Donnerstag, 23. Juni 2022

Typisch deutsch

Der deutsch-russische Instagrammer Richard Cwiertnia scheint seine knapp 200.000 Follower durch selbstironische Ethno-Comedy-Clips über die Eigenarten seiner russischen Einwanderer-Familie in Deutschland gewonnen zu haben.

Mark Zuckerbergs Algorithmus spielte mir seine gestrige Insta-Story zu, die nahezu wortgleich schon vor 50 Jahren von meiner Mutter lautstark beklagt wurde. Er berichtet von einem Treffen seiner Arbeitskollegen (Mitschüler? Ich weiß nicht, was er beruflich macht), bei dem jeder eine kulinarische Spezialität aus seiner Heimat mitbringen sollte. Es gab äthiopisches, südafrikanisches, brasilianisches, russisches und polnisches Essen. Man genoss den Abend, probierte, lachte, erzählte Geschichten aus der Heimat. Richards Geschichten unterschieden sich ein wenig, weil er schon als Kind nach Deutschland kam und in der Schule deutsche Freunde hatte, die er nachmittags besuchte. Die deutsche Küche lernte er aber kaum kennen, weil die Eltern seiner Mitschüler immer gegen 18.00 Uhr ins Kinderzimmer platzen und höflich darauf hinwiesen, er müsse sich langsam auf dem Weg machen, nach Hause gehen, man wolle nämlich gleich Abendbrot essen. Deutsche Mütter wollen ihr Kind nämlich bei Schnittchen und dem Glas Milch für sich haben. Weitere Esser sind fernzuhalten.

Richards Zuhörern aus Polen, Russland, Äthiopien, Südamerika und Nahost fielen die Kinnladen herunter. Sie konnten es gar nicht glauben, was sie hörten.

Wer als Fremder in Russland auf eine einheimische Familie trifft, entkommt der Mutter und Babuschka nicht mehr, bevor die nicht sämtliche Lebensmittelvorräte aufgefahren haben und man für eine Woche genug gegessen hat. In Brasilien wird immer ein Stuhl und ein Gedeck für einen unerwarteten Gast freigehalten. Genauso ergeht es Gästen aber auch in Italien oder Spanien. Wer dort seinen Schulfreund, Arbeitskollegen, Kommilitonen mit nach Hause nimmt, hat keine Chance ihn loszuwerden, bevor la mama, la madre ihm nicht mindestens zehn Gänge serviert hat.

Wer als Kartoffel in Deutschland aufgewachsen ist, macht sich keine Vorstellung davon, welche zentrale Rolle die Gastfreundschaft in den meisten anderen Kulturen spielt.

Meine Mutter erzählte mir das immer wieder von ihren monatelangen Reisen nach Osteuropa, die Türkei und den Nahen Osten als ganz junge Frau. Sie brauchten fast kein Geld, weil sie sowieso in jedem kleinen Dorf eingeladen wurden. Freundlich und großherzig zu Fremden zu sein, war vor 80, 70 oder 60 Jahren in Deutschland genauso unbekannt, wie offensichtlich jetzt noch. Im Orient ist das undenkbar.

[….] Menschen aus dem Orient sind gemeinhin dafür bekannt, sehr gastfreundlich zu sein. Diese Eigenschaft hat auch eine Verankerung im Koran. Sie hängt mit niemand geringerem als Abraham zusammen. [….] den ehrenvollen Gästen Abrahams zu Ohren gekommen?“  Abraham ist im Koran der „Führer“ oder das „Vorbild“ für die Menschen (Sure 2 Vers 124). [….]  Abrahams Berufung zum Propheten oder Patriarchen wird im Koran auf vielen Ebenen geschildert. Eine der bedeutendsten Geschichten über ihn ist die des Empfangs „ehrenvoller Gäste“ in seinem Zelt. [….] Abrahams Benehmen wird als das bestmögliche eines Gastgebers beschrieben. Er bereitet die besten Speisen zu, stellt sie dicht neben seine Gäste und lädt sie unaufdringlich zum Essen ein. [….] Abrahams Geschichte über seine Gäste haben viele als Ausdruck von Selbstlosigkeit und Offenheit gegenüber Fremden verstanden. Wer Fremde aufmerksam und fürsorglich in seinem Haus willkommen heißt, sie also nicht einfach nur duldet, für den wird ihre Anwesenheit am Ende vielleicht ein Segen sein. [….]

(Prof. Dr. Mona Siddiqui, 01.12.2017)

Mal abgesehen davon, daß die germanische Gäste-feindliche Haltung sehr unsympathisch ist, fällt die draus resultierende antimigrantische Politik der konservativen Parteien uns gerade gewaltig auf die Füße.

Kitas, Handwerk, Schulen, Gastro, Pflege, Service, Flughafenpersonal, Bademeister - Deutschland wird zunehmend durch die konservative migrantenfeindlichen Gesetze lahmgelegt. Überall herrscht drastische Personalnot.

Aber die EU zahlt Milliarden, um mit Frontex und Erdogan jeden, der nach Europa fliehen will, mit Gewalt fernzuhalten.

Daß Zehntausende dabei im Mittelmeer ertrinken, ist uns egal

Es erstaunt mich, wie hartnäckig sich diese kartoffelige Austernhaltung, bloß niemand anderen zu Hause willkommen zu heißen, sich über die Dekaden hält.

Bei „GuteFrage.net“ findet man bezeichnenderweise auf die Frage nach der mangelnden deutschen Gastfreundschaft, als erstes folgende Antwort:

[….] Ich verstehe unter Gastfreundlichkeit, dass man sich zwar um den Gast kümmert und natürlich auch etwas anbietet, aber trotzdem irgendwo eine Grenze setzt.   […]

(Sarah Tee)

Und anschließend:

[….] Meine Frau und ich hätten gar nicht die Zeit für irgendjemanden 10 unterschiedliche Gericht zuzubereiten. Der Gast darf sich über Kaffee und Kuchen freuen und das wars, v.a. wenn er dann vielleicht auch noch unangekündigt vor der Türe steht.  […]

(Jack98765)

Aus der Sicht eines Migranten, sind solche Ansichten bestenfalls Realsatire. Eher aber schockierend. Wieso lernen die Deutschen nicht dazu?

Immerhin sind die Deutschen Reiseweltmeister und wissen um die Gastfreundlichkeit anderer Länder. Sie lieben exotische Lebensmittel, haben so viele Speisen, Gewürze und Tränke aus dem Ausland kennengelernt und in ihre Essgewohnheiten übernommen. Jedes Kind in Deutschland kennt heute Pizza, Döner, Balsamico, Kiwis, Mangos, Avocados, Mozzarella. Aber die Deutschen sind offenbar resistent gegen die Übernahme freundlicher Verhaltensweisen.

[….] Im Ausland gelten Deutsche als penibel, berechnend, geizig – und damit als nicht gastfreundlich.

Was vielen Menschen ohne Migrationshintergrund meist schon gar nicht mehr auffällt, sehen Menschen mit Migrationshintergrund dafür oft umso deutlicher. Und so haben einige von ihnen bei Twitter gerade Erfahrungen zusammengetragen, die sie in der Kindheit mit deutscher Gastfreundschaft – oder eher dem Gegenteil davon – gemacht haben. Sie zitieren Sätze wie "Wir essen jetzt, du musst gehen" oder "Du kannst solange im Kinderzimmer warten", wenn es Essenszeit wurde bei der Familie, bei der sie zu Gast waren. Zum Mitessen eingeladen werden? Das gab es früher bei ihren weißen deutschen Freunden offenbar nicht – ganz anders, als sie es von Zuhause kannten. [….] Die Journalistin Anna Aridzanjan hat solche Situationen als Kind selbst erlebt:  [….] Sie erinnert sich an Verabredungen mit der Schulfreundin, bei denen sie allein im Zimmer warten musste, während die Familie gegessen habe. Die Zeit habe sie sich zum Beispiel mit einem Buch vertrieben. Im ganzen Haus roch es nach Essen und sie bekam Hunger. Aber sagen mochte sie nichts.  "Ich habe gelernt, dass es einen Unterschied zwischen Essenskulturen gibt", sagt sie. In ihrer armenischen Familie könne man sich nicht vorstellen, einen Gast nicht zu verköstigen. Ihre Mutter habe stets alle überredet, noch zum Abendessen zu bleiben, immer sei ein Nachschlag angeboten worden. Viele Deutsche dagegen würden eher befürchten, es gäbe nicht genug Essen, mutmaßt sie. Als ob es nicht für alle reiche.  [….]

