Dienstag, 14. Juli 2020

Covidioten


Nach den Bildern der volltrunkenen deutschen Feierbiester an Mallorcas Proll-Schänken ist Jens Spahn besorgt.

[….] "Die Pandemie ist nicht vorbei, wir sind noch mitten in der Pandemie", warnte Spahn. Weltweit seien die Zahlen so hoch wie nie zuvor. "Die Gefahr einer zweiten Welle ist real. Wir sollten wachsam bleiben und sollten nicht übermütig werden." [….]

Das ist eben Spahn – schon vor vier Monaten begnügte er sich mit einem Appell an die Vernunft.

[…..] Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (39, CDU) hat angesichts der Einschränkungen im öffentlichen Leben in Deutschland die Menschen zum Mitmachen und zur Vernunft aufgerufen. […..]

Weitere drei Monate später klang der Minister nicht anders.

[….] Auch zu den angekündigten Großdemonstration am Wochenende äußerte sich Spahn. Zu demonstrieren und seine Meinung zu äußern, sei ein wichtiges Grundrecht. Die Bilder von dicht gedrängten Menschen bereiten ihm jedoch Sorge. "Deshalb kann ich nur an die Vernunft appellieren und an die Rücksichtnahme aufeinander." [….]

Spahn appelliert statt Regeln aufzustellen, weil Wähler es nicht mögen bevormundet zu werden. Sie wollen als intelligente, vernünftige Wesen angesprochen werden.
Daher ist „die Wähler sind viel intelligenter als Sie glauben!“ auch eine der beliebtesten Talkshow-Floskeln. So fühlen sich die Zuseher ernst genommen, denn sie wollen auf keinen Fall veräppelt werden.


Unglücklicherweise werden sie aber genau mit den Lobeshymnen auf ihre Intelligenz und Vernunft veräppelt.
Es gibt natürlich einige kluge Wähler, aber „die Wähler“ sind natürlich gerade eben nicht intelligent und vernünftig. Sonst würden sie nicht immerfort Kohl, Koch und Merkel wählen. Sie würden sich für andere Regierungschefs als Trump, Bolsonaro, Johnson oder Berlusconi entscheiden.

Vernünftige Menschen gehen nicht in Gottesdienste, benötigen keine Esoterik-Industrie, müssen nicht mit 250 km/h auf der Autobahn fahren, lesen nicht eifrig Horoskope in jeder Zeitschrift, gucken keine Schlagerparade, küren nicht die BILD zu ihrer auflagenstärksten Zeitung, rennen nicht Verschwörungstheoretikern hinterher, statten die AfD nicht mit 25%+Wahlergebnissen aus, schalten nicht bei ASTRO-TV ein, rennen nicht millionenfach zu Homöopathen, um garantiert wirkstofffreie Lactose-Kügelchen zu fressen, bilden keine Gaffer-Pulks, fahren ihre Teenager-Kinder nicht im 400PS-SUV zur Schule, lassen sich keine fünf Kilo Silikon in die Brüste stecken,  lehnen keine Impfungen ab, glauben nicht an Chemtrails oder Reptiloiden-Menschen.

Die lieben Wähler sind eben nicht vernünftig.


Manchmal beißt die Ironie so kräftig zu, daß man gleich einen Darwin-Award überreichen möchte.

Thomas Macias, 51, LKW-Fahrer aus Californien wollte nicht an Masken und die Gefährlichkeit des Virus glauben und amüsierte sich auf einer Party.

[…..] "I went out a couple of weeks ago ... because of my stupidity I put my mom and sisters and my family's health in jeopardy," he wrote. "This has been a very painful experience. This is no joke. If you have to go out, wear a mask, and practice social distancing. ... Hopefully with God's help, I'll be able to survive this."
He never made it. He died a day after that post. [….]

Wenig später ging ein 30-Jähriger Texaner sogar gezielt zu einer „Covid-Party“, da er ja jung und gesund war und wußte, daß es sich bei Corona nur um eine „democratic hoax“ handele.
Das war ein Spaß!
Überlebt hat er allerdings nicht.


[…..] A 30-year-old man who believed the coronavirus was a hoax and attended a “Covid party” died after being infected with the virus, according to the chief medical officer at a Texas hospital.
The official, Dr. Jane Appleby of Methodist Hospital in San Antonio, said the man died after deliberately attending a gathering with an infected person to test whether the coronavirus was real.
In her statements to news organizations, Dr. Appleby said the man had told his nurse that he attended a Covid party. Just before he died, she said the patient told his nurse: “I think I made a mistake. I thought this was a hoax, but it’s not.” [……]

“Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht“ war einer seiner letzten Sätze bevor er an Covid19 starb.

Bei der Spezies Homo Sapiens reichen keine Appelle an die Vernunft, Herr Spahn.

Montag, 13. Juli 2020

Das bayerische Idyll.


Als Papst Benedikt gefragt wurde, wie er sich das Paradies vorstelle, antwortete er ‚wie zu seiner Kindheit in Bayern‘.
Ein wahrer Diplomat; das göttliche Jenseits stellt er sich also so vor wie die Nazi-Zeit nahe der „Hauptstadt der Bewegung“, als jeder, der aufmuckte, jüdisch oder sozialdemokratisch, oder Sinti oder Roma, schwul oder gar dunkelhäutig war ins KZ kam und vergast wurde.

„Um ehrlich zu sein: Wenn ich versuche, mir das Paradies vorzustellen, schwebt mir immer die Zeit meiner Kindheit und Jugend vor“

Wie wir wissen, versuchte Ratzinger sein Leben lang diese „paradiesischen Verhältnisse wiederherzustellen. Er unterdrückte mit brutaler Gewalt die Befreiungstheologen, die in Südamerika gegen die faschistischen Diktaturen aufstanden, setzte Bischöfe ein, die den rechtsextremen Autokraten gewogen waren und kaum ins Papstamt gewählt, holte er die faschistoiden Piusbrüder um den Holocaust-Leugner Bischof Williams zurück in den Schoß seiner Kirche.

Apropos „Pius“; im 12.000 Seelen zählenden oberbayerischen Ebersberg geht es im 21. Jahrhundert bergab. Nur noch 50% der Bewohner sind katholisch, fast 40% bezeichnen sich als „konfessionslos“ und zu allem Übel verlor die CSU bei den Gemeinderatswahlen von 2014 mit nur noch 44% die absolute Mehrheit im Stadtrat. Der berühmteste Ebersberger, Horst Mahler, sitzt als verurteilter Neonazi, Holocaustleugner und Gewalttäter im Knast.

