Ronen Steinke fasste es vor vier Tagen wieder einmal
genial einfach in Worte.
Es gibt gute Gründe, die
Politik von Erdoğan entsetzlich zu finden. Aber null Gründe, deshalb einen
Döner-Grill irgendwo anzugreifen.
Es gibt gute Gründe, die
Politik von Netanyahu entsetzlich zu finden. Aber null Gründe, eine israelische
Bar in München anzugreifen.
Solidarität mit dem
#eclipse
(@ronensteinke.bsky.social,
10.04.2026)
Das ist gruppenbezogener Menschenhass, wenn einzelne
Personen aufgrund irgendeiner zufälligen Zugehörigkeit (Ethnie, Nationalität,
sexuelle Orientierung, Religion) gehasst, beschimpft, verletzt werden.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird aufgrund der Merkmale,
die einer Gruppe zugeschoben werden, oft pauschalisiert. Ich tue das auch:
DIE Amerikaner sind total
verblödet, weil sie 2024 Trump wieder gewählt haben.
DIE Deutschen sind total
verblödet, weil sie sich Anfang 2025 Merz, Klöckner, Spahn und Dobrindt in die
Top-Ämter gewählt haben.
DIE Berliner sind total
verblödet, weil sie immer noch vorhaben, die Wegner-CDU zur klar stärksten Kraft zu machen.
Aber Vorsicht! Das kann niemals bedeuten, jeden einzelnen
Deutschen oder US-Amerikaner dafür verantwortlich zu machen. Denn selbstverständlich
sind diese Gruppen heterogen und beinhalten viele Individuen, die anders als
das adressierte Klischee sind.
In seinem vorletzten Buch „Judenhass“ (Berlin Verlag 2024)
dröselt Michel Friedman die Situation auf und erklärt in leicht verständlichen
Worten, was judenfeindliche linke Akademiker und Kunstschaffende bedenken
sollten.
[….] Die Documenta in
Kassel hat in aller Deutlichkeit
gezeigt, dass BDS* auch ein eliminatorisches Prinzip formuliert. Selbst die
bekanntesten Wissenschaftler, Künstlerinnen, Musiker sollen nicht mehr auftreten
dürfen, bekommen also ein lebenslanges Berufsverbot, nur weil sie israelische
Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind. Selbst wenn sie sich gegen die
Regierung auflehnen, ihre Politik also verurteilen und für eine
Zweistaatenlösung kämpfen, ändert das nichts an dem Bann. Sie sind Juden und
als solche verdächtigt, angeklagt. Verurteilt. Eine Kollektivstrafe, die der
Einzelne nicht aufheben kann. Diese autoritäre, größenwahnsinnige Haltung, die
auch von vielen Nichtjuden aus unterschiedlichen Gründen als mutig und
konsequent angesehen wird, ist Antisemitismus. Boykott ist immer
undifferenziert. Wenn also wie bisher israelische Musiker, Wissenschaftlerinnen
und Künstler nicht mehr auftreten dürfen, nur weil sie Israelis sind, und
dies als gerecht empfunden wird, ist das für mich ein Ausdruck blinder
Selbstgerechtigkeit. [….]
(M. Friedmann, zitiert aus dem SPIEGEL, 27.01.2024)
* Boycott, Divestment and Sanctions ist eine
transnationale politische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich,
kulturell und politisch isolieren will.
Man kann es gar nicht oft genug sagen: Israelkritik,
scharfe Worte gegen die Israelische Regierung, internationale Strafverfolgung
Netanjahus sind nicht nur legitim, sondern unbedingt geboten! Antisemitismus
hingegen ist niemals zu rechtfertigen!
(….) Es ist nicht nur erlaubt, sondern
unbedingt notwendig, Netanyahu in die Parade zu fahren, ihn mit scharfen Worten
zu attackieren, alle rechtlichen und diplomatischen Mittel gegen ihn zu nutzen.
Der Mann ist ein Verbrecher, der Myriaden tote Zivilisten auf dem Gewissen hat
und Krieg führt. Daher ist es moralisch geboten, sich gegen Bibi zu stellen. Es
ist aber auch ein Akt der Fürsorge für das Land Israel; denn die Sicherheit der
eigenen Bevölkerung talibanisiert der Regierungschef erst Recht, indem er systematisch
internationalen Hass auf seine Nation zieht.
