Montag, 5. Januar 2026

Wie der Westen den Westen zerschlägt.

 

Der globale Süden, die BRICS-Staaten wenden sich immer mehr von ihren einstigen Kolonisatoren, den westlichen Demokratien ab.

Wer, wie ich, während des Eisernen Vorhangs politisch sozialisiert wurde, die Welt aufgeteilt zwischen den reichen, demokratischen West-Nationen, den stalinistischen Warschauer Pakt-Staaten und ein paar armen Habenichtsen/Dritte Welt/Blockfreien, erlebte, glaubte das werde für lange Zeit so bleiben.

Oder es käme zu einem weltvernichtenden Nuklearkrieg der beiden Supermächte.

Man kannte zwar die Namen einzelner Oppositioneller hinter der Mauer (Sacharow, Wałęsa, Biermann), aber die waren chancenlos gegen den übermächtigen Staatsapparat. Es scherte uns wenig. Alles östlich von Berlin war Terra Incognita. Da kannte man niemanden, reiste man nicht hin. Darüber wußte man nichts, sah lediglich die grotesk gedrillten Sportmaschinen auf internationalen Events; stets abgeschirmt von Geheimdienstlern.

1985, also Gorbatschow, kam völlig überraschend.

1989, also der Mauerfall, kam überraschend.

Niemand war darauf vorbereitet, aber dann, huch, war auf einmal „das Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) gekommen. Der Staatskommunismus fiel in sich zusammen, die Menschen, die eben noch unter stalinistischer Knechtschaft standen, wollten nun frei sein und die Segnungen des Kapitalismus genießen. Verständlich. Bei uns im Westen war es doch auch so viel schöner. „Alles so schön bunt hier!“ (Nina Hagen). Natürlich strebten die Ex-WP-Straaten alle zu uns, in den Wirtschaftsraum, die EU, die NATO. Wir waren die Gewinner.

Es war der eine nachvollziehbare Weg: Aus der Unterdrückung und Not, hin zu Freiheit und Überfluss. Alle Diktatur-Untertanten strebten danach, ihre autokratische Herrschaftsschicht abzusetzen und demokratisch zu werden. Tolle Sache. Unseren teuren Armeen brauchten wir nicht mehr und nun kamen auf einen Schlag hunderte Millionen, bzw Milliarden (inklusive China) neue Konsumenten für unsere Konzerne dazu. Goldene Zeiten für immer.

Fast Forward to 2026:

China und Russland lachen über uns Westler, die Blockfreien, der globale Süden, zeigen uns den Stinkefinger, wollen lieber ohne Bevormundung, mit der BRICS-Bank arbeiten. Nicht nur die ehemaligen diktatorischen Warschauer-Pakt-Staaten lassen das Experiment Demokratie fallen, nein, auch die einstigen demokratischen West-Kernländer, pfeifen immer mehr auf Rechtsstaatlichkeit, regelbasierte internationale Ordnung und Demokratie. An vorderster Front ausgerechnet das Mutterland der Demokratie, die Supermacht USA, in der sich 77 Millionen Wähler für einen erwiesenermaßen kriminellen Verfassungsverächter, als starken Führer entschieden.

Die Slowakei, Ungarn, Polen und die Türkei kippen, Russland und Belarus sind Diktaturen. Deutschland, England, Frankreich, Italien sind gefährdet. Die Ex-DDR ebenfalls schon verloren.

Besser wird es nicht.

[…..] Es ist der 7. Mai 2027. Großbritanniens neuer Premierminister Nigel Farage, dessen Partei Reform UK soeben bei vorgezogenen Parlamentswahlen die regierende Labour-Partei geschlagen hat, hält in London vor der schwarzen Tür seines Amtssitzes seine Siegesrede, während in Hörweite linke Gegendemonstranten johlen.