Hach ja, als Ratzinger noch selbst als Erzbischof im über den Landstrich herrschte, war alles viel schöner.
Da lief es noch im Piusheim.

Da wurden im Ebersberger Jugenddorf Piusheim nach Herzenslust die kleinen Jungs sexuell missbraucht, vergewaltigt und auf den Strich geschickt, ohne daß jemand gleich nach der Presse rief.

[….] Massiver sexueller Missbrauch, Gewalt, Prostitution: Schwere Vorwürfe rücken ein ehemaliges katholisches Heim für schwer erziehbare Jungen ins Visier der Justiz - und bringen die Kirche und ihre Aufklärungsarbeit einmal mehr unter Druck.
Gegen einen ehemaligen Erzieher des Jugenddorfes Piusheim in Baiern im Landkreis Ebersberg und einen damals angehenden Priester wurden Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft München II eingeleitet, berichtet die dpa. Bei den Ermittlungen gehe es demnach um massiven sexuellen Missbrauch, zu dem Vorwürfe während eines anderen Prozesses vor dem Landgericht München II laut wurden.
Damals hatte ein 56-jähriger Mann, der selbst wegen schweren Missbrauchs an kleinen Kindern vor Gericht stand, angegeben, dass er in seiner eigenen Kindheit unter anderem in Baiern von mehreren Männern missbraucht wurde. Um "Sexpartys" und Prostitution sei es gegangen, berichtete der Mann, die Jungen seien am Wochenende losgezogen, um im Dorf zu klauen. Zehn Prozent der Jungen sei außerdem zum Anschaffen nach München gefahren. Zwei seiner Freunde haben es schließlich nicht mehr ausgehalten und sich erhängt. Er selbst habe auch bereits als Kind einen Suizidversuch begangen. […..]

Im April 2020 schaltete sich gar der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung ein, da Kardinal Marx nichts unternahm.

[….] Der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig forderte den Erzbischof der zuständigen Diözese München und Freising, Kardinal Reinhard Marx in einem Brief dazu auf, außerhalb der Strafverfolgung auch die schon verjährten Fälle aufzuarbeiten. "Ich wollte ihm klar sagen, dass ich es wichtig fände, wenn er jetzt ein starkes Signal pro unabhängige Aufarbeitung setzen würde", sagte Rörig gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.
Zeichen des Erzbischofs bleibt zunächst aus.
Marx habe auf den Brief zwar geantwortet, doch das gewünschte starke Zeichen bisher nicht gesetzt. Für die Betroffenen wäre das gerade an Ostern sicher ein wichtiger Schritt gewesen, vermutet Rörig. [….]
(R24, 17.04.2020)

Das ehemalige Ratzinger-Erzbistum weiß offiziell erst seit acht Jahren von den ungeheuerlichen Vorgängen, aber da es sich eben um die Wirkungsstätte eines Papstes handelt, denkt Marx gar nicht daran den brutal sexuell gequälten Kindern seine Aufmerksamkeit zu widmen.
Acht Jahre sind ja auch im Fluge vorbei; so schnell kam er nicht dazu sich mit dem Horrorheim zu befassen.

[…..] Die bayerischen Behörden haben schon seit Jahren Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch in dem ehemaligen katholischen Piusheim in Baiern im Landkreis Ebersberg.
Bei der regionalen Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Bayern meldeten sich nach Angaben des Landesjugendamtes zwischen 2012 und 2018 insgesamt 28 frühere Bewohner des Erziehungsheimes. [….]

Der Kardinal wurde für seine besondere Moral in den Ethikrat der Bundesregierung berufen.
Und der Papst wird bis heute verehrt; dabei war schon bevor er Erzbischof von München und Freising wurde klar, was im Piusheim passierte.

[…..] Zum Ende der Sechzigerjahre eskalierte die Situation so, dass es in aller Öffentlichkeit wahrgenommen wurde: Schwabinger Studenten zogen hinaus in den Landkreis Ebersberg, um eine Befreiungsaktion zu starten. Ihr Ziel: das Piusheim in der Gemeinde Baiern.
In Baiern sollen über Jahrzehnte Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sein. Bekannt wurde dies, weil jetzt ein mögliches Opfer erstmals öffentlich über seine Zeit in der Einrichtung sprach. Eine Überraschung? Nicht für Matthias Katsch.
Die Einrichtung südöstlich von München "war schon damals berüchtigt", erzählt Katsch, der in dieser Sache seit zehn Jahren forscht; der 57-Jährige ist Mitglied der Bundesaufarbeitungskommission und Vorsitzender der Opferinitiative "Eckiger Tisch" in Offenburg (Baden-Württemberg). Das Piusheim, sagt er bei einem Telefonat am Dienstagnachmittag, "gehörte bundesweit zu den absoluten Horroreinrichtungen". Die Befreiungsaktion der Studenten glückte, zwei Dutzend Schüler des Piusheim fanden so den Weg aus Baiern in Schwabinger Verstecke. Doch dann, im September 1969, schlug die Polizei zurück. [….]

Als zuständiger Erzbischof, Kardinal und Papst hielt Ratzinger stets seine schützende Hand über die brutalen Päderasten-Priester, die die ihnen anvertrauten Kinder so sehr quälten, daß einige in den Suizid getrieben wurden.
Sein eigener Bruder, Georg Ratzinger, verfuhr über Jahrzehnte in Regensburg ganz ähnlich, prügelte wie besessen auf kleine Kinder ein, warf mit Stühlen und geriet in seinem sadistischen Jähzorn so in Rage, daß ihm beim Vertrimmen der Schüler schon mal das Gebiss aus dem Maul flog.

