Samstag, 28. Februar 2026

Hobbystrategen am Golf

Als ich noch klein war, machte man es so. Es war so einfach.

Man erstellte eine kleine Tabelle, in der man die Anzahl der Panzer, Kampfjets, Raketen, Sprengköpfe von zwei Armeen oder zwei Pakten gegenüberstellte und wußte, wer stärker ist.

(….) Das war nicht bloß irgendein Unterrichtsstoff, den wir als junge Teenager im GMK- und Politik-Unterricht lernen mussten. Nein, die Akronyme SALT-I, SALT-II oder START waren so aktuell und politisch relevant, daß wir auch außerhalb der Schule über den Stand der Strategic Arms Limitation Talks der gesamten 1970er Jahre und die folgenden Strategic Arms Reduction Talks diskutierten. START-II wurde erst 1993 ratifiziert und sollte zwei Drittel der atomaren Sprengköpfe beseitigen, so daß Warschauer Parkt (WP) und Nato „nur noch“ jeweils 3.500 Nuklear-Explosionen zustanden.

Wir hatten 1983 alle „Wargames“ und „The Day After“ gesehen, konnten uns lebhaft vorstellen, wie schnell versehentlich ein Atomkrieg ausgelöst wurde und was so ein Atompilz konkret für die Menschen bedeutete.

Wie beim „Autoquartett“ in der Grundschule, kannten wir uns aus mit Mittelstrecken- und Interkontinentalraketen. Es war Unterrichtsstoff; eine SS20, bzw. RSD-10 Pioner, beschreiben zu können. SS steht hier für surface-to-surface „Boden-Boden“. Die Biester waren so furchterregend, weil sie mobil waren, kreuz und quer durch das riesige Warschauer-Pakt-Gebiet fuhren, nach dem entsprechenden Befehl aus dem Kreml quasi sofort in die Luft schossen, bei einer Reichweite von bis zu 7.000 km jeden Winkel Europas erreichten und zudem jeweils drei thermonukleare Gefechtsköpfe trugen. Es gab hunderte SS20, von denen die meisten in Belarus und der Ukraine umherfuhren. (…)

(Hofreiterisierung, 05.03.2026)

Als Kinder liebten wir das Brettspiel „Risiko“. Da war es ebenso einfach, Krieg zu spielen. Wer die größere Keule hatte, gewann.

In der echten Welt haben immer die USA mit ihrer riesigen Armee, den exorbitanten Militärausgaben, den Stützpunkten überall auf der Welt die größte Keule.

Deswegen gewannen die USA schließlich auch die großen Kriege der letzten Jahrzehnte: Vietnam, Nordkorea, Somalia, Irak, Syrien, Afghanistan…

Äh, Moment mal.

Offenkundig hält sie die Realität eines Krieges nicht an die Papierform der Waffenüberlegenheit. Kriege werden immer „hybrider“, asymmetrischer, werden auf mehr Ebenen gleichzeitig geführt. Die Kriegsparteien operieren nach unterschiedlichen Regeln, agieren als Stellvertreter für ganz andere „Player“, gehen ganz verschiedene Risiken ein, haben nicht gleich viel zu verlieren und können Verluste anders verkraften.

Am 24.02.2022 fielen wir zuletzt alle auf die einfachen tabellarischen Übersichten der Truppenstärken herein. Ich auch. Aber in schlechter Gesellschaft mit den Bundeswehr- und TV-Experten, die alle genau wußten, daß Russland in wenigen Wochen die gesamte Ukraine überrannt haben würde und Kiew nur die Kapitulation bliebe. Denn nicht nur war die russische Armee vielfach überlegen, Putin war auch skrupelloser, verfügte über Atomwaffen, die sicherlich die Europäer davon abhielten, die Ukraine mit direkten Waffenlieferungen zu unterstützen.

Vier Jahre später wissen wir, wie unsinnig all unsere Annahmen zu Kriegsbeginn waren.

Aber wir haben auch mindestens vier neue Erkenntnisse gewonnen:

·        Die Ukraine verfügt über die stärkste Armee Europas.

·        Russland kann mühelos beinahe alle EU-Sanktionen umgehen, hatte während der vergangenen Kriegsjahre stets ein deutlich größeres Wirtschaftswachstum als Deutschland.

