Donnerstag, 24. Oktober 2019

Erwachsen werden

Meine Ökobilanz ist vorbildlich.
Seit 30 Jahren bin ich Vegetarier, in etwa genauso lange nicht mehr mit dem Flugzeug geflogen, ich kaufe nach Möglichkeit regionales Gemüse, Q-Tipps ohne Plastikstäbchen, verwende seit Jahrzehnten keine Plastiktüten, halte keine fleischfressenden Haustiere, wohne in einer eher kleinen Wohnung, die ich nie heize und am wichtigsten: Ich habe bezüglich der größten denkbaren Umweltsauerei eine weiße Weste: Keine Kinder!
Natürlich bin ich nicht perfekt. Mein Haushalt ist nicht frei von Kunststoffverpackungen und außerdem habe ich, seit ich 18 Jahre alt bin ein eigenes Auto. Derzeit ist es ein Benziner, der auch noch zu allem Übel deutlich übermotorisiert ist für einen Städter und Single.
Das gute Stück bereitet mir aber dennoch keine schlaflosen Nächte, da ich durch das viele Metall in meinem Bein gar nicht Radfahren könnte und auch schlecht zu Fuß bin, zudem transportiere ich regelmäßig einen Rollstuhl/Rollator-Benutzer.
Hinzu kommt, daß ein Verbrennungsmotor nur dann schädlich für die Umwelt ist, wenn er läuft und nicht, wenn er friedlich in der Garage schläft.
Meine Jahres-Kilometerleistung ist aber derart lächerlich gering, daß ich in Werkstätten im schräg angeguckt werde, weil die denken, ich hätte den Tacho manipuliert.

Ich habe früher als andere Generationsgenossen darauf geachtet der Umwelt keinen übermäßigen Schaden zuzufügen.
Einst wurde ich für leicht gestört gehalten, wenn ich beim Gemüsemann erklärte keine Braeburns aus Neuseeland zu kaufen, weil die Dinger doch auch in Hamburg (im Alten Land) wachsen. Daß ich nicht unbedingt südamerikanischen Spargel haben möchte, wenn zwei, drei Wochen später auch der Hiesige im Angebot ist. Daß ich deswegen auch nicht die allzeit verfügbaren Billig-Rosen aus Kenia kaufe.
Inzwischen ist „regional“ Mainstream, weil doch viele Menschen begriffen haben, wie unverantwortlich es ist für eine Schale Erdbeeren aus Südafrika anderthalb Liter subventioniertes Kerosin zu oxidieren und als CO2 direkt in die heiklen Luftschichten zu pusten.

Heute steckte ich in der Rushhour fest und begegnete nun schon zum zweiten mal „extinction rebels“.

[….] Extinction Rebellion (XR) macht mit friedlichem Ungehorsam auf den drohenden Klimakollaps und das massive Artensterben aufmerksam. [….]


Offenbar ist das eine recht neue Jugendgruppe der Aussterbungsrebellen, die aktiv den Hamburger Innenstadtverkehr stört.
Man sollte meinen, daß Hamburger Autofahrer genervter sind, wenn im Feierabendverkehr ein Dutzend Teenis mit Plakaten eine Kreuzung blockieren und dort stumm ihre Plakate vor den Autos hochhalten.
Ach ja, die sind irgendwie rührend. In beiden Fällen, die ich beobachtet habe, war ein einzelner Polizist dabei, der das Geschehen vom Straßenrand beobachtete und die Demonstranten waren offensichtlich bemüht die von ihnen Angehaltenen nicht zu verärgern. Einige sollen sogar selbstgebackene Kekse und Tee anbieten.