(Wiebke Bolle, 03.05.2019)

Es ist fasziniert zu googeln, wie auch im Jahr 2022 die typisch deutsche Unfreundlichkeit weiterhin gepriesen wird. Man sei eben ein rationales, direktes Volk. Klare Regeln wären nötig. Es ginge um Effizienz im Familienleben. Die Mutter müsse den Lebensmitteleinkauf planen können. Es sei doch wichtig, nichts wegzuschmeißen.

Und so wird es wohl beim globalen Kopfschütteln über die deutschen Sitten bleiben.

[….] Oliver Towfigh Nia (Iran): „Damit ich nicht falsch verstanden werde, muss ich vorausschicken, dass die Iraner wahrscheinlich das gastfreundlichste Volk der Welt sind. Gemessen daran sind die Deutschen nicht sonderlich gastfreundlich. Hier beschränkt sich Gastfreundschaft auf ein Glas Wasser aus der Leitung und, wenn es hochkommt, einen Kaffee. Ein Iraner dagegen würde die halbe Bäckerei leer kaufen und dem Besucher servieren. Ich war mal zu Gast bei einem Kollegen in der Nähe von Nürnberg. Da musste ich auf einer uralten Couch schlafen, die man nicht einmal ausziehen konnte. Neben mir schlief der Hund, der zumindest noch ein Kissen gehabt hat. Ich habe keines bekommen und musste mir meine Jacke unter den Kopf legen. Am nächsten Morgen hatte ich einen Hexenschuss und konnte zwei Tage nicht richtig laufen. Im Iran hätte ich als Gast das beste Bett bekommen und der Gastgeber hätte auf diesem altersschwachen Sofa gelegen.“ […]

(Deutschlandfunk, 08.06.2017)

Ideologische Verbohrtheit

Wenn man die US-Republikaner in ihrer Wahnwelt beobachtet, staunt man wie sich mächtige Politiker so vollkommen losgelöst von der Realität bewegen können.

Warum eigentlich?

Wir kennen das Phänomen doch auch von einer deutschen Regierungspartei, die so sehr von purer Ideologie getrieben wird, daß sie dafür bis zur völligen Realitätsverleugnung geht. Hier ist es die in Schwurbelsphären entrückte FDP. 

Nein es ist keine Satire, im Jahr drei der Pandemie, nach 6,3 Millionen an Covid 19 gestorbenen Menschen, will die FDP unbedingt wieder planlos in den nächsten Corona-Winter stolpern, blockiert Karl Lauterbachs Anstrengungen, Vorsorge zu betreiben. Justizminister Buschmann scheint geistig auf Trump-Niveau abgefallen zu sein, indem er nun ernsthaft den Nutzen von Masken bezweifelt.

[….] Wiedereinführung der Maskenpflicht? Justizminister fordert Beweise zum Nutzen.  "Will der Staat Masken vorschreiben, etwa in Innenräumen, muss das evidenzbasiert und verhältnismäßig sein", sagte der Justizminister der "Rheinischen Post". Er fordert, weitere Studien zum Nutzen von Masken abzuwarten.  [….]

(gmx, 18.06.2022)

Verkehrsminister Wissing stemmt sich eisern gegen das inzwischen von 75% der Deutschen befürwortete Autobahntempolimit und nimmt uns damit die einzige Möglichkeit, mit einem Handstreich, ohne zusätzliche Kosten, große Mengen Benzin zu sparen. Als Nebeneffekt gäbe es auch weniger Verkehrstote, aber Wissing hält es da wie die US-Republikaner mit der Waffenlobby: Menschenleben scheinen für ihr irrelevant zu sein. Und so sabotiert er nach Kräften den Klimaschutz.

(…) Es bleibt bei dem doppeltragischen Konstruktionsfehler der Ampel: Das Ergebnis der Bundestagswahl erlaubt außer einer SPD-CDU-Koalition, die faktisch unmöglich ist, keine Regierungsbildung ohne die FDP, so daß die Hepatitisgelben über ein enormes Erpressungspotential verfügen, das sie voll ausnutzen. Die Ampel ist besser als Jamaika, aber die FDP ist ob ihrer Alternativlosigkeit nicht nur überproportional stark, sondern abgesehen davon auch noch überproportional schlecht. Halsstarrig beharrt sie auf ihrer Rolle als Lobbyhure für die Superreichen und Industrieverbände – auch wenn das Ergebnis extrem schädlich für Deutschland ist. (…)

(Verblödete Energiepolitik, 03.06.2022)

Porsche-Boy Christian Linder hängt sogar der Automobillobby um 50 Jahre hinterher. Die hat längst eingesehen, aus dem Verbrennermotor aussteigen zu müssen, begrüßt die entsprechenden Beschlüsse der EU, will sogar noch früher auf Elektromotoren umsteigen.

Nur Lindner agiert vollständig realitätsblind, hängt einer uralten Umweltpest-Ideologie an, die es selbst in der Industrie nicht mehr gibt.

[…] Finanzminister Lindner kündigt Widerstand gegen EU-Verbrennerverbot an.

Deutschland werde dem geplanten Aus für Verbrennungsmotoren ab 2035 auf EU-Ebene nicht zustimmen, sagt Bundesfinanzminister Christian Lindner. [….]

(SPON, 21.06.2022)

Der Mann, der uns allen, der aber insbesondere den zukünftigen Deutschen durch seine radikale ideologische Verbohrtheit so schweren Schaden zufügt, scheint allerdings in jeder Hinsicht die Realität verlassen zu haben. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt offenbar nur noch seiner Promi-Hochzeit auf Sylt.

Wie übergeschnappt der FDP-Chef ist, erkennt man auch an seiner Parteipolitik.

Als die FDP in die Bundesregierung eintrat, regierte sie in bereits in Kiel und Düsseldorf.

Es folgten drei Landtagswahlen, drei schwere Klatschen für die Hepatitisgelben. Die GELB-Schwarz-Grüne Regierung Schleswig-Holsteins existiert nicht mehr. Die FDP sitzt nun in der Opposition, es wird eine schwarzgrüne Regierung geben.

Die GELB-Schwarze Regierung NRWs existiert nicht mehr. Die FDP sitzt nun in der Opposition, es wird eine schwarzgrüne Regierung geben.

Die Wähler sind, für jeden offenkundig, so entsetzt von den FDP-Bundesministern und dem Corona-Schwurbler Kubicki, daß sie überall abgestraft wird.

Lindner aber ist so verblendet, die diametral entgegen gesetzten Schlüsse zu ziehen. Die Wähler rennen seiner verqueren Ansicht nach schreiend von der FDP weg, weil sie noch zu wenig Irrsinn betreibe.

Nun will er endgültig ins Gaga-Reich einziehen, die Förderungen von E-Autos streichen und zurück zur Atomkraft.

Man rufe die Männer im gelben Kittel.

Dienstag, 21. Juni 2022

Busen-Clickbaiting.

Völlig unsportlich zu sein war die ersten 30 Jahre meines Lebens kein Problem. Als junger Mensch ist man automatisch fit.

Als Student war ich aufgrund meiner Körpergröße ein sehr gern gesehener Umzugshelfer, weil ich riesige unhandliche schwere Teile, wie zum Beispiel Omas alte Ohrensessel, allein heben und in den fünften Stock tragen konnte. Mit über 50 klappt es leider nicht mehr, ohne jegliche Bewegung fit zu sein. Das stört mich, aber ich kann nichts dagegen machen, weil ich für jede sportliche Betätigung leider zu faul bin.  Ich bin weder ehrgeizig, noch eitel genug, meinen Körper in Form zu bringen, weil ich Sport extrem stupide finde.

Es gibt nur eine Form der sportlichen Betätigung, die mir jemals Spaß gemacht hat und das war schwimmen. Da es hinter unserem Haus zwei tiefe Teiche gab und meine Oma außerdem einen Gartenpool besaß, schickte meine Mutter mich lange bevor ich eingeschult wurde, in eine Schwimmschule. Wie sich herausstellte, war das mein Element. Aus dem Pool konnte man mich nur mit Gewalt rausholen. Als wir in der vierten Klasse Schwimmunterricht bekamen, staunte mein Lehrer nicht schlecht, als ausgerechnet ich, der notorische Sportmuffel, der nie mitmachen wollte, sich als Fisch im Wasser herausstellte, endlos tauchen konnte und ohne zu zögern aus jeder Höhe ins Becken sprang.

