Der schreibende Nazi-Mob wettert in Blogs und sozialen
Medien gegen alle, die nicht genauso denken wie sie selbst und nicht genauso
aussehen wie sie selbst.
Diese Leute, die David Bergers, NeverforgetNikis, Jürgen
Elsässers, Hildmans, Kubischecks, Stürzenbergers, van Laacks, Lengsfelds
verfügen über einen unendlichen Vorrat von Hass und Häme.
Die Hetze sprudelt jeden Tag wieder neu aus ihnen heraus und
jeder kann ein Opfer dessen werden. Insbesondere auch diejenigen, mit denen sie
eben noch Seite an Seite standen.
Die Hetzte trifft aber nicht jeden gleich intensiv. Sie
haben eine Handvoll „Lieblinge“, die sie über alle Maßen triggern, wenn nämlich
viele verschiedene Trigger in einer Person vereint sind.
Zu dem Personen, deren Namen nur erwähnt werden muss, um
diese rechtsextremen Hetzer pawlowsch zu sabbern und knurren zu bringen gehören
George Soros (reich, liberal, Jude, Trump-Gegner, Philanthrop), Claudia Roth (Grün, Frau, bunte Kleidung,
LGBTI-freundlich, Menschenrechtsaktivistin), Sawan Chebli (SPD, Frau, Muslima,
ärmliche Herkunft, Aufsteigerin), Anetta Kahane (Jüdin, links, Aktivistin,
Einsatz für Migranten) und Greta Thunberg (jung, Frau, unangepasst, Klima).
Es sind also insbesondere Frauen, auf die neben den wirklich
gefährlichen oben genannten Hetzern auch die bekannten publizistischen Figuren
des rechten Randes der Demokratie, also Maaßen, Tichy, Matussek, Broder, Sarrazin,
losgehen wie ein Knallfrosch im Nitroglycerin-Bad.
Das lässt sich zweifellos psychologisch mit einer tief
verunsicherten Männlichkeit erklären; diese alten konservativen Männer fühlen
sich bedroht, wenn eine Frau sich nicht gehorsam in die zweite Reihe einordnet,
womöglich aus eigener Kraft gegen Widerstände Karriere macht und auch noch
selbstbewußt auftritt.
(…..) Sawsan Chebli,
40, geboren in Berlin, ist dafür ein Paradebeispiel.
Sie ist Tochter palästinensischer
Flüchtlinge, die lange Zeit in Deutschland nur geduldet wurden und sich als
Staatenlose vieler Rechte beraubt durchschlugen. Erst mit 15 Jahren bekam
Chebli ihren ersten Pass – und damit die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit zehn
Geschwistern hauste sie in einem Moabiter Zimmer; insgesamt waren sie 12 arme,
ungebildete Kinder. Erst in der Schule hörte sie das erste mal deutsch. Die
Chancen standen katastrophal schlecht.
Aber sie ist schlau.
Was dann folgte ist nicht das typische
Flüchtlingsschicksal:
1999 Abitur am Lessing-Gymnasium.
2004 Abschluss an der FU Berlin
als Diplom-Politologin und Expertin für internationale Beziehungen.
2010 bis 2014 war sie
Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner
Senatsverwaltung für Inneres und Sport
2014 bis 2016 stellvertretende
Sprecherin des Auswärtigen Amts.
2016 ist sie Bevollmächtigte des
Landes Berlin beim Bund.
2016 Staatssekretärin für
Bürgerschaftliches Engagement und Internationales.
Man ahnt schon, Chebli passt
nicht gut in Schubladen. Sie ist überzeugte Muslimin, aber säkular, trägt kein
Kopftuch, macht Karriere als deutsche Beamtin. Sie engagiert sich in der SPD,
tritt für Frauenrechte ein, hält aber ihr Privatleben radikal aus der
Öffentlichkeit fern.
Im Vergleich zu vor
Selbstbewußtsein platzenden Politikern des Schlages Spahn, Söder oder Altmaier
ist sie scheu und unauffällig.
Aber im Gegensatz zu vielen
deutschen Karrierepolitikerinnen ist sie nicht auf den Mund gefallen, vertritt
ihre Meinungen auch dort wo es wehtut und inszeniert ganz gern mal ihren
Erfolg.
Meiner Ansicht nach ist es das
Normalste der Welt, daß eine Frau mit dem Hintergrund zwischen Zurückhaltung
und Vorlautheit mäandert.
Ihre Kollegen sehen das scheinbar
nicht so; sie wird leidenschaftlich gehasst dafür, daß man sie so schlecht
einordnen kann.