·        Wir haben ein Interesse daran, daß der Ukraine-Krieg möglichst noch ein paar Jahre weitergeht.

[….] Ich habe gesagt, wir sind in einem Gewissenskonflikt und dass ich jetzt etwas ganz Schreckliches sagen werde.  Das ist leider durch unser Verschulden, weil wir Abschreckung Militär über Jahre nicht ernst genommen haben, brauchen wir Zeit, um abschreckungsfähig zu werden. Und diese Zeit schenkt uns die Ukraine, solange sie kämpft. Ich weiß nicht, ob sie gerne lieber haben wollen, dass dieser Ukrainekrieg ganz schnell runtergeht und kommendes Jahr greift Putin die deutschen Soldaten in Litauen an. Ob sie das für die bevorzugenswerte Variante halten. Es ist ein moralischer und ein Gewissenskonflikt, aber wir müssen ihn offen aussprechen, natürlich in der gebotenen Einordnung, dass das etwas schreckliches ist, das so sagen zu müssen. Aber in diese Lage haben wir uns gebracht [….]

(C.v. Marschall)

·        Putin kann offenbar mühelos hunderttausende tote Russen verkraften, ohne einen Hauch Widerstand gegen seinen Krieg im eigenen Volk zu spüren zu bekommen.

Nachdem heute Israel und die USA einen neuen illegalen – völkerrechtswidrigen - Krieg gegen den Iran lostraten, geht es aber wieder los: Medien listen säuberlich auf, was sie über die Waffen-Bestände des Irans und den angeblichen Mangel an Flugabwehrraketen auf Israelischer Seite wissen.


Diesmal werde ich gar nicht erst anfangen, mich an den Spekulationen über den Kriegsausgang oder die politische Zukunft des Irans zu beteiligen.

 
Daß man nur den Kopf der Schlange abschlagen müsse - Irans oberster Führer Ajatollah Chamenei soll bei den Luftangriffen der USA und Israels getötet worden sein – und anschließend vollzieht der Iran automatisch eine Blitzmetamorphose zu einer US-freundlichen Musterdemokratie nach westlichem Vorbild, scheint mir abwegig. Auf das Szenario des Todes Al Chameneis, ist der Iran natürlich vorbereitet, wie er generell auf Lustschläge vorbereitet ist und so organisiert ist, daß auch Teile des Regimes autark, ohne Befehle von oben, Krieg führen können.

Nur peinlich war heute, wie zu erwarten, Politazubi Merz, der wieder einmal außen vor war, sich anders als die UN, Spanien oder Norwegen nicht traute, Trump zu kritisieren und stattdessen zusammen mit den schwer angeschlagenen Starmer und Macron von der Seitenlinie meckerte.

[….] Nach den israelisch-amerikanischen Angriffen gegen Iran haben Deutschland, Frankreich und Großbritannien Gegenschläge der Regierung in Teheran kritisiert. "Wir verurteilen die iranischen Angriffe auf Staaten in der Region auf das Schärfste. Iran muss seine willkürlichen Militärschläge unterlassen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premier Keir Starmer. [….]

Anders als Merz, Macron und Starmer verurteilte UN-Generalsekretär António Guterres auch die Anwendung von Gewalt durch die USA und Israel gegen Iran. Diese und die Vergeltungsmaßnahmen Irans unterminierten den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit, erklärte er. [….] Auch UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk kritisierte die Angriffe. "Ich verurteile die Militärschläge Israels und der Vereinigten Staaten von Amerika heute Morgen im gesamten Iran sowie die anschließenden Vergeltungsangriffe des Iran", erklärte er. Die Angriffe würden lediglich zu "Tod, Zerstörung und menschlichem Elend" führen. [….] Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez verurteilte die Militäraktion der USA und Israels gegen Iran. Der einseitige Angriff stelle eine Eskalation dar und trage zu einer unsichereren und feindseligeren internationalen Ordnung bei, sagte er.  Norwegen verurteilte die Angriffe auf Iran als völkerrechtswidrig. Israel habe die Angriffe als Präventivschlag bezeichnet, was "jedoch nicht dem Völkerrecht entspricht", erklärte Norwegens Außenminister Espen Barth Eide der Nachrichtenagentur AFP. "Ein Präventivschlag würde das Vorliegen einer unmittelbaren Bedrohung voraussetzen", führte Eide aus. [….]