Heute träume ich im wahrsten Sinne des Wortes davon, die Gelegenheit zum Schwimmen zu bekommen. Immer wieder befinde ich mich während meiner REM-Phasen in eigenartigen Umgebungen, fremden Häusern, Hotels, Ferienanlagen, bei denen ich überraschend einen Swimmingpool entdecke und begeistert die Gelegenheit nutze endlich mal wieder zu schwimmen. Angeblich verlernt man es ja nicht. Auf Traumdeutung gebe ich genauso wenig, wi auf Sport, aber es wird schon so sein, daß ich schwimmen vermisse.

Leider kann ich schon lange nicht mehr schwimmen gehen, weil ich dazu in ein öffentliches Bad müsste und das geht nicht, weil ich zu einer Mischung aus Sozialphobiker und Misanthrop geworden bin. Ich finde andere Menschen ekelig und will sie schon gar nicht nackt sehen. Genauso ungern will ich, daß jemand mich nackt sieht.  Ich finde es selbst kurios, weil ich zu der Generation gehöre, die als Kind und Teenager nur nackt geschwommen ist und es sehr lästig fand, wenn ich ausnahmsweise in einer öffentlichen Schwimmanlage war und dort zur Badehose gezwungen wurde. Wenigstens waren es damals das, was man heute als „Speedos“ bezeichnen würde. Schon das nervte aber, weil man nach dem Verlassen des Beckens mit einer nassen Hose rumsaß. In der prüdisierten Welt der 2020er Jahre sind sogar „Speedos“ weitgehend verpönt. In den USA sogar an vielen Stränden verboten. Es könnte sich ja irgendwas unter dem Stoff abzeichnen! Herr, im Himmel, das darf nicht sein. Amis bilden sich gern ein, untenrum alle wie Kens zu sein. Also tragen Amis und offenbar auch die durch social media weltweit modisch nivellierten deutschen Jugendlichen knielange Baggy-Shorts beim Schwimmen. Das muss einerseits im Wasser extrem hinderlich sein und andererseits saugen die mehrere Liter Flüssigkeit auf, die man anschließend mit sich herumschleppt. Das heißt entweder Blasenentzündung oder jedes Mal umziehen, wenn man aus dem Becken/Meer/Fluß/See/Teich steigt.

Mir sind die Geschlechtsorgane anderer Menschen aller Geschlechter herzlich egal. Ich mag generell nicht die physische Nähe, die Präsenz anderer, die mir durch nackte Bäuche oder Beine noch drastischer erscheint.

Für mein Problem gibt es allerdings eine einfache Lösung: Nicht in Schwimmbäder gehen, die sommerlichen Liegewiesen voller nackter Leute meiden und einen großen Bogen um Saunen machen. Es handelt sich schließlich um mein „Problem“. Davon sollen andere Menschen nicht betroffen sein. Im Gegenteil, ich würde sogar dafür kämpfen, den Rest der Welt nicht durch meine privaten Ansichten zu beeinträchtigen. FKK-Ferienanlagen finde ich gut. Ich verstehe, daß viele Menschen sich da wohlfühlen und gönne ihnen ihr Freiheitsgefühl. Daß ich so eine Anlage nicht besuchen würde, ist herzlich irrelevant. Ich gehe auch nicht zum Fußball, nicht zu Formel1-Rennen, nicht in den Gottesdienst, nicht zu Helene Fischer-Konzerten, nicht ins Ballett, nicht in Fetisch-Bars, nicht auf Straßenfeste oder Flohmärkte. Das ist der Kern einer freiheitlichen Gesellschaft. Jeder kann das tun, was er möchte, so lange er andere damit nicht stört. So wie mir die Kirche nicht vorschreiben soll, was ich am Karfreitag für Filme sehe, so rede ich niemanden rein, der sich gern mit Myriaden anderen rosa-häutigen adipösen Pyknikern am Baggersee drängelt.

Von außen oktroyierte Sittlichkeitsvorstellungen haben 2022 nichts mehr bei uns verloren.

Das vollkommen hysterische Verhältnis der US-Amerikaner zu entblößten Brustwarzen, kann man gar nicht genug kritisieren. Eine Nation, die sich selbst als „Land Of The Free“ bezeichnet und so kompromisslos auslebt, daß sie die Freiheit der über 500 Millionen Schusswaffen im Privatbesitz auch um den Preis nicht antasten will, daß jedes Jahr Zehntausend Kinder erschossen werden, greift bei den 330 Millionen weiblichen Brustwarzen rabiat durch. Die USA erlaubt unter keinen Umständen das öffentliche zur Schau tragen derselben, während „Open Carry“ von Pistolen oder Maschinengewehren in fast allen US-Bundesstaaten ausdrücklich garantiert wird. Es braucht schon eine besondere Moral, um Myriaden Schusswaffenopfer achselzuckend zu akzeptieren, aber einen weiblichen Nipple als so gefährlich einzustufen, daß jedes öffentliche Bild, jede Darstellung im Kino, in der Werbung, Strafen nach sich zieht. Mark Zuckerberg, der Herr über Milliarden Instagram- und Facebook-Accounts setzt diesen Nipple-Bann sogar global durch. Ein Oben-Ohne-Bild und das Facebook-Profil wird gelöscht. Zuckerwerg will es so und lebt daher auch konsequent in Kalifornien, dem weltweit größten Porno-Produzenten. AR15, konföderierte-Flaggen. Hakenkreuze, Antisemitismus – all das wird toleriert. Ein Busen aber nicht!

Als Nicht-Jurist frage ich mich, wie eigentlich die Ungleich-Behandlung von Männer- und Frauen-Brustwarzen gerechtfertigt wird, zumal Zuckerbergs Instagram voll von anabolen Männerbrüsten ist, die größer und runder als die allermeisten weiblichen Brüste sind.

Wie erbärmlich, wenn in Deutschland dieser prüden Moralverirrung nachgeeifert wird und Frauen in Bikinis gezwungen werden. Auch in deutschen Schwimmbädern ist Barbrüstigkeit bisher ein rein männliches Privileg.

[…]  In Göttingen hat der Stadtrat jüngst entschieden, dass an Wochenenden alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht obenrum textilfrei ins Wasser dürfen. Das nordrhein-westfälische Siegen zog nach. Und jetzt soll Hamburg-Eimsbüttel folgen.

Hamburger SPD-Frau gegen "diskriminierende Kleidervorschriften"

Auch hier soll das Baden oben ohne in Schwimmbädern ausdrücklich für alle Gäste erlaubt werden, teilte die SPD im Bezirk nun mit. Begründung: "Für viele Menschen ist das schlicht und einfach eine Frage der Gleichberechtigung", sagte die Bezirksabgeordnete Paulina Reineke-Rügge. Dass im Jahr 2022 solche Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht werden, sei nicht mehr zeitgemäß.  "Für uns ist klar, dass diskriminierende Kleidervorschriften in Eimsbüttel keinen Platz haben", führte Reineke-Rügge weiter aus. "Wer will, sollte im Schwimmbad mit freiem Oberkörper unterwegs sein dürfen." [….]

(T-online.de, 20.06.2022)

Danke Hamburger SPD! Leider verfügt sie aber in der Bezirksversammlung Hamburg-Eimsbüttel über keine absolute Mehrheit und ist auf die Stimmen der Grünen angewiesen. Aber die erzkonservativen Hamburger Grünen stimmen natürlich mit der CDU.

Bäderland, die Betreiberin der öffentlichen Hamburger Schwimmbäder begibt sich unterdessen auf Zuckerberg-Kurs und argumentiert mit Sittlichkeitsempfindungen – DER MÄNNER.

Die könnten dann nämlich gar nicht anders, als sich aufzuregen und die Frauen sexuell zu belästigen. In der verqueren wahabitisch-zuckerbergschen-bäderländischen Ideologie müssen sich daher die potentiellen Opfer der Übergriffe einschränken und nicht etwa die Täter gemaßregelt werden.

[….] „Bäderland“-Sprecher Michael Dietel äußerte sich nämlich ablehnend gegenüber der „Hamburger Morgenpost (Mopo)“. Der Zeitung sagte er: „Ich weiß nicht, ob es so sinnvoll ist, den geschützten Rahmen wieder aufzuheben. Frauen werden anders behandelt, wenn sie nackt sind, als dass das bei Männern der Fall ist. Sie werden dann manchmal mit Übergriffigkeiten konfrontiert von Männern, die sich eben nicht benehmen können. Je mehr Freizügigkeit man lebt, desto mehr Angriffsfläche gibt es auch.“ […]

(Moin.de, 21.06.2022)

Nackte Männerbrüste im Schwimmbad? Kein Problem. Nackte Frauenbrüste? furchtbar unanständig! Was für Luder! Es ist die klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Offenbar denken nicht nur Bischöfe so, wenn es um übergriffige Priester und vergewaltigte Messdiener geht.