Da ich in einem ausgesprochen
Israel-freundlichen Haushalt aufwuchs, gruselt es mich sehr, überall in der
westlichen Welt enorme Israel-Verachtung im Studenten-Milieu zu sehen. Das ist
bei mir emotional mit einem riesigen „das tut man nicht!“ versehen. Aber
angesichts der geschilderten politischen Lage, bin ich natürlich auch nicht
verwundert, wenn die Beliebtheit Israels bei Teens und Twens, irgendwo zwischen
Fußpilz und Mundfäule liegt. Natürlich ist die Bereitschaft zu Nüchternheit und
Differenzierung, angesichts der seit Jahren andauernden Flut apokalyptischer
Bilder, nicht mehr ausgeprägt. Es hat sich so viel Wut und Verzweiflung
angesammelt, daß ein emotionales Ventil herbeigesehnt wird. Man will das Morden
stoppen, dem Krieg Einhalt gebieten und die strafen, die skrupellos
weitermachen.
Sanktionen, Ächtungen,
Boykotte, nicht mit einem Israelischen Sänger beim ESC rumhopsen; irgendetwas,
das Israel weh tut. Aber Achtung; das meiste davon ist amoralisch und trifft die Falschen.
(….)
(Scharfe Netanyahu-Kritik ohne Antisemitismus, 12.09.2025)
Ronen Steinke, Michel Friedman und viele andere müssen es
den Deutschen leider immer und immer wieder erklären. Dennoch bleibt das schmollende,
verschwörungstheoretische „Man darf ja nichts gegen Israel sagen!“ virulent.
So wie schon mit
Trumps ersten Amtsantritt die Zahl der Hassverbrechen sprunghaft anstieg, haben
auch die rechtsradikalen Diskursverschiebungen in Deutschland – befeuert von
AfD, CDUCSU, Aiwanger und Kubicki – selbstverständlich Auswirkungen. Die
Hemmschwellen sinken, immer mehr einzelne Xenophobe, Homophobe fühlen sich
ermutigt, ja geradezu verpflichtet, Hatecrimes zu begehen.
Die homophoben und transphoben Übergriffe in Deutschland
und den USA werden seit Jahren immer mehr.
[…] Fast 24 antisemitische
Vorfälle pro Tag - die Meldestelle RIAS verzeichnet für 2024 einen drastischen
Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Der Antisemitismusbeauftragte Klein warnt mit
Blick auf den Nahostkrieg vor kollektiven Schuldzuweisungen.
Die Zahl antisemitisch
motivierter Vorfälle in Deutschland ist 2024 erneut drastisch gestiegen. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen
Antisemitismus (RIAS) dokumentierte im vergangenen Jahr 8.627
Vorfälle - ein Anstieg um fast 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Statistisch bedeutet das:
Täglich ereigneten sich fast 24 antisemitische Vorfälle, 2023 waren es noch
etwa 13 pro Tag. "Für Jüdinnen und Juden bleibt der Antisemitismus in
Deutschland ein alltagsprägendes Phänomen", heißt es in dem Bericht. […]
(Tagesschau, 24.06.2025)
Gewalt ist immer falsch. Antisemitismus ist immer falsch.
In Deutschland und überall.
[…] So viel tödliche Gewalt
wie seit 30 Jahren nicht mehr: Antisemitismus laut Bericht weltweit auf
Höchststand […] Die Zahl schwerer antisemitischer Straftaten ist laut
einem Bericht im vergangenen Jahr weltweit auf den höchsten Stand seit drei
Jahrzehnten gestiegen. Laut dem aktuellen Jahresbericht der Tel-Aviver
Universität wurden im vergangenen Jahr 20 Juden bei vier Anschlägen auf drei
Kontinenten getötet. Dies sei die höchste Zahl von Todesopfern antisemitischer
Angriffe seit mehr als 30 Jahren. Gleichzeitig hätten in vielen Ländern die
Zahl von Übergriffen wie Schlägen oder Steinwürfen zugenommen. […]
(SPON; 14.04.2026)
DIE Juden sind selbstverständlich nicht „schuld am
Antisemitismus“. Aber die rechtsradikale israelische Regierung befördert ihn
unter anderem dadurch, daß sie legitime Kritik an ihrem Handeln, fälschlich mit
dem Todschlagargument Antisemitismus abwehrt.