So geht bayerisches Idyll, so stellt sich ein Papst das Paradies vor:
Alte weiße Männer, die nach Herzenslust Kinder missbrauchen, verprügeln, quälen können und niemals dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

[…..] Thomas Haberle [58] [kam] vom Mutterhaus in Bad Tölz ins Piusheim nach Baiern, eine Gemeinde im Landkreis Ebersberg. 1976 bis 1980. […..] Auf dem Schulhof sei der "geile Pfarrer" ein Thema gewesen. "Du musst nur zum M. gehen, der verführt dich dann und du bekommst Geld", hieß es. Manche seiner Mitschüler, so Haberle, gingen sogar noch weiter - auch das hatte der Angeklagte vor Gericht erwähnt: Den Straßenstrich in München. Haberle bestätigt das: "Einige sind abends vom Piusheim aus nach Grafing getrampt, und dann mit der S-Bahn zum Stachus." In der Nähe warteten damals Männer mit Geld. […..]
In den vergangen Monaten haben sich mehrere ehemalige Piusheim-Schüler bei einer Opferinitiative und schließlich bei der SZ gemeldet, die schriftlich berichten, wie sie dort lange vor Horst M.s Dienstzeit Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Von Erziehern, Pfarrern oder erwachsenen Zöglingen. Auffällig: Diese Berichte stammen alle aus den Sechzigern oder davor. Also aus einer Zeit, in der im Piusheim den Überlieferungen nach gefängnisartige Zustände herrschten[…..]
Warum gab es später - bis ins Jahr 2020 - keine Berichte? Nachfrage bei der bundesweiten Opferinitiative Eckiger Tisch, wo die Informationen zu Piusheim-Opfern bei Matthias Katsch zusammenlaufen. Seine Erklärung: Die mutmaßlichen Opfer von Horst M. ließen sexuelle Handlungen "in ihrer Selbstwahrnehmung freiwillig" über sich ergehen. "Oft fühlt man sich dann selbst schuldig und verantwortlich", so Katsch. Aber, sagt er, egal wie die Jugendlichen dies damals interpretierten: "Natürlich ist das sexueller Missbrauch von minderjährigen Schutzbefohlenen." […..] Träger der Einrichtung war bis 1982 der katholische "Verein zur Betreuung der verwahrlosten und bestimmungslosen Jugend" vom Erzbistum München-Freising. […..]

Sonntag, 12. Juli 2020

Von wem werden die Jusos eigentlich bezahlt?

Die Jusos in NRW, also der „Herzkammer der Sozialdemokratie“, dem Land, das so lange mit absoluter SPD-Mehrheit regiert wurde und dann durch besondere Doofheit an die CDU/FDP verloren ging, haben eine Handreichung erstellt wie man den derzeit beliebtesten Sozialdemokraten und mit Abstand erfolgreichsten Wahlkämpfer Olaf Scholz sabotiert und stattdessen einen vollkommen chancenlosen Spitzenkandidaten für die nächste Bundestagswahl installiert.

[……] Fakt 1:  Olaf Scholz setzte als Arbeitsminister (2007-2009) in der GroKo maßgeblich die Rente mit 67 um.
Fakt 2:  Olaf Scholz schlug 2003 als Generalsekretär vor, den Begriff des Demokratischen Sozialismus aus dem Grundsatzprogramm zu streichen:
„Ich denke, darüber werden wir uns auseinandersetzen müssen. Ich selbst sehe den Begriff des demokratischen Sozialismus in der SPD nicht als das an, wofür er von manchem herangezogen wird, nämlich als gesellschaftliches Ziel, das die SPD anstrebt. Es gibt keinen gesellschaftlichen Zustand mit diesem Namen, der auf unsere marktwirtschaftlich geprägte Demokratie folgen wird. Und deshalb sollten wir nicht solche Illusionen erzeugen. In meinem Verständnis ist die SPD eine Emanzipations- und keine Transformationsbewegung.“ […..]

Ein Vorschlag, den er vor 17 Jahren machte – und der auch noch goldrichtig war – soll nun also erneut dafür dienen ihn als Kanzlerkandidaten zu verhindern?

So sieht es aus, denn diese Juso-Liste findet sich auch heute wieder in SPD-Gruppen der sozialen Medien.


Natürlich darf da die Agendakeule als Todschlagargument nicht fehlen.

[…..] Olaf Scholz ist einer der Architekten und größten Verfechter der Agenda 2010-Reformen und verteidigte die Leistungskürzungen von Arbeitslosen. [….]

Die erfolgreichste und auch sehr populäre Reform der SPD  in den letzten 40 Jahren wird auch 15 Jahre später noch selbstzerstörerisch kritisiert, statt endlich mal stolz drauf zu sein.

Aber die Agenda 2010 ist eben mit dem Mann verbunden, der 41% bundesweit holte, Wahlen gewinnen konnte und zweimal eine rotgrüne Regierung auf Bundesebene zusammenbrachte, mit der es möglich wurde NS-Zwangsarbeiter zu entschädigen, Huren zu entkriminalisieren, die Homoehe einzuführen und Deutschland aus dem Irakkrieg herauszuhalten: Gerhard Schröder.
Und nichts hassen Jusos so sehr wie erfolgreiche Sozialdemokraten.

(…..) Wir haben allen Grund Schröder dankbar zu sein; er wird sicherlich eines Tages als großer Kanzler in die Geschichte eingehen.

Auch eine große Mehrheit der Deutschen hält diese Politik a posteriori für richtig.
Die Parteien, die Hartz IV unterstützen oder sogar verschärfen wollen, kommen regelmäßig auf 90% der Wahlergebnisse. Die einzige Partei, die Hartz abschaffen will, landet bundesweit betrachtet nie über 10%.

Nach dem Ausscheiden der hadernden SPD aus der Bundesregierung, gewannen die Neoliberalen Westerwelle-FDPler mit ihrer radikalen Steuersenkungsforderung ein Rekordergebnis von fast 15% und bildeten mit der ebenfalls starken CDU eine breite Mehrheit.

(….) In Folge der Agendapolitik stiegen die Sozialausgaben in Deutschland deutlich und kontinuierlich an.

2005 stiegen sie von erwarteten 14,6 Milliarden auf 25,6 Milliarden Euro, im Jahr 2006  auf 26,4 Milliarden.
2007   35,7 Milliarden
2008   34,8 Milliarden
2009   36 Milliarden
2010   36 Milliarden
2011   33 Milliarden
2012   40 Milliarden
2013   40,65 Milliarden

Heute zu behaupten, Hartz wäre eine Kürzungsorgie und habe nur Elend gebracht, ist völlig geschichtsblind und lässt außer Acht was für ein gelähmtes Land Deutschland im Jahr 1998 nach unendlichen Jahren Kohl-FDP-Merkel-Regierung war. Der kranke Mann Europas – Dank der Kohl-Merkel-Reformunwilligkeit.
Durchreguliert und wirtschaftlich abgehängt. (…..)

Viele Wahlen haben ganz eindeutig gezeigt, daß es keinesfalls den Wählerwillen gibt, die Agenda-Politik zurück zu nehmen.
Oder falls das doch der Fall sein sollte, ist das den Wählern offensichtlich nicht wichtig genug, um deswegen auch die eine Partei zu wählen, die es genauso sieht.