Jetzt weiß ich auch wieder, wieso ich Misanthrop bin und grundsätzlich Menschen meide.

Montag, 20. Juni 2022

Super-woke oder klassischer Sexismus.

Bill Maher ist sauer. Auf die Linken. Mal wieder. Die US-amerikanischen „liberals“ sind so sehr zu ihrer eigenen Karikatur geworden, daß sie sich nicht einmal trauen, das Wort „liberal“ zu verwenden. Ganz im Gegensatz zu den Konservativen, die sich selbst gar nicht oft genug als „conservative“ loben können und es geschafft haben, „liberal“ zum Schimpfwort umzudefinieren. Im Gegensatz zu den schlauen LGBTIQs, die es mit geschickten Marketing vermochten, sowohl das amerikanische Wort „gay“, als auch das deutsche Wort „schwul“ aus der Schmuddelecke zu holen und in etwas, auf das sie stolz sind umzudeuten.

Aber „liberal“ ist das US-amerikanische „fag“ von vor 50 Jahren; so will keiner genannt werden.

Das Wort „liberal“ bedeutet dort „links“, während der deutsche politische Begriff „liberal“ (FDP) im amerikanischen Gebrauch eher „libertär“ (libertarian) bedeutet.

Es handelt sich um ein schweres politisches Versagen der amerikanischen Linken. Wieder einmal. Schon bei dem von den Ultrarechten aufgezwungenem Wortpaar „pro life“ und „pro choice“ liefen sie in die Falle; müssen nun mit dem Makel „Lebensfeindlichkeit“ leben, obwohl es in Wahrheit genau umgekehrt ist. Die „Pro-Life“-Agenda führt a) zu mehr Abtreibungen und b) zu mehr toten Frauen auf dem Küchentisch, die sich in ihrer Verzweiflung einem dubiosen „Engelmacher“ auslieferten.

Den amerikanischen Ultrarechten gelingt das immer wieder. So bezeichneten sie sich selbst schon seit Reagans Zeiten als „moral majority“, als ob liberale Menschen mit humanistischen Werten und Bürgerrechtaktivisten amoralisch wären. Das diametrale Gegenteil ist der Fall.

Ein weiteres Beispiel ist die konservative Autodiscription mit dem Begriff „family values“, der natürlich nichts anderes bedeutet, als LGBTIQs vorzuwerfen, sie agierten gegen Familien, würden Familien zerstören. Auch das ist in mehrfacher Hinsicht hanebüchener Unsinn. Kein Frau/Mann-Ehepaar verliert  irgendetwas, wenn auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Schwule und Lesben stammen natürlich auch aus Familien, haben Eltern und Geschwister. Sie fallen nicht einfach vom Himmel. Es sind aber ihre heterosexuellen „Family-values“-Eltern, die jede Achtung der Familie mit Füßen treten, wenn sie ihre queeren Kinder aus dem Haus jagen.

(…) Die Teenagerin oder der Teenager, der eben noch am Mittagstisch saß und angeblich so geliebt wurde, von seinen eigenen Eltern voller Hass verstoßen wird.  Der in diesem Video gezeigte Daniela Ashley Pierce lebte in Kennesaw, Copp County, Georgia, das zum 6th congressional district gehört, also unweit des berüchtigten 4th congressional district der Marjorie Taylor Greene liegt. Da ist der Hass der Religiösen am wenigsten abstrakt, sondern bedrückend konkret, wenn er sich gegen die eigene Familie, wendet. Unbeschreiblicher Hass auf seine eigenen Kinder von denjenigen, die jedem „God is Love!“ erklären und so stolz auf ihre „Family Values“ sind. 

Artem Kolesov, 23, erster Violinist in Chicago, Geigen-Wunderkind aus St. Petersburg, beschreibt besonders eindrücklich, wie die russisch-orthodoxe Kirche den blutigen Hass auf Schwule schürte, wie er dadurch schwer depressiv wurde und als Teenager viermal versuchte, sich umzubringen. DAS ist Gottes real existierender Kirchismus: Eine Ideologie, die Hass zwischen Eltern und Kindern sät und Jugendliche mit äußerster Perfidie in den Suizid treibt. (…)

(Christentum als Hassverstärker, 07.06.2022)

Es ist verrückt; eine von zwei US-amerikanischen Parteien verschreibt sich mit Haut und Haaren einem antidemokratischen, verfassungsfeindlichen, Hochverräter, Sexisten und Rassisten, der im Amt 30.000 Lügen verbreitete, seinen Vize lynchen lassen wollte, zweimal impeacht wurde, begeistert für immer mehr Massenschießereien sorgt, Kleinkinder in Käfige sperrt, nach Folter und Prügeln verlangt, den Kongress von einem terroristischen Mob stürmen ließ und seinen sadistischen, sowie gewalttätigen Impulsen freien Lauf lässt.

Diese Partei empfindet sich selbst als moralisch überlegen, lebensfreundlich und werteorientiert.

Was für eine Propaganda-Meisterleistung!

Was für ein Ausweis des politischen Versagens der anderen Seite, die sich als weniger familienfreundlich, weniger moralisch und weniger vertrauenswürdig darstellen lässt.

[…] Mehr als 5000 Delegierte hatten sich in Houston, der größten Metropole der republikanischen Hochburg, zu der drei Tage dauernden Versammlung getroffen, am Samstag wurde dann über das Parteiprogramm abgestimmt.  »Wir lehnen die bestätigten Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen 2020 ab und sind der Meinung, dass der amtierende Präsident Joseph Robinette Biden Jr. nicht rechtmäßig vom Volk der Vereinigten Staaten gewählt wurde«, heißt es in der Resolution, die auf dem Parteitag mit Stimmenmehrheit verabschiedet wurde. Damit folgen die texanischen Republikaner dem von Ex-Präsident Donald Trump verbreiteten Verschwörungsmythos, bei der Präsidentschaftswahl sei betrogen worden. […] In ihrem Programm positionieren sich die Republikaner auch gegen Homosexualität und Transgender-Personen. Homosexualität sei eine »abnormale Lebensweise«, heißt es. […] Außerdem stellt sich die Partei gegen »alle Bemühungen zur Anerkennung der Transgender-Identität« . […]

(SPON, 20.06.2022)

Schuld daran sind die „liberals“ zum Teil selbst, die das Zerrbild, welches die Ultrarechten von ihnen zeichnen, genüßlich auswalzen, indem sie nun in den großen Fettnapf der „Wokeness“ springen.

„Woke“ zu sein, ist eigentlich etwas Gutes; wir sollten alle woke sein.

[…] Der Begriff „woke“ wurde in den letzten Jahren vor allem durch Social Media geprägt. Mit Hashtags wie #woke oder #staywoke soll auf soziale, strukturelle und/oder politische Missstände aufmerksam gemacht werden.  „Woke“ oder auch „Wokeness“ genannt, kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt „aufgewacht“ bzw. „wachsam“. Verwendet wird der Begriff heute umgangssprachlich vor allem für die Aufmerksamkeit (Wachsamkeit) bzw. die Feinfühligkeit gegenüber Menschen von Minderheiten und Momenten von Diskriminierungen. Im Fokus der Wokeness-Bewegung stehen vor allem Themen wie Rassismus, Sexismus und ähnliche Diskriminierungen. Nicht selten wird der Begriff aber auch für vermeintlich allgemein strukturelle und politische Missstände benutzt. [….]

(Stuttgarter Zeitung, 01.09.2021)

Weil wir glücklicherweise „woke“ sind nennen wir People of Color nicht mehr „Neger“, behandeln LGBTIQs nicht als „Perverse“. Einige linke Woke übertreiben es aber derartig, daß sie sich beispielsweise rückwirkend für Filme aus den 1970ern schämen, wenn sie dort in einer Filmrolle eine Kellnerin als „Sweety“ ansprachen.  Der Wahnsinn aus Wokistan treibt solche Blüten, daß es den rechten Republikanern leicht fällt, sich über die Liberalen lustig zu machen.

Ein besonders groteskes Beispiel aus der WaPo-Redaktion prangerte Bill Maher in seiner letzten Sendung an.

