Innerhalb der CDU ist der Groll über ihren Kanzler und Bundesvorsitzenden angeschwollen. Man ist noch habituell obrigkeitshörig, noch zu sehr Kanzlerwahlverein, um wie Sozis oder Grünen offen und leidenschaftlich die eigene Parteiführung in Frage zu stellen. Aber auch wenn die CDUler nur tuscheln und kaum einer mit seiner Kritik namentlich genannt werden will; besteht doch Konsens über die wahlkampfschädliche Wirkung des Chefs. Er verschreckt die Leute, ist charakterlich und intellektuell von seinem Job überfordert. Er bringt kaum einen öffentlichen Auftritt unfallfrei über die Bühne, weil er manisch Grobheiten herausposaunt, ohne die Folgen zu bedenken. Insbesondere lernt er aber nicht dazu.
Insofern, ja, hätte die obrigkeitsaffine CDU gern einen anderen Oberen.
Damit sind aber gleich mehrere Probleme verbunden:
Erstens:
Zunächst einmal ist die verfassungsrechtliche Stellung des Kanzlers ziemlich stabil. Die Partei kann nicht einfach, wie in GB eine neue Person auf den Schild heben. Merz bleibt im Amt, bis ein anderer die nötige Kanzlermehrheit erreicht hat, die bekanntlich schon in viel besseren Zeiten verfehlt wurde.
Es ist mit unserem Grundgesetz und bei den knappen Mehrheitsverhältnissen nur sehr schwer möglich einen Kanzler „auszutauschen“, erst Recht, wenn dieser sich für unersetzlich hält und nicht gehen will.
Zweitens:
Die Lage ist so traurig, daß sich gar kein CDU-Nachfolger anbietet, um die trübe Suppe der trüben Tassen der trüben Koalition in diesen trüben Zeiten auszulöffeln. Günther wird von der Hälfte der Bundestagsfraktion verachtet, bekäme niemals die Stimmen der CSU oder der jungen Rechtsaußen (Ploß, Kuban, Plum, de Vries, Bosbach, Krieger, Ludwig, Linnemann, Amthor). Der kontrollierte und risikoscheue Wüst würde nicht sein behagliches Düsseldorf verlassen, um in der Berliner Schlangengrube zu spielen.
Drittens:
Auch wenn Merz und Hoppermann es nicht begreifen, die „CDU-Reformpolitik“ für völlig richtig halten, die nur besser kommuniziert und „emotionaler“ vermittelt werden müsse, schwant womöglich einigen, daß es die hochungerechte Sparpolitik selbst, die massive Umverteilung von Unten nach Oben, das Anbiedern bei Donald Trump, die Unterstützung Netanjahus, der dreiste Lobbyismus für die Fossilkonzerne, das Rückdrehen der Klimapolitik, die kategorische Verweigerung der Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens, die Verteuerung des Deutschlandtickets, die Benzinpreise, das sture Festhalten an der Zweiklassenmedizin, die Blockade von Reichen- und Vermögenssteuer, die Parteinahme zugunsten der VERmieter, die Kürzungen im Gesundheitssystem selbst sind, die den „emotionalen Menschen“ missfallen. Was nützt schon ein anderer CDU-Kanzler, der die gleiche Politik weiterführt?[….] Auch nach der Wahl in Sachsen-Anhalt will Staatsminister Philipp Amthor offenbar am Reformkurs der schwarz-roten Bundesregierung festhalten. »Jetzt die Reformen infrage zu stellen, wäre die völlig falsche Antwort auf das Wahlergebnis«, sagte der im Kanzleramt für die Bund-Länder-Beziehungen Verantwortliche im Deutschlandfunk. [….] Thorsten Frei sieht ungeachtet der dramatischen Verluste seiner Partei bei der Landtagswahl keine Alternative zum Reformkurs der Bundesregierung. »Wir haben einen enormen Reformbedarf in Deutschland und deshalb wäre es eine falsche Schlussfolgerung zu glauben, man könnte um diese Reformen herumkommen«, sagte der Chef der Unionsfraktion im Bundestag. [….]
(Sven Scharf, 10.11 Uhr) [….] Nun kommt Merz auf seine eigene Rolle zu sprechen. Die Unzufriedenheit mit der Bundespolitik gilt als ein Hauptgrund für das starke AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt. Eine zentrale Rolle spielt dabei Merz selbst, der im Wahlkampf selbst von vielen Parteifreunden als Hindernis statt als Booster wahrgenommen wurde.
Merz sagt, er werde an seinem Reformkurs festhalten. Dass man Reformen nicht nur rational begründen, sondern auch emotional vermitteln müsse, sei eine gemeinsame Aufgabe, der er sich stelle. »Wir müssen versuchen, ich selbst auch, die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität zu erreichen.« Merz sieht sich in der Rolle, diese Aufgabe umzusetzen: »Ich bin entschlossen, diese Verantwortung wahrzunehmen.« [….]
(SPIEGEL, Newsblog, Benjamin Schulz, 07.09.2026, 13:52)
Dafür ist der große Empath aus Brilon ja genau der Richtige: Um den Pöbel in seiner ganzen Emotionalität zu erreichen.
