Samstag, 7. September 2019

Veränderungen.


Das Szenario wird gerne in Filmen und Büchern verwendet: Eine Person saß lange im Knast oder lag im Koma, wird entlassen, bzw wacht auf und wundert sich, daß jeder auf der Straße ein kleines flaches Ding am Ohr hat oder aber darauf herumtippt.
Die 24/7-Ereichbarkeit hat die Gesellschaft enorm verändert.
Als Angehöriger einer Generation, die damit aufwuchs immer zwei Groschen dabei zu haben, um zur Not eine Telefonzelle benutzen zu können, erscheint mir das heutige Straßenbild gelegentlich extrem lächerlich.
Mütter fahren ihren in Kinderkarren krähenden Nachwuchs spazieren, Hundehalter machen die abendliche Kack-Runde mit ihrem Bello, ohne daß ein Blick auf Gör oder Köter verschwendet wird, weil sie nur am Klugtelefon kleben.
Sind die eigenen Kinder wirklich derart uninteressant geworden, daß man sie keines Blickes mehr würdigt?

Hätte man einen Menschen der 1950er, 1960er oder 1970er für 20 Jahre ins Koma gelegt, würde ihm beim ersten anschließenden Spaziergang jeweils eine sehr veränderte Mode auffallen.
Aber die Menschen auf der Straße verhielten sich nicht grundsätzlich anders als 20 Jahre zuvor. Sie unterhalten sich, sitzen in Cafés, füttern Tauben, lesen in der S-Bahn ein Buch.

Wie ich schon mehrfach schrieb gefallen mir a posteriori die 1980er Jahre am besten, weil sie so divers waren.

(….) In meiner Jugend war es ein großer Fauxpas Frisuren von Mitschülern nachzumachen und die gleichen Moonboots zu tragen.
„Wenn all von einer Klippe springen, tust du das dann etwa auch?“
Individualität war gefragt.
In der Abi-Zeitung gab es Bilder von Individuen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mods, Popper, Punks, Ökos, Langhaarige, Grufties, Edel-Punks, Goths, Müslis und auch die zwei, drei Anzugsträger aus der JU.
Heute sind die Abi-Zeitungen meiner ehemaligen Schule online. Sie haben sich alle hübsch zusammen zu einem Gruppenfoto vor der Aula aufgestellt. (Schon das wäre vor 30 Jahren unmöglich gewesen, weil sich die meisten so einem Massenbild verweigert hätten).
Der nivellierende Effekt der sozialen Medien ist sagenhaft: Alle Mädchen tragen die gleiche Jennifer Aniston-Frisur und alle Jungs tragen streng einheitlichen Dreitage-Bart und Anzug.

Die Jugend wurde sanft gehirngewaschen und vermutlich ohne es selbst zu bemerken optisch in eine Lemming-Armee verwandelt. (….)

Die männlichen Twens der Gegenwart sehen hingegen alle gleich aus.

Und alle eint der Wahn rund um die Uhr am Klugtelefon kleben zu müssen.

Gegenwärtig ändert sich das Straßenbild wieder einmal fundamental.
Über Jahrzehnte dominierten Autos. Dazu gabe es Fußgänger und einige wenige Exoten wie Mofas oder Menschen mit einem Handkarren.

Heute hat sich das Verhältnis stark zu Ungunsten der Autos verschoben.
Es gibt sehr viel mehr Radfahrer, die aber nicht nur durch ihre Anzahl auffallen, sondern durch ihr sehr viel selbstbewußteres Verhalten.
Sie sind viel mehr, sie sind deutlich schneller als früher und sie sind frecher.
Auf den größten und vielbefahrensten Straßen benehmen sie sich wie Autos, wollen den Ton angeben.
Als Kind, das wie fast alle Kinder meiner Generation ständig auf zwei Rädern unterwegs war, lernte ich Autos zu respektieren. Die Dinger sind definitiv stärker als ein Fahrrad und so sahen wir zu den Dingern nicht in die Quere zu kommen, fuhren auf Fußgängerwegen, wichen aus und sahen uns dreimal um, bevor wir auf eine von Autos befahrene Straße wechselten.
Das ist vorbei. Heute heißt es für Radfahrer „Hoppla, jetzt komme ich! Sollen die Autos doch bremsen. Und Hupen nützt eh nichts, da wir sowieso alle Kopfhörer tragen und nichts mitbekommen!“

Zu allem Übel habe ich auch diese Bildervergleiche von Ben Stiller mit seinem Ejakulat am Ohr (There’s Something About Mary) und den Apple Earpods gesehen und denke immer daran, wenn ich Leute diese Dinger tragen sehe.



Mein erstes großes Fahrrad war ein 26er Kettler-Alu-Rad.
Das Ding war nicht nur leicht, sondern auch unfassbar teuer. Wenn ich mich recht erinnere, waren es neu 260 D-Mark. Ich wollte aber unbedingt so ein haben, weil man damit so schnell fahren konnte.
Tatsächlich, im dritten Gang bei ordentlichem Gestrampel kam man auf bis zu 30 km/h.
Heute geben die Leute für ein neues Fahrrad so viel Geld aus wie für einen Gebrauchtwagen und die Dinger fahren in der Stadt auch so schnell wie Autos – nur eben ohne Regeln, Rücksicht und Respekt.