[….] Viele ehemalige Kollegen verdrehen bei Erwähnung ihres Namens
mindestens die Augen. Chebli erregt Misstrauen, Abneigung, Wut, Neid. Als sie
vor eineinhalb Jahren als Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement
ins Berliner Rote Rathaus wechselte, gingen bei ihr Morddrohungen ein. Im Netz
wurde sie als "trojanisches Pferd der Muslimbrüder" bezeichnet und als
"Migranten-Aschenputtel" beschimpft. [….]
(DER SPIEGEL,
13.07.2018)
Zu allem Übel ist die zierliche
Staatssekretärin auch noch attraktiv und zieht sich gern sehr schick an.
Weißhaarige Alpha-Männer mit
Testosteronüberschuss verwirrt das. Sowas kennt Seehofer nicht aus Bayern. (…….)
(Gutmenschenmob, 22.10.2018)
Derzeit wird Chebli einem starken Shitstorm ausgesetzt, weil
sie wieder einmal etwas tat, was „sich für eine kleine, junge Frau aus der Unterschicht nicht
gehört“.
Ihr Chef, der notorisch erfolglose und Charisma-freie
Berliner Bürgermeister Müller, der es vermochte nach 20 Jahren unangefochtener
SPD-Herrschaft in Berlin seine Partei auf Platz vier zu drücken, hat keinen
Bock mehr auf den Stress und verkündete 2021 in den Bundestag wechseln zu
wollen.
Da er in seinem Heimat-Wahlkreis Berlin-Tempelhof-Schöneberg
aber keine Chance gegen Kevin Kühnert hat, beschloss er kurzerhand sich in Charlottenburg-Wilmersdorf
aufstellen zu lassen. Per order die mufti.
Das ist aber der Heimat-Kreisverband Cheblis; sie möchte
dort selbst gern für den
Bundestag kandidieren und keineswegs kampflos Müller den
Platz überlassen, nur weil er weiß, älter, ein Mann und ihr Chef ist.
Sie fordert eine Kampfabstimmung der SPD-Basis um den
Kandidatenplatz und wird sie auch bekommen.
Wieder ist Chebli also „die Aufmüpfige“, die nicht devot in
die zweite Reihe tritt und dem Mann den Vortritt lässt.
Das braun-konservative Weltbild einiger Berliner Publizisten
geriet dadurch in so schwere Schwingungen, daß folgender Satz in „Tichys
Einblick“ über die Staatssekretärin geschrieben wurde:
"Was spricht für Sawsan? Befreundete Journalistinnen haben bislang
nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen
Partei der alten Männer."
(TE, 22.09.2020)
Ab hier bekam die Geschichte einen besonderen Twist; denn
ausgerechnet die CSU-Staatssekretärin im Bund Dorothee Bär las dieses Zitat und
entgegnete "Das ist widerlicher Dreck! Wo steht denn so ein Müll?",
offensichtlich nichtahnend, daß a) der „widerliche Dreck“ von Roland Tichy
stammt und b) eben dieser Tichy auch Vorsitzender der Ludwig-Ehrhard-Stiftung
ist, in der auch Bär selbst aktiv ist.
Da sich die konservative CSU-Frau nun aber öffentlich so
weit aus dem Fenster gelehnt hatte, blieb ihr nur übrig konsequent zu sein: Sie
verkündete ihre Mitarbeit in der LES zu beenden.
[…..] Die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär (CSU), hat ihre
Mitgliedschaft in der Ludwig-Erhard-Stiftung aus Protest gegen deren
Vorsitzenden Roland Tichy beendet. "Grund für diese Entscheidung ist eine
Publikation in dem Magazin Tichys Einblick, die frauenverachtende und in
höchstem Ausmaß sexistische Äußerungen gegenüber meiner Kollegin Sawsan Chebli
enthält", sagte Bär dem Handelsblatt. […..] "Derartige Ausfälle sind unerträglich und mit den Zielen der
Stiftung absolut unvereinbar", sagte Bär, Ludwig Erhards Ansinnen wäre
heute sicher nicht die Herabwürdigung von Frauen, sondern das Fördern
weiblicher Karrieren. "Sofern die Stiftung einen Vorsitzenden hat, unter
dessen Federführung solche Texte veröffentlicht werden, kann und will ich sie
nicht weiter unterstützen. Es zeigt eine gesellschaftspolitische Geisteshaltung,
die ich nicht akzeptiere." […..]