Im Lichte solcher Spinner, kann ein „Grabb’em by the Pussy“-Spruch von Donald Trump als geradezu heldenhaft empfunden werden. Obwohl das klar sexistisch ist und genau das, was Wokeness zu Recht unterbinden sollte, freuen sich die QTrumpliKKKans darüber, wie ihr oranger Lügen-Berserker die Linken damit ärgert.

Von dieser Über-Wokeness profitiert nun auch der CSU-Abgeordnete Klaus Steiner, der eine sexistischen Ausfall locker aussitzen kann, weil er in konservativen „Man darf ja gar nichts mehr sagen“-Kreisen dafür gefeiert wird, den bajuwarischen Mini-Trump zu geben.

[….] Der Abgeordnete Klaus Steiner rät deutschen Produktköniginnen, am besten Bikini und String zu tragen, um ihre Chancen bei der Suche nach einem "Prinzen" zu erhöhen. Er fand's wohl lustig. [….] Die Szene der zwei fassungslosen Frauen stammt aus einer Reportage des Rechercheteams "Y-Kollektiv", die auf Youtube zu sehen ist. Sie trägt den Titel "Deutschlands Produktköniginnen: echte Heimatliebe oder doch Sexismus?"

 Dieser Frage sind die Filmemacher also nachgegangen, am 12. Juni, beim Königinnentag in Oberbayern. Seine ganz eigene Antwort hat ihnen dann der CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Steiner geliefert, der beim Empfang im Kulturforum ein Grußwort gesprochen hat, das die SPD als "Sexismus-Attacke" bezeichnet. [….] Darin ist Steiner, 68, am Rednerpult des Kulturzentrums zu sehen. Er freut sich sichtbar über den Besuch des durchweg weiblichen Produktadels, für den er dann auch "eine Empfehlung" parat hat, freundlich wie er ist. Wenn man den CSU-Politiker und sein Grußwort richtig versteht, geht Steiner ganz selbstverständlich davon aus, dass die Königinnen im Kulturzentrum "auf der Suche" nach "Prinzen" sind. In Sorge um deren Marktchancen rät er den Frauen, besser "im Bikini oder im String" zu erscheinen. Das werde zwar "kühl", aber "die meisten" der Produktköniginnen dürften ja mit diesen Kleidungsstücken "ausgestattet sein", säftelt Steiner. Oh Mann. [….]

(Andreas Glas, 20.06.2022)

Sonntag, 19. Juni 2022

Bundeswehr 2022

 So viel Selbstkritik muss sein: Als Donald Trump, genau seinen Fähigkeiten als Psychopath entsprechend, einen Hebel fand, die ihm intellektuell weit überlegene Angela Merkel zu ärgern, betätigte er ihn mit sadistischer Freude so oft, wie nur möglich: Sie drücke sich darum, die zugesagten 2% des BIP für die NATO zu zahlen. Da Trump dumm und ungebildet ist, verstand der den Sinn dieser Vereinbarung gar nicht. Er tat so, als handele es sich um einen NATO-Mitgliedsbeitrag, den Deutschland ihm, Trump, schulde.

Das war natürlich Schwachsinn. Gemeint waren die deutschen Ausgaben für die deutsche Bundeswehr.

Aber ich ärgerte mich grundsätzlich darüber, daß Trump da einen nicht wegzudiskutierenden Punkt hatte. Wieso hatten Merkel und Steinmeier bloß jemals diese „2%“ zugesagt? Zumal bei steigender Wirtschaftsleistung die Summe immer astronomischer wurde.

[….] In der Bundeswehr hingegen ging der Scherz um, die einzige korrekte Aussage Trumps über die Nato sei gewesen: „Angela, you gotta pay!“ Aber Angela Merkel dachte gar nicht daran. Wer sich nach ihrer Position zur militärischen Landesverteidigung erkundigt, hört fast immer das Gleiche: Für sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen habe sie sich nicht interessiert, das Thema habe auf ihrer Agenda ganz hinten gestanden. „Die Verteidigungsminister und -ministerinnen in der Ära Merkel standen auf verlorenem Posten“, sagt der Militärhistoriker Neitzel.  [….]

(SZ, 29.04.2022)

Inzwischen liegt aber eine „Zeitenwende“ hinter uns, wie Bundeskanzler Scholz völlig richtig erklärte.

Nun haben wir einen heißen Krieg in Europa, für den aus Deutschland dringend Waffen und Munition erbeten werden.

Das führt zu bizarren parteipolitischen Verwerfungen.

Auf große Ablehnung, stößt die Bewaffnung einer Kriegspartei, nur bei der klassischen Querfront aus Nazis und Linken.

Die eifrigsten Waffen-Fans und Kriegsbeteiligungsfreunde gibt es ausgerechnet bei FDP und Grünen.

[….] Klare Fürsprecher finden sich allein in den Reihen von FDP (70:25 Prozent) und Grünen (67:25 Prozent). Von den Unions-Anhängern äußert sich zwar gut die Hälfte zustimmend (53 Prozent), aber 42 Prozent melden dagegen Widerspruch an. Tief gespalten präsentieren sich die Anhänger der SPD (45:46 Prozent). Deutlich ablehnend äußern sich die Wähler der AfD (12:84 Prozent).    [….]

(ARD Deutschlandtrend, 28.04.2022)

Ich bin stolz Mitglied der SPD zu sein, die sich in dieser Frage quält, nicht leichtfertig schwere Waffen ausliefern will, andererseits aber von Vernunft geleitet, so etwas auch nicht in Bausch und Bogen ablehnt.

Ich gehöre zum Habermas-Lager und bin sehr froh, in Olaf Scholz einen Verantwortlichen zu haben, der sich nicht unüberlegt in militärische Abenteuer stürzt.

Ja, auch wenn ich aus der Zeit gefallen bin; ich nehme mir doch einen Augenblick, um mich zu wundern, wie gründlich die Grünen von eben auf jetzt ihren Pazifismus aufgaben und nun zu den enthusiastischsten Fans des Militär gehören.

[….]  Es war gut, dass die Grünen einst über Kriegseinsätze stritten. Und es ist furchterregend, wie sie und ihr Milieu es nicht mehr tun. [….] Hofreiter entstammt den vom Atemhauch der Friedensbewegung am Leben gehaltenen Grünen der Achtzigerjahre. Seine Haltung zu Militäreinsätzen war, diplomatisch gesprochen, eher zurückhaltend. Als es im Herbst 2014 in der Bundesregierung um die Frage ging, ob Deutschland Waffen an die Kurden im Nordirak liefern sollte, war Hofreiter noch schwer der Ansicht, Waffenlieferungen könnten zu einem Konflikt mit der Türkei führen. Der Passauer Neuen Presse sagte er damals: "Die Terrormiliz des 'Islamischen Staats' ist bis an die Zähne mit erbeuteten amerikanischen Waffen bewaffnet. Wir sollten nicht noch mehr Waffen liefern. Die USA sollten die Kurden weiter mit Luftangriffen unterstützen." Man muss mit diesen Rückblenden arbeiten, um den Grad der militärischen Zurüstung zu begreifen, mit dem Hofreiter in diesen Tagen vor die Presse tritt. Die sogenannten "schweren Waffen", offenbar ein neues Lieblingsobjekt der einst pazifistischen Linken, müssten am besten gleich in die Ukraine geliefert werden. [….]. Hofreiter hat auch schon den Blick ins pulverumdämpfte Morgen gelenkt, dann sollen nämlich die "ukrainischen Kräfte" an modernem Kriegsgerät ausgebildet werden. Wann genau? "Wenn das russische und sowjetische Material kaputtgeschossen ist", sagt Hofreiter. [….]

(Hilmar Klute, 21.04.2022)

Die schlichte Tatsache, daß man einen konventionellen Krieg gegen eine atomare Supermacht, mit einem zu allem entschlossenen Diktator, der von der breiten Mehrheit seines Volkes unterstützt wird, gar nicht gewinnen kann, verdrängen Baerbock und Hofreiter. Ich verweise in diesem Punkt erneut auf den vielleicht klügsten lebenden Denker Deutschlands: Jürgen Habermas.

Mir fehlt die Phantasie dazu, mir vorzustellen, wie Wladimir Putin, ganz besänftigt von deutschen Panzerhaubitzen, global gedemütigt, seine Niederlage akzeptiert, gelobt nun wieder rechtsstaatliche, demokratisch und liberal zu agieren, ohne auf die Idee zu kommen, in seinen prall gefüllten Giftschrank mit den Horrorwaffen zu greifen.

