Mittwoch, 6. September 2017

Das Arschloch.

Vor Jahren las ich mal einen Artikel über den unglaublichen Erfolg der FOX-Serie „GLEE“; eine der schwulsten TV-Serien aller Zeiten, in der LGBTI-Teenager sich singend und tanzend gegen die heteronormative Highschoolwelt im US-Bundesstaat Ohio behaupten.
Wieso produziert eigentlich der stramm konservative anti-gay-marriage-Sender FOX den feuchten Traum des linksliberalen Amerikas, fragte ich meinen Kumpel in Ohio.
„It’s all about business“ lautete die trockene Antwort.
Für Geld machen die alles.
Der Weltbildverlag gehört der katholischen Kirche und vertreibt Pornos, der Vatikan investierte in Firmen, die Kondome und Antibabypillen herstellen.
Wenn es ums Geschäft geht und man was verdienen kann, werden die eigenen rechtslastigen Überzeugungen gern vergessen.

Bei vielen US-Republikanern und Trump scheint es anders zu sein.
Sie setzten aus ideologischer Verblendung, aus machttaktischen Überlegungen oder auch aus purer Blödheit auf eine Politik, die der US-Wirtschaft schweren Schaden zufügt.
Wenn Ölfirmen wie EXXON oder die amerikanischen Energieversorger sich vehement gegen den Ausstieg aus dem Pariser Klima-Abkommen stark machen, liegt das nicht daran, daß sie über Nacht ökologisch denkenden Hippies geworden sind, sondern an ihrem Geschäftssinn.
Es ist inzwischen billiger Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen und die durch die CO2-generierende Industrie verursachten Klimaschäden sind teuer für alle.
Erdöl und Erdgas sind endlich Ressourcen; das hat die US-Autoindustrie längst begriffen und will sich daher zukunftstauglich positionieren.
Die großen Unternehmen im Bundesstaat Washington wollen weiterhin gute Geschäfte machen und drängen daher ihren Gouverneur sich gegen Trump zu stellen.
Ähnlich verhält es sich mit der gay-friendly Politik vieler großer Konzerne in den letzten Jahren.
Das sind nicht plötzlich Vorkämpfer für liberale Bürgerrechte geworden, aber sie haben erkannt, daß Schwule gebildeter sind besser verdienen, oft als DINKs (double income no kids) leben und daher besonders „gute“ Konsumenten sind.
Es ist also wirtschaftlich vorteilhaft sich um LGBTI-Mitarbeiter und Kunden zu bemühen.

Genau in diesem Sinne sorgen sich auch die Chefs von Apple und Microsoft um die sogenannten „Dreamer“, die US-Einwanderer-Kinder.
Sie brauchen sie als überdurchschnittlich motivierte Mitarbeiter.

[….] US-Konzerne gehen im "Dreamer"-Streit auf Konfrontationskurs zum Weißen Haus. Microsoft verspricht allen betroffenen Mitarbeitern juristischen Beistand, um Abschiebungen zu verhindern.
[….] Der Softwarehersteller Microsoft stellt sich öffentlich gegen die US-Regierung. Firmen-Präsident Brad Smith kündigte an, den 39 betroffenen Mitarbeitern seines Unternehmens juristisch zur Seite zu stehen.
"Wenn die Regierung versucht, einen von ihnen abzuschieben, werden wir ihnen einen Rechtsbeistand zur Verfügung stellen und dafür bezahlen." Microsoft sei "tief enttäuscht" über die Entscheidung der Regierung, sagte Smith. "Die Dreamers sind ein Teil unserer Nation. Sie gehören hierher."
[….] Apple-Chef Tim Cook kündigte in einer E-Mail an seine Belegschaft an, Gespräche mit Kongressabgeordneten aufzunehmen, um eine Lösung für die Betroffenen zu finden. "Wir appellieren dringend an unsere Führer in Washington, die Dreamers zu schützen, sodass ihre Zukunft nie wieder in dieser Art und Weise aufs Spiel gesetzt werden kann", schrieb Cook. [….]

