Montag, 9. Dezember 2019

Gekommen, wie befürchtet – Teil II

Es gibt diese Sorte Politiker, die einfach nicht die breite Masse erreichen, die keine Talkshow-Plauderer sind und nie die vorderen Plätze des Beliebtheitsrankings einnehmen werden.
Sie sind nicht geschaffen für die große Öffentlichkeit, auch wenn sie im kleineren Kreis ungeheuer gewinnend sind und von ihren Mitarbeitern und Kollegen geradezu geliebt werden.
Jürgen Trittin ist so einer. Chronisch unbeliebt bei Volk und Medien, aber persönlich bescheiden, umgänglich und hochgeschätzt.

Idealerweise kann man auf der großen Bühne und Talkshows überzeugen und wird außerdem noch von seinen Mitarbeitern sehr gemocht. Gerhard Schröder war so einer, den man immer als Rampensau wahrnahm. Weniger bekannt waren seine Zuhörerqualitäten. Als Ministerpräsident und Bundeskanzler war er ein Wanderer, der kaum hinter seinem Schreibtisch saß, niemand einbestellte, sondern lieber selbst zu den Sekretären und Referenten ging. Vollkommen unprätentiös. Bekannt ist das auch von den Politik-Giganten Schmidt, Wehner und Brandt, die von ihrer nächsten Umgebung über alle Maßen verehrt wurden. Ihre Fahrer, Wachleute, Telefonisten wären für sie durchs Feuer gegangen.

Wieder andere können es zu enormer öffentlicher Beleibtheit bringen – zu Guttenberg, Kohl – aber gleichzeitig extrem unangenehme Chefs sein, die keinerlei Loyalität zu ihren Mitarbeitern aufbringen.

Einige der beliebtesten Politiker, die hervorragend verstehen für sich selbst PR zu machen, werden in ihrem innersten Kreis regelrecht gehasst, weil sie rücksichtslose Egomanen sind, die alle anderen als niedere Wesen behandeln.
Schäuble, von der Leyen und natürlich Seehofer sind Beispiele dafür. Immer wieder trennen sich Untergebene von ihnen, weil sie wie Dreck behandelt werden.

Angela Merkel ist ein Sonderfall. Sie ist bekanntlich keine Volkstribunin. Sie ist eine schlechte Rednerin und im Smalltalk mit normalen Menschen legendär ungeschickt. Mit ihr kann man nicht schnell warm werden. Wenn sie Besuchergruppen, Sternensinger empfängt, kann sie nicht kaschieren wie wenig Lust sie dazu hat.
Dafür gibt es aber immerhin einen kleinen sehr festen Mitarbeiterstab, also im Wesentlichen „das Girlscamp + Altmaier“, aber auch einige politische Freunde wie Klaus von Dohnanyi, die 100% loyal sind, Merkel immer verteidigen und wie man hört, auch ganz andere Seiten an ihr loben. Sie soll sogar komisch sein können und hervorragend andere Promis imitieren können.

Saskia Esken steht ebenfalls auf einsamen Posten.
Ich gebe gern zu, daß ich nicht objektiv bin, weil ich in der deutschen Politik (außer am rechten Rand) seit Jahrzehnten niemanden so unsympathisch empfand.
Natürlich sind das keine politischen Kriterien, aber ich kann ihr kaum zuhören, kann sie kaum ansehen. Die Frau triggert irgendetwas an mir, daß ich schreiend weglaufen möchte.
Auch wenn wenige meine starke Abneigung teilen mögen, so wird sich auch kaum einer finden, der sie für einen Menschenfängerin hält. Sie kommt einfach nicht an auf großer Bühne.
Bei Esken deckt sich dieser Eindruck fatalerweise aber mit allen, die sie persönlich kennengelernt haben. Sowohl in ihrem Wahlkreis, als auch im Bundestag. Jeder, der schon mit ihr arbeiten musste, wendet sich angewidert ab.
Sie scheint chronisch illoyal und zudem selbstverliebt zu sein.