[….] Im Interesse der Ukraine liegt es, wenn der Westen durch möglichst umfangreiche Waffenlieferungen einem Kriegseintritt näher rückt. Dies nämlich würde die militärische Schlagkraft der Ukraine so weit erhöhen, dass aus vielen kleineren Siegen auf den Schlachtfeldern ein größerer Sieg, also mindestens ein Rückzug der Invasionsarmee, werden könnte. Je näher das allerdings kommt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass in einer anderen Form des Reiz-Reaktions-Modells Putins Regime sich direkt auch gegen den Westen mit verschiedenen Schritten der Eskalation richtet. Auf dieses Dilemma hat Habermas ausführlich hingewiesen – und deswegen hält er die, wie er sie nennt, „reflektierte“ Politik des Bundeskanzlers für richtig. [….] Man kann sicher darüber debattieren, wie die verschiedenen Stufen einer Kriegsbeteiligung aussehen, ob sie bereits jetzt vorliegt oder erst, wenn eine russische Rakete in einem Depot mit amerikanischen Geschützen an der polnisch-ukrainischen Grenze einschlägt. Eines allerdings ist sicher: Nach dem vorletzten Schritt gibt es nur noch einen letzten Schritt. Der besteht entweder im Einlenken Russlands und einem vollständigen Rückzug (solange Putin an der Macht ist, ist das nicht so wahrscheinlich). Oder im dritten Weltkrieg. [….]

(Kurt Kister, 29.04.2022)

Ein sehr ärgerlicher Aspekt der Debatte ist die CDUCSU, die seit Franz Josef Strauß enge Kontakte  zu Moskau pflegt und nun der SPD Russland-Nähe vorwirft, um davon abzulenken, wie Söder, Seehofer, Stoiber, Kretschmer, Laschet und Co katzbuckelnd im Kreml vor Wladimir Putin krochen. Anders als SPD-Politikern wie Fraktionschef Mützenich, ging es ihnen dabei allerdings nicht um Friedenssicherung, sondern ihnen gefielen Putins rechtskonservative Ansichten und sein Geld.

[…] Verschleierte Zahlungen, Gefälligkeiten

Auch die Union hat ein Russlandproblem  […] Die Union pflegte die Freundschaft mit Moskau über einen dubiosen Verein. Besonders engagiert: CSU-Grande Edmund Stoiber und Ex-Umweltminister Klaus Töpfer. […]

(DER SPIEGEL, 17.06.2022)

Graphik Süddeutsche Zeitung
 
Wesentlich dreister ist aber das Herumhacken auf der Verteidigungsministerin Lambrecht, als ob sie den total desolaten Zustand der Bundeswehr zu verantworten hätte. Die Union agiert bar jeden Schamgefühls.

Merkel kümmerte sich in 16 Jahren nicht eine Sekunde um die Bundeswehr, obwohl die grotesken Materialmängel seit vielen Jahren jeden Tag in der Presse stehen. Vizekanzler Westerwelle hielt das auch offiziell für unnötig, argumentierte 2010 mit dem Hinweis „Deutschland ist nur noch von Freunden umgeben“ für die Reduzierung der Wehrpflicht auf sechs Monate. Seine Parteifreundin Strack-Zimmermann, heute eifrigste Bellizistin und Chefin des Verteidigungsausschusses, nannte das „den Todesstoß für die Bundeswehr.“

Lügenbaron zu Guttenberg machte der Leiche den Garaus, indem er die Wehrpflicht – einen Kernpunkt des CDUCSU-Wahlprogrammes – ganz abschaffte.

Seine ihm zu Füßen liegende Partei überzeugte er mit der frechen Lüge, das eingesparte Geld käme der Ausrüstung zu Gute.

[….]  Kleiner, schwächer – und vor allem günstiger. Die symbolisch aufgeladene Debatte um die Aussetzung der Wehrpflicht verdeckte, was der eigentliche Zweck der Reform war: möglichst viel Geld einzusparen. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst André Wüstner, sagt: „Die Reform wurde dilettantisch angegangen. Das Motiv war nicht, die Bundeswehr besser zu machen, sondern zu sparen.“   Mindestens acht Milliarden Euro, manche sprechen sogar von zehn Milliarden Euro, hat Guttenberg damit eingespart. Führende Militärs knüpften an die Aussetzung der Wehrpflicht Erwartungen, die dann herb enttäuscht wurden. „Unsere Idee war: Das eingesparte Material kann man für die verbliebene Truppe verwenden. Aber Material und Geld waren weg“, sagt der ehemalige General Hans-Lothar Domröse, bis zu seiner Pensionierung einer der höchsten Nato-Generäle. Für viele Kritiker begann mit Guttenberg die Abwärtsspirale für die Bundeswehr. Der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) sprach später sogar von der „Zerstörung der Bundeswehr“. [….]

(SZ, 29.04.2022)

Die Metaphorik der sterbenden Bundeswehr scheint etwas überstrapaziert, wenn sie schon 2010 von Schäuble und Westerwelle „den Todesstoß“ bekam, ein Jahr später von Guttenberg „zerstört“ wurde und schließlich in drei grundsätzlichen weiteren katastrophalen politischen Fehlentscheidungen Thomas de Maizières „kaputt gemacht wurde.“

Merkels Lieblings- und Lügenminister war es, der das Chaos beim Beschaffungswesen, die Desorientierung des Ministeriums und die chronische Mängelverwaltung einführte.

[….] De Maizière aber wollte das Haus wie ein gewöhnliches Ministerium führen, die Strukturen verschlanken. Er löste zum einen den militärischen Führungsstab, der für den Generalinspekteur als Steuerungsinstrument zur Führung der Streitkräfte und als Expertengremium wichtig war, in seiner bisherigen Form auf. Und er schaffte zum anderen den Planungsstab ab – und stürzte das Ministerium laut Kritikern ins Chaos. [….]

(SZ, 29.04.2022)

In der Folge wußten zivile und militärische Beamter nicht mehr was die anderen tun und eine stringente Führungspolitik wurde unmöglich.

Im nächsten Streich talibanisierte er die Materialbeschaffung, so daß es heute viele Jahre und Myriaden Aktennotizen braucht, um Unterhosen oder Stiefel zu kaufen, weil nur noch zentralisiert über Karlsruhe eingekauft werden kann.

[….] Vorher waren die Teilstreitkräfte für die Materialerhaltung selbst zuständig. Seither muss sich das Beschaffungsamt in Koblenz, ein bürokratisches Ungetüm mit mehr als 6000 Mitarbeitern, um alles kümmern, vom komplexen Waffensystem bis zur Winterjacke. Das gesamte Beschaffungswesen ist dadurch noch schwerfälliger und intransparenter geworden. Und immer wieder hört man Kritiker von einer „Verantwortungsdiffusion“ sprechen, die mit den Reformen entstanden sei. [….]

(SZ, 29.04.2022)

 

Für eine funktionierende Bundeswehr sind 100% Ausrüstung das absolute Minimum, weil dann keinerlei Ersatz oder Reserve vorhanden sind. Der debakulierende de Maizière, immerhin Sohn des ehemaligen Bundeswehr-Generalinspekteurs, kam nun auf die völlig aberwitzige Idee, die Ausstattung grundsätzlich auf 70% zurückzufahren. Die grotesken Folgen sind inzwischen Gegenstand unzähliger Reportagen. Bevor ein Bundeswehr-LKW oder Panzer fährt, bevor ein Schiff in See sticht oder ein Hubschrauber in die Luft fliegt, muss nun erst einmal ein anderes Fahrzeug ausgeschlachtet, und damit lahmgelegt werden, weil es nie genügend Teile für alle gibt.

[….] 70 Prozent Ausstattung galt als genug. Bedingt abwehrbereit zu sein, das galt nun nicht als Beschreibung des Mangels, sondern als offizielle Zielvorgabe. „Das war ein Bruch mit dem bisherigen Organisationsprinzip, die Abkehr von der Vollausstattung“, sagt der Ex-Wehrbeauftragte Bartels. Deutsche Einheiten, die ins Manöver oder zu den Nato-Truppen ins Baltikum geschickt wurden, mussten sich Ausrüstung und Ersatzteile von überall zusammenleihen, oft wurden dafür andere Bundeswehr-Fahrzeuge ausgeschlachtet, die dann ihrerseits nicht mehr einsatzbereit waren. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel nennt diese Entscheidung schlicht „Wahnsinn“.  Keine Einheit ist mehr aus eigener Kraft einsatzfähig. „Ein Panzerkommandant ohne Panzer ist wie ein Ponyhof ohne Ponys“, sagt Domröse. [….]