Die Partei, die an Schröders Seite intensiv für HartzIV stritt, sogar noch weiter gehen wollte, die Grünen, sonnen sich in einem  demoskopischen Hoch, kratzen in vielen Bundesländern an der 20%-Marke.

Diejenigen, die immer noch der Prä-Agenda-Ära hinterherweinen haben die Vergangenheit stark romantisiert und offensichtlich lange vergessen, wie unangenehm es ist Sach- statt Geldleistungen zu bekommen.

(….) Die Hartz-Reformen haben zweifellos zu mehr Arbeitsplätzen und einer gesünderen Wirtschaft geführt.
Dabei gab es aber zweifellos auch Ungerechtigkeiten. Das ist bei so einem Mammut-Werk gar nicht anders möglich und Gerd Schröder selbst betonte immer wieder, die Hartz-Gesetze sollten nicht in Stein gemeißelt, sondern immer wieder angepasst werden.

Der politische Preis für die Reformen war definitiv ungerecht.
Die glühenden Agenda-2010-Befürworter aus CDU und Grünen stiegen nach 2003 in ungeahnte Höhen und allein die SPD wurde vom Wähler grausam abgestraft.
[……]  Soll es wieder das Ämterhopping zwischen Wohnungsamt, Sozialamt und Arbeitsamt eingeführt werden und soziale Leistungen als Sachleistungen einzeln beantragt werden? [….]

Kein vernünftiger Mensch bestreitet heute, daß es auch Unnützes, Kompliziertes, Ungerechtes und zu Hartes in den Agenda-Gesetzen gibt. (…..)

Es ist die Frage, ob man als Genosse einen Spitzenkandidaten möchte, der wie Olaf Scholz in Hamburg

-bei der Wahl zur Bürgerschaft 2011 mit 48,4% die absolute Mehrheit holte,
-bei Wahl zur Bürgerschaft 2015 mit 45,7% fast die absolute Mehrheit holte und dann als Regierungschef das größte soziale Wohnungsbauprogramm (pro Kopf) aller Bundesländer und kostenfreie Kitas, sowie eine drastische Reduzierung der Arbeitslosigkeit und den größten ökonomischen Boom eines Bundeslandes erreichte und heute der beliebteste Bundespolitiker der SPD ist,

ODER will man sich lieber an Kühnert und Esken orientieren, die in ihren Bundesländern effektiv bewiesen haben wie man Wähler abschreckt, ganz hinten im Beliebtheitsranking liegen und als SPD-BW, Eskens Landesverband (Landtagswahl am 13.03.2016 SPD = 12%) eine frustrierende Existenz in der Einstelligkeit, Opposition und Bedeutungslosigkeit führen will, in der man ABSOLUT GAR NICHTS für das SPD-Klientel tun kann.
Oder gar wie in der einstigen SPD-Hochburg Berlin, wo man noch Regierungspartei ist wie Kühnerts Landesverband hinter CDU, Grünen und Linke auf Platz Vier wegrutscht und vermutlich auch in die Opposition steuert?

Dabei fand Olaf Scholz 2011 in Hamburg schweres Terrain vor.
Die CDU hat in Hamburg nach drei Wahlen in Folge von 2001 bis 2011 den Bürgermeister gestellt, regierte zwischendurch gar mit absoluter Mehrheit, nachdem sie 2004 bei den Landtagswahlen 47,2% bekam.

2011 kam Scholz, drehte die Landschaft komplett um, holte für die SPD die absolute Mehrheit, machte das sogar zu einem dauerhaften Erfolg.

In Hamburg holte Scholz-Nachfolger Tschentscher am 23.02.2020 39,2% mit einer klaren Ansage: Nowabo und Esken und Kühnert dürfen an keiner einzigen Wahlkampfveranstaltung teilnehmen. So sehen die Mehrheitsverhältnisse in der aktuellen Bürgerschaft aus:

(…..) SPD und Grüne verfügen über 87 von 123 Sitzen. Das ist eine 70,7%-Mehrheit.

Sogar SPD und Linke hätten mit 67 Sitzen eine absolute Mehrheit von 54,5% der Mandate im Parlament.

Den linken Durchmarsch zeigt eindrucksvoll die Addition von SPD, Grünen und Linken, die zusammen auf 100 von 123 Mandaten kommen. Das entspricht 81,3 % der Sitze.

Es ist eine Wonne sich durch die interaktive Karte der Wahlkreise zu klicken. Alles rot bis auf die beiden grünen Gewinner „Altona“ und „Harvestehude-Rotherbaum-Eimsbüttel Ost“. (…..)

Aber das ist der neue/alte Signature-Move der Jusos:
Die SPD soll unbedingt verlieren und daher müssen die unbeliebtesten Kandidaten mit den schlechtesten Wahlchancen aufgestellt werden.

SPD-Landespolitiker, die in ihren Verbänden wie BW, NRW die SPD aus der Regierung in die Opposition gewirtschaftet haben, sie in die Einstelligkeit führen (wie BW) oder aus der Regierung raus (wie Kühnert in Berlin), sollten etwas weniger aufbrausen, wenn sie den mit weitem Abstand erfolgreichsten Wahlkämpfer der SPD kritisieren.

Samstag, 11. Juli 2020

Rock bottom?

Gäbe es auch ein noch so kleines, rudimentäres, winziges, latentes Restvertrauen in die Verfassungstreue des US-Präsidenten, müsste man sich heute sehr wundern.

Trump holte den Strippenzieher des Impeachmentsverfahrens, den Mann, der die Kontakte mit Russland zur Manipulation der amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 2016 koordinierte und damit den innersten Kern der US-Verfassung sabotierte aus dem Knast.