[….] Und Esken? Über sie ist weniger Wohlwollendes zu hören, gerade in der SPD-Bundestagsfraktion, wo viele eine tiefe Abneigung gegen sie pflegen. Wenn es in der Phase der Regionalkonferenzen unter den vielen Bewerbern um den Vorsitz eine Hassfigur gab, dann war es Esken. Viele wunderten sich, wie man politisch so unerfahren sein und zugleich so selbstbewusst auftreten könne. Wenn Esken sich, gerade dem Taxi entstiegen, einer Gruppe von Kandidierenden näherte, die plaudernd beisammenstand, löste sie bisweilen allergische Reaktionen aus: "O Gott, da kommt sie."
Eskens Vorträge auf den Regionalkonferenzen waren oft einfallslos und plump. Immer dieselben Textbausteine, dieselben Witze. "Was geschieht alle elf Minuten in Deutschland?", fragte Esken regelmäßig. Auflösung: "Da werden acht Millionen Euro vererbt." Oder der Gag darüber, wie sie und Walter-Borjans zueinanderfanden: "Ich bin ja für Gleichberechtigung. Deshalb wollte ich einem Mann eine Chance an meiner Seite geben." [….]
(DER SPIEGEL Nr. 50, 07.12.2019, s.17)

Es ist schlecht, wenn Politiker, wie Olaf Scholz nicht bierzelttauglich sind und keine schmissigen Reden halten können.
Noch viel schlechter ist es aber, wenn man umso verhasster ist, je besser man kennengelernt wurde.

Die neuen Umfragetrends überraschen daher wenig.
Eskens Urwahlerfolg vom 30.11.2019 wurde umgehend zum Demoskopie-Desaster: Forsa befragte vom 02.12.–06.12.19 insgesamt 2.502 repräsentativ ausgewählte Personen (ein große Stichprobe also) und maß ein nie dagewesenes SPD-Rekord-Tief.

Das war nicht anders zu erwarten nachdem die Kamikaze-Strategen Kühnert und Esken seit Monaten alles darauf setzten mit allen Mitteln sozialdemokratische Bundesminister zu stürzen und sie durch CDU/CSU-Männer zu ersetzen.
Das passiert, wenn populistisch verführte Jungs-Sozis sich auf einen destruktiven Kurs versteifen, bei dem es nur noch darum geht den beliebtesten Politiker Deutschlands – Olaf Scholz – durch eine möglichst verhasste Provinzlerin zu ersetzen. Damit kann man zwar politisch gar nichts erreichen, aber es gibt einem das wohlige AfD-Gefühl „denen da oben“ mal so richtig in den Hintern getreten zu haben.

[…..] Nach der Klatsche bei der Wahl für den SPD-Vorsitz sprachen alle über das wahrscheinliche Karriere-Aus von Olaf Scholz – doch plötzlich ist der ehemalige Hamburger Bürgermeister Deutschlands beliebtester Politiker!
Beim „Deutschlandtrend“ der ARD klettert Scholz bei der Frage, mit welchem Politiker die Deutschen zufrieden sind, um riesige sieben Prozentpunkte nach oben […]
Offenbar hat Olaf Scholz durch die Niederlage bei der Wahl um den SPD-Vorsitz an Sympathie im Land gewonnen. Für das neue Führungsduo der SPD, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sowie ihren Unterstützer Kevin Kühnert, ist das keine gute Nachricht.
Und dazu kommt: Eine große Mehrheit der Befragten ist für die Fortführung der bei den SPD-Mitgliedern offenbar so verhassten Große Koalition – genau dafür steht auch Olaf Scholz. Selbst die SPD-Anhänger sind für die GroKo – nur AfD-Wähler sind dagegen. [….]

Sofort raus aus der Groko ist also ein Schlagwort, das nur bei Jusos und AfD mehrheitlich gut ankommt.
Für die Fundamental-Opposition AfD ist ein solcher Wunsch noch verständlich, aber Walter-Borjans und Saskia Esken und Kevin Kühnert gehen damit auf Kamikaze-Kurs.
Sozis, die so fanatisch auf den beliebtesten Sozi eindreschen gebührt ein besonderer Platz in der Hölle.

[…..] Das "Voice-of-Germany"-Format der Regionalkonferenzen hat der Partei letzten Endes geschadet. Es sind wenige Fragen gelöst worden. In der Großen Koalition bleiben oder nicht? Linkskurs oder doch einen der Mitte? Das bleibt weiterhin offen. Das Schlimmste ist: Besonders Vizekanzler Olaf Scholz wurde geschwächt - ausgerechnet das bekannteste Gesicht der Partei. [….]
(Dr. René Cuperus, niederländischer Politikwissenschaftler, Mitglied der sozialdemokratischen "Partij van de Arbeid" (PvdA), 09.12.19)

Auch andere Umfrage-Institute bestätigen wie schädlich der Esken-Irrweg für die SPD ist und stützen Olaf Scholz.