[…] Der Internationale
Strafgerichtshof (IStGH) hat Haftbefehle gegen Israels Ministerpräsidenten
Benjamin Netanjahu, den früheren Verteidigungsminister Joav Galant und gegen
einen Anführer der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen erlassen. Die
Richter in Den Haag stimmten einem Antrag des Chefanklägers Karim Khan vom Mai
zu, LTO berichtete. Netanjahu und Galant stehen danach unter dem Verdacht von
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit dem 8. Oktober
2023 im Gazastreifen. […] Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat
die internationalen Haftbefehle gegen sich und Ex-Verteidigungsminister Joav
Galant als “antisemitische Entscheidungen” bezeichnet. Sie sei von
"voreingenommenen Richtern, getrieben von antisemitischem Hass gegen
Israel" getroffen worden, stand in einer Erklärung seines Büros. […]
(LTO, 21.11.2024)
[…] Der rechtsextreme israelische
Finanzminister Bezalel Smotrich ist nach einer Verbalattacke gegen Kanzler
Friedrich Merz (CDU) im eigenen Land in die Kritik geraten. Smotrich hatte Merz
wegen seiner Aussagen zur israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland
scharf angegriffen.
„Herr Bundeskanzler, die
Zeiten, in denen Deutsche Juden vorschrieben, wo sie leben durften und wo
nicht, sind vorbei und werden nicht wiederkehren. Sie werden uns nicht erneut
in Ghettos zwingen, schon gar nicht in unserem eigenen Land“, schrieb der rechte
Politiker am Montagabend auf der Plattform X unter Anspielung auf die
Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten in der Zeit des Zweiten
Weltkriegs. Rund sechs Millionen Kinder, Frauen und Männer wurden durch das
NS-Regime ermordet. […] Dazu verlinkte Smotrich eine englischsprachige
X-Mitteilung des CDU-Politikers zu einem Telefonat mit dem israelischen
Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Darin schreibt Merz, die Entwicklungen
in den palästinensischen Gebieten bereiteten ihm „große Sorge“. In seinem
Telefonat mit Netanjahu habe er deutlich gemacht: „Eine faktische Teilannexion
des Westjordanlandes darf es nicht geben“. […]
(DPA, 14.04.2026)
Auch diese entsetzlichen und perfiden Äußerungen
Smotrichs und Netanjahus rechtfertigen selbstverständlich keinen
Antisemitismus. Jede einzelne antisemitische Straftat bleibt verachtenswert.
Selbstverständlich verstärken aber prominente
Repräsentanten eines Volkes, auf internationaler Ebene, positive und negative
Vorurteile. Pauschale Urteile.
Weil Trump maximal unsympathisch ist, sinkt das Ansehen „der Amerikaner“ weltweit rapide.
Sogar China genießt inzwischen international mehr
Zustimmung als Trumpmerica.
[….] While neither country commands broad
support, China surpassed the United States in global approval ratings in 2025,
with a median of 36% approving of China’s leadership, compared with 31% for the
U.S. China’s five-percentage-point advantage over the U.S. is the widest Gallup
has recorded in China’s favor in nearly 20 years.
The recent shift reflects a decline in U.S.
ratings alongside an increase for China. Median approval of U.S. leadership
fell from 39% in 2024 to 31% in 2025, returning to earlier lows, while China’s
approval rose from 32% to 36%.
At the same time, disapproval of U.S.
leadership rose to a record-high 48%, while China’s disapproval rating remained
flat at 37%. […]
(Gallup, 03.04.2026)
Man mag das als ungerecht empfinden, weil die Mehrzahl
der US-Amerikaner sich ebenfalls von Trump abgestoßen fühlt. Aber sie haben
sich auch als unfähig erwiesen, den imbecilen Wüterich aus dem Weißen Haus fern
zu halten.
Deswegen fallen die internationale Blamagen-Tour des
Fritze Merz und sein neuer Rekord als unbeliebtester Regierungschef der westlichen
Welt auch auf alle Deutschen zurück.