[…..] Etwa 20 Jugendliche der Gruppe „XR Youth“ haben am Sonntag den Verkehr in Hamburg blockiert. Sie gehören zur Bewegung „Extinction Rebellion“, die in den vergangenen Wochen immer wieder mit Klima-Aktionen wie der Grünfärbung des Rathaus-Brunnens auf sich aufmerksam gemacht hat. Die neue jugendliche Ortsgruppe probte nun ebenfalls den ersten Protest.
Gleich an zwei Orten in der Stadt starten „XR Youth“ ihre Demonstration. Von 10 bis 13.15 Uhr blockierten sie die Kreuzung Wiesendamm/ Goldbekufer. Zwischen 13.30 und 16 Uhr war die Kreuzung Barmbeker Straße/Semperstraße an der Reihe.
„Das ist unsere erste Aktion und wir wollen nicht so krass in Action geraten, wir wollen uns erstmal austesten und unserer Taktik erproben“, sagt Jan Ohe aus Poppenbüttel. Der 17-Jährige erklärt, die Gruppe hätte sich diesmal für die Swarming-Taktik entschieden und den Protest vorher angemeldet.
 „Die Teilnehmer warten an einer Ampelkreuzung auf eine Grünphase und sperren dann für fünf bis zehn Minuten die Straße ab. Zusätzlich werden Flyer an die wartenden Autofahrer verteilt und manchmal auch Kekse, um sie zu besänftigen“, erklärt Friederike Mayer von „Extinction Rebellion“ die Demo-Taktik.
[…..] „Aussterben ist blöd“ steht auf einem Laken und auf einem anderen wird der Artikel 20A des Grundgesetztes zitiert. […..]

Ich bin zu alt und zu desillusioniert, um mir noch Hoffnungen zu machen.
Es ist sehr schmerzhaft zuzusehen wie Fauna und Flora unter Homo Sapiens leiden. Ein Homo Sapiens, der eher ein Homo Demens ist und sogar in Brasilien oder den USA demonstrativ Regierungschefs wählt, die geradezu mit Wonne alle Umweltschutzregelungen vom Tisch fegen und aus purer Lust Wälder und Lebensräume abholzen lassen.
Der Gattung Mensch weine ich keine Träne nach, wenn die sich endlich selbst ausgerottet hat. Die Extinction kann ich nur empfehlen.
Und nun soll der Mensch selbst die Notbremse ziehen? Auf einmal vernünftig werden?
Die Kunde hör‘ ich wohl; allein mir fehlt der Glaube.
Sicher, es gibt eine wachsende Minderheit dieser aufrecht gehenden Trockennasenaffen, die versuchen ihre Umwelt nicht übermäßig zu strapazieren.
Und ja, es ist gut und richtig weniger Auto zu fahren, Ökostrom zu beziehen und im Supermarkt das Obst ohne Plastikfolie zu kaufen.
Aber es gibt trotz all der Erkenntnisse noch kein ernsthaftes Umdenken bei der Masse des Volkes.
Die Masse frisst immer mehr Billigfleisch, nutzt immer mehr Billigflieger, trägt poppenderweise zur drastischen Weltüberbevölkerung bei, besteigt Millionenfach Kreuzfahrtschiffe, die hundertrausende Tonnen Schweröl ungefiltert verbrennen.

Ich lächele milde, wenn mich die XR Youth HH anhält, winke ihnen zu.
Einst war ich auch mal in Eurem Alter und war beseelt von dem Gedanken „da muss man doch was tun!“
Und ja, womöglich fängt auch der ein oder andere angehaltene Autofahrer an über die Schockbilder von den gematerten Äffchen des Hamburger Skandal-Tiefversuchslabors LPT nachzudenken.

[….] Die grausamen Tierversuche im LPT-Labor bei Hamburg machen derzeit weltweit Schlagzeilen. Am vergangenen Wochenende fand eine große Tierrechtsdemo statt, weitere sind geplant. Jetzt hat sogar die berühmte Affen-Forscherin Dr. Jane Goodall die Vorkommnisse im Labor aufs schärfste kritisiert.
„Die Aufnahmen zeigen einige der schlimmsten Misshandlungen, die ich je in Verbindung mit Tierversuchen gesehen habe“, sagte Dr. Jane Goodall über das LPT-Labor. Sie zählt zu den weltweit führenden Affen-Forschern, hat ein eigenes Institut gegründet und ist UN-Friedensbotschafterin. Zudem wurde sie mit der zweiten Stufe des britischen Ritterordens ausgezeichnet.
Die Recherche, über die in der letzten Woche weltweit berichtet wurde, enthüllt ein schockierendes Ausmaß an Tierleid, welches eindeutig Europäische und Deutsche Gesetze verletzt. Verstörende, verdeckt gedrehte Aufnahmen von massiv blutenden Hunden und systematisch misshandelten Affen haben den Schleier der Geheimhaltung von vorgeschriebenen Giftigkeitstests gelüftet, und die Tierquälerei dahinter offenbart. […..]