(Tagesschau, 28.02.2016)

Weiß das Sauerländer Dummerle nicht, wo Mar A Lago und Washington liegen? Nämlich außerhalb der Reichweite der Iranischen Revolutionsgarden? Daß Teheran natürlich stattdessen die US-Basen der Region angreift, die zu erreichen sind?

Glaubt der Fritzekanzler, ein vom eigenen Volk gehasstes, fanatisch religiöses Regime, würde die Luftschläge ohne Gegenwehr geschehen lassen?

Und nein, ich weiß selbstverständlich auch nicht, wie der Krieg ausgehen wird. Aber ich habe eine starke Vermutung: NICHT gut. Egal, welches Szenario letztlich eintritt.

[…..]  Der völkerrechtswidrige Angriff auf den Iran wird das Mullah-Regime kaum zu Fall bringen. Zwei andere Szenarien sind jetzt wahrscheinlicher.

 Militärs brauchen deutlich formulierte Kriegsziele. Was die USA und Israel mit ihrem Angriff auf den Iran bezwecken, ist jedoch alles andere als klar kommuniziert. US-Präsident Donald Trump wollte uns noch letzten Sommer davon überzeugen, dass das iranische Atomprogramm beim letzten US-Angriff auf den Iran praktisch „ausradiert“ worden sei. Sein Nahost-Gesandter Steve Witkoff argumentierte aber vor ein paar Tagen, dass der Iran eine Woche vor dem Bau der Atombombe stehe.

Dann redet Trump davon, dass die iranischen Raketen demnächst die USA erreichen könnten. Und nicht zuletzt spricht er vom Regimewechsel in Teheran und dass die Iraner sich nun selbst befreien könnten. Derartig breit angelegte Kriegsziele tragen das Rezept des Scheiterns schon in sich.

Es ist unwahrscheinlich, dass die heterogene iranische Protestbewegung in den nächsten Tagen in Teheran die Macht übernimmt. Zwei andere Szenarien sind als Ausgang wahrscheinlicher.

Das iranische Regime kommt im Doppelpack daher: mit der Macht der Mullahs, aber auch mit den Revolutionsgarden, die im Grunde eine klassische Militärdiktatur darstellen. Gut möglich, dass die Mullahs beseitigt werden und die Militärdiktatur oder einer ihrer Offiziere versucht, einen Alleingang zu starten. Das Land wäre dadurch stabilisiert – das ist nur nicht das, was die Protestbewegung im Sinn hat.

Das zweite Szenario wäre das von Chaos und Bürgerkrieg. Denn die Protestbewegung ist zwar stark und laut, aber das Regime hat trotzdem noch genug Unterstützer und Profiteure. Diesen Fortgang der Ereignisse fürchten die arabischen Nachbarn und die Golfstaaten, die keine Freunde des iranischen Regimes sind. Sie haben vor diesem Angriff auf den Iran gewarnt, genau mit dem Argument, dass eine ohnehin fragile Region so in noch mehr Instabilität gestürzt würde.  […..]

(Karim El-Gawhary, 28.02.2026)

Es gibt aber auch Gewissheiten bei diesem Kriegsbeginn: Netanjahu und Trump sind beides skrupellose Verbrecher. Beide lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Einer von ihnen ist zudem sagenhaft dumm und ungebildet.

Trump ist jede perfide Bösartigkeit zuzutrauen.

[….] Kurzanalyse: Trump und sein Geschwätz von gestern

Donald Trump verhehlt sein Ziel kaum: Sein Militärschlag gegen Iran soll zu einem Regimewechsel in Teheran führen. »An das große, stolze Volk von Iran [...] Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung« , forderte der Präsident in seiner Videoansprache nach den ersten Angriffen. »Dies wird wahrscheinlich eure einzige Chance für Generationen sein.«

Als er noch nicht im Weißen Haus saß, klang Trump ganz anders. 2011 etwa sagte er über Barack Obama: »Unser Präsident wird einen Krieg mit Iran beginnen, weil er absolut keine Fähigkeit hat, zu verhandeln.« Zwei Jahre später wiederholte er diese Prognose. Sie traf nie ein.  [….]