„Ich habe soeben die Einladung Seiner Majestät angenommen, eine Regierung zu bilden“, hebt er an und grinst verzückt. „Hier, vor Downing Street Nummer 10, weiß ich nur allzu gut, wie groß meine Verantwortung ist – und wie groß das Vertrauen des britischen Volks in mich. Ich weiß genau, wofür das Land gewählt hat. Es ist ein Mandat für Reform, und ich sage dem britischen Volk: Wir traten an für Reform, und als Regierung liefern wir Reform! Dies ist kein Mandat für Dogma oder Ideologie oder für die Rückkehr zum Scheitern der Vergangenheit. Es ist ein Mandat, die Dinge zu tun, die dieses Land dringend braucht, ein Mandat für Großbritanniens Zukunft.“

Nur kurz vorher, am Abend des 2. Mai, hat in Paris der frisch gewählte Präsident Jordan Bardella seinen Sieg gefeiert, nach einem erbitterten Wahlkampf seines rechten Rassemblement National (RN) gegen die Linke in der Stichwahl. Antifaschistische Großdemonstrationen ziehen durch Teile von Paris; schussbereite Sonderpolizisten umgeben den jungen Wahlsieger am abgeriegelten Triumphbogen.

„Danke, dass ihr heute Abend hier seid!“, ruft er seinen Getreuen zu. „Heute Abend habt ihr gesiegt! Frankreich hat gesiegt! Was wir geschafft haben, ist beispiellos und einmalig. Heute Abend gibt es nur noch Französinnen und Franzosen, das geeinte französische Volk! Die Welt schaut auf uns! Euer Mut wird mich tragen. Ich werde euch beschützen. Ich werde für euch kämpfen. Gegen die Lüge, gegen die Beharrungskräfte, für ein besseres Leben für jeden von euch!“

Ein Wind des Wandels fegt durch Europa in diesem Sommer 2027. Italien, Österreich, Ungarn, Tschechien und die Niederlande sind ohnehin schon nach rechts gerückt, nun auch Großbritannien und Frankreich. Europa kippt. Farage und Bardella arbeiten seit Jahren zusammen, für den 31-jährigen Franzosen ist der 63-jährige Brite ein Mentor, „ein großer Patriot, ein Pionier“, wie er in London im Dezember 2025 sagte. Gemeinsam wollen sie Europa seine „Selbstachtung“ als Bündnis stolzer Nationalstaaten zurückgeben. Schluss mit der Masseneinwanderung, mit grün und woke, mit Selbstzweifeln. Die EU wollen sie gemeinsam begraben, sie ist die gescheiterte Welt von gestern.

Schon Anfang Juni 2027 können Farage und Bardella bei den Gedenkfeiern zum D-Day, der Landung der Westalliierten des Zweiten Weltkriegs an den Stränden der Normandie 1944, gemeinsam mit Donald Trump und Wladimir Putin die Achse der Freundschaft zwischen Washington, London, Moskau und Paris neu gründen: die Wiedergeburt der Siegerallianz von 1945 im Sinne der „Feier des individuellen Charakters und der Geschichte der europäischen Nationen, frei von Schamgefühl“, wie es Ende 2025 die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA festhielt.  [….]

(Dominic Johnson, 03.01.2025)

Musste das so kommen?

Und wenn nicht, wer ist Schuld an dem Globaldesaster?

Den Brei haben natürlich viele Köche vergiftet. Tech-Konzerne, Nazi-Parteien, Social-Media-Algorithmen, verblödet-apathische GenZ und garstige Diktatoren.

Aber die größte Schuld tragen wir. Wir, die Bürger der einst so glorreichen West-Staaten. Wir wählen nämlich, trotz so viel besserer und fähigerer Alternativen, unsere eigenen Totengräber zu Regierungschefs: Meloni, Johnson, Trump, Kurz,  Merz. Typen, die zusammen mit Orbán, Erdoğan, Nawrocki und Fico, die Axt an die EU legen.