[….] In the lead-up to today’s announcement, several business and tech leaders had shown their disapproval towards the steps the administration was taking to rescind DACA. On August 31st, several business leaders including Amazon CEO Jeff Bezos, Apple CEO Tim Cook and LinkedIn CEO Jeff Weiner signed an open letter asking President Trump and Congressional leaders to preserve the program.
FWD.us, a bipartisan organization founded by leaders of the technology community in 2013, is an active proponent of comprehensive immigration reform. Founders of the organization include philanthropist Bill Gates, Dropbox CEO Drew Houston and venture capitalist Sean Parker, among others.  Following Sessions’ announcement, FWD.us issued a statement expressing its opposition to President Trump’s decision and called on Congress to pass bipartisan legislation to help the Dreamers.
“We are incredibly disappointed by President Trump’s decision to end DACA, “FWD.us president Todd Schulte said in the statement. “In six months, this will force 800,000 Dreamers out of their jobs and put them under threat of immediate deportation, unless Congress acts. [….] Facebook CEO Mark Zuckerberg decried the act today via a Facebook post and urged Congress to act in favor of Dreamers. “The decision to end DACA is not just wrong. It is particularly cruel to offer young people the American Dream, encourage them to come out of the shadows and trust our government, and then punish them for it.” [….]

Es ist aus rein ökonomischer Sicht kontraproduktiv für die Vereinigten Staaten was Trump und Sessions gestern abzogen.

Stichwort „DACA“ (Deferred Action For Childhood Arrival Program).
Es geht um etwa elf Millionen Menschen in den USA, die keinen legalen Aufenthaltsstatus haben.
1,7 Millionen von ihnen sind Kinder und selbst Republikaner fragen sich gelegentlich, ob eine Abschiebung von Kindern fair ist, die nichts anderes als Amerika kennen, in ein Land, dessen Sprache sie manchmal gar nicht beherrschen. Sie sind ja unschuldig illegal, weil sie von ihren Eltern mitgeschleppt wurden. Bestraft man diese Kinder, haften sie gewissermaßen für ihre Eltern. Eine Form von Sippenhaft.
Der US-Kongress schlug sich lange mit dieser moralischen Frage herum, konnte aber wegen der rabiaten menschenfeindlichen Teebeutler kein Gesetz zustande bringen, so daß Barack Obama im Jahr 2012 DACA als Exekutivorder erließ.
Durch DACA sind rund 800.000 junge Immigranten vor Abschiebung geschützt, können legal studieren, arbeiten, Steuern zahlen und auch in der US Army dienen, sich in Afghanistan erschießen lassen.

Trump, Enkel eines Immigranten und Ehemann zweier möglicherweise nicht ganz so legal eingereister osteuropäischer Migrantinnen, stieß nun einer Million Migrantenkindern ein Messer in den Rücken, indem er DACA aufhob.
Dabei legte er die inzwischen schon bekannte Trump-Feigheit an den Tag, indem er nicht selbst vor die Kamera trat, so wie er auch das WH-correspondent-dinner absagte, die Klimasitzung beim Hamburger G20 schwänzte und zuletzt auch  den Besuch bei den diesjährigen Feiern anlässlich der Kennedy-Center-Auszeichnungen absagte.
Der Mann hat so winzige Testikel, daß er sich nur vor ausgesuchte jubelnde Anhänger traut.
Jeff Sessions, Quasi-Faschist aus Alabama, verkündete das DACA-Aus und Trump tat wieder einmal so, als ob er nichts dafür könne, mit der Regierung nichts zu tun habe. Der Kongress solle doch innerhalb von sechs Monaten eine andere Lösung finden.


Ein anderer US-Präsident ist nicht so verweichlicht und äußert sich deutlich.