(ZEIT, 23.09.20)
Die 1967 gegründete erzkonservative LE-Stiftung
soll gemäß Satzung „der Fortentwicklung und Stärkung der Sozialen
Marktwirtschaft“ dienen und verschreibt sich der Aufgabe „freiheitliche
Grundsätze in Politik und Wirtschaft durch staatsbürgerliche Erziehungs- und
Bildungsarbeit im In- und Ausland sowie durch wissenschaftliche Tätigkeit auf
dem Gebiet der Wirtschaft und Ordnungspolitik“ zu fördern. Ihr gehören 75
Mitglieder an.
Damit richtet sich nun aber der Fokus auf die weiteren
Angehörigen der Stiftung.
Wie halten sie es eigentlich mit ihrem Chef und Vorsitzenden
Roland Tichy, der im Namen der Stiftung gegen Klimaschutz wettert und in seinem
Blatt über den „G-Punkt“ von SPD-Politikerinnen mit Migrationshintergrund
orakeln lässt.
Selbstverständlich gehört auch Multifunktionär Friedrich
Merz, der selbst mit multiplen Shitstorms kämpft zur Ludwig-Erhard-Stiftung.
Es wäre eine Gelegenheit von seinen eigenen schwulenfeindlichen
Sprüchen abzulenken. Aber der Mann ist nicht lernfähig.
Einer der Merzschen Helden, Donald Rumsfeld, dem damals die
CDU-Größen Merkel, Schäuble, Merz und Pflüger begeistert in den Irak-Krieg
folgen wollten, sagte im Jahr 2002 an die Adresse der Kriegsgegner „Wenn du in
einem Loch sitzt, solltest du aufhören zu graben“.
Friedrich Merz nimmt sich den Ratschlag allerdings nicht zu
Herzen und gräbt sich nach seiner schwulenfeindlichen Attacke tiefer in sein
Loch der Uneinsichtigkeit.
Obwohl man ihm bundesweit erklärte, wie diskriminierend,
missachtend, falsch und ungehörig seine gedankliche Verknüpfung von Homosexualität und Pädophilie
ist, gibt sich der renitente Multimillionär absolut beratungsresistent und
unterstreicht tags darauf noch einmal explizit diesen angeblichen Zusammenhang.
[…..] Merz sagte der “Welt” weiter: “Die Toleranzgrenze ist immer
überschritten, wenn Kinder betroffen sind, und da haben wir nun genug
abscheuliche Dinge gesehen in letzter Zeit.” Das werde er auch in Zukunft so
sagen, “selbst wenn es offenbar dem einen oder anderen nicht gefällt”. [….]
(RND, 22.09.2020)
Das ist schon interessant; der Mann, der so gern Kanzler
werden will ist nicht nur ganz offensichtlich intellektuell nicht in der Lage
seinen Irrtum zu bemerken, sondern ihn verlassen auch alle politischen
Instinkte. Selbst wenn er anderer Meinung ist, sollte er doch erkennen sich
total verrannt zu haben, weil ihm niemand, auch nicht aus seinem engsten
Umkreis beispringt. Kein CDUler will ihn noch verteidigen.
[…..] Friedrich Merz hat sich „verplappert“. Okay, das kann passieren. Zumal,
wenn man zu verbaler Inkontinenz neigt, die Worte einem mitunter unkontrolliert
entgleiten. Doch statt sich zu entschuldigen, behauptet er jetzt in der „Welt“,
da sei etwas „bösartig konstruiert“worden. Um dann nochmals sein eigentliches
Motiv zu unterstreichen: „Die Toleranzgrenze ist immer überschritten, wenn
Kinder betroffen sind, und da haben wir nun genug abscheuliche Dinge gesehen in
letzter Zeit.“ Was es fast noch schlimmer macht. Denn wieder konstruiert er
diese merkwürdige Assoziation zwischen Homosexualität und Pädophilie. Und
profiliert sich darüber hinaus als selbstloser Tugendwächter, dem es doch nur um
das Wohl der Kinder geht. Damit begibt sich Merz in schlechteste Gesellschaft:
Donald Trump hatte Hillary Clinton unterstellt, als Mitglied einer
„Pizza-Connection“einem Pädophilenring anzugehören. […..][…..]
(H. Stutte, Mopo.de, 23.09.2020)
Von diesem Merz kann man nicht erwarten, daß er den
Tichy-Affront begreift und sich aus Solidarität mit Chebli ebenfalls aus der
LES zurückzieht.
Gut so; dann erkennt auch der Begriffsstutzige woran er bei
Merz ist.