Die mit vollgeschissenen Hosen vor Diktator Trump appeasen und damit dem globalen Süden, den BRICS-Staaten klar signalisieren: Alles, das wir von Euch verlangen, die Werte, die wir anmahnen, sind pure Heuchelei. Wir stellen uns zwar offiziell gegen Putin, finanzieren aber seinen Krieg, indem wir weiter sein Öl und Gas kaufen. Kriegsverbrechen mahnen wir nur an, wenn es uns zufällig in den Kram passt. Werden sie aber von Israel oder der USA begangen, robben wir sofort schleimspurziehend mit geschürzten Lippen herbei, um den Kriegsverbrechern den Arsch zu küssen. Illegale Angriffskriege mit einer Million Toten sind böse, wenn Putin sie anzettelt, aber gar kein Problem, wenn es George W. Bush war. Bibi und Taco sanktionieren wir nicht, weil wir testikelfreie Gummirücken sind, die sich sofort einnässen, wenn Washington aktiv wird.

[….] Trump will aus Europa eine Kolonie machen. Vielleicht haben wir es nicht besser verdient

Der US-Präsident macht kein Geheimnis daraus, dass der alte Kontinent ein Mündel Amerikas werden soll. Warum wehren wir uns nicht entschlossener dagegen? [….] »Seien wir ehrlich, die Europäische Union wurde gegründet, um die Vereinigten Staaten über den Tisch zu ziehen«, sagte Trump im vergangenen Februar während einer Kabinettssitzung. »Das ist ihr Zweck, und sie haben das gar nicht schlecht gemacht. Aber jetzt bin ich Präsident.« [….] Die neue Sicherheitsstrategie der US-Regierung lässt wenig Zweifel daran, dass Trump sich in den Kernländern Europas eine rechte Revolution wünscht, die EU-feindliche Kräfte an die Macht spült. [….] Man muss blind und taub sein, um nicht zu erkennen, welch Verheerungen amerikanische Techkonzerne in unserer politischen Kultur hinterlassen haben. Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien lässt sich sicher nicht monokausal erklären. Aber der Start von Facebook (2004) und Twitter (2006) sowie die Einführung des iPhones (2007) haben die Grundlage für einen politischen Diskurs geschaffen, der sich in immer kürzeren Erregungszirkeln dreht und der von Algorithmen angefeuert wird, die die schärfsten Thesen befeuern. Es ist ein Belohnungssystem, von dem Populisten von links und rechts am meisten profitierten. [….] Man mag die Idee, Plattformen wie X in der EU einfach abzuschalten, für zu radikal halten. [….]

Wir Europäer haben alle Mittel, die amerikanische Wirtschaft und damit Trump das Fürchten zu lehren. Wir sind ein Markt mit 450 Millionen Konsumenten. Im Jahr 2024 verkauften US-Firmen Waren im Wert von 370 Milliarden Dollar im europäischen Binnenmarkt. Es gibt keinen Grund, uns von der US-Regierung Zölle aufzwingen zu lassen, die grotesk unfair sind. [….] Es steht nirgendwo geschrieben, dass wir unsere Innenstädte von Firmen wie Amazon zerstören lassen müssen. Und einfach dabei zusehen sollen, wie die KI-Giganten im Silicon Valley ihre Technik erst mit dem Diebstahl geistigen Eigentums aufbauen, um nun Zug um Zug dem unabhängigen Journalismus  und der Kreativbranche die Geschäftsgrundlage zu entziehen. [….] Europa muss sich nicht mit einer Welt abfinden, in der keine Regeln mehr gelten und in der nur die Macht des Stärkeren zählt. [….]

(René Pfister, 04.01.2026)

Die EU überhört jeden Schuss. Wir sind so erbärmliche Rechtsstaatsamöben, daß wir es verdient haben, internationales Gespött zu sein, das ganz sicher niemanden mehr als Vorbild dient.

[….] Völkerrechtsbruch in Venezuela: Merz muss klar Stellung beziehen[….] Niemand muss Nicolás Maduro eine Träne nachweinen. Der venezolanische Präsident war ein Diktator. Und trotzdem: Seine gewaltsame Festnahme inklusive Bombardierung mit Todesopfern war ein Völkerrechtsbruch, der weltweite Folgen haben könnte. Für Grönland, für Taiwan, für die Ukraine. Denn Russland und China könnten den US-Überfall als Rechtfertigung für eigene Angriffe nutzen.

