll veranlagt ist und daran denkt niemanden zuzumuten die Schweinerei weg zu machen, wenn man beispielsweise vom Hochhaus springt, oder vor die U-Bahn hüpft.

Schiffsfahrt Nordatlantik, möglichst im Winter und dann nachts über Bord hat hingegen sehr viele Vorteile.
Bei den Wassertemperaturen lebt man nur noch wenige Minuten, wird vermutlich schnell betäubt. Und selbst die wenigen Minuten bleiben einem womöglich beim Aufprall auf die Wasseroberfläche erspart.
Vielleicht gelingt es einem sogar sich in Richtung der Azipods des Schiffs zu werfen; die zerhacken einen Körper in Sekunden.
Idealerweise springt man nachts ab, wenn niemand zusieht und hinterlässt einen eindeutigen Brief in der Kabine, damit nicht erst lange gesucht werden muss.
Anderenfalls muss der Kapitän das Williamson-Manöver befehlen.

1.   Ruder hart über (bei Mann über Bord zum Opfer hin)
2.   nach 60° Kursänderung: Ruder hart über auf Gegenseite
3.   20° vor Gegenkurs: Ruder mitschiffs.

Aber bei einem großen Schiff dauert es eine halbe Stunde bis man wieder an dem Punkt ist, an dem gekübelböckt wurde. Also ist derjenige längst tot und kann auch nicht mehr gefunden werden.

Das ist doch eine sehr soziale und rücksichtsvolle Methode. Niemand muss aufräumen, keiner muss Blutlachen wegwischen und den Angehörigen werden teure Beerdigungskosten. Einäscherungen und ähnliches erspart.
Hygienisch, sicher, sauber.

Unverständlich ist mir das Gejammere in den sozialen Netzwerken.
Wie oft ich in den letzten 24 Stunden das Wort „tragisch“ gelesen habe!
Dabei ist der Tod die natürlichste Sache der Welt und jeder, der es geschafft hat, sollte beglückwünscht werden. Der hat es hinter! Und dann auch noch selbstbestimmt zum selbst gewählten Zeitpunkt.



Die Übervorsicht, mit der das Thema Promi-Suizid in den normalen Medien behandelt wird, ist ausgesprochen lächerlich. Es wird einfach vorausgesetzt, daß ein Suizid – davon gibt s immerhin rund 10.000 jedes Jahr in Deutschland (plus hohe Dunkelziffer)  - viel schlimmer als andere Todesarten wären. Tragisch, traurig.
Warum? Als ob man es verhindern könnte zu sterben. Und wenn man es schon nicht verhindern kann, ist es doch klar besser sich das eigene Ende selbst auszusuchen.

Küblböck, der im Gegensatz zu vielen ehemaligen Trash-Sternchen aufgrund einer frühen Investition in Ökostrom sehr wohlhabend war, starb bevor er alt und gebrechlich wurde.
Eine eher gute Sache für ihn. Ich kann die Tragik darin nicht erkennen, die ihm jetzt in Portraits über sein Trash-Leben entgegen gebracht wird.

[….] Als Daniel an der achten Staffel von „Let's Dance“ teilnahm und Platz 6 belegte, strahlte sein Partner ihn aus dem Publikum heraus an. Da waren sie bereits seit einem Jahr ein Paar, ließen sich sogar ein gemeinsames Snoopytattoo auf die Knöchel stechen. Die Beziehung endete laut Gasser vor einiger Zeit. Er schrieb gestern auf seinem Profil: „Auch nach mit Kummer gefüllten Stunden, erscheint es mir noch surreal. Heute ist eine Welt zusammengebrochen. {…} Daniel, bitte lass uns aus diesem schlimmen Traum aufwachen! Sei Stark, hab‘ Kraft und komm zurück... Wir brauchen dich!“ [….]

Myriaden unbekannte Menschen in Pflegeheimen, die niemand kennt, die kein Geld haben, um sich adäquat pflegen zu lassen, die den Zeitpunkt verpassten selbst zu handeln, oder die nicht den Mut und die Entschlossenheit hatten und daher an Maschinen angeschlossen in ihren Exkrementen liegen, sind es, die ich bedauere, deren Schicksal ich für tragisch halte.
Tragisch ist es, nicht Selbstmord begehen zu können.