[…] Schockierende Zahlen:
Kanzler Merz sogar unbeliebter als Trump und Erdoğan […] In 24
Demokratien haben Forscher des US-Meinungsforschungsinstituts Morning Consult
die Beliebtheit ihrer Staats- und Regierungschefs miteinander verglichen. Dafür
wurden Erwachsene in den entsprechenden Ländern befragt. […] Der
Bundeskanzler schaffte es auf Platz 1 mit 76 % unzufriedener Bürger. Immerhin:
19 % der Befragten gaben an, zufrieden mit seiner Arbeit zu sein. Die
restlichen Prozent stimmten für "weiß nicht oder keine Meinung".[…]
(Euronews, 13.04.2026)
Ja, sicherlich ist es unfair gegenüber den RRG-Wählern,
die Merz ebenfalls verabscheuen. Aber Pauschalisierungen sind Realität. Schließlich
kann niemand jeden einzelnen der 82 Millionen Menschen in Deutschland
ansprechen. Wir müssen also damit leben, pauschal abgewertet zu werden, weil
wir es mehrheitlich nicht vermochten, Scholz oder Habeck ins Kanzleramt zu
schicken.
Es ist falsch, Israel-Kritik und Judenhass zu verquicken.
Es gibt in Israel viele Bibi-Kritiker und es gibt unter den Israelischen
Staatsbürgern viele Atheisten, aber auch Christen und Muslime.
Dummerle Merz weiß das natürlich nicht.
(….) Merz plappert bar jeder Grundkenntnis antisemitische Codes von der „Judenfahne“ nach.
[….] Totalausfall von
Friedrich Merz: [….]
Der CDU-Kanzlerkandidat
Friedrich Merz hat mit gleich mehreren Äußerungen in seiner letzten
Wahlkampfrede für Empörung gesorgt. Unter anderem bezeichnete er die
israelische Fahne als „Judenfahne“ und verbreitete Lügen über die
Demonstrant:innen, die gerade im ganzen Land gegen rechts auf die Straße gehen.
Nicht nur in den sozialen Medien hagelte es Kritik.
Wörtlich stelle Merz in
seiner Rede bei der Wahlkampf-Abschlussveranstaltung in München die rhetorische
Frage, wo der „Aufstand der Anständigen“ geblieben sei, „als in diesem Land
Palästinenserflaggen geschwenkt wurden, ‚From the River to the Sea‘ gesungen
wurde, als Judenfahnen, als Fahnen des Staates Israel verbrannt wurden?“
[….] Die Berliner Grünen-Politikerin Bettina Jarasch kommentierte das am
Wahlsonntag auf X: „‚Judenfahnen‘, Herr @FriedrichMerz? Echt jetzt? Noch alle
Tassen im Schrank?“, schrieb die Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der
vergangenen Landtagswahl in der Hauptstadt. […] Laut der International
Holocaust Remembrance Alliance stellt es eine Form von Antisemitismus dar, den
Staat Israel mit dem Judentum gleichzusetzen. In rechtsextremen Kreisen ist es
weit verbreitet, die israelische Fahne als „Judenfahne“ zu bezeichnen. [….]
(Daniel Bax, 23.02.2025)
Kulturstaatsminister Wolfram
Weimer, der Mann, der sich von Amtswegen auskennen sollte, debakuliert sogar
noch peinlicher als sein Herr. […] [….] (….)
(Wieso ich mich so sehr für Deutschland schäme, 18.08.2025)
Wir, die deutschen Wähler, wußten das alles und schickten
dennoch Fritze Merz ins Kanzleramt.
Und ja, selbstverständlich ist es doppelt unfair, alle
Israelis für Bibi und sein Kabinett in Haftung zu nehmen. Darüber hinaus auch
noch alle Juden für Israel in Haftung zu nehmen.
Aber niemand kann davon überrascht sein, daß genau das
passiert. Bibi Netanjahu gilt als der international am meisten gehasste
Regierungschef. Natürlich strahlt das auf das Image aller Israelis aus,
gefährdet alle Juden in der Welt, auch wenn sie als säkulare Staatsbürger
Netanjahu verachten und in London leben. Oder wenn sie gar keine Verbindungen
zum Staat Israel haben und als atheistische Deutsche Dein ganz normaler Nachbar
sind.