Donald Trump ignoriert das Völkerrecht und die territoriale Unverletzlichkeit von Staaten. Er schert sich nicht um internationale Regeln. Er verschleiert nicht mal, dass es ihm in Venezuela ums Öl geht. Die Führungsmacht des Westens hat die Büchse der Pandora geöffnet.

Und der Bundeskanzler und Jurist Friedrich Merz fabuliert in dürren Zeilen "die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes" sei "komplex" und spielt auf Zeit. [….]

(Uli Hauck, 04.01.2026)

Wir wußten es natürlich schon vor dem Kriegsverbrechen von Caracas: Merz ist der schlechteste Bundeskanzler aller Zeiten und schadet der EU schwer. Aber Fritze vermag es offenkundig, seine internationale Erbärmlichkeit noch deutlich zu steigern. Man schämt sich in Grund und Boden für diese Lusche.

[….] Die Entscheidung des US-Präsidenten Donald Trump, Venezuela zu bombardieren, war, ist und bleibt illegal. Dieser Angriff ist nicht abgedeckt durch ein Mandat des UN-Sicherheitsrats oder Beschluss des US-Kongresses. Es war die Entscheidung einiger weniger – aber mit hochgefährlichen Folgen für die internationale Ordnung. [….] Der Angriff der US-Regierung auf Caracas ist nicht aus dem intrinsischen Wunsch entstanden, den Menschen in Venezuela die Freiheit zu bringen, sondern hat drei andere Dimensionen: Kontrolle über die größten Ölreserven der Welt; international deutlich zu machen, dass der südamerikanische Kontinent US-Einflusssphäre ist; und drittens, mit Blick auf die Midterm-Wahlen in diesem November, ein innenpolitisches Signal an Teile der lateinamerikanischen Wählerschaft zu senden.  […..]

(Adis Ahmetovic, SPD, 04.01.2026)

Merz signalisiert gerade Xi und Putin: Macht nur! Ich bin nur ein Maulheld. Mir darf jeder beliebig auf der Nase rumtrampeln, der stark genug ist. Ich teile nur kräftig aus, wenn es gegen sehr viel Schwächere geht; Bürgergeldempfänger, Migranten, Geringverdiener. 

[….] Nach dem US-Angriff auf Venezuela postete die Ehefrau eines engen Trump-Beraters eine Grönland-Karte in Farben der US-Flagge - und versah sie mit dem Wort "SOON". In Grönland und Dänemark sorgt das für Irritationen.

Grönland und Dänemark haben irritiert auf den Online-Post der Ehefrau eines wichtigen Beraters von US-Präsident Donald Trump reagiert. Katie Miller, die Frau von Vize-Stabschef Stephen Miller, hatte bei X eine Grönland-Karte in den Farben der US-Flagge geteilt, mit dem Kommentar "SOON" ("bald") - und das kurz nach nach dem US-Angriff auf Venezuela, bei dem der venezolanische Staatschef Nicolas Maduro festgenommen worden war.  […..]

(Tagesschau, 04.01.2026)

Das Völkerrecht interessiert mich nicht. Ich buckele gern vor dem Stärkeren. So wie Trump sich Grönland oder Kuba nimmt, nehmt Euch gern das Baltikum und Taiwan.

[….] Trump will mit Putin die Ukraine wiederaufbauen – Russlands Bomben als Wegbereiter für US-Investoren – und die Rohstoffe der Arktis ausbeuten, wo Grönland als Nächstes auf dem Menü steht. [….] Trump, Putin und Xi wollen die brutale Welt von gestern. Venezolaner, Ukrainer und Taiwanesen wollen die selbstbestimmte Welt von morgen. Gegner imperialer Machtpolitik wissen, auf wessen Seite man da steht.  [….]

(Taz, 04.01.2026)

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