Mittwoch, 6. November 2019

Schwarzbraune Kontinuität


Der erste CDU-Bundeskanzler Adenauer holte mit Globke und Oberländer Nazis der übelsten Sorte in seine Regierung.
Der dritte CDU-Bundeskanzler Kiesinger war selbst NSdAP-Mitglied gewesen.
Der vierte CDU-Bundeskanzler Kohl unterstützte ehemalige SS-Mitglieder.

Offensichtlich habe ich in dieser Auflistung den zweiten Kanzler, den sogenannten „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard ausgelassen.
Dieser unglaubliche dicke Mann mit der Zigarre ist den meisten Menschen heute als sensationell erfolgreicher Wirtschaftsminister (1949 bis 1963) in Erinnerung, der aber erst spät den Sprung zum Kanzler schaffte und in seiner kurzen Amtszeit 1963 bis 1966 nicht recht zu überzeugen wußte.
Erhard wird gern von Journalisten bemüht, die sich über allzu große Härten der neoliberalen CDU-Wirtschaftspolitik à la Merz echauffieren.
Diese radikalen Gegner des Sozialstaates mögen sich doch daran erinnern, daß die erfolgreiche Erhard-CDU für soziale Marktwirtschaft stand.

Aber der 1897 in Fürth geborene spätere Kanzler wird dabei enorm verklärt.
Er galt als genialer Wirtschaftswissenschaftler, aber seine akademische Karriere war eher mau.
Mit Mühe promovierte er. Weiter kam er nicht.

[….] Die Handelshochschule hatte seit 1931 das Habilitationsrecht, und Erhard versuchte sich an dem ambitionierten Thema „Die Überwindung der Wirtschaftskrise durch wirtschaftspolitische Beeinflussung“. Das Manuskript ist durch seinen Nachlass bewahrt geblieben. Biograf Hentschel, selbst Wirtschaftshistoriker, meint, Erhard tauge dem Habilitationsversuch zufolge nicht als wissenschaftlicher Nationalökonom, da ihm die formale Strenge und die Fähigkeit fehlten, klare und schlüssige Gedanken zu fassen und unter Hinweis auf die verwendeten Quellen argumentativ miteinander zu verbinden. Die Ursachen der damaligen Weltwirtschaftskrise habe Erhard logisch unschlüssig gedeutet, die Lösung der akuten Probleme sei verfehlt gewesen. [….]

Richtig erfolgreich wurde Erhard erst mit Kriegsbeginn, als er sich damit beschäftigte, wie man die von Deutschland überrannten Gebiete ausbeuten konnte.
Er briet die Nazis bei der wirtschaftlichen Annektierung Österreichs, Polens und Lothringens. Von 1942 bis zum Kriegsende führte er ein von der NS- Reichsgruppe Industrie finanziertes Institut, in dem er Pläne zur Finanzierung des Krieges durch Arisierungen entwarf, erstellte entsprechende Denkschriften für die SS.
Weniger bekannt ist, daß er sich dabei auch selbst die Taschen vollstopfte.
1939 bis 1945 lebte er ausschließlich von Aufträgen der Nationalsozialisten.

[….]  Der Vater des Wirtschaftswunders wird bis heute gefeiert – dabei hat er eng mit Gauleitern und NS-Behörden zusammengearbeitet und bestens verdient. [….]  Es ist weithin unbekannt, dass Erhard ein Profiteur des NS-Regimes war und hochbezahlte Gutachten für Gauleiter und Himmler-Behörden verfasst hat. [….]  Für [Gauleiter] Bürckel verfasste Erhard unter anderem eine Studie darüber, welche „Gesichtspunkte“bei der „Verwertung des volksfeindlichen Vermögens zu beachten“ seien. Damit war das Eigentum von deportierten Juden und missliebigen französischen Politikern gemeint.
1940 tat Erhard zudem einen weiteren Großkunden auf – die „Haupttreuhandstelle Ost“, die im annektierten Polen tätig war. Erhard sollte ein wirtschaftspolitisches Gesamtkonzept entwerfen, wie sich der „neue deutsche Ostraum“entwickeln ließe.
Im Sommer 1941 war der Vorbericht fertig, in dem es nicht an rassistischen Klischees fehlte. So schrieb Erhard beispielsweise: „Das polnische Volk hat weder die Gestaltungskraft noch den Gestaltungswillen, die es zu so wahrhaft kultureller Leistung befähigt. “Erhards implizite Botschaft lautete also: Die Polen konnten froh sein, dass sie von den Deutschen unterworfen und enteignet worden waren, denn nun übernahm der germanische Sachverstand.
Erhard dachte in völkischen Kategorien, blieb aber dennoch pragmatisch: Für ihn war es schlicht ineffizient, die Polen zu ermorden, zu vertreiben oder verhungern zu lassen, wenn sie doch als Arbeitskräfte und als Kunden benötigt wurden. [….]  .
Die SS machte dabei klare „volkspolitische“ Vorgaben: Erhards neue Studie sollte davon ausgehen, dass sämtliche Polen deportiert würden. Da Erhard das Warthegau mehrfach intensiv bereist hatte, musste er wissen, dass es für die Polen den sicheren Hungertod bedeutete, wenn sie in den Osten abgeschoben wurden. Dennoch war Erhard gern bereit, eine Expertise für die Himmler-Behörde zu erstellen, und verlangte dafür üppige 6000 Reichsmark. [….] 