  […..] Trump pfeift auf die Justiz
Mit dem Straferlass für seinen alten Kumpel zeigt der US-Präsident einmal mehr, dass für ihn das Gesetz nur gilt, wenn es ihm nutzt. Dass die Republikaner Trump das durchgehen lassen, ist der eigentliche Skandal dieser unwürdigen Präsidentschaft.
Roger Stone wird keinen Tag seiner Strafe im Gefängnis verbringen müssen. Er war wegen Meineides gegenüber dem Kongress, Justizbehinderung und Zeugenbeeinflussung zu 40 Monaten Haft verurteilt worden. Alles stand im Zusammenhang mit den Untersuchungen von Sonderermittler Robert Mueller in der Russland-Affäre.
Am kommenden Dienstag hätte Stone seine Strafe antreten müssen. Aber Stone hat anders als andere Verbrecher einen mächtigen Verbündeten: seinen langjährigen Kumpel und Geschäftspartner, den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald J. Trump.
Es klingt wie eine dieser üblichen Geschichten aus einer mittelmäßigen Diktatur. Das Staatsoberhaupt erlässt einem verurteilten Kriminellen die Haftstrafe, einzig weil er ein Freund ist, ein über Jahrzehnte loyaler Vasall.
[…..] Trumps Entscheidung, Stone die Strafe zu erlassen, ist aber vor allem ein ausgestreckter Mittelfinger für den Supreme Court, das Oberste Gericht der USA. Dieses hatte diese Woche entschieden, dass der US-Präsident nicht über dem Gesetz steht. Dass die US-Verfassung dem Amt keine unbegrenzte Macht und Immunität vor dem Gesetz zubilligt. Aber Trump pfeift auf die Justiz. Seine mehrfach öffentlich bekundete Amtsauffassung ist es, dass er als Präsident machen könne, "was immer ich will". […..]

Müsste ein Thriller-Autor ein Blockbusterszenario ausdenken, in dem der Rechtsstaat und das Vertrauen in denselben möglichst effektiv zerstört wird, könnte er nichts Perfideres ausdenken als genau das was Barr, Trump und Stone bieten.


Allerdings wären es in einem Hollywood-Actionkracher sinistere Genies, die gezielte Schritte unternehmen, um zu Gunsten einer anderen Macht ihr Zerstörungswerk anrichteten.


Die Causa Trump ist noch grotesker, weil er in seiner unendlichen Borniertheit die US-Verfassung gar nicht kennt, noch weniger versteht und auch gar nicht dran denkt sich die elementarsten Prinzipien wie „freie Wahlen, „Gewaltenteilung“, „Pressefreiheit“, „unabhängige Justiz“ erklären zu lassen.


Ein US-Präsident, der aktiv die US-Verfassung zerstört und die selbsternannte „Law and Order“-Partei GOP unterstützt ihn offensichtlich bedingungslos, auch wenn man sich keinen „eklatanteren Fall von Amigowirtschaft“ denken kann:

[…..] Dass der US-Präsident seine Macht zur Begnadigung von verurteilten Straftätern ausgerechnet dazu einsetzt, um einen seiner ältesten Kumpels vor dem Gefängnis zu bewahren, erscheint wie ein groteskes Lehrbeispiel von Amtsmissbrauch und Korruption an höchster Stelle.
Die Reaktionen bei Trumps politischen Gegnern sind entsprechend: "Mit dieser Entscheidung macht Trump deutlich, dass es zwei Justizsysteme in den USA gibt, eins für seine kriminellen Freunde und eins für alle anderen Straftäter", sagte Adam Schiff, der demokratische Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus.
Andere Demokraten legten den Verdacht nahe, Trump könnte Stone nur deshalb geholfen haben, um so sein Schweigen zu erkaufen. "Kein anderer Präsident hat seine Macht jemals für so persönliche und eigennützige Zwecke eingesetzt", urteilten die Abgeordneten Jerry Nadler und Carolyn Maloney. […..]


Freitag, 10. Juli 2020

Das geht den weißen Christen nun wirklich zu weit.


Über den CNN-Star-Anchor Don Lemon hat der mächtigste Mann der Erde eine klare Meinung. Das Idol der Evangelikalen, stabiles Genie mit einem „very large a brain“ wird schließlich deshalb von über 90% der weißen Christen gewählt, weil er sich klar ausdrückt.

[…..] CNN’s Don Lemon, the dumbest man on television, insinuated last night while asking a debate “question” that I was a racist, when in fact I am “the least racist person in the world.” Perhaps someone should explain to Don that he is supposed to be neutral, unbiased & fair,.....
....or is he too dumb (stupid} to understand that. No wonder CNN’s ratings (MSNBC’s also) have gone down the tubes - and will stay there until they bring credibility back to the newsroom. Don’t hold your breath! [….]

[……] Don Lemon, the dumbest man on television (with terrible ratings!). […..]

[……] Lebron James was just interviewed by the dumbest man on television, Don Lemon. He made Lebron look smart, which isn’t easy to do. I like Mike! […..]

[…..] I must admit that Lyin’ Brian Williams is, while dumber than hell, quite a bit smarter than Fake News @CNN “anchorman” Don Lemon, the “dumbest man on television”. Then you have Psycho Joe “What Ever Happened To Your Girlfriend?” Scarborough, another of the low I.Q. individuals! […..]

Trump zeigt hier mustergültig wie moralisch vorbildlich er redet, wie präsidentiell er sich ausdrückt und weswegen die Organisationen, die sich „Familienwerte“ und „Moral“ auf die Fahnen geschrieben haben nur ihn wählen.

Dabei drückt sich #45 doch noch sehr milde und gnädig aus, denn schließlich verdient Lemon harte Kritik aus drei Gründen:

1.   Er ist schwarz

2.   Er ist schwul


Da wäre schon jeder einzelne Grund ausreichend, um sich den Hass der loving christians von der family-value-Front zuzuziehen.

Und dann auch noch diese Perfidie den bösen Vorgänger zu loben, obwohl der gar nicht weiß ist und einen Kenianer zum Vater hatte.


Nein, so einen mögen Trump und die Evangelikalen gar nicht.

Gestern aber übertrieb es der CNN-Latenight-Mann so sehr, daß heute die gesamte Christenschaft der USA tobt.
Ein noch nie dagewesener Skandal, zu dem sich der angeblich fromme Südstaatler hinreißen ließ:

Er sagte „Jesus war nicht perfekt.

SODOM UND GOMORRHA!


Der Antisemit und Sklavenhalterfreund Jesus soll nicht perfekt gewesen sein?
FOX platzte vor Wut fast der Kopf angesichts dieses „most shocking claim“.

[…..] Robert Jeffress says Lemon's comments are 'heretical' and show how 'tone-deaf the left is to faith issues'
[…..] "Don Lemon's comments are, first of all, heretical," Jeffress, the pastor of 14,000-member First Baptist Church of Dallas, Texas, told Fox News, "and it contradicts the most basic tenet of the Christian faith and demonstrates how tone-deaf the left is to faith issues."
"Our founding fathers, like all of us, were imperfect human beings," Jeffress added, "but Jesus Christ was different than any other man that lived, and as the founder of our faith, he had to be perfect."
MRCTV says, "this isn't the first time that CNN has aired anti-religious rhetoric," pointing to what Cuomo told his viewers at the end of last week.
"If you believe in one another and if you do the right thing for yourself and your community, things will get better in this country. You don't need help from above," he said at the conclusion of Friday's show. "It's within us." […..]