[…..] Immigration can be a controversial topic. We all want safe, secure borders and a dynamic economy, and people of goodwill can have legitimate disagreements about how to fix our immigration system so that everybody plays by the rules.
But that’s not what the action that the White House took today is about. This is about young people who grew up in America – kids who study in our schools, young adults who are starting careers, patriots who pledge allegiance to our flag. These Dreamers are Americans in their hearts, in their minds, in every single way but one: on paper. They were brought to this country by their parents, sometimes even as infants. They may not know a country besides ours. They may not even know a language besides English. They often have no idea they’re undocumented until they apply for a job, or college, or a driver’s license.
Over the years, politicians of both parties have worked together to write legislation that would have told these young people – our young people – that if your parents brought you here as a child, if you’ve been here a certain number of years, and if you’re willing to go to college or serve in our military, then you’ll get a chance to stay and earn your citizenship. And for years while I was President, I asked Congress to send me such a bill.
That bill never came. And because it made no sense to expel talented, driven, patriotic young people from the only country they know solely because of the actions of their parents, my administration acted to lift the shadow of deportation from these young people, so that they could continue to contribute to our communities and our country. We did so based on the well-established legal principle of prosecutorial discretion, deployed by Democratic and Republican presidents alike, because our immigration enforcement agencies have limited resources, and it makes sense to focus those resources on those who come illegally to this country to do us harm. Deportations of criminals went up. Some 800,000 young people stepped forward, met rigorous requirements, and went through background checks. And America grew stronger as a result.
But today, that shadow has been cast over some of our best and brightest young people once again. To target these young people is wrong – because they have done nothing wrong. It is self-defeating – because they want to start new businesses, staff our labs, serve in our military, and otherwise contribute to the country we love. And it is cruel. What if our kid’s science teacher, or our friendly neighbor turns out to be a Dreamer? Where are we supposed to send her? To a country she doesn’t know or remember, with a language she may not even speak?
Let’s be clear: the action taken today isn’t required legally. It’s a political decision, and a moral question. Whatever concerns or complaints Americans may have about immigration in general, we shouldn’t threaten the future of this group of young people who are here through no fault of their own, who pose no threat, who are not taking away anything from the rest of us. They are that pitcher on our kid’s softball team, that first responder who helps out his community after a disaster, that cadet in ROTC who wants nothing more than to wear the uniform of the country that gave him a chance. Kicking them out won’t lower the unemployment rate, or lighten anyone’s taxes, or raise anybody’s wages.
It is precisely because this action is contrary to our spirit, and to common sense, that business leaders, faith leaders, economists, and Americans of all political stripes called on the administration not to do what it did today. And now that the White House has shifted its responsibility for these young people to Congress, it’s up to Members of Congress to protect these young people and our future. I’m heartened by those who’ve suggested that they should. And I join my voice with the majority of Americans who hope they step up and do it with a sense of moral urgency that matches the urgency these young people feel.
Ultimately, this is about basic decency. This is about whether we are a people who kick hopeful young strivers out of America, or whether we treat them the way we’d want our own kids to be treated. It’s about who we are as a people – and who we want to be.
What makes us American is not a question of what we look like, or where our names come from, or the way we pray. What makes us American is our fidelity to a set of ideals – that all of us are created equal; that all of us deserve the chance to make of our lives what we will; that all of us share an obligation to stand up, speak out, and secure our most cherished values for the next generation. That’s how America has traveled this far. That’s how, if we keep at it, we will ultimately reach that more perfect union.
(Barack Obama, Facebook, 05.09.2017, 55.152.271 Personen gefällt das, 53.184.303 Personen haben das abonniert)

Schockierend.
Wenn man nach einiger Zeit mal wieder Obama hört und liest, ist es richtig auffällig, daß er sich grammatikalisch korrekt, stilistisch perfekt und inhaltlich stringent ausdrückt.
Im Vergleich wirkt dann Trumps debile Kindersprache mit den wirren Inhalten und dem infantilen Vokabular noch viel peinlicher.

Obama schlägt insbesondere aber die Brücke zu einer moralischen Sicht auf Politik. Etwas, das Trump völlig fremd ist. #45 ist ausschließlich von Ressentiments und Eigennutz geleitet.

Ökonomisch argumentieren auch Liberalkonservative wie Laschet oder Lindner, die ein modernes Einwanderungsrecht nach Punkten propagieren.
Anders als AfDCSUNPD wollen sie durchaus Ausländer reinlassen, aber bitte nur die, die uns auch ökonomisch nutzen, indem sie entweder so hochqualifiziert sind, daß sie viel Steuern zahlen, oder aber bereitwillig die Arbeit tun, für die sich Deutsche zu schade sind: Straßenreinigung, Haushaltshilfen, Altenpfleger, Spargelstecher, Küchenhilfe.

