Freitag, 3. Januar 2020

Politikerbilder


Wenn Umweltkatastrophen, verheerende Unglücke oder Terroranschläge eine Nation treffen, spielen die Bilder eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Für die Regierung gilt es dann den Spin unter Kontrolle zu bekommen, eine eigene Storyline zu entwickeln, um den Opfern gerecht zu werden, den Wiederaufbau zu ermöglichen, das Land zusammen zu halten.
Dazu gehören die obligatorischen Bilder der Spitzenpolitiker am Unglücksort.
Der Regierungschef muss sich selbst ein Bild machen, als ob er ein Feuerwehr-Kapitän wäre, der anschließend professionell die Rettungsarbeiten leitete.
Das ist natürlich ganz großer Blödsinn. Wenn der Politikertross mit Sicherheitsleuten und Journalisten im Schlepptau am Unglückort einfällt, behindert das die Ersthelfer/Ärzte/Feuerwehrleute. Richtig arbeiten können sie erst wieder, wenn die Regierungsvertreter wieder abgehauen sind und ihre Selbstvermarktungsbilder für die Nachrichtensender im Kasten haben.
Man sollte meinen, daß bei der enormen Bedeutung der heutigen Medien jemand mit den Ressourcen einer Regierung entsprechende hochkompetente PR-Fachleute zur Verfügung hat.
Der Tenor, mit dem über ein Ereignis berichtet wird, ist schließlich oft wichtiger als das Ereignis selbst.

Wir trauern seit zwei Tagen um die 30 Krefelder Affen, die mit ihrem Affenhaus durch Silvesterfeuerwerk verbrannt sind.
Wir trauern gar nicht um 4.000 im völligen Elend frierende Kinder auf Lesbos, verschwenden keinen Gedanken an über 3.000 Flüchtlinge, die 2019 im Mittelmeer ertrunken sind und auch die 500 Millionen in Australien verkohlten Tiere spielen in der teutonischen Gefühlswelt des gemeinen Germanen derzeit keine Rolle.

[…..] Around 480 million animals are feared to have died in the bushfires sweeping Australia, including nearly a third of the koalas in New South Wales's main habitat.
Ecologists at the University of Sydney estimate around 480 million mammals, birds and reptiles have been killed, directly or indirectly, by the devastating blazes since they began in September, The Times reported.
This includes almost 8,000 koalas, which are believed to have burnt to death on the state’s mid-north coast. […..]

Wir konzentrieren uns emotional nicht auf die Affen, weil das schlimmer als die Australische Katastrophe ist, oder weil uns menschliche Schicksale auf Lesbos als harmloser erscheinen.
Nein, wir wägen gefühlig zu Gunsten der Krefelder Primaten ab wegen der Berichterstattung. Alle Boulevardsender, BILD und Morgenpost, die sozialen Medien deklinieren das Thema rund um die Uhr durch. Wir haben die heulenden Stamm-Zoobesucher beim Kerzen-Anzünden gesehen, die einzelnen Affen vorgestellt bekommen und die abgebrannte Ruine gesehen.
Menschliches Mitleid funktioniert nur mit Bildern und nicht durch abstraktes Wissen.
Ein Regierungspolitiker wäre absolut naiv sich nicht über die Macht der Bilder bewußt zu sein und das zum Guten, oder aber auch zur Eigen-PR zu verwenden.

Verblüffenderweise ist aber eine professionelle PR-Abteilung nicht ausreichend. Der Toppolitiker benötigt außerdem Empathie und eine scharfen Instinkt für mediale Situationen.