(US-Korrespondent Claus Hecking, 28.02.2026)

Freitag, 27. Februar 2026

Schwurbelschwaben.

Zum Glück lebe ich nicht in Baden Württemberg!

Da fiele es mir gar nicht so leicht am nächsten Sonntag zu wählen.

Meine grundsätzliche linksgrünversiffte Ausrichtung zieht eine RRG-Koalition immer einer grünschwarzen oder schwarzgrünen Koalition vor.

Und da ich seit 1990 ein SPD-Parteibuch habe, wähle ich im Zweifelsfall immer lieber rot als grün.

Die Parteien können sich in verschiedenen Landesverbänden sehr unterschiedlich präsentieren. Grüne sind mir vielfach sympathisch, außer in drei Ländern: Saarland, Hamburg und BW. Lange Zeit hielt ich die Grünen in Hamburg für die Schlimmsten. Aber ich denke, die rechtspopulistischen Schwurbel-Eso-Grünen in Stuttgart sind sogar noch schlimmer.  Ungeheuerlicherweise entschied sich der Landesverband nach den Wahlen vom 14.02.2021 für die Fortführung der CDU-Koalition, obwohl es ein rechnerische Alternative links von braun und schwarz gibt. Der erzkonservative Hardcore-Katholik und ZdK-Aktivist Kretschmann wollte lieber mit der CDU, als mit der SPD regieren. Für jede anti-migrantische Schweinerei (Abschieben in angeblich „sichere Herkunftsländer“), Anschaffung von Thiels Nazi-Software Palantir, Votum gegen den Prüfauftrag für ein AfD-Verbot, hoben die Olivgrünen Schwurbelschwaben ihr Hände. Spitzenkandidat Cem Özdemir wandert sogar noch weiter nach rechts außen, umgarnt den Sexisten Manuel Hagel und überlegt, den rechtspopulistischen Rassisten Boris Palmer zum Landesminister zu machen.

Die BW-Grünen könnte ich de facto nicht wählen. Die SPD ist die richtige Partei für die Landtagswahlstimme in Stuttgart am 08.03.2026.

Sinnvollerweise wählt man aber nicht nur nach Parteiprogramm, sondern auch taktisch – in Abhängigkeit vom zuletzt prognostizierten Sitzverteilungsbild.

Das ist eine unangenehme Ausgangslage für SPD-Linksgrünversiffte, da eine RRG-Mehrheit beim besten Willen nicht in Reichweite ist. Die SPD wird blamabel zwischen sieben und zehn Prozent gemessen. Das ist leicht erklärbar, weil die Machtoption fehlt.  SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch, 55, 2013-2016 Kultusminister des Landes Baden-Württemberg, kann nicht Ministerpräsident werden. Seine Partei wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der nächsten Landesregierung angehören. Zudem brockte er sich in den letzten Tagen die ultrapeinliche Entenpastete-Mini-Affäre ein. Politisch und inhaltlich würde ich für die SPD stimmen, aber wahltaktisch betrachtet, ist es eine verlorenen Stimme.

Wichtiger wäre es, die etwas schwächere Linke zu wählen, die zwischen fünf und sieben Prozent krebst und damit nicht sicher die 5%-Hürde schafft. Man könnte also dabei helfen, eine laute soziale Oppositionsstimme im Landtag zu sichern. Minister stellen wird die Linke aber nicht. Um die Regierungsmehrheit mitzugestalten, ist auch eine Stimme für die Linke verloren.

Ganz anders sieht es bei den Grünen aus, weil sich überraschend ein Kopf-an-Kopf-Rennen herausbildet.

[…] Umfragen zeigen, dass der Vorsprung der Christdemokraten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schwindet. Beide Landtagswahlen dürften zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen werden. […]  auf dem CDU-Bundesparteitag in Stuttgart, gab sich der Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März, Manuel Hagel, ebenfalls sehr siegesgewiss: „Wir müssen diese Wahlen nicht nur gewinnen, wir werden diese Wahlen auch gewinnen.“  Nun, eine Woche später, schlägt die demonstrative Zuversicht in Nervosität um. Denn der komfortable Vorsprung, den die CDU in Umfragen in den beiden Bundesländern hatte, schmilzt rasant dahin. Dabei machen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz den Auftakt in einem Jahr, in dem auch noch die Landesparlamente in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt werden. Friedrich Merz kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Ergebnisse in Stuttgart und Mainz seine Stellung als Parteichef und Kanzler stärken werden.