(SZ, 29.04.2022)

Üblicherweise hält man Jens Spahn oder Andreas Scheuer für die schlechtesten Bundesminister aller Zeiten. Aber Thomas de Maizière wird auch immer ein Top-Anwärter für die Eselskrone sein.

Die Bundeswehr konnte sich fortan nur noch mit der „Operation Läusekamm“ auf einen Einsatz vorbereiten. Da alle Geräte halb auseiandern gebaut waren und keine Ersatzteile zu kriegen sind, musste man erst bei anderen Einheiten auf Raubzug gehen.

[….] „Es gibt keine Brigade, die morgen verlegungsfähig wäre“, sagt Militärhistoriker Neitzel. Das gilt selbst für die angeblich hoch mobilen Einheiten, die für die Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) der Nato abgestellt werden; diese Einheiten sollen eingesetzt werden, wenn etwa kleinere Nato-Staaten wie Polen oder die baltischen Länder plötzlich attackiert werden sollten. Für die zwischen 2018 und 2020 eingesetzte VJTF-Einheit der Bundeswehr musste das gesamte Heer nach Ausrüstungsgegenständen abgeklappert werden, was bei der Bundeswehr unter dem Begriff „Operation Läusekamm“ lief.[….] In einem Papier des Bundeswehrverbandes heißt es: Selbst die  aktuelle VJTF-Truppe sei nur „im Sinne einer Operation ,Läusekamm 2.0‘ erneut mit Gerät aus allen anderen Verbänden einsatzbereit“. Der Mangel sei enorm, sagt Wüstner, der Chef des Verbandes. Deutschland schaffe es noch nicht einmal, eine einzige Brigade aus sich heraus, also mit vollständigem Material ausgerüstet, einsatzfähig vorzuhalten. [….]

(SZ, 29.04.2022)

Wenn wir heute von „schweren Waffen“ sprechen, die der Ukraine geliefert werden sollen, meinen wir damit Artillerie mit ihren furchterregenden Panzerhaubitzen. 1990 bestand die Artillerie-Truppe aus 42.000 Soldaten in 81 voll ausgestatteten Artilleriebataillonen. Nach 16 Jahren CDU/CSU-Führung – Jung, de Maiziére, Guttenberg, von der Leyen, Kramp-Karrenbauer – gibt es nun noch 3.500 demotivierte Artilleristen in vier Bataillonen mit 121 Panzerhaubitzen. Fast die Hälfte davon ist aber so alt oder so ausgeschlachtet, daß sie nicht einsatzfähig ist.

Bei den anderen Waffengattungen sieht es eher noch schlechter aus.

Samstag, 18. Juni 2022

Xenophobie

Nein, ich bin wirklich kein Fan von Andrij Melnyk. Und sein Präsident Wolodymyr Selenskyj wird mir ebenfalls zusehends unsympathisch.

Zum Glück bin ich kein Bundeskanzler und muss nicht diplomatisch sein. Ich würde gern Selenskyj, wie auch Melnyk, nach der Unverschämtheit mit der Steinmeier-Ausladung langsam mal sagen "jetzt reicht es aber mal mit dem unverschämten Ton, nachdem ihr Milliarden Steuergelder bekommen habt von uns. So gibt es schon mal gar keine Waffen mehr!"

Was bilden die sich eigentlich ein, dass sie glauben, Anweisungen erteilen zu können?   Ich möchte auch nicht gerne solche Typen in den EU- und NATO-Gremien sitzen haben. Da reichen mir Orbán und Erdoğan völlig

Der Ukrainische Botschafter in Deutschland beklagt sich nun auch noch bitter darüber, daß Ukrainer hier nicht willkommen wären.

[….] Viele ukrainische Flüchtlinge kehren nach Überzeugung des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk Deutschland wieder den Rücken, weil sie sich hier nicht willkommen fühlen. "Die meisten Ukrainer kehren zurück, schon längst", sagte Melnyk in "Bild"-TV. "Es sind mehr Menschen, die abreisen aus diesem Land, als zu Ihnen kommen." Man sollte sich in Deutschland Gedanken darüber machen, wieso viele Ukrainer "keine Lust haben, hier zu bleiben". Aus Sicht der Ukrainer trage Deutschland Verantwortung für viele Tote, weil es bislang keine schweren Waffen geliefert habe, so Melnyk.  [….]

(NTV, 13.06.2022)

Das ist in vielerlei Weise unverschämt. Besonders aus dem Munde eines Mannes, der immer wieder den rechtsradikalen Nationalisten Bandera, sowieso das Nazi-Regiment Asow lobt. Die Myriaden Toten sind auch ein Resultat des Handelns der Kiewer Regierung. Und die Hauptverantwortung trägt Putin. Vor allem aber ist Melnyks Vorwurf nicht wahr.

[….] Der Philosoph Peter Sloterdijk hat dem widersprochen, demzufolge sich viele Ukrainer in Deutschland nicht willkommen fühlen. „Das ist, glaube ich, ganz unrichtig“, sagte Sloterdijk der dpa. „Wir selber haben auch mehrfach Flüchtlinge aufgenommen, und wir kennen Leute, die es ebenfalls getan haben. Wir wissen aus erster Hand, dass Gefühle des Nichtwillkommenseins eher die Ausnahme als die Regel sind. Im Gegenteil, es existiert nach wie vor eine ganz große Welle der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft.“ […]

(dpa, 16.06.2022)

Melnyk ist undankbar, verlogen und unverschämt.

[….] Nie waren die Deutschen so hilfsbereit wie in den vergangenen Wochen. Genauer gesagt: seit Beginn des russischen Angriffs- und Eroberungskrieges gegen die Ukraine. Zehntausende packten mit an – und tun es immer noch. Sie vermitteln Unterkünfte, sammeln Medikamente, Kleidung und Lebensmittel, bringen Hilfstransporte mit Verbandsmaterial, Decken und Schlafsäcken auf den Weg. [….]  Nicht willkommen - das schmerzt. Bis Ende April hatten Deutsche mindestens 752 Millionen Euro für die Ukraine gesammelt. Die weiterhin laufende Spendensammlung bricht längst alle Rekorde. Schon jetzt weist sie das höchste Volumen für eine einzelne Katastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik auf. Es ist höher als nach dem Tsunami in Südostasien 2004, höher als nach der Flutkatastrophe in Deutschland im vergangenen Jahr.  Nicht willkommen – wie muss dieser Vorwurf auf freiwillige Helfer wirken, die den Begriff der „Willkommenskultur“ als Ansporn empfinden? Wie muss er auf jene wirken, die in Stadt, Land und Bund die Schutzsuchenden sehr pragmatisch unterstützen? Ukrainischen Flüchtlingen wird das Leben in Deutschland in vielerlei Hinsicht leichter gemacht als Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea. [….] [Melnyk muss] aufpassen, nicht allzu oft jene zu verprellen, die er um Hilfe bittet und deren Hilfe sein Land braucht. [….]

(Malte Lehming, Tagesspiegel, 16.06.2022)

Selbstverständlich ist es ein verschwindend geringes Problem, ob Deutsche sich angesichts der Wortwahl eines einzelnen Botschafters beleidigt fühlen. Das würde ich Melnyk angesichts der Schreckens des Krieges durchgehen lassen.

Das erheblich größere Problem besteht aber darin, daß er damit der Ukraine und den geflüchteten Ukrainern schadet. Sie müssen es ausbaden, wenn die Europäer zunehmend genervt und kriegsmüde sind.

Bisher ist das glücklicherweise noch nicht der Fall. In einer größeren Reportage über die zehntausenden Ukrainer in Hamburg, schildert das „Abendblatt“ wie hanebüchen Melnyks Anwürfe sind.

[…] Karapet Sahakyan ist mit Ehefrau Lilit Hakobyan und den Kindern Avet und Knarik im ehemaligen Sofitel untergebracht. Sie sind sehr dankbar für die Gastfreundschaft. […] „Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen auf dieser Welt so freundlich sind, wie die Deutschen!“ – Lolita Zhuravleva. „Die Menschlichkeit steht in Deutschland an erster Stelle. Ich möchte hier bleiben – für die Zukunft meiner Kinder.“ Lilit Hakabyan.  […]

(Abendblatt, 17.06.2022)

Im Gegensatz zu den erlogenen Anwürfen Melnyks, stellt sich eine ganz andere Frage: Wann sehen wir endlich ein – auch im Angesicht des katastrophalen Arbeitskräftemangels in Deutschland – daß wir auch alle andere Flüchtlinge so unkompliziert und großzügig aufnehmen, wie die Ukrainer?