Angela Merkel beispielsweise ist sich stets über die Macht der Bilder bewußt. Sie weiß immer ganz genau wo die Kameras stehen, sie kennt jeden Fotographen und kontrolliert immer die Situation. Seit vielen Jahren passieren ihr keine peinlichen unvorteilhaften Aufnahmen mehr, wie sie in ihren ersten Jahren als Bundesministerin unter Kohl noch üblich waren.
Aber sie ist nicht fähig Emotionen zu verbreiten und verkalkuliert sich beim Umgang mit aufgewühlten Menschen. Daher meidet sie solche Situationen und lässt sich so gut wie nie an Unglückorten blicken.
George W. Bush war so ein Mittelding. Ihm unterliefen heftige mediale Fauxpas. Für immer wird ihm anhängen, wie er im August 2005 nach der Megakatastrophe des Hurrikans Katrina nur mit dem Flugzeug über New Orleans flog. Es stimmte zwar was er sagte, sein Präsidententross hätte die Rettungsarbeiten nur behindert. Aber GWB hatte überhaupt nicht den verheerenden Eindruck einkalkuliert, den sein Gesicht, das Gesicht des Multimillionärs und US-Präsidenten hinter dem Fenster eines Superluxusflugzeugs machte, wenn er in hohen Sphären über den Bitterärmsten schwebt, die gerade alles verloren haben.
Anders war es allerdings beim 9/11-Terroranschlag.
Damals produzierte er die richtigen Bilder, als er mit Feuerwehrjacke mitten im Chaos auf ein Auto kletterte und über Megaphon das Land zum Zusammenhalt aufrief. Nie wieder hatte er so hohe Zustimmungswerte.
Sein Nachfolger Barack Obama war sehr viel besser als Nationentröster. Er traf sich nach allen Mass-Shotings mit den Opfern, hörte zu, war emotional und fand stets die richtigen Worte.
Unübertroffener Meister dieser Disziplin war allerdings Bill Clinton, der wie kein anderer sowohl im direkten Gespräch mit Bürgern, als auch mit Menschenmassen, Mobs, Trauernden umgehen kann. Ein Jahrhunderttalent, der alle beeindruckte und überzeugte, die er persönlich traf.
Ich nehme an, daß er sehr viel Zeit damit verbracht hat seiner Frau zu erklären, wie er das eigentlich anstellt. Hillary Clinton ist ebenfalls hochintelligent und wird es rational sicherlich verstanden haben, ist aber dennoch in dieser Disziplin unfähig.
Justin Trudeau kann ebenfalls nahezu perfekt medialen Spin erzeugen, Bilder produzieren und mit Menschen im direkten Gespräch agieren.
Schon vor seiner ersten Wahl zum Regierungschef kannte die Welt die Bilder, wie er mitsamt Kind und Kegel fröhlich feiernd bei Pride-Märschen zwischen Myriaden Schwulen feierte.
Natürlich kennen allen anderen liberalen oder linken Politiker auch das LGBTI-Wählerpotential und gehen ebenfalls zu CSDs. Aber auch wenn man Olaf Scholz natürlich abnimmt, daß er LGBTI-Anliegen ernsthaft fördert, merkt jeder, daß er dort fremdelt. Wie die meisten. Daher nützen vielen Politikern CSD-Auftritte herzlich wenig, außer sie sind wie Claudia Roth langjährige deutliche Unterstützer oder sie strahlen so eine Freude aus wie Trudeau.

2002 trat inmitten des Bundestagswahlkampfes die Oder über die Ufer und verursachte eine der schwersten deutschen Überschwemmungskatastrophen seit der Hamburger Sturmflut 1962.
Hier war es Gerd Schröder, der mit untrüglichem Instinkt die Situation und Berichterstattung beherrschte.
Jeder sah die Bilder des Bundeskanzlers in Gummistiefeln, der zusammen mit „Deichgraf Platzeck“ durch den Oderbruch stapfte.
Unions-Kanzlerkandidat Stoiber, dessen Bundesland ebenfalls stark betroffen war, kapierte die Situation hingegen überhaupt nicht. Stoibers legendäre Stammelei und Abgehobenheit wurden im Vergleich zu Schröder so extrem, daß man sein Fernbleiben von den Überflutungsgebieten allgemein als wahlentscheidend ansieht. Gut möglich, daß er 2002 Bundeskanzler geworden wäre, wenn er Schröders Talent für Massen-Empathie gehabt hätte.