Aber all die Empörung wird auch schnell wieder vergessen sein, wenn man wieder im Sommer möglichst billig grillen will mit Tropenholzkohle und Discounter Wilke-Schimmelwurst für ein paar Cent das Pfund.


Menschen sind beschissene Egoisten und werden sich nicht bessern.

Ich applaudiere den XR-Jugendlichen.
Aber ich belächele sie auch dafür, sich vor ein paar Hamburger Autos zu stellen, während der Urnenpöbel ja doch immer wieder konservativ wählt und mit Typen wie Merkel und Klöckner tief im Hintern der Agrarlobby hockt.
Und wie wollt Ihr eigentlich AKK aufhalten?

[…..] Plastiktüten zählen, aber über das Militär schweigen? Die Debatte über den Klimaschutz hat sich in eine Ideologie privater Verantwortung verwandelt. Sie muss politischer werden.
[…..] Es gibt zwar so etwas wie "die Menschheit". Es gibt sie im Hinblick auf ihr Dasein als biologische Spezies, auf ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung und auf etwas so Abstraktes wie Zeitgenossenschaft. Doch hat "die Menschheit" gewiss noch nie etwas gedacht, geschweige denn etwas beschlossen. Sie wird es auch in Zukunft nicht tun. Sie ist gänzlich unfähig, ihr "Verhalten" zu ändern, denn sie ist kein Subjekt.
Wer immer "die Menschheit" anruft, um einen klimapolitischen […..] Schwieriger ist es, die Argumentation im Kleinen als Ideologie kenntlich zu machen. Daher ein Beispiel: Für jeden Passagier, der von München nach Mallorca fliegt, werden, grob gerechnet, etwa hundert Liter Kerosin verbrannt. Die Menge erscheint als sehr groß, wenn man sie sich etwa in Kanistern abgefüllt vorstellt. Sie erscheint allerdings als winzig klein, wenn man sie am globalen Ölverbrauch misst: Das amerikanische Militär, der größte einzelne Energieverbraucher der Welt, verbraucht 48 Millionen Liter Öl pro Tag, was etwas weniger als einem Siebtel des gesamten deutschen Ölverbrauchs entspricht oder ungefähr so viel ist, wie ganz Schweden in derselben Zeit vernutzt.
Bei allen Vorschlägen, die gegenwärtig zur Verminderung des Kohlendioxidausstoßes kursieren, ist allerdings nie vom Militär die Rede. Das Politische erscheint in der Debatte um eine Verminderung des Klimawandels ins Private verschoben, und während jenes offenbar als nicht verhandelbar erscheint, sind der Fantasie des Energiesparens im Leben des Einzelnen offenbar keine Grenzen gesetzt. […..][…..]

Wäre ich heute ein Teenager, würde ich hoffen, daß sich Typen wie ich irren, daß noch Hoffnung besteht.
Daher ermutige ich auch die Jugendlichen sich weiter bei XR und „Fridays For Future“ zu engagieren.
Aber das ist jetzt Eure Sache. Die vorherigen Generationen haben versagt und dabei waren einige, die sich wirklich engagierten und nicht dachten, einen Like-Button auf Instagram anzuklicken sei ein veritabler Protest.

In meinem Greisenalter sitze ich mit laufenden Motor hinter meinem Steuer und denke mir nur „Lass sie untergehen, die Menschheit. So schnell wie möglich!“

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