Nun holen aber landesweit die frommen Weißen, die evangelikalen Organisationen, die katholischen Kirchenfürsten und die konservativen Pastoren ihre Forken und Mistgabeln heraus.

Zum Glück haben sie den perfekten moralischen Christen Trump als ethische Stütze an ihrer Seite.




Donnerstag, 9. Juli 2020

Der Verfall.


Helmut Schmidt ärgerte sich die Pest über Jimmy Carter, weil der extrem fromme Erdnussfarmer sich nie festlegen mochte und einmal getroffene Absprache häufig wieder umwarf.
Den Nato-Doppelbeschluss vom Dezember 1979 hatte der deutsche Kanzler daher quasi im Alleingang durchgesetzt.
Der US-Präsident mochte noch nicht mal die atomaren Mittelstreckenwaffen in die SALT-II-Gespräche einbeziehen.

(SALT oder START mögen für die heutige Jugend unbekannte Akronyme sein; wer wie ich in den frühen 80ern zur Schule und zu den gewaltigen Friedensdemos ging, dem ging „Strategic Arms Limitation Talks“ oder „Strategic Arms Reduction Treaty“ ganz selbstverständlich auf den Pausenhof von den Lippen.)

In einer rein bipolaren konfrontativen Welt, die schon einige Male außerordentlich knapp an einem Atomkrieg vorbei geschlittert war, lag Deutschland genau im Zentrum des Interesse; die Grenze zwischen Warschauer Pakt und Nato lief buchstäblich genau durch das Land.
Die Atomraketen-Politik hatte absolute Priorität und ohne die USA ging es nicht.

Als Carter plötzlich auch noch von frommen antisowjetischen Hinterwäldlern gedrängt auf einmal die Olympischen Spiele von Moskau 1980 boykottieren wollte – in dem totalen Irrglauben das ZK der UdSSR dadurch vom Afghanistankrieg abbringen zu können, versuchte Bonn alles, um Washington diesen Unsinn auszureden.
Vergebens. Wider seiner eigenen festen Überzeugung schloss sich Deutschland dem Boykott an, um sich damit US-treu zu erweisen, nachdem Schmidt und Genscher die USA schon beim Doppelbeschluss bis zum Äußersten gereizt hatten.

Wie sich die Welt in den folgenden 40 Jahren gewandelt hat!
Inzwischen sehen wir den Afghanistan-Feldzug der Roten Armee ganz anders. Es war immerhin ein legaler Krieg.
Die kommunistische Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) unter Nur Muhammad Taraki forcierte ab 1978 die Säkularisierung des Landes. Die USA und die CIA unterstützten hingegen sehr intensiv fundamentalistische Kräfte des Islam; 30 islamistische Mudschahedin-Gruppen.
Taraki bat immer wieder inständig und flehend um sowjetische Militärhilfe, um die Taliban unter Kontrolle zu bringen.
Lange lehnte Moskau ab, bis es die CIA so viele Milliarden Militärhilfe an die Islamisten geliefert hatte, Taraki von ihnen ermordet wurde und ein Sturz in die muslimische Steinzeit drohte.  Am 25. Dezember 1979 schließlich marschierte die neue sowjetische 40. Armee unter Marschall Sergei Sokolow die Grenze, um dem neuen afghanischen Regierungschef Hafizullah Amin zu stützen und das Leiden der Zivilbevölkerung unter den Mudschahedin-Gruppen zu beenden.
Die bittere Ironie ist, daß dieser Vorstoß fast erfolgreich war und den einzigen jemals realistischen Versuch darstellte Afghanistan zu säkularisieren, demokratisieren und zu befrieden.
Die USA verhinderten dies, indem sie unter anderem einen gewissen Osama bin Laden als Mudschahedin-Kämpfer nach Afghanistan schickten.

Inzwischen haben die USA selbst Afghanistan angegriffen – diesmal aber gegen den Willen der Regierung Kabuls - stehen seit fast 20 Jahren in dem Land und sind nicht ansatzweise so erfolgreich wie die Rote Armee in den 1980ern dabei die von ihnen selbst hoch gerüsteten Taliban-Fanatiker zu bekämpfen.

Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn man Breschnew einfach machen lassen hätte.
Die geopolitischen Entscheidungen Amerikas haben sich in Afghanistan – wie in allen muslimischen Ländern, in die sie sich einmischen – als katastrophale Fehlgriffe erwiesen.

Helmut Schmidt allerdings behielt Recht. Der NATO-Doppelbeschluss, gegen den ich damals auf die Straße ging, war letztlich erfolgreich.

Russland ist heute nicht mehr die Sowjetunion und aus gänzlich anderen Gründen gefährlich.
Aber Europa kann heute seine eigene Russland-Politik betreiben.

Die USA sind heute Trumpistan.
Früher gab es ideologische Politik in Washington und auch strategische Fehlentscheidungen. Aber die USA waren auch ein verlässlicher Partner, mit dem zusammen man viel erreichen konnte.
Die Trump-Administration fällt noch nicht einmal mehr falsche strategische Entscheidungen, sondern handelt vollkommen erratisch und irre.
Der Vertrauensvorschuss ist endgültig dahin. Der 45. Präsident ist derartig verblödet, daß sogar Nummer 43, der 2001 in Afghanistan und 2003 in den Irak einmarschieren ließ, heute wie eine Lichtgestalt wirkt.
Unglücklicherweise ist nicht nur Trump verrückt, borniert und völlig ungebildet, sondern seine gesamte Crew besteht aus enthirnten Lügnern, so daß es auf keiner Regierungsebene noch Ansprechpartner gibt.
Wenn die USA 10.000 Soldaten aus Deutschland abziehen, erfährt Merkel das aus der Zeitung.
Zusammenarbeit mit den USA ist nicht mehr möglich. Drei Jahre versuchte man es mit Trump auf verschiedenen Gipfeln, nahm Rücksicht auf seine nur maximal 100 Sekunden anhaltenden Aufmerksamkeitsspanne, präsentierte Beschlussvorlagen in simplen bunten Bilderchen, damit auch Trump folgen konnte. Aber auch das war vergebliche Liebesmüh, wie der G7-Gipfel im kanadischen La Malbaie zeigte. Justin Trudeau gab sich am 8. und 9. Juni 2018 alle Mühe den US-Amerikaner zu besänftigen; es kam zu einer gemeinsamen Abschlusserklärung. Aber Trump flog vorher ab, um sich mit seinem neuen Busenfreund Kim-Jong Un zu treffen und widerrief noch im Flugzeug all das, was er wenige Stunden vorher unterschrieben hatte.