Das Straßenbild hat sich aber nicht nur durch Anzahl, Geschwindigkeit und Fahrverhalten der Radler verändert, sondern es gibt überall rotgetünchte Radwege, die insbesondere den Nachteil haben, daß sie frei bleiben müssen, so daß Lieferwagen nicht mehr ganz rechts auf der Straße anhalten, so daß der nachkommenden Verkehr unproblematisch vorbei kommt, sondern sie bleiben einfach in der Mitte stehen, um den Radweg nicht zu blockieren.
Zu allem Unglück gibt es durch die Online-Bestellwelt 100 mal so viele Lieferwagen wie früher.
Um das Chaos perfekt zu machen gesellen sich dazu auch noch jede Menge Elektrofahrräder, Segways und E-Scooter.
Wir brauchen die natürlich, weil wir viel zu wenig Organspender haben, aber sie machen den Verkehr unerträglich.

Der von mir leidenschaftlich verachtete Fraktionschef der Hamburger Grünen, Anjes Tjarks ist ein Supersportler.
Der ist fit wie ein Turnschuh, zeigt sich auch gern halbnackt beim Schwimmen, ist immer auf dem Fahrrad unterwegs und propagiert extrem penetrant alle anderen sollen auch Fahrrad fahren und zwar nur Fahrrad fahren.

Ich hasse die Radfahrer eigentlich schon deswegen, weil Tjarks sie so vehement befürwortet.

Leider kann ich nicht aus voller Kehle agitieren, da das Fahrrad selbstverständlich unter ökologischem Aspekt dem Auto tatsächlich meilenweit überlegen ist. Im Lichte der Klima- und Ressourcen-Katastrophe und des immer verstopfteren Verkehrs, müssen mehr Leute Rad fahren.

Es wäre nur ganz schön, wenn Tjarks etwas weniger borniert wäre und sich vorstellen könnte, daß es auch Menschen gibt, die nicht ganz so super sportlich sind wie er.
In dieser Hinsicht ist er wie alle Christen. Er hält sich selbst für fabelhaft und meint alle müssten nur seinem Beispiel folgen.
Sehr zaghaft und sehr selten wird nachgefragt, ob er sich eigentlich vorstellen kann, daß es auch alte Menschen gibt, die nicht Rad fahren können.
Aber die Grünen in Hamburg machen nur Politik für die Fitten und jungen Gesunden. Andere Verkehrsteilnehmer kennt Tjarks offenbar gar nicht.

[….] Autos raus aus der Innenstadt, autofreie Zonen in Ottensen. Weniger Parkplätze, mehr schnell Fahrradstraßen und flinke E-Scooter. Die Grünen erklären dem Auto den Krieg. Doch immer mehr alte und körperlich eingeschränkte Menschen fühlen sich durch diese Politik ausgegrenzt. Sie sorgen sich, dass sie nicht mehr mit dem Auto zum Arzt fahren können und fühlen sich zwischen den vielen schnellen Rad- und Scooter-Fahrern unsicher. Machen die Hamburger Grünen eine altenfeindliche Politik? [….]

Tjarks Antworten sind so abgehoben und weltfremd, daß er ungewollt jedes Klischee bestätigt. Er kann nicht über seinen Tellerrand hinausblicken; ist offenbar gänzlich unfähig sich vorzustellen, daß andere Menschen nicht so sein könnten wie er selbst, der ewig grinsende Muskelmann ohne das geringste körperliche Wehwehchen.

„Zudem wird die Mönckebergstraße ohne Busse und Taxis viel übersichtlicher und für Fußgänger und Radfahrer so auch sicherer.“
(AT)

Was für ein unfassbarer Ignorant.
Gebrechliche, Menschen mit sozialen Phobien oder diejenigen, die etwas transportieren müssen, existieren für ihn gar nicht.

Ich zum Beispiel mag nicht unbedingt viel zu alt zum Radfahren sein, aber seit meiner komplizierten Bein-OP vor anderthalb Jahren habe ich noch derart viele Schrauben und Nägel im Knie und Sprunggelenk, daß ein Fahrrad gar nicht in Frage kommt, weil ich die Bewegungen nicht ausführen kann.
Hinzu kommt, daß ich sehr oft den alten Herren kutschiere und dann auch einen Rollator mitnehmen muss.

Es gibt außerdem Zeiten, in denen meine Allergien so extrem sind, daß ich nur im geschlossenen Auto mit Pollen-Filter-Klima-Anlage unterwegs sein kann.

Wieder andere leiden an Ängsten oder Panikattacken – das sind viele Millionen Menschen – so daß öffentliche Verkehrsmittel nicht in Frage kommen.

Ja, sicher, es wäre schön, wenn alle Fahrrad fahren könnten. Natürlich ist das besser für die Umwelt.
 Aber in der echten Welt sind nicht alle kerngesunde junge Sportler ohne Körperfett wie Herr Tjarks.
Es ist der erbärmlichste Landesverband von Habecks Leuten.
Das kann auch Tjarks kaum noch schlimmer machen.

Keine Kommentare:

Kommentar posten