In Baden-Württemberg haben die Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten Cem Özdemir zu einer rasanten Aufholjagd angesetzt. Noch im Oktober 2025 lag die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Manuel Hagel in einer Umfrage des Instituts Insa stolze 14 Prozentpunkte vor den Grünen. Inzwischen sind sie der CDU so nahe gekommen, dass man auf der Zielgeraden des Wahlkampfs erstmals ernsthaft von einem völlig offenen Wahlausgang sprechen kann. […] Dazu kommt: Laut Politbarometer wünschen sich 47 Prozent der Baden-Württemberger Cem Özdemir als Nachfolger seines Parteifreunds Winfried Kretschmann. Der Grünen-Politiker regiert das Land seit 2011, seit 2016 mit der CDU als Juniorpartner. Der 77-Jährige tritt nun aber altersbedingt nicht mehr an. Nur 25 Prozent favorisieren dagegen Manuel Hagel als den nächsten Ministerpräsidenten. Der Christdemokrat hat nicht nur mit seiner mangelnden Bekanntheit zu kämpfen, in dieser Woche holte ihn auch ein altes Fernsehinterview ein. […]

(SZ, 27.02.2026)

Im Gegensatz zur Linken und Sozis, verfügen die Grünen also nicht nur über eine Machtoption, sondern es kommt auch um jede Stimme an. Wer im Foto-Finish vorn liegt, wird Regierungschef. Das generiert viele Leihstimmen von Linken und Sozis, die möglicherweise die Grünen gar nicht mögen, aber selbstverständlich lieber Cem Özedemir in dem reichen Bundesland als Ministerpräsidenten sehen, wenn die Alternative ein pädo-sexistischer Rechtsaußen von der CDU ist.

[…] Seit Tagen schon geht das acht Jahre alte Video von Manuel Hagel viral. 59 Sekunden, in denen der aktuelle CDU-Spitzenkandidat vielsagend grinsend erzählt, wie er als Politiker mal einen Termin in einer Realschulklasse hatte und dort zu 80 Prozent Mädchen saßen: »Da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen«, schiebt er hinterher . »Ich werd’s nie vergessen, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen …« Höhö, macht Hagel, höhö, macht der Moderator, und steigt mit ein: »Die wird jetzt rot zu Hause, wenn die das sieht.« Es wirkt, als fänden erwachsene Männer minderjährige Teenagerinnen eben ganz geil.

Und ja, an der Stelle darf gern zur Kotztüte gegriffen werden. Eva wird zu dem Zeitpunkt maximal 16 Jahre alt gewesen sein, eher jünger. Manuel Hagel hingegen war 29. Unangebracht? Eklig? I wo! Hagel fühlte sich mit seinen Witzchen offenbar so sicher, dass er sie nicht etwa fernab der Öffentlichkeit mit anderen Kumpels in einer stinkenden Umkleidekabine austauschte – sondern in einem Interview. Vor Publikum, mit einer Kamera in seinem Gesicht.

Nun war das alles schon 2018. Das macht es nicht besser, zeigt aber erfreulicherweise auch, dass solche onkeligen Sprüche heute nicht mehr toleriert werden. Und immerhin hat sich Hagel auch bereits dafür entschuldigt, den Witz für »Mist« erklärt, wofür ihm damals schon – und jetzt kommt’s – seine »Frau direkt den Kopf gewaschen hat«.

Womit wir unsere Handflächen zum zweiten Mal kollektiv an die Stirn klatschen können.

Ernsthaft jetzt? Was für eine Non-Pology. Könnten erwachsene, gestandene Männer – die sich übrigens anmaßen, ein ganzes Bundesland führen zu wollen – bitte damit aufhören, sich bei sexistischen Totalausfällen hinter den Rockzipfeln der Frauen in ihrem Leben zu verstecken?! Nach dem Motto: Ich war ein Flegel, schon klar, aber Boys will be Boys, und außerdem hat mich meine Frau doch schon zurechtgewiesen, und wenn die weiterhin mit mir verheiratet ist, kann ich so schlimm doch gar nicht sein.

