Freitag, 23. November 2018

Die Gedanken sind nicht frei – in China

Das ist sicher in jeder Generation so, daß man irgendwann seine grauen Schläfen betrachtet und „die heutige Jugend“ dabei beobachtet irgendetwas völlig Unverständliches zu tun.
Technische Neuerungen wie Notebooks, Internet und Klugtelefone sind die offensichtlichsten Veränderungen im Vergleich zu meiner Jugend.
Das sind Methoden, die ich als digital immigrant sicher nicht so gut beherrsche wie die digital natives, aber doch adaptiert habe und täglich verwende.
Auch frühere technische Erfindungen blieben nicht auf Jugendliche beschränkt.
Anders ist es aber bei Moden, die fast vollständig auf die junge Generation beschränkt sein können.

Tätowierungen ziehen sich inzwischen durch alle Generationen, Piercings sind eher Mode für unter 40-Jährige und Top-Trends wie Flanking sind nur noch für Teens und Twens attraktiv.

Während so unterschiedliche Musiker wie David Bowie, Kate Bush und die Rolling Stones Fans in einer breiten Altersspanne zwischen 15 und 85 haben, werden Ariana Grande, Zayn Malik, Jonas Brothers, Selena Gomez, One Direction, Justin Bieber oder Tokio Hotel mutmaßlich von niemand über 25 Jahren gehört.

(Ich mutmaße, das liegt daran, daß die Genannten alle schlecht sind und Jugendliche noch zu ungebildet sind das zu erkennen. Aber das liegt außerhalb meiner Kompetenz.)

Völlig unverständlich ist mir nach wie vor, was die Kinder mit ihren Playstations und x-Boxen tun. Was ist dieses „Zocken“, um das sich eine gewaltige Multimilliarden-Spieleindustrie entwickelt hat? Ich weiß nicht was das ist, will es auch nicht wissen und kultiviere schon allein deswegen meine Vorurteile, weil ich ohnehin nicht eine Sekunde Zeit am Tag zu verschenken habe.

Sehr rätselhaft sind mir auch die allgegenwärtigen Zeichentrickfilme.
Dabei werden Zeichentrickserien wie die Simpsons offenbar auch von Menschen über 25 Jahren angesehen. Für mich sind Zeichentrickserien ein Relikt der Jugend, als ich noch ein Kleinkind war: Captain Future, Vicky und Biene Maja. Schön und gut, aber das guckt man doch nicht mehr, wenn man ein zweistelliges Lebensalter erreicht hat.
Und was ist das mit diesen gräßlichen Mangas? Diese abartigen großäugigen entsexualisierten gezeichneten Figuren aus dem asiatischen Raum, die zunehmend auch Menschen in Europa dazu bringen sich wie Puppen zu kleiden und operativ die Augen aufweiten zu lassen.
Ich verstehe es nicht.
In meiner Jugend war Japan zwar der Techniklieferant (Sony Walkman!), blamierte sich künstlerisch aber international mit einer endlosen Folge ungeheuer schlecht gemachter Ungeheuerfilme, in denen alberne Godzilla-Püppchen in primitiver Modeleisenbahnkulisse mit schrillen Schreien schlechten Modellen überdimensionaler Motten entgegentraten.
Das passte zu legendär abartigen japanischen TV-Shows à la Takeshis Castle, in denen asexuelle debile junge Männer so lächerlich gemacht werden, daß man sie noch nicht mal herzhaft auslachen kann, sondern sich mit hochgebogenen Zehennägeln mitschämt.

Ich las und liebte, liebe sogar immer noch James Clavell-Romane und Ryūichi Sakamoto-Musik, aber wann wurde plötzlich K-Pop beliebt?
Seit wann werde asiatische Comic-Heftchen nicht nur ausgelacht, sondern in der ganzen Welt gelesen?

In China gibt es ein bei jungen Frauen extrem populäres Comic-Genre namens "Danmei". Es gibt einen ganzen Kosmos aus Danmei-Filmen, Büchern, Foren und Merchandising.
Wenn ich es richtig verstehe, werden darin fiktionalen Heldenpaaren wie „Batman and Robin“ oder „Richard Löwenherz und Merlin“ schwule Storylines angedichtet.

[….] Danmei, meaning “indulgence in beauty”, is China’s version of what is often called “slash” fiction in other countries. The genre takes its English name from the slash sometimes used in synopses of such works to separate the names of often well-known protagonists: Kirk/Spock, or in this case fox king/nobleman (the men, despite their attraction to each other, are portrayed as straight). The genre sometimes explores taboos: incest, intergenerational sex, or sex with a character who is disfigured. It is also inspired by Japanese manga comic books with their whimsical illustrations (the word danmei was originally a Japanese term: tanbi). The genre is only available online in China—no state-owned publisher would dare print such works, for fear of violating laws against pornography. 
Among younger Chinese women and teenagers, danmei is proving remarkably popular: websites devoted to it have large followings. Katrien Jacobs, an expert on Chinese online pornography at the University of Hong Kong, estimates that in every high school or university class, there is at least one fan of danmei. If so, that could mean a readership in the hundreds of thousands. Ms Jacobs says danmei attracts readers by creating “a sense of rebellion” against a culture in which women are often expected to be obedient and conventional. Readers delight in enjoying the forbidden. [….]

Star der Branche ist offenbar „Lady Tianyi“, deren echter Name nicht bekannt ist.
Ihre fiktiven Homo-Liebesgeschichten werden ihr aus den Händen gerissen. Zuletzt auch ihr Buch "Die Eroberung", in dem es um eine zarte Liebesgeschichte zwischen einem Lehrer und seinem Schüler geht.
Nun ist aber erst mal Schluss für die Autorin, denn sie wurde zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt, weil sie nach Ansicht der Staatspartei gegen die Pornografie-Gesetze verstieß.
Erstaunlich ist daran nicht nur die völlig steinzeitliche Reaktion des Chinesischen Staates auf einen harmlose fiktive Geschichte, sondern erst Recht die aufmüpfigen Reaktionen. Danmei ist so populär bei jungen Chinesinnen, daß sie sich mit ihrer Lieblingsautorin solidarisieren.

[….] Homosexualität ist in China ein sensibles Thema. Zwar werden LGBT-Gruppen nicht systematisch verfolgt wie in anderen Ländern. Behörden tun sich aber schwer mit Aktivistengruppen, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzen. Mit der zunehmenden Überwachung von Nichtregierungsorganisationen geraten die Aktivisten unter Druck. Zudem versucht die Kommunistische Partei, das Thema aus den Medien zu verdrängen, da es nicht zu ihren Vorstellungen einer "harmonischen Gesellschaft" passt, die unter Präsident Xi Jinping oberstes Credo geworden ist.
2016 wurden staatliche Richtlinien für die Fernsehbranche öffentlich, in der Homosexualität neben Inzest und Vergewaltigung als "abnormales sexuelles Verhalten" bezeichnet wurde. Im vergangenen Jahr wurde das Thema auf Livestreaming-Plattformen verboten, über die Videoblogger mehrere hundert Millionen Zuschauer erreichen. Im Zuge einer staatlich angeordneten "Säuberung des Internets" hatte jüngst der Kurznachrichtendienst Sina Weibo viele Beiträge zu dem Thema gelöscht. [….]

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