Noch erschreckender als Erhards mieses Treiben ist die Vehemenz, mit der die CDU auch noch im Jahr 2019 Geschichtsklitterung betreibt und jede Nazi-Verstrickungen abstreitet.
Wie Roland Koch im Jahr 1999 kennt die Perfidie kaum Grenzen. So wie die damalige Hessen-CDU von „jüdischen Vermächtnissen“ sprach, als sie 20 Millionen Schwarzgeld bunkerten, stilisiert die Erhard-Stiftung den Nazi-Freund gar als Widerstands-Mann. Absolut schamlos gegenüber all der Widerständler, die dafür mit ihrem Leben bezahlt haben.

[….] Kann man ihn deswegen als Profiteur bezeichnen? Nein, heißt es im Ludwig-Erhard-Zentrum in Fürth.
    "Ein 'Profiteur' ist ein Nutznießer. Und ein Nutznießer des NS-Regimes war Ludwig Erhard nicht. (…) Das Kerngeschäft des Instituts und damit auch von Erhard war Marktforschung im Auftrag externer Geldgeber. (…) Weil in der ohnehin immer stärker dirigistisch-staatsinterventionistisch organisierten NS-Wirtschaft mit Kriegsbeginn 1939 die Privatindustrie als Auftraggeber ausfiel, mussten die Institutsleitung und damit auch Ludwig Erhard versuchen, Aufträge von staatlichen Stellen zu bekommen." Prof. Daniel Koerfer, wissenschaftlicher Kurator der Dauerausstellung im Ludwig-Erhard-Zentrum, Professor für Zeitgeschichte und Wirtschaftsgeschichte an der Freien Universität Berlin
In der Dauerausstellung im Fürther Ludwig-Erhard-Zentrum sind Erhards Wirtschaftsgutachten für die Nazis im Original zu sehen. [….]  In der Ausstellung fällt das Foto eines schmalen Mannes mit ernstem Blick auf: Carl Goerdeler – NS-Widerstandskämpfer, nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. [….]  Ulrike Herrmann wirft Erhard vor, seine lockere Bekanntschaft mit Goerdeler nach dem Krieg ausgeschlachtet zu haben. Erhard sei ein "Lügner". Er habe sich "mit sehr viel Fantasie" eine Widerstands-Legende "zusammen gelogen", sagt Herrmann. [….] 
Daniel Koerfer ist sich sicher: Ludwig Erhard war kein Nazi. [….]

Der Mann, der sich bei Arisierungen eine goldene Nase verdiente, wird heute noch als Ideal beworben.
Arisierung ist ein euphemistischer Begriff, der wie eine Umbenennung und Umstrukturierung klingt.
Arisierung war aber etwas anderes: Nämlich Menschen umbringen, die gesamte Familie in die Gasöfen schicken und ihren Besitz rauben. Das ist es worin Bundeskanzler und CDU-Bundesvorsitzender Erhard seine Finger hatte.
70 Jahre Nachkriegskontinuität der CDU, 70 Jahre NS-Appeasement.
Seit 70 Jahren drücken die Christdemokraten ihr rechtes Auge zu. Hans-Georg Maaßen ist die Apotheose dieser Haltung.