Hallo?! Wir Frauen sind doch kein feministischen Alibi für jeden Hans-Dieter, der sein Mundwerk nicht im Griff hat! Das ist ja die gleiche Logik wie wenn der Sprecher des Bundeskanzlers sagt: Merz habe kein Problem mit Frauen – er hat schließlich selbst eine.

Ach sooo, na dann!

Warum kam Hagel nicht etwa SELBST drauf, dass der Spruch total daneben war? Warum kam er nicht SELBST drauf, dass das kein nett gemeintes Kompliment war, sondern er damit junge Teenage-Mädchen – streng genommen also Kinder – sexualisiert hat und wie tief die Selbstverständlichkeit solcher ekligen Sprüche offenbar auch in seinem Kopf verwurzelt war? Warum war er es nicht SELBST, der ganz ohne seine Ehefrau recherchiert, gelesen und verstanden hat, dass Gewalt gegen Mädchen und Frauen nicht mit Schlägen, sondern mit schmierigen Schenkelklopfern beginnt? […] 

(Alexandra Zykunov, 27.02.2026)

Bin ich ein Cem Özedemir-Fan?  - Nein! Würde ich mir Cem Özdemir als Ministerpräsident aussuchen? – Nein?

Ist Cem Özdemir das kleinere Übel aller realistischen Machtoptionen? Ja!

Möchte ich lieber Özdemir als Hagel?  - Verdammt noch mal ja!

Ich halte es sogar für überlebenswichtig, daß die Merz/Spahn/Reiche-Lügen-Union nach ihrem katastrophalen Teuer-Heizen-Totalangriff auf Klimaschutz und Wissenschaft einen Dämpfer erhält und nicht die Ablösung des ersten und einzigen grünen MP als Bestätigung der Killer-Politik im Konrad-Adenauer-Haus verbucht wird. Hagel darf nicht gewinnen!

Leider ist die die Stimmung sehr rechts. Leider ist BW ein rechtes Land. Leider sind die Journalisten überwiegend rechts. Leider treibt Social Media die Wähler nach rechts. Einziger Lichtblick: Die CDU ist ziemlich blöd. Auch die Bundes-CDU schreckt Wähler ab.

 

[…] In Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz liegt die Union auf einmal nur noch jeweils einen Prozentpunkt vor den Konkurrenten. Angesichts dieses Negativtrends scheinen plötzlich Niederlagen in beiden Ländern möglich zu sein. Dabei hatte die CDU Erfolge bereits eingepreist.

Man werde die Wahlen gewinnen, hatte Friedrich Merz den beiden Spitzenkandidaten beim Bundesparteitag vom Rednerpult aus zugerufen. Denn die CDU sei „ein Fels in der Brandung, eine Partei der Verlässlichkeit und eine Partei der Führungskraft“. Das ist erst eine Woche her. Doch jetzt hat sich die Lage für die Union dramatisch verändert. […] In Baden-Württemberg lag die CDU zeitweise mehr als zehn Prozentpunkte vor den Grünen. In Rheinland-Pfalz waren es in der Spitze immerhin sechs Punkte Vorsprung vor der dort regierenden SPD. So einen Vorsprung kann man nicht verspielen, sollte man meinen. Doch die Union hat es getan. Ausgerechnet die Machtmaschine CDU hat Wahlkampf verlernt. […] Manuel Hagel ist der fünfte Spitzenkandidat bei fünf Landtagswahlen; bei den vergangenen vier waren Günther Oettinger, Stefan Mappus, Guido Wolf und Susanne Eisenmann angetreten. Es dürfte selbst in der CDU kaum jemanden geben, der die fünf Namen aus dem Stegreif richtig aufsagen kann. […] In Rheinland-Pfalz sieht es kaum besser aus. Dort ist Gordon Schnieder bereits der vierte Spitzenkandidat bei fünf Landtagswahlen. […] Merz hat auf dem Parteitag auch gesagt, man lasse sich „nicht von den Mäklern und Defätisten in diesem Land herunterziehen“. In den beiden Bundesländern hat sich die CDU aber selbst heruntergezogen. Das zeigt sich am Beispiel Manuel Hagel besonders gut. Statt sich zu profilieren, hat er auf einen aalglatten Wahlkampf gesetzt. Nur nirgends anecken. […]

(Robert Roßmann, 27.02.2026)