Das migrantische Zweiklassenrecht ist zutiefst amoralisch.

Und wer xenophob denkt, kein Mitleid empfinden kann, keine Verpflichtung zu helfen spürt, sollte wenigstens das Argument bedenken, daß wir dringend Zuwanderung brauchen.

[….] Menschen, die aus der Ukraine nach Hamburg fliehen, genießen zahlreiche Privilegien gegenüber anderen Flüchtlingen. [….]  Plötzlich ist alles möglich. Die Hilfsbereitschaft, die den Geflüchteten aus der Ukraine seit Beginn des russischen Einmarsches entgegenschlägt, ist überwältigend. Eine Extra-Anlaufstelle am Hauptbahnhof, Familien räumen längst verwaiste Kinderzimmer leer, um hier gestrandete Ukrainer:innen aufzunehmen, Busse werden an die polnisch-ukrainische Grenze geschickt, um Menschen aus dem Staat mit der blaugelben Nationalflagge einzusammeln.  Angekommen in Hamburg finden die vor dem Putin-Krieg Geflüchteten Bedingungen vor, von denen andere Flüchtlinge nur träumen können – auch die, die aus anderen Kriegsgebieten oder auch dem von den Taliban regierten Afghanistan geflohen sind. Die Ukrainer:innen müssen keinen Asylantrag stellen, sondern sich nur registrieren lassen und werden dafür in den Behördenfluren auch schon mal an den wartenden Flüchtlingen aus anderen Ländern vorbeigelotst. Sie unterliegen nicht wie andere Geflüchtete erst einmal einem Arbeitsverbot, sondern erhalten viel eher und schneller Jobs, Wohnungen, Sozialleistungen und Sprachkurse als alle anderen Schutzsuchenden. „Wir sehen jetzt, was bei den ukrainischen Flüchtlingen möglich ist: Direkter Zugang zum Arbeitsmarkt, keine Verpflichtung in großen, abgelegenen Erstaufnahmeeinrichtungen zu wohnen, und der Wechsel aus dem Asylbewerberleistungsgesetz in die reguläre Sozialhilfe“, heißt es in einer Stellungnahme von „Pro Asyl“. [….]  Andere Geflüchtete müssen im Durchschnitt länger als vier Jahre in oft prekären Unterkünften leben. Für sie werden die Chancen auf Wohnraum jetzt noch schlechter. [….]

(Marco Carini, Mono, 18.06.2022)

Freitag, 17. Juni 2022

Die Tragik eines rechten Amoralisten

 

Da ich gerade an einem ganz neuen Computer sitze und noch lange nicht alle alten Funktionen und Daten übertragen habe, kann ich leider nicht auf meinen Ordner mit den Mike Pence-Memes zugreifen. Dieser ultrakonservative Schwulenhasser mit den verstörend mittelalterlichen Ansichten, der sich aus moralischen Gründen weigert, allein mit einer Frau in einem Raum zu sein und seine eigene Ehefrau Karen immer mit „Mother“ anspricht, ist so eine Inkarnation einer Witzfigur, daß er ganz allein die weltweite Meme- und Satire-Branche beschäftigen könnte.

Fast tragisch, daß ausgerechnet ihm eine noch viel groteskere Person, in Gestalt des orange geschminkten Psychopathen Donald Trump, vor die Nase gesetzt wurde und die globale Aufmerksamkeit allein absorbierte.

Kaum ein prominenter GOPer des Prä-Trump-Zeitalters inszenierte sich so erzchristlich-homophob-misogyn-prüde-bigott wie Pence. In der Liga spielten nur noch Rick Santorum, Pat Buchanan und Mike Huckabee mit.

Pence war aber der einzige, der es ganz nach oben in das zweitmächtigste Amt der USA brachte, indem er sich bedingungslos seinem Idol Trump verschrieb.

Daß Pence sich durch seine hündisch-servile Unterordnung zum Gespött der Liberalen machte, wird er verschmerzen können, da die Trump-Präsidentschaft die Agenda des ultrachristlichen Mike Pence durchaus gut erfüllte: Kaum eine Woche verging, ohne misogyne Ausfälle des Chefs, Frauen und LGBTIQs wurden im Wochentakt schlechter gestellt und alle wichtigen Positionen in der Regierung wurden von alten weißen heterosexuellen Männern besetzt.

Fast tragisch, daß Pence diesen erzkonservativ-evangelikalen Durchmarsch der Prüderie ausgerechnet im Windschatten eines früheren Tittenjurors erreichte, der sich hauptsächlich mit Pädophilen und Vergewaltigern umgab, notorisch untreu war und eifrig Pornodarstellerinnen gebumst hatte.

Mit seiner Fähigkeit, dem orangen Boss stets devot den Hintern zu küssen, jede Selbstachtung fahren zu lassen und Trump immer nur wie ein verliebter Teenager debil anzuschmachten, entwickelte Pence eine einzigartige Superpower.

Trumps groteske Dummheit und seine psychisch schwer gestörte Persönlichkeit, machten es seinen Mitarbeitern unmöglich, es lange bei ihm auszuhalten. Wer auch nur über Rudimente von Anstand verfügte oder dabei versagte, zu jeder Zeit IQ45 eimerweise Honig um den Bart zu schmieren, wurde gefeuert. Nach wenigen Monaten der Amtszeit waren fast alle Mitglieder der Trump-Administration, die nicht der Familie angehörten, bereits einmal ausgetauscht. Viele weitere warfen freiwillig hin und hunderte Stellen wurden nie neu besetzt, weil es unter 330 Millionen US-Amerikanern niemanden gab, der sich das antun wollte.

Die amöbenartige Schleimigkeit des Mike Pence, der schon vor Jahren sein Rückgrat operativ entfernen ließ, sollte sich eines Tages auszahlen, indem der innerparteilich (nach wie vor) übermächtige Trump, ihn zu seinem Nachfolger küren würde.

Fast ein wenig tragisch, daß fünf Jahre lang bis zur Selbstopferung loyaler Mike Pence offensichtlich glaubte, dafür auch Loyalität von Trump erwarten zu können.

Dabei weiß außer ihm jeder, wie es der bornierte Sohn eines Orang Utans mit der Loyalität hält: Er bewertet andere Menschen ausschließlich nach ihrer Loyalität ihm gegenüber und ist selbst völlig unfähig loyal zu sein.

Tragisch, nach vier Jahren des Buckelns hetzte Trump seine „Proud Boys“ los, um Pence zu hängen. Über mehrere Stunden verfolgte Trump entzückt mit, wie die Rioter „Hang Mike Pence“ skandierten, blockte alle flehentlichen Bitten, den Mordmob zurück zu pfeifen ab und erklärte seinen Staffern, die hätten schon die richtige Idee, Pence verdiene es gelyncht zu werden.

[….] Donald Trump's extraordinary effort to overturn his 2020 election defeat came into ever-clearer focus Thursday, with testimony describing his pressuring Vice President Mike Pence in vulgar private taunts and public entreaties to stop the certification of Joe Biden's victory in the run-up to the Jan. 6 Capitol insurrection.  Trump's closest advisers viewed his last-ditch efforts to halt congressional certification of his loss as “nuts,” “crazy” and even likely to incite riots if Pence followed through, witnesses revealed in stark testimony Thursday. The panel revealed how Trump put his vice president in danger as Pence was presiding over a joint session of Congress on Jan. 6, 2021, when the defeated president sent his supporters to the Capitol to “fight like hell” over his false claims of a fraudulent election.  Rioters came within 40 feet of the place at the Capitol where Pence and others had been evacuated. Never-before-shown photos showed Pence and his team sheltering.

“He deserves to be burned with the rest of them,” one rioter is heard saying on video as the mob prepares to storm the iconic building. “Pence betrayed us,” says another rioter, wearing a Make America Great Again hat in a selfie video inside the Capitol.   Pence’s counsel Greg Jacob testified that he could “hear the din” of the rioters nearby. Asked if Trump ever checked on Pence during the siege, Jacob said, “He did not.” [….]

(AP, 16.06.2022)

Tragisch; der erzkonservative Mann, der sich fünf Jahre wie ein stummer Schuhabtreter von Trump behandeln ließ, bekam am Ende das was er verdiente: Er wurde vom Schuhabtreter herabgestuft zu dem Lynch-Opfer, welches der korrupte Psychopath im Oval Office sterben sehen wollte.