Aber während Talkshows, Boulevardmedien und Zeitungen keinerlei Hemmungen haben mit ununterbrochener AfD-Beschäftigung Hass auf Flüchtlinge zu triggern und zu Anschlägen beizutragen, werden sie hypersensibel bei Suiziden, um bloß nicht in die Enke-Falle zu gehen. Damals wurde der Selbstmord eines Fußballers von Bischöfin Käßmann und Co mit riesigem Trara „begangen“ – was natürlich viele Nachahmer zu Folge hatte.
Nicht schön, aber immerhin besser als die Tausenden rechtsradikalen Anschläge auf Unschuldige und Unbeteiligte, die nach der ausführlichen Präsentation von HöckeStorchGaulandSeehoferWeidelScheuerPetryDobrindtBosbach geschehen.

Und was soll dieses Theater der Todesart Ertrinken eine besondere Tragik zuzuschreiben?
Das halte ich aus den oben genannten Gründen für absurd; umgekehrt wird ein Schuh draus: Eiswasser im Nordatlantik ist eine eher humane Version den Löffel abzugeben.

Richtig fies ist hingegen warmes Mittelmeerwasser  und zwar insbesondere dann, wenn man gar nicht sterben wollte, sondern mit aller Kraft dagegen ankämpft.

Tausende ersaufen jedes Jahr. Das findet die xenophobe deutsche Mehrheit aber nicht tragisch.

(….) Auch durch das jahrelange Nachplappern der immer extremer werdenden AfD-Positionen, sind Teile der CSU gedanklich inzwischen mit tatsächlich rechtsradikalem Gedankengut infiziert.
Dieser Abschaum arbeitet intensiv daraufhin, daß mehr unschuldige Frauen und Kinder im Mittelmeer krepieren.

[…..] Angesichts der Blockade von Seenotrettern im Mittelmeer sind binnen weniger Tage bei mehreren Unglücken etwa 220 Menschen ertrunken. "Das ist eine konservative Schätzung", sagte der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR). [….]

Für Orban, Kurz und Söder, deren Politik mitursächlich für die Fluchtgründe sind, ist das offensichtlich eine erfreuliche Meldung. Je mehr elendig ersaufen, desto besser stehen sie bei ihrer xenophoben Wählerschaft da und desto größer wird der Abschreckungseffekt.

Tod an Europas Grenzen nach UNHCR-Zahlen:
5.286 Menschen starben 2014 weltweit auf der Flucht.
6.305 Menschen waren es 2015.
8.057 Menschen kamen 2016 bei Fluchtbewegungen auf der ganzen Welt ums Leben.
6.142 Menschen sind 2017 beim Versuch zu fliehen, gestorben.

Das ist der moralische Standard von drei Politikern, die sich als ausgesprochen christlich inszenieren, den Papst umgarnen und in allen Amtstuben Kruzifixe aufhängen lassen.

[…..] Kommt es irgendwo auf der Welt zu einem Erdbeben mit tausenden Toten, ist die Anteilnahme auch bei uns (zurecht!) sehr hoch. Sondersendungen laufen, Spendenaktionen werden gestartet. Damit, dass sich vor der Haustür Europas eine dauerhafte Katastrophe abspielt, die Jahr für Jahr Tausenden das Leben kostet, haben wir uns jedoch offenbar arrangiert.
Über 25.000 Menschen starben in den vergangenen vier Jahren weltweit auf der Flucht – mehr als die Hälfte von ihnen beim Versuch, nach Europa zu gelangen. Sie ertrinken im Mittelmeer oder verdursten auf dem Weg dorthin in der Wüste. Und selbst die Internationale Organisation für Migration (IOM), die diese Statistiken bereitstellt, sagt: Die Zahlen zeigen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Todesfälle.
Vor allem auf den Fluchtrouten durch Afrika in Richtung Mittelmeer sterben wohl weit mehr Menschen, als bekannt wird. Für 2017 tauchen in den Statistiken nur 690 Todesfälle dort auf, die Experten vermuten aber ähnlich viele Opfer wie im Mittelmeer (3.193) Auch 2018 geht das Sterben unvermindert weiter. Bereits 651 tote Flüchtlinge weltweit protokolliert IOM, davon 414 im Mittelmeer. Die Zahlen des UNHCR lauten ähnlich: 398 Tote bei bislang nur rund 10.000 Ankünften in Italien, Griechenland – und vermehrt auch wieder in Spanien. Jahrelang waren die Flüchtlingszahlen dort gering, seitdem sowohl die Grenzzäune in den Exklaven Ceuta und Melilla hochgerüstet wurden, als auch spanische Polizisten in Abfahrtsländern wie Mauretanien patrouillieren. Die Entwicklungen in Libyen sorgen aber offenbar für eine erneute Verlagerung der Routen. [….]

Man erinnert sich auch an die Britin, die 10 Stunden im Mittelmeer verlorenging und dann lebend gefunden wurde.
Das war eine lange ausführliche Geschichte, die von allen Medien ausgewalzt wurde.


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