Für mich ist das Ausländerfeindlichkeit zweiten Grades. Man ist ja nicht grundsätzlich gegen Ausländer wie Gauland oder Höcke. Aber die hierher kommen, sollen bitteschön eine dienende Funktion erfüllen und keinesfalls so wie Deutsche auch krank oder ungebildet sein dürfen.
Ginge es nach mir, spielten beim Thema Einwanderung pekuniäre Argumente eine viel kleinere und dafür humane Erwägungen eine größere Rolle.


Trump, Sessions und Co sind aber nicht nur Ausländerhasser ersten Grades, sondern auch eindeutig Rassisten, die in einer Kette von Entscheidungen immer deutlicher machen, daß aus ihrer Sicht alle Menschen, die keine weißen, konservativen Christen sind, unerwünscht sind.

Mexikaner als Vergewaltiger bezeichnen, Richter Gonzalo Curiel beschimpfen, because „he’s mexican“, nicht von David Duke distanzieren, Gold-Star-family Khan beleidigen, Charlottesville Nazis loben, Joe Arpaio Begnadigung und nun DACA-Stopp.

Trumps Administration zeigt klar, daß dunkelhäutige Amerikaner und Einwanderer für ihn nicht in die USA gehören.
Make America White Again.


BTW, Trump wurde mit seiner bösartigen Entscheidungen einen weiteren Berater los.
Aber wer zählt da noch mit?

[….] Javier Palomarez, the head of the Hispanic Chamber of Commerce, announced he was resigning from President Donald Trump's diversity coalition over the administration's decision to end the Deferred Action for Childhood Arrivals program.
Palomarez announced his decision on Tuesday morning, expressing his strong disagreement with the Trump administration on immigration.
"I tried to work as hard as I could with this administration on this issue, and I continue to want to work with them on other issues, like tax reform, like health care reform, and so many other important things," Palomarez told HLN's Carol Costello. "But I really don't see the logic in doing what we're doing right now." [….]

Aber Trump ist eben in jeder Hinsicht ein Arschloch. Er ist unfähig seine Versprechen umzusetzen, begreift wirtschaftliche Zusammenhänge nicht, hört nicht auf Menschen, die es besser wissen und er ist zutiefst bösartig und brutal.

Gegen den Willen von ¾ der Amerikaner verurteilt er 800.000 junge Menschen dazu ihre Existenz und ihr zu Hause zu verlieren. Einfach weil er es kann.

Trump ist schlicht und ergreifend ein Arschloch.

Das wird schon allein dadurch bewiesen, daß christliche Führer von ihm so begeistert sind und für und mit ihm beten.



Dienstag, 5. September 2017

Das wird nichts mehr –Teil II



Letzte Auffahrt Adlershof.
Wahlkampf. Für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist das TV-Duell die wohl letzte Chance auf eine Wende. Also bereitet er sich akribisch vor. [….]
Schulz treibt die Begegnung schon seit Wochen um. Der Kandidat hatte sein Tea, bereits früh angewiesen, den Showdown in Adlershof penibel vorzubereiten. Er will Merkel persönlich stellen.. Anders als sonst werde sie dort schwer ausweichen können, hofft man in seinem Umfeld. […]
(DER SPIEGEL No 35, 26.08.2017, s.23)

03.09.2017
Oldschool bin ich sowieso, aber nachdem mein Lieblings-Anbieter O2 wieder einmal seit inzwischen nun 48 Stunden alle meine Telefone und das Internet abgestellt hat und ich über mein Notfall-Karten-Handy immerhin in der Störungshotline erfuhr, daß ich außerhalb der Geschäftszeiten anriefe und doch lieber mal unter www.
o2... nachgucken solle, sah ich mir Merkel und Schulz herkömmlich über Free-TV (ARD) beim Bügeln an. Unbeeinflusst von irgendwelchen Spin-Doktoren, Hintergrund-Informationen und parteilichen Tweets und Facebook-Einträgen.

Die Ausgangslage war klar: Frau Merkel wird gemütlich im Schlafwagen und ohne irgendwelche inhaltliche Festlegungen in ihre vierte Amtszeit fahren, weil sie Amts-, Vertrauens- und Sympathieboni besitzt und Herr Schulz nicht recht erklären kann, wieso man lieber ihn wählen solle.

Das Format mit den immer gleichen Moderatoren war so dröge und starr, daß auch hier keinerlei Hