Donnerstag, 31. Oktober 2019

Sex im Dunkeln.

Das Thema Sex zu meinen Jugendzeiten oder gar der Jugendzeit meiner Eltern unterscheidet sich natürlich erheblich von dem heute.

In meiner Kindheit erfuhr man was es mit Geschlechtsverkehr, Genitalien und Kinderkriegen auf sich hat, tatsächlich durch ein Aufklärungsgespräch. Irgendein Erwachsener oder Erwachsenerer nahm einen beiseite und erklärte die Funktionsweise der entsprechenden Organe. In meiner Erinnerung galt das als so eine Art bürgerliches Ritual. Notwendig für Stadtkinder. Die Bauernjugend wußte ohnehin alles, weil sie die entsprechenden Vorgänge bei all ihren Tieren beobachtet hatten.
Meine Jugendzeit war ziemlich liberal. Im Sommer badeten alle in einem nahe gelegenen Teich. Natürlich nackt. Man wollte ja nicht anschließend mit dieser nassen Hose rumlaufen und blöde weiße Stellen beim Sonnen bekommen.
Erst beim Schwimmunterricht in der Schule musste ich Badehosen tragen, aber das waren natürlich diese möglichst Kleinen, die keinen Wasserwiderstand bieten sollten.
Bis heute ist es mir vollkommen unverständlich, daß diese „Speedos“ heute so verpönt sind und Männer am Strand weite, überknielange Bein-Burkas mit mehreren Quadratmetern Stoff tragen. Dabei will ich nicht den modischen Aspekt bewerten, aber im Wasser ist so viel Textil eine echte Bremse und wer will denn anschließend mit den vollgesogenen nassen Sachen rumlaufen?
Offenbar geht es darum auch nur die leisesten Umrisse männlicher Genitalien unkenntlich zu machen, als ob die etwas völlig Unnatürliches wären, das versteckt und tabuisiert gehört.
Verwunderlich ist das allerdings nicht in einer Welt mit Milliarden Facebook-Nutzern, die sich alle dem äußerst strengen US-amerikanischen Nippel-Verbot fügen. Mord, rassistische Hetze, drastische Gewaltdarstellungen fallen unter „Meinungsfreiheit“, aber bei einer weiblichen Brustwarze schrillen Zuckerbergs Alarmglocken.
Vermutlich gehört das zu den Dingen, über die sich zukünftige Generationen totlachen werden. Was war das nur für eine grotesk-heuchlerische Gesellschaft Anfang des 3. Jahrtausends.
Der Effekt dieser starken, strafbewährten Tabuisierung und abstruser Moden wie Baggy-Swim-Pants und dem Zwang zur totalen Genitalrasur auch bei Männern ist natürlich eine umso stärkere Aufmerksamkeit.
Ich habe schon oft Altersgenossen oder Ältere gefragt, die in ihrer Jugend ähnlich wie ich viele andere nackte Menschen am Strand, beim Schwimmen oder beim Sport gesehen haben, ob sie sich konkret an die Achsel- oder Genitalbehaarung Anderer erinnern. Hat man noch Busen-Formen und Penis-Größen vor Augen?
Meine Antwort ist ein klares NEIN. Denn ohne die entsprechende Modezwänge und Tabus war das so natürlich, daß es keiner besonderen Aufmerksamkeit bedurfte.
Man guckte im Freibad nicht genau hin, ob der Typ vor einem auf dem Sprungbrett eine besonders große Wölbung in der knappen Badehose hatte, weil die Idee, daß so etwas Aufmerksamkeit verdiente noch nicht existierte.
Nach meinem Eindruck wird jetzt aber im Zuge der allgegenwärtigen Diskussionen um Brustimplantate, Bauchstraffungen und Genitalwaxing ein so öffentliches Interesse geschaffen, daß man überhaupt gezielt weggucken muss, wenn in Werbung oder Social Media nackte Körperregionen zu sehen sind.
Die längste Zeit meines Lebens kannte ich den Begriff „Six Pack“ gar nicht. Zu meiner Jugendzeit gab es keine „Fitnessstudios“; ich wäre daher auch nie auf die Idee gekommen anderen Jugendlichen in der Sportumkleide kritisch auf den Bauch zu gucken, um abzuschätzen wie wohl der Körperfettanteil ist.
Heute sind perfekt gewachste Model-Männer mit muskulösen Waschbrettbäuchen in Werbung und TV so omnipräsent, daß sogar mir auffällt, wenn einer aus dem Raster fällt.

Social Media schafft einen Aufmerksamkeitswahn, der vermutlich auch erklärt, wieso Jugendliche heute viel später als vor 50 Jahren das erste mal Sex haben, obwohl sie wegen ihrer Klugtelefone schon im präpubertären Alter ausführlicher über alle nur erdenklichen Sexualpraktiken im Bilde sind, als alle Generationen vor ihnen.
Vermutlich schüchtert das ein. Bodyshaming, Bulimie, Mobbing, Angststörungen aller Art bis hin zum Suizid haben dadurch Konjunktur.

Die Zugehfrau meiner Großmutter, Frau Tiedemann, war eine herzensgute Seele, die viel lachte. Aufgewachsen war sie vor dem Krieg als älteste von zehn Kindern in echter Mecklenburger Armut.
Sie hatten nur einen Raum mit drei Betten, in denen sich 12 Personen drängelten. Gearbeitet wurde 16 Stunden am Tag und als älteste Tochter war Frau Tiedemann quasi immer dabei, wenn ihre Eltern ihre Geschwister produzierten. Muttern hatte vermutlich nicht immer Lust dazu. Nachts hörte sie den Vater dann zischen „nun nimm die Füße auseinander!“ bevor ein kurzes Geruckel des Bettes losging.
Unter solchen Umständen braucht es keine weitere Aufklärung. Da wissen die Kinder automatisch was sie in ihrer eigenen Hochzeitsnacht zu tun haben.
Aus Sicht der Jugendlichen im Westen des 21. Jahrhunderts sind das vermutlich keine erstrebenswerten Zustände.
Aber natürlich blieb Frau Tiedemann auch viel sozialer Druck erspart. Sie musste als Teenagerin nie Bilder von sich der Welt präsentieren, sich um die neuesten Schmink- und Frisurentrends sorgen, bangen wie viele Likes ihre Selfies bekommen, konnte Geld für Lippenfüllungen, Botox-Spritzen und Kochsalzimplantate sparen. Ihre Brüder waren nie verunsichert, ob ihre Penisse zu krumm, der Bauch zu wabbelig oder die Achseln zu haarig waren.
Ich mutmaße, daß auch der erste Sex unter solchen Umständen mit viel weniger Erwartungshaltung und Erfolgsdruck stattfindet.
Aber ist es wirklich ein Segen überall so genau hinzusehen, daß man verschreckt und hysterisch rund um die Uhr damit beschäftigt ist sich mit Kosmetik, Schönheitschirurgie, Mode, Instagram-Filtern, Photoshop zu verhüllen?
Daß man jeden Quadratzentimeter der eigenen Haut mit Piercings, Tattoos, Brandings, Tönungen optimiert, bevor man sie dann mit züchtig verhüllten Nippeln und garantiert Bulging-freien Baggy-Shorts Millionen Menschen zeigt?

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