[….] Eine repräsentative Umfrage des Online-Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL dürfte den Finanzminister jetzt zuversichtlich stimmen. Denn mehr als 60 Prozent der SPD-Anhänger sind demnach eindeutig oder eher der Meinung, dass der Norddeutsche auch künftig eine wichtige Rolle in der Partei spielen sollte.
Selbst unter den Anhängern von CDU und CSU wünschen sich knapp 59 Prozent einen bedeutenden Einfluss von Scholz innerhalb der SPD. Das könnte als klares Statement für die Große Koalition gedeutet werden - denn Scholz hat sich im Gegensatz zu Walter-Borjans und Esken immer klar für einen Verbleib der Sozialdemokraten im Bündnis mit der Union ausgesprochen. […..]

Endlich ist Andrea Nahles, die Laute und so oft Danebenliegende SPD-Geschichte und es findet sich tatsächlich eine noch schlechtere Bundesvorsitzende.
Gewählt von einem Viertel der Mitglieder. Zwei Viertel haben nicht abgestimmt, ein Viertel wählte Scholz. Die Jusos haben mit einer massiven Suizid-Kampagne 75% der Sozis ausmanövriert.

[….] Bei den 23 Regionalkonferenzen wurden die beiden von den Jusos bejubelt wie kein zweites Team. Auffällig waren auch die Fragen, die den beiden von Jusos gestellt wurden, meist dankbare, gefällige Vorlagen zu ihren Spezialgebieten Digitalisierung (Esken) und Steuerpolitik (Walter-Borjans).
Ihre Hauptkonkurrenten dagegen bekamen kritische, scharfe Fragen. Zuvor hatte Kühnert sicherheitshalber einen Katalog möglicher Fragen an einen großen Kreis von Juso-Funktionären verschicken lassen. Auch in den sozialen Netzwerken kam den Kandidaten die Unterstützung der Jusos zugute, die dort deutlich aktiver sind als die älteren Genossen. [….]
(DER SPIEGEL Nr. 50, 07.12.2019, s.17)

Die Jusos vergessen nur, daß die U35-Generation weniger wählen geht und ohnehin schwächer ist als die Rentner.

Natürlich kann dieser populistische Exzess kein Aufbruch sein.
Ich sehe schwarz für meine Partei, dunkelschwarz.
Aber was will man erwarten in einer Zeit, die immer komplizierter wird und in der gleichzeitig einfache Antworten immer populärer werden, weil niemand mehr Lust hat sich zu informieren, Zeitungen zu lesen, sondern ein paar Tweets oder Markus Lanz für ausreichende Informationsquellen hält?

[…] Nach […] 23 Regionalkonferenzen, haben die Mitglieder der ältesten deutschen Traditionspartei zwei Figuren auf den Schild gehoben, an deren Eignung doch berechtigte Zweifel bestehen. […] Dass [Saskia Esken] im Bundestag sitzt, dürfte außerhalb ihres Wahlkreises Calw nur wenigen bekannt sein. Und selbst dort, in der Heimat, gaben ihr zuletzt nur 16,9 Prozent der Wähler die Erststimme.
Dass diese Doppelspitze das Beste sein soll, was die Partei Willy Brandts und Friedrich Eberts nach einem Jahrzehnt eines selbst auferlegten Erneuerungsprozesses aufzubieten hat, dürfte selbst ihre schärfsten Gegner überrascht haben. Aber daran glaubt ja auch die SPD in Wahrheit nicht. Es ging nicht um die Suche nach kompetenten Chefs. Es ging darum, den basisfernen Parteioberen und Berliner Großkoalitionären endlich einmal den Mist vor die Tür zu fahren und ihnen mit Anlauf in den Arsch zu treten.
Hier schlägt sich, auch sprachlich, der Bogen zu Trump und zum Brexit. In der SPD ist eine Art innerparteilicher Populismus ausgebrochen, der rationale Argumente nicht mehr hören will und sich aus dem großen Irgendwie der Bauchgefühle speist. [….]

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