Jacinda Ardern, die (wie Jens Stoltenberg nach dem Massaker von Utøya) im März 2019 mit Kopftuch bei den Angehörigen des schweren Terroranschlages von Christchurch erschien, produzierte weltweit ikonographische Bilder.
Sie machte alles goldrichtig, verließ ihre Rolle als Regierungschefin und erschien als Freundin, als Trösterin, als eine von den um die 50 Toten Trauernde.

 [….]Wie kann man auf Menschen zugehen, die fassungslos, wütend und traurig zurückbleiben? Was können wir ihnen sagen und wie können wir ihnen Trost und Geborgenheit spenden? Auch Politiker*innen stehen vor dieser Herausforderung, gerade die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Seit Oktober 2017 hat die 37-Jährige das Amt inne. Am Samstag reiste sie nach Christchurch, ins Canterbury Refugee Center, um dort Menschen aus der muslimischen Gemeinde zu treffen. Dabei trug sie ein schwarzes Kopftuch. Ardern hat viel richtig gemacht in den letzten Tagen.
Von manchen deutschen Politiker*innen kann man dies hingegen nicht behaupten: „Egal gegen wen sich Hass, Gewalt und Terror richten, am Ende sterben Menschen, verlieren Kinder ihre Eltern und Eltern ihre Kinder“, twitterte etwa die CDU-Bundesvorsitzende und mit hoher Wahrscheinlichkeit die nächste Kanzlerkandidatin ihrer Partei Annegret Kramp-Karrenbauer. Nein, es ist nicht egal, gegen wen sich der Hass und Terror richtet. Mucad Ibrahim und Ara Parvin wurden aus einem bestimmten Grund ermordet: Ein 28-jähriger Australier tötete sie, weil er diese Menschen, ganz unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Biografien, die lediglich ihr Glauben vereint, für seine Feind*innen hielt. [….]
Im Gegensatz zur debakulierenden AKK ist Ardern auch ein absolutes Naturtalent, die nicht nur in der Situation brillierte, sondern auch in der Folgezeit optimal agierte. Sie erklärte hart, daß sie den Namen des Attentäters niemals aussprechend werde, initiierte ein gewaltiges Waffenrückgabeprogramm in Neuseeland und vermochte es tatsächlich das multikulturelle Land mehr denn je zu einen.

Man bekommt Gänsehaut, wenn man sieht wie damals von Rockergangs über Maori bis zu Sportlern und weißen Internatsjungs mit dem traditionellen Haka den muslimischen Opfern Respekt gezollt wurde. Das ist auch Arderns Verdienst.


Unnötig zu erwähnen, daß der völlig empathielose Psychopath Trump all das was Premierministerin Ardern richtig machte, grundsätzlich falsch macht.
Er geht golfen, wenn Katastrophen passieren und wenn er sich nach Terroranschlägen oder Shootings blicken lässt, spricht er nur von sich selbst bedauert sich, oder macht irgendetwas völlig Erratisches wie die die Zuhörer mit Küchenpapierrollen zu bewerfen.
Daher sind seine Beleibtheitswerte auch chronisch im Keller.
Es mag reichen, um wiedergewählt zu werden, aber er stößt große Teile der Bevölkerung stark ab, während GWB, Clinton oder Obama in solchen Situationen 90% Zustimmung erhielten.

Katastrophal benahm sich in der Katastrophe auch der ultrakonservative Australische Premier John Morrison, der zum Beginn der derzeitigen Megabrandkatastrophe, die seinen gesamten Kontinent trifft, erst mal nach Bali in den Familienurlaub fuhr und sich anschließend hartnäckig weigerte einen Zusammenhang zwischen Erderwärmung und der Kohleindustrie anzuerkennen. Die Kohleförderer, die rein zufällig seine Partei großzügig unterstützen.

Heute ließ er sich endlich auch bei Brandopfern sehen. Zu spät. Es ging ihm wie Trump in Baltimore. Keiner wollte ihn mehr sehen, man rief ihm nach, er solle sich verpissen.
Ganz schlechte PR-Gene.

 

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