Der G7-Gipfel von 2020 sollte turnusgemäß in den USA stattfinden.
Ende Mai sagte Merkel allerdings ihr persönliches Erscheinen ab. Die Corona-Epidemie ließe das nicht zu.

Trump tobte derart, daß er deswegen 10.000 Mann aus Deutschland abzog und damit das Pentagon zur Verzweiflung brachte. Dumm wie Trump, Pence und Pompeo sind, wußten sie nämlich nicht, daß die amerikanischen Stützpunkte in Rheinland-Pfalz für die USA sehr viel wichtiger als für Deutschland sind.

Aber was für ein Reputationsverfall.
Undenkbar, daß Helmut Schmidt einer Einladung des US-Präsidenten nicht gefolgt wäre – selbst als es der ungeliebte Carter war.

Trumps Ansehensverlust ist hingegen vollständig und irreversibel.
Unter dem Druck der ungünstigen Wahlumfragen wollte Trump nun ein G7-Treffen eine Nummer kleiner, also auf Ministerebene, statt auf der Ebene der Regierungschefs abhalten. Das sollte etwas Glanz in seine Hütte bringen, während Joe Biden, der Amt-lose in seinem Keller hocken muss.

Die Antwort aus Deutschland kam prompt: Kein Bock!

[….] Die US-Regierung ist erneut mit dem Versuch gescheitert, trotz der Coronakrise ein Treffen von Spitzenpolitikern der sogenannten G7-Staaten in Washington zu organisieren. Wie der SPIEGEL aus deutschen und amerikanischen Regierungskreisen erfuhr, wollte die US-Regierung die Außen- und Finanzminister der G7 am 29. Juli in die US-Hauptstadt einladen. [….] Aus Berlin allerdings kam sehr schnell eine Absage. Weder Außenminister Heiko Maas noch sein Kabinettskollege Olaf Scholz sagten für das Treffen in den USA zu. Stattdessen signalisierte man, Deutschland werde maximal Staatssekretäre schicken. [….] Trump wollte mit dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs ein Zeichen der "Normalisierung" der Corona-Lage in seinem Land setzen, wie er auf Twitter schrieb.
Unter den europäischen G7-Staaten wird vermutet, dass die Einladung an die Finanz- und Außenminister mitten im US-Wahlkampf demselben Ziel dienen sollte: Die Anwesenheit von zwölf Ministern aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan und Kanada hätte Trump als Erfolg verbuchen können. [….]

So einen drastischen Autoritätsverfall Washingtons konnte man sich bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen.
Selbst die Minister der treuesten Verbündeten zeigen desinteressiert den Mittelfinger, wenn „der mächtigste Mann der Welt“, der „leader of the free world“ ruft.
Da bleibt dem US-Präsidenten wieder einmal nur eine Nacht des rage-tweetings, um Dampf abzulassen.

Mittwoch, 8. Juli 2020

Proletarische Abreibung.


Ich bin Pazifist. Selbstverständlich.
Ich schlage niemand, wende niemals körperliche Gewalt an.
Ich kann mich noch nicht mal an Hollywood-Schlägereien erfreuen und springe nicht auf den Comic-Brutalhumor à la Asterix an.

Es ist nicht sinnvoll Übeltäter körperlich zu züchtigen.
Selbstverständlich verachte ich insbesondere die christliche Kirche für ihre Gewaltverherrlichung; in der Bibel wird das Verprügeln von Kindern vielfach gepriesen; gar als ein Zeichen der „Liebe“ betrachtet. Daher gibt es die entsetzliche Gewaltkriminalitätsgeschichte von christlichen Erziehungsanstalten.

Mich befällt keine post-mortem-Milde angesichts der Georg-Ratzinger-Beerdigung.

[…..] Ratzinger, der von 1964 bis 1994 die Regensburger Domspatzen geleitet hatte, war am vergangenen Mittwoch im Alter von 96 Jahren gestorben. Sichtlich bewegt und mit brüchiger Stimme verlas der Privatsekretär des emeritierten Papstes, Georg Gänswein, einen Dankesbrief Benedikts.
Der 93-Jährige erinnerte mit herzlichen Worten an den jüngsten Besuch bei seinem Bruder und dankte dafür, "dass ich in den letzten Tagen seines Lebens noch einmal mit ihm zusammen sein durfte". Mit einem "Vergelt's Gott, lieber Georg", verabschiedete er sich. Gänswein kamen beim Lesen die Tränen. […..]

Ratzinger hatte über Jahrzehnte extrem cholerisch und sadistisch auf kleine Jungs eingeprügelt, geriet beim Schlagen von 8-Jährigen oder 9-Jährigen derart in Rage, daß ihm dabei schon mal das Gebiss aus dem Maul flog.
Der Mann bereute bis ins 97ste Lebensjahr niemals seine Taten und weine ich ihm garantiert keine Träne hinterher.

Ich bin auch nicht dafür Täter wie Ratzinger als Vergeltungsmaßnahme zu verprügeln, weil man damit auf sein niedriges moralisches Niveau hinab sänke und sicher auch keinerlei Einsicht damit verursacht.

Es hat keinen Sinn Übeltäter zu verprügeln, weil sie dadurch nur noch bösartiger werden.
Wer Kinder und Frauen verprügelt, wurde mit extrem hoher Wahrscheinlich als Kind selbst geschlagen und leidet an irgendeiner Form von Komplex.
Ein von Linken verprügelter Nazi wird niemals aufgrund dieser Erfahrung von seiner Ideologie abschwören und sich zu einem liberalen, toleranten Menschen entwickeln.

Selbst im extremsten Fall, wenn bösartige Gewalttäter totgeschlagen werden, können sie zwar selbst keinen Schaden mehr anrichten, aber sie werden womöglich zu Märtyrern und somit noch gefährlicher.

Albrecht Höhler (* 30. April 1898, † 20. September 1933),  Tischler, KPD-Mitglied aus Berlin-Mitte war des Roten Frontkämpferbundes (RFB).
Im Februar 1930 wollte Höhler dem berüchtigten und brutalen NSDAP-Sturmführer eine „proletarische Abreibung“ verpassen, nachdem seine kommunistische Vermieterin immer mehr in Angst vor dem bewaffneten Wessel geriet.
Statt der geplanten ordentlichen Tracht Prügel kam es aber zu einem Handgemenge, in dem der 22-Jährige Nazi seine Waffe zog und schließlich von Höhler erschossen wurde.