Viertens
Die falsche Politik mit falschen Leuten in einer geopolitisch dramatisch schwierigen Zeit umzusetzen, wird auch kein wesentlich fähigerer Kanzlerdarsteller als Merz erfolgreich und zur Zufriedenheit seiner Untertanen umsetzen können. Begriffe wie „der Wählerwille“ oder „der Regierungsauftrag“ werden zwar geradezu inflationär gebraucht, um Positionen mit Totschlagskraft zu legitimieren, aber sie sind auch großer Unsinn. Es gibt weder „den Wähler“, noch den einen Willen. Nicht nur Wähler verschiedener Parteien wollen verschiedene Dinge, sondern sogar die Wähler derselben Partei wollen diametral andere Dinge. Ich habe die SPD gewählt und möchte das Ende des Staatskirchenleistungen, die legale aktive Sterbehilfe und bitte ganz schnell die Dienstleistung der Finanzämter als Inkasso-Unternehmen für die hyperreichen Kirchen abstellen. Das wollen viele Sozialdemokraten im Bundestag aber gerade nicht.
Es gibt auch nicht „den Regierungsauftrag“, von dem Siegmund, Chrupalla, Schulze, Söder und viele andere mehr, heute faseln. Jeder Wähler beauftragt eine andere Partei mit anderen Absichten. Sofern keine absolute Mehrheit vorliegt, sind die Abgeordneten beauftragt, eine Koalition zu bilden. Keine Stimme ist weniger wert als die andere. Sollten Linke, CDU, Grüne, SPD und BSW eine Ministerpräsidentenmehrheit zusammen bekommen, spräche daraus genauso „der Wählerauftrag“, wie aus jeder anderen Mehrheit.
Auch im Berliner Bundestag muss also, anders als die CDU glaubt, keineswegs ein alternder CDUler, die falsche Merz-Politik weiterführen.
Es wäre viel effektiver und besser für Deutschland, man bildete ohne Neuwahlen, eine neue Regierung aus CDU ohne die 44 CSU-Abgeordneten, SPD und Grünen unter einem liberaleren CDU-Mann, der die unsinnige Fixierung auf illegale Dobrindtsche migrantenfeindliche Taliban-Umkuschelungspolitik beendet.
Die Grünen haben 85 Abgeordnete; ohne die Söderischen Querulanten stiege damit die Koalitionsmehrheit von 12 auf „53 Stimmen über den Durst“.
Es wäre ein Befreiungsschlag. Es könnte durchregiert werden. Ohne lähmenden monatelangen Wahlkampf. Ohne daß unweigerlich eine gewaltige Nazi-Mehrheit in den Bundestag einzieht. Habeck rein, Reiche raus. Rechtskonservative Nörgler (Ploß, Kuban, Plum, de Vries, Bosbach, Krieger, Ludwig, Linnemann, Amthor) hätten keine Blockademacht mehr. Daß dieser Gedanke so unrealistisch erscheint, zeigt wie regierungsunfähig die gesamte CDU in Wahrheit ist – ob nun Merz an der Spitze steht oder ein anderes Unionsschwergewicht.
Fünftens
Ja, eine echte Lichtgestalt an der Spitze, ein Sympath, der weite Teile des gemeinen Volks begeistert, könnte tatsächlich die gesamte Politik aus der Agonie ziehen, die Stimmung im Land vollkommen verändern.
Wie wir wissen, gibt es solche begnadeten Polit-Talente, die weit über Partei-Grenzen geliebt werden, ja sogar international ausstrahlen.
John F Kennedy, Rabin, Zoran Đinđić, Nelson Mandela, Anwar El-Sadat, Helmut Schmidt, Bill Clinton.
In neuerer Zeit sind es Justin Trudeau, Jacinda Ardern, Pedro Sánchez, Rob Jetten, Sadiq Khan, Abdul El-Sayed und als absoluter Polit-Superstar Zohran Kwame Mamdani, der seit dem 01.01.2026 die größte Stadt der USA regiert und inzwischen nicht nur seine neun Millionen direkten Untertanen elektrisiert, sondern in der gesamten USA gefeiert wird.
Attraktive junge Politiker, halb so alt wie Merz, die mit Social Media aufgewachsen sind, über Empathie verfügen, vor Ideen und Optimismus sprühen und dabei Leichtigkeit vermitteln, Selbstironie und Humor einsetzen, können den Unterschied machen.
[….] New York City Mayor Zohran Mamdani (D) is facing some steep challenges more than seven months into his historic tenure, but New Yorkers show no sign of souring on him. A Siena College poll out last week found that 69 percent of New York City voters had a favorable view of Mamdani, a notable jump from 58 percent in June. The latest figure narrowly topped his previous high from January, when 68 percent of New Yorkers held a favorable view of their new mayor. His numbers dipped to 56 percent in March before rebounding this month, even as Mamdani has consistently polled above his recent predecessors.
Mamdani has brought the strong communication skills and political instincts he displayed on the campaign trail to City Hall, helping him retain public support as he navigates the challenges of governing. But the first seven months of Mamdani’s mayoralty have not been without hiccups. [….]
Idealerweise stellten CDU und SPD auch einen Jetten und Mamdani zur Wahl. Gut möglich, daß die uns aus dem Sumpf ziehen könnten, daß sie die AfD alt aussehen ließen.
Das Problem daran ist nur, daß solche Megatalente mit so einem Charisma ohnehin selten sind und im deutschen Bildungssystem ohne die angelsächsische Debattenkultur auch nicht herausgebildet werden.
Wir haben solche Leute nicht.
Mamdani ist 34, Jetten 39.
Wir haben Staatssekretär Amthor, 33,
und Tilman Kuban, 39.
Da können wir auch Merz weiter debakulieren lassen.

