 [….]  Erhard hat die meisten seiner Lügen wahrscheinlich selbst geglaubt, denn sie halfen ihm, schwere Niederlagen zu verbrämen. Dies begann bereits mit seiner Habilitation. Später hat Erhard behauptet, er hätte auf eine „akademische Laufbahn verzichten“ müssen, weil er kein Nazi gewesen sei. Dem italienischen Premier Aldo Moro erzählte Erhard beispielsweise, er sei zu Hitlers Zeiten „verfemt und geächtet“ gewesen und habe „seine Professorentätigkeit nicht ausüben dürfen“.
Die Wahrheit ist weniger schmeichelhaft: Erhards Habilitation scheiterte nicht am NS-Regime, sondern an seiner eigenen Unfähigkeit. Er brachte zwar 141 Seiten zu Papier, aber der Inhalt war so dürftig, dass Erhard das Werk lieber nicht einreichte. Die NSDAP war jedenfalls nicht schuld, dass Erhard nicht zum Professor aufrückte. Nürnbergs NS-Bürgermeister Eickemeyer wollte ihn sogar ohne Habilitation mit dem Titel ehren, stieß jedoch auf den Widerstand des standesbewussten bayerischen Kultusministeriums. [….] 
[….]  Besonders eng arbeitete Erhard mit Josef Bürckel zusammen, der erst Gauleiter in Wien und dann in Lothringen war. Zwei Expertisen stechen heraus: [….]  Auch die zweite Expertise hatte mit diesem Themenkomplex zu tun: In den enteigneten Betrieben waren NS-Manager eingesetzt worden, die sich oft als extrem korrupt und unfähig erwiesen, so dass Erhard nun die „Problematik der kommissarischen Verwalter“ beleuchten durfte. Erhard war also bestens über die Judenverfolgung informiert – und gedachte davon zu profitieren, indem er Gutachten einwarb. Nach dem Krieg verbreitete Ludwig Erhard die Legende, er habe in Lothringen nur die Glasindustrie untersucht.
1940 tat Erhard zudem einen weiteren Großkunden auf – die „Haupttreuhandstelle Ost“, die im annektierten Polen tätig war. Mehrfach bereiste Erhard diese Gebiete und sprach dort mit den „verschiedensten und maßgebendsten Stellen“, wie er in einem Brief an Nürnbergs NS-Bürgermeister Eickemeyer herausstrich. Erhard kannte also das Grauen, das sich in Polen abspielte.
[….]  Zudem konnte Erhard familiäre Bande nutzen: Seine Schwester war mit dem Hauptgeschäftsführer der Reichsgruppe Industrie verheiratet, und dieser Schwager organisierte nun die Mittel, damit Erhard sein eigenes Institut für Industrieforschung gründen konnte. Dieses Institut bestand zwar nur aus Erhard und seiner Sekretärin, wurde aber üppigst dotiert. Jährlich wurden 150.000 Reichsmark bewilligt. Ein Arbeiter, zum Vergleich, verdiente damals knapp 2.000 Reichsmark im Jahr. Zudem musste sich Erhard nicht überarbeiten: So weit man weiß, hat er nur ein paar Erhebungen durchgeführt und eine größere Denkschrift verfasst.
[….]  Erhard konnte sein Gewissen auch mühelos ausschalten, wenn es galt, Beraterhonorare zu kassieren. Nach dem Krieg erhielt er jährlich 12.000 D-Mark von der weltbekannten Porzellanfirma Rosenthal AG, die zu den „arisierten“ Unternehmen gehörte. Als Firmenerbe Philip Rosenthal sich nach dem Krieg bemühte, den väterlichen Betrieb zurückzuerhalten, schrieb Erhard am 20. Juni 1949 einen höchst ungewöhnlichen Brief an die US-Militärregierung: Er legte den Amerikanern nahe, „den im Dritten Reich eingesetzten Vorstand der Rosenthal A.G. nicht abzusetzen“. Erhard wollte also genau jene Manager retten, die ab 1934 die Firma gewaltsam „arisiert“ hatten. [….] 

80 Jahre nach Kriegsbeginn hat die CDU offenbar noch nicht viel dazu gelernt, robbt sich insbesondere in Ostdeutschland an völkische Demagogen und Faschisten heran.
Unter der fünften CDU-Bundeskanzlerin Merkel sieht es also bezüglich der Nazis auch nicht besser aus als vor 70 Jahren.

[….]  Wie geschichtsblind müssen Christdemokraten sein, die davon träumen, eine solche Partei von Rechtsaußen einhegen zu können?
[….]  Die Thüringer Kommunalpolitiker fordern, dass ihre Partei auch mit der AfD sprechen solle, um auszuloten, ob und wie in Thüringen eine stabile Regierung gebildet werden könne. [….]  Es gibt dort in der zweiten und dritten Reihe eine Offenheit gegenüber der AfD, die auf Unkenntnis, politischer Naivität und manchmal auch inhaltlicher Nähe zu dieser Partei gründet. [….]  Die AfD sieht ihre politischen Konkurrenten nicht als Gegner, sondern als Feinde. Jeder kann das im Bundestag und in den anderen Parlamenten sehen. Auch reicht im Grunde ein kurzer Ausflug auf Webseiten der AfD, die von Hass und Respektlosigkeit gegen Minderheiten, aber auch gegen die Kanzlerin geprägt sind - jene Frau, die seit zwei Jahrzehnten das Gesicht der CDU ist.
Wie naiv muss ein Christdemokrat sein, der glaubt, mit dieser Partei könne man einen Dialog führen über eine vielleicht etwas andere Politik? Und wie geschichtsblind muss jemand sein, der davon träumt, eine solche Partei von Rechtsaußen einhegen zu können? [….] 

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