Wie sich herausstellte wurde Wessel aber post mortem noch viel gefährlicher. Von Adolf Hitler zum „Märtyrer der Bewegung“ verklärt und im ganzen Nazireich verehrt wurde insbesondere sein Horst-Wessel-Lied zu einer zweiten deutschen Nationalhymne.

[….]  Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,
Marschier’n im Geist
In unser’n Reihen mit
Die Straße frei
Den braunen Bataillonen
Die Straße frei
Dem Sturmabteilungsmann!
 Es schau’n aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen
[….]

So grölten es zig Millionen Deutsche von 1933 bis 1945.
Hätte Höhler es mal lieber mit Argumenten versucht!

Aber mit Nazis lässt sich bekanntlich schlecht reden, weil ihre Ideologie einem grundsätzlich irrationalen Hass entspringt.
Das weiß heute jeder, der in den sozialen Medien versucht hat Aluhüte, Wutbürger, Impfgegner, Homöopathie-Anhängern, Trumpfans, Klimawandelleugnern, Creationisten, Flacherdlern, Geozentristen oder fundamentalistische Gläubige mit rationalen Fakten zurück in die Spur zu bringen.

Ich versuche es dennoch immer wieder und scheitere jedes Mal.
Erst kürzlich verstrickte ich mich  - leider – in eine Diskussion mit einem US-Republikaner, der hartnäckig behauptete Trump habe bei der US-Wahl von 2016 ein Vielfaches der Stimmen von Hillary Clinton errungen.
Das wäre doch leicht zu widerlegen, dachte ich zunächst. Immerhin bekam Clinton fast drei Millionen Stimmen mehr als Trump. Und genau so berichteten es auch alle seriösen Medien und staatlichen Stellen.
Trumpfanatiker haben sich aber so weit von der Realität entfernt, daß sie jede erdenkliche Quelle, die ihrem Wahn widerspricht, einfach als „Fake News“ verwerfen. Auch in dem Fall scheiterte ich, obwohl ich eine Bombardement von konservativen Quellen, die die „popular votes“ korrekt wiedergaben, auf ihn niederregnen ließ. Für jeden einzelnen Link wurde ich nur ausgelacht.

In solchen Momenten versteht man die Albrecht Höhlers dieser Welt.

Herbert Wehner (1906-1990), der ebenfalls sein Leben lang aktiv Nazis bekämpft hatte, führte übrigens noch als Abgeordneter im Jahr 1950 eine erfolgreiche proletarische Abreibung durch.

Der lebenslang überzeigte Nazi und Antisemit Wolfgang Hedler (1899; † 1986) sagte bei seinem Entnazifizierungsverfahren im Jahr 1949 aus:
 „Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere Wege gegeben, sich ihrer zu entledigen.“
Er wurde daraufhin der Verleumdung angeklagt, aber 1950 von Kieler Richtern, die zufällig selbst alle ehemalige NSDAP-Mitglieder waren, freigesprochen.
Hedler wurde für die „Deutsche Partei“ 1949 Bundestagsabgeordneter und bei der Bundestagssitzung am 10. März 1950 von Bundestagspräsident Erich Köhler wegen antisemitischer Hetze des Plenarsaals verwiesen.
CDU-Chef-Adenauer, dessen Partei selbst von Ex-Nazis durchsetzt war und später vom NSDAP-Mitglied Kiesinger (auch der langjährige CSU-Chef Strauß war zuvor NSDAP-Mitglied gewesen) geführt wurde, fand nichts dabei sich von Hedlers DP zum Kanzler wählen zu lassen. Erst enormer öffentlicher Druck führte dazu Hedler aus der Partei zu werfen.

[…..] Der Parteiausschluss hält den damals 50-jährigen Hedler nicht davon ab, uneingeladen an der Bundestagssitzung am 10. März teilnehmen zu wollen. Als ihn Präsident Erich Köhler von der Sitzung ausschließt, weigert sich Hedler, den Sitzungssaal zu verlassen und muss des Saales verwiesen werden. Mit ihm verlässt die gesamte DP-Fraktion das Plenum. Als Hedler kurze Zeit später trotz Anweisung den Bundestag immer noch nicht verlassen hat, sondern im Ruhesalon ein Interview gibt, in dem er weiter gegen Widerstandskämpfer*innen hetzt, wird er von dem SPD-Abgeordneten Rudolf Ernst Heiland wüst beschimpft.
Mehrere SPD-Abgeordnete, darunter Herbert Wehner, Alfred Gleißner und Ernst Roth, kommen ihm zu Hilfe. Sie zerren Hedler aus seinem Sessel, stoßen ihn durch die Tür und drängen ihn durch die Gänge des Parlaments. Dabei stürzt Hedler durch eine Glastür und erleidet leichte Verletzungen. Wehner und Heiland werden dafür für eine Woche von den Sitzungen des Bundestags ausgeschlossen und später von einem Zivilgericht zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt.
Auch den SPD-Parteivorstand beschäftigen die Ereignisse. „Der Freispruch Hedlers habe Deutschland mindestens 100 Millionen Dollar Marshallhilfe gekostet“, rechnet Parteichef Schumacher den Genoss*innen bei einer Sitzung wenige Tage nach dem Vorfall im Parlament vor. So berichtet es der „Neue Vorwärts“ am 17. März 1950. „Wir müssen den früheren Nazis sagen, dass der Neofaschismus sie an der sozialen Wiedereinordnung verhindert“, fordert Schumacher laut dem Bericht, der mit „Deutsche Demokratie in Gefahr“ überschrieben ist. [….]

Jeder Sozialdemokrat wird verstehen, daß fünf Jahre nach dem Ende Hitlers ehemalige Widerstandskämpfer wie Brandt oder Wehner nicht gut auf die Nazis zu sprechen waren, die immerhin die SPD verboten hatten und deren Mitglieder ins KZ warfen und/oder töteten.
Welcher Sozialdemokrat hätte es 1950 gelassen ertragen Abgeordnete wie Hedler den Holokaust preisen zu lassen?
Auch als zutiefst überzeugter Pazifist kann ich als Linker doch nicht anders als mich a posteriori, auch nach 70 Jahren, über Wehners Aktion klammheimlich zu freuen.

Wehner war von 1949 bis 1983 ununterbrochen in Hamburg gewählter Bundestagsabgeordneter. Das macht mich als Hanseaten stolz.