Freitag, 10. Mai 2019

Weshalb ich nicht die Humanisten wähle.

Als Nichteuropäer darf ich natürlich auch nicht in Deutschland wählen, aber es wäre leicht mich für eine Partei zu entscheiden.
Ich bin seit über einem Vierteljahrhundert Mitglied der SPD, will das auch bleiben, werbe dafür sie zu wählen – auch wenn sie bloß das geringste Übel sein sollte.
Nahles und Klingbeil machen es einem natürlich sehr schwer. Aber als Sozialdemokrat ist man schon gewohnheitsmäßiger Masochist, liest immer wieder fassungslos von Wähler-Abschreckungsaktionen wie dem HÖ-Move der Ministerpräsidentin Schwesig.

Käme es hart auf hart und ich hätte das Wahlrecht, käme dennoch mein Kreuz zur SPD, weil es keine bessere Alternative gibt.

Um umfassend informiert zu sein, beziehe ich die Newsletter fast aller Parteien.

In der Blase meiner sozialen Medienwelt haben aber „Die Partei“ und „Die Humanisten“ ein enormes Übergewicht; ich teile wesentlich mehr Meldungen dieser Minis als von meiner Eigenen.
Das liegt einerseits daran, daß das Online-Team der SPD unfassbar schlecht ist und es tröstet wenig, daß das für alle „Alt-Parteien“ gilt.
„Die Partei“ erregt viel mehr Aufmerksamkeit, weil sie Humor einsetzt und schnell ist; „die Humanisten“ erregen immer wieder überproportional meine Aufmerksamkeit, weil sie gerade in dem für mich ungeheuer wichtigen Thema Religion als einzige wirklich meine Meinung vertreten.

Bei der Bundestags- oder Landtagswahl würde ich wegen der 5%-Hürde niemals eine Splitterpartei wählen, weil meine Stimme damit nur verloren geht und es den latent bevorteilten Konservativen um eine Stimme leichter macht Kanzler/Ministerpräsident zu werden.

Die Piraten schafften eine kurze Zeit die 5%-Hürde zu überspringen, wären also theoretisch wählbar gewesen, aber das hanebüchene Personal und die völlig unsinnigen Forderungen schlossen aus inhaltlichen Gründen ein Kreuz bei der Partei aus. Weswegen die Grünen und die Linken nicht für mich in Frage kommen, habe ich immer wieder erklärt.

 „Die Partei“ ist Satire und daher letztendlich auch nicht als Regierungspartei denkbar.

Die seriöseste Kleinstpartei schien die Partei der Humanisten zu sein, die auch auf dem Europawahlzettel steht und wegen der fehlenden 5%-Hürde womöglich sogar einen Sitz erreichen könnte.

Unglücklicherweise haben sich die Jungs inzwischen auch ins Aus geschossen, indem sie, die Säkularen, die Aufgeklärten, die Laizisten, ausgerechnet eine der borniertesten Ideen der Römisch-katholischen Kirche kopierten.
Sie formulierten eine „Ausschlussliste“ von Vereinen/Parteien/Ideen, die eine Mitgliedschaft bei den Humanisten verbieten.
Das erinnert an eine Mischung aus „Antimodernisteneid“ und die Liste der verbotenen Bücher.

(…..)- Bis 1967 mußten alle katholischen Geistlichen den von Pius eingeführten „Antimodernisteneid“ ablegen. (Motu proprio «Sacrorum antistitum» vom 01.September 1910)

Der Antimodernisteneid ist ein bedeutendes Stück Kirchengeschichte, den auch ein gewisser Herr Joseph Ratzinger feierlich geschworen hat. Ein Eid, der ein wirkliches „Dagegen-Monument“ ist.
Nichts dürfe sich jemals ändern, jede Aufklärung sei falsch:

[…] Deshalb verwerfe ich ganz und gar die irrgläubige Erfindung einer Entwicklung der Glaubenssätze, die von einem Sinn zu einem andern übergingen, der abweiche von dem Sinn, den die Kirche einst gemeint habe. Ebenso verwerfe ich jeden Irrtum, der das göttliche, der Braut Christi übergebene Vermächtnis, das von ihr treu bewahrt werden soll, durch eine Erfindung philosophischen Denkens oder durch eine Schöpfung des menschlichen Bewußtseins ersetzen will, das durch menschliches Bemühen langsam ausgebildet wurde und sich in Zukunft in unbegrenztem Fortschritt vollenden soll.
[…] Auch verwerfe ich den Irrtum derer, die behaupten, der von der Kirche vorgelegte Glaube könne der Geschichte widerstreiten und die katholischen Glaubenssätze könnten in dem Sinn, in dem sie jetzt verstanden werden, mit den Ursprüngen der christlichen Religion, wie sie wirklich waren, nicht in Einklang gebracht werden.
Ich verurteile und verwerfe auch die Auffassung derer, die sagen, ein gebildeter Christ führe ein Doppeldasein, das Dasein des Gläubigen und das Dasein des Geschichtsforschers, als ob es dem Geschichtsforscher erlaubt wäre, festzustellen, was der Glaubenswahrheit des Gläubigen widerspricht, oder Voraussetzungen aufzustellen, aus denen sich ergibt, daß die Glaubenssätze falsch oder zweifelhaft sind, wenn man sie nur nicht direkt leugnet.
Ich verwerfe ebenso eine Weise, die Heilige Schrift zu beurteilen und zu erklären, die die Überlieferung der Kirche, die Entsprechung zum Glauben («analogia fidei») und die Normen des Apostolischen Stuhls außer Acht läßt, die sich den Erfindungen der Rationalisten anschließt und die Textkritik ebenso unerlaubt wie unvorsichtig als einzige oberste Regel anerkennt.
Auch die Auffassung derer verwerfe ich, die daran festhalten, ein Lehrer der theologischen Geschichtswissenschaften oder ein Schriftsteller auf diesem Gebiet müsse zuerst jede vorgefaßte Meinung vom übernatürlichen Ursprung der katholischen Überlieferung oder von einer Verheißung der göttlichen Hilfe zur steten Bewahrung einer jeden geoffenbarten Wahrheit ablehnen. […] Endlich bekenne ich ganz allgemein: Ich habe nichts zu schaffen mit dem Irrtum, der die Modernisten glauben läßt, die heilige Überlieferung enthalte nichts Göttliches, oder, was noch viel schlimmer ist, der sie zu einer pantheistischen Deutung der Überlieferung führt, so daß nichts mehr übrigbleibt als die nackte, einfache Tatsache, die in einer Linie steht mit den gewöhnlichen Geschehnissen der Geschichte, die Tatsache nämlich, daß Menschen durch ihre eigenen Bemühungen, durch ihre Sorgfalt und Einsicht die von Christus und seinen Aposteln begonnene Schule in den nachfolgenden Zeitabschnitten fortsetzten. So halte ich denn fest und bis zum letzten Hauch meines Lebens werde ich festhalten den Glauben der Väter an die sichere Gnadengabe der Wahrheit, die in der Nachfolge des bischöflichen Amtes seit den Aposteln ist, war und immer sein wird, so daß nicht das Glaubensgegenstand ist, was entsprechend der Kultur eines jeden Zeitabschnittes besser und passender scheinen könnte, sondern daß niemals in verschiedener Weise geglaubt, nie anders verstanden wird die absolute, unabänderliche Wahrheit, die seit Anfang von den Aposteln gepredigt wurde. Ich gelobe, daß ich das alles getreu, unversehrt und rein beobachten und unverletzt bewahren, daß ich in der Lehre oder in jeder Art von Wort und Schrift nie davon abweichen werde. So gelobe ich, so schwöre ich, so helfe mir Gott und dieses heilige Evangelium Gottes.


Starker Tobak.
Das ist der Geist, der durch den Vatikan weht. Die meisten Kurialen haben mit diesem Eid ihre geistliche Laufbahn begonnen.
Kein Wunder, daß Ratzinger im Jahr 2009 die Exkommunikation der rechten FSSPX-Hetzer aufhob und die Hitlerfreunde wieder in sein Herz schloß.

Der Ratzinger-Papst hat nicht nur zufällig seine treusten Anhänger unter der FSSPX. Sein theologisches Hauptthema, der Kampf gegen das was er „Relativismus“ nennt, ist kongruent mit dem, was sein Vorgänger vor 100 Jahren unter „Modernismus“ verstand. (….)

Die Liste der verbotenen Bücher, über 6.000 an der Zahl, die kein Mitglied der katholischen Kirche lesen durfte, existierte bis 1966.

(…..) Die berüchtigte Liste der verbotenen Bücher der Katholischen Kirche, der Index Librorum Prohibitorum und der Index librorum purgandorum, enthielten zwar üble Werke, wie zum Beispiel die der bekannten Schmutzfinken Jean-Paul Sartre, Voltaire, vier Werke von Heinrich Heine, Pierre-Jean de Béranger, Die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant, Alexandre Dumas, René Descartes, Denis Diderot.
Nicht aber Hitler „Mein Kampf“, obwohl es Papst Pius XII gründlich gelesen hatte. (….)
Es ist keine Satire-Partei, sondern es sind die angeblich so wissenschaftsorientierten „Humanisten – Rational, liberal, fortschrittlich“, die sich ein ähnliches Kompendium ausgedacht haben.


Liberal meint hier aber offensichtlich ziemlich viel FDP und weniger “freigeistlich”.
Eine lange Liste zeigt was man als Mitglied bei „Die Humanisten“ nicht sein darf – beschlossen vom Bundesvorstand am 25.07.2018.

Neben Rechtsextremisten und Religioten aller Ausprägung findet man dort auch:

[…..] ATB (Europäisch-Türkische Union)
[…..] Bekenntnis zu Sozialismus und Kommunismus
    Ablehnung des Kapitalismus, bzw. der Grundsätze der Marktwirtschaft
    Gleichsetzung des Kapitalismus mit Krieg, Hunger, Armut, Rassismus etc. d. h. durchgehende, monokausale Erklärung von Übeln durch die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung
    Unterstellung, dass die Politik in Deutschland bzw. in anderen liberalen demokratischen Staaten grundsätzlich nur den Interessen des Kapitals dienen würde
[…..] Bewunderung oder Respektsbekundungen für sozialistischen Massenmörder, wie bspw. Che Guevara, Stalin, Mao, Fidel Castro
Das Antifa-Symbol
Ein Bekenntnis zum Marxismus, Trotzkismus, Maoismus etc. als Weltanschauung
[…..]   die gesamte Partei: Die Linke
[…..]     ihre Zeitung Solidarität […..] ihre Zeitung sozialismus.info
[…..]  ihre Parteinahe Stiftung Rosa-Luxemburg-Stiftung
[…..]     Gruppen mit dem Namensbestandteil Antifa
[…..]     Gruppen die das Antifa-Symbol oder abgeleitete Symbole als Logo führen
[…..]     PKK / YPG […..] ihre Hochschulorganisation YXK bzw. JXK
[…..]     Union der Journalisten Kurdistans (YRK) […..] Union der kurdischen Lehrer (YMK) […..] Union der Juristen Kurdistans (YHK)
[…..] Föderation der demokratischen Aleviten (FEDA) […..] Föderation der yezidischen Vereine (FKE)
[…..]     Attac  […..] Die Zeitung Junge Welt
    Die Zeitung Jungle World […..] Die Zeitung Arbeiterstimme
[…..]     Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA)
[…..]     Deutscher Freidenkerverband
[…..]     Gruppen gegen Kapital und Nation
[…..] Occupy-Bewegung […..]     Nachdenkseiten […..]    
 (Die Humanisten)

Da waren aber ein paar Überzeugte gründlich am Werk im Bemühen ihre Partei wirklich klein zu halten.

Antifa, Jungle World, Attac verboten für Humanisten?

Vielen Dank, liebe Humanisten; RKK 2.0, damit erübrigt es sich darüber nachzudenken, ob man Eure Partei wählen kann.

Einigen Humanisten dämmert es offenbar, daß eine rigorose Denkverbotsliste nicht bei jedem Anhänger des evolutionären Humanismus (dazu zähle ich mich!) gut ankommt.

Sie schoben daher kurz vor der EU-Wahl in Panik eine abmildernde Erklärung hinterher.

[…..]  Die Humanisten sind keine Partei für Extremisten und Radikale, für Nationalisten und Sozialisten [Was haben SOZIALISTEN in dieser Aufzählung zu suchen? –T.], für Verschwörungstheoretiker, Rassisten, Faschisten, Sexisten oder gewaltbereite Menschen. Wer solche Einstellungen pflegt, gehört nicht in unsere Partei. Das ist unser Grundsatz und zu dem stehen wir.
[…..]  Diese [Unvereinbarkeitsliste] soll als Handreichung typische extremistische und radikale Vereinigungen u.ä. benennen, auf die es bei einem Mitgliedsantrag zu prüfen gilt. Die Aussage dieser Liste ist einzig und allein, welche Organisationen nicht zu einer Mitgliedschaft in der Partei der Humanisten passen. […..]
[…..]  schließlich nehmen wir für uns in Anspruch, rationale, faktenbasierte Politik zu betreiben. […..] Immer wieder lesen wir deshalb, wie wir bloß für Dinge wie Glyphosat, Gentechnik oder Kernkraft sein könnten, das wäre ja nicht “humanistisch” oder “links” oder “sozial”. […..] Doch absolute Rationalität und Wissenschaftlichkeit funktioniert nicht, wenn man nur das als richtig und legitim untermauern möchte, was man bereits glaubt: Man muss auch bereit sein, sich selbst und seine Vorurteile stets zu hinterfragen. […..]

Ein klassischer Fall von Verschlimmbesserung.
Bisher ärgerte ich mich als Sozialdemokrat und somit „demokratischer Sozialist“, dessen Partei über 150 Jahre Hauptvorkämpferin für humanistische Werte wider die Religiosität war über die Anmaßung der Unvereinbarkeitsliste.

Aber nun bin ich auch noch als Naturwissenschaftler, als Chemiker entsetzt.
Spätestens als ich Nuklearchemie studierte und wir selbstverständlich auch in Kernkraftwerke gingen, lernte ich, daß die hartnäckigsten Kritiker der Kernkraft aus der Wissenschaft stammen.
Es ist rational und evidenzbasiert so eine Technologie abzulehnen.
Jetzt bin ich ernsthaft wütend. Glyphosat und Kernkraft kritisiert man nicht, weil das „links“ oder „sozial“ (und somit aus Partei-Sicht falsch) ist, sondern gerade als Naturwissenschaftler.

Bitte keine Stimme für die Humanisten!

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