Mittwoch, 4. September 2019

Die Deutschen

So wie Deutsche ihre Vorururteile und Stereotypen über die Ossis pflegen, gibt es genauso berechtigte/unberechtigte Pauschalurteile über die Deutschen im Rest der Welt.

(….) Das Spannende an negativen Stereotypen ist natürlich der wahre Kern in ihnen.
Sie sind üblicherweise nicht total aus der Luft gegriffen und es lässt sich trefflich streiten wie viel tatsächlich zutrifft.
Psychologie spielt insofern eine Rolle, weil man Erlebnisse, welche die eigenen Vorurteile bestätigen viel bewußter und deutlicher in Erinnerung behält. (….)

Die wirklich negativen Vorurteile aus der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Militarismus, Humorlosigkeit – wurden von den Deutschen weitgehend verdrängt.
Die noch sehr viel übleren Stereotype, die ab 1933 und erst recht ab 1939 um die Welt gingen, verblassen ebenso.
Kurioserweise wurden dafür Vorurteile aus dem Ende des 18. Jahrhunderts wieder populär. Deutschland, das Volk der Dichter und Denker.
Die deutsche Rechte sucht sich die Stereotype der eigenen Vergangenheit sehr selektiv. Jeder fühlt sich verantwortlich für Beethoven, Schiller und Goethe, niemand für Hugenberg, Breker oder Harlan.
Weniger Fanatische denken weniger in bellizistischen Schablonen, sind sich aber sicher im Rest der Welt für Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnungsliebe und Pazifismus bewundert und vielleicht auch ein bißchen auf den Arm genommen zu werden.
Als Griechenland in die Finanzkrise schlitterte war es die Bundeskanzlerin höchst selbst, die verkündete, es ginge nicht an am meisten Hilfe zu bekommen, aber am wenigstens zu arbeiten.

Angeblich soll sich sich anschließend bei ihren Beratern beklagt haben so schlecht gebrieft worden zu sein, als überall die europäischen Statistiken zitiert wurden, nach denen Griechen sehr viel mehr Stunden pro Jahr arbeiten als Deutsche.

Das ist typisch für Vorurteile; auch wenn sie auch einem wahren Kern beruhen, überdauernd sie Jahrzehnte. Deutschen halten sich selbst ganz selbstverständlich noch für die fleißigste Nation aller Europäer, obwohl sie längst mehr Urlaub als alle anderen haben, früher in Rente gehen und am wenigsten Wochenarbeitszeit haben.
Dabei ändern sich die Zeiten.

[…..]  “You know the world is going crazy when the best rapper is a white guy, the best golfer is a black guy, the tallest guy in the NBA is Chinese, the Swiss hold the America's Cup, France is accusing the U.S. of arrogance, Germany doesn't want to go to war, and the three most powerful men in America are named "Bush", "Dick", and "Colin." Need I say more?” [….]
(Chris Rock)

So ganz langsam dämmert es den Deutschen, die sich zwei Dekaden als Mülltrennungs-Vorreiter für die umweltbewußteste Nation hielten und den Klimaschutz nur wegen der Bremser in China und den USA nicht weltweit durchsetzen konnten, daß inzwischen wir die Bremser sind, die alle Klimaziele reißen, Selbstverpflichtungen ignorieren, während in China längst Windkraft und Photovoltaik im gigantischen Maßstab aufgezogen werden. Alle nordeuropäischen Nationen bauen Offshore-Windkraftanlagen; nur Deutschland hat das Knowhow verloren, besitzt kein einziges Errichterschiff mehr, das ein Windrad in der Nordsee aufstellen könnte.

Die Deutschen halten sich immer noch für das Land der Ingenieurskunst, bilden sich etwas auf „made in Germany“ ein. Dabei ist das Deutschland im 14. Regierungsjahr Merkel nicht in der Lage ein Smartphone, Tablet oder Notebook zusammen zu schrauben, kann keine emissionsarmen Autos bauen und hat das langsamste Internet Europas. Nigeria und Rumänien haben bessere Mobilfunknetze.

Noch amüsieren wir uns über unser eigenes Totalversagen bei Großprojekten wie Toll Collect, Magnetschwebebahn, Schneller Brüter, BER, Stuttgart 21 oder Elphi.

Aber so langsam entwickeln sich in der Sicht auf Deutschland neue Vorurteile. Die Deutschen als Volk der Technik-Trottel, Elektronik-Esel und Mechanik-Muffel.
Vorurteile, die ähnlich wenig begeistern wie die von den Russen, die alle saufen, den Polen, die alle klauen oder den Italienern mit den Minipimmeln.

Alle Vorurteile sind ungerechte Verallgemeinerungen, aber man leidet doch lieber unter positiven Vorurteilen, wie den Japanern, die alle so höflich sind, den Franzosen, den weltbesten Liebhabern oder Kanadiern, die alle freundlich sind.

Deutschland auf der Schwelle zum dritten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts wird wieder unbeliebter nach den international so guten Jahren zwischen 1998 und 2005, sowie des kurzen positiven Peaks 2015, nachdem Merkel mit Unilateralismus und Borniertheit („man spricht wieder deutsch in Brüssel“, „Austerität“) das europäische Ansehen, aber auch den europäischen Einfluss schliff.

Die deutschen Reiseweltmeister haben noch nicht gelernt bescheidener aufzutreten, poltern mit der selbstverständlichen Erwartung königlicher Behandlung durch touristische Hotspots. Dabei gilt „man spricht deutsch“ und erwartet in Italien Berliner Schrippen und Leberwurstbrot.

[….]  Eine internationale YouGov-Umfrage in 26 Ländern offenbart, welche Nationen als Touristen die beliebtesten und welche die unbeliebtesten sind. 
[….]  In vielen Ländern dürften die Bewohner froh sein, dass die Deutschen wieder abgereist sind, denn diese zählen zu den weniger beliebten Touristen im internationalen Vergleich. Im Gesamtvergleich landen sie in allen europäischen Ländern in der Top 5 der schlimmsten Touristen, besonders unbeliebt sind sie bei Spaniern (17 Prozent) und Norwegern (16 Prozent). Aber auch 15 Prozent der Deutschen geben an, dass die eigenen Landsleute zu den schlimmsten Touristen zählen. Nur unbeliebter sind im Schnitt die Briten und die Russen. Besonders schlecht schneiden die Briten in Spanien (46 Prozent) und Deutschland (39 Prozent) ab. [….]  Gleichzeitig wurde in der Befragung auch nach den „besten Touristen“ gefragt. Hier zeigt sich, dass in Europa nicht die direkten Nachbarn, sondern Besucher aus Japan beliebt sind. In Finnland (26 Prozent), Frankreich (18 Prozent) und Großbritannien (15 Prozent) freut man sich am meisten über Japaner als Touristen. Und auch in Asien ist man begeistert von den japanischen Touristen, besonders in Singapur (43 Prozent). [….]  Die Deutschen (40 Prozent) und Briten (29 Prozent) sind es auch, die am seltensten eine positive Wahrnehmung von Touristen ihres Lands im Ausland haben. [….] 

Immerhin, auch das ist vielleicht typisch deutsch; viele kennen schon die Klischees von den Frühaufstehern, die mit Handtüchern die Strandliegen besetzen und geben sich Mühe im Ausland nicht als Deutsche erkannt zu werden.
Da sind meine deutsche und meine amerikanische Seele sehr nah; auch als Ami gibt man sich auf Reisen lieber als Kanadier aus, weil man sich für seine eigenen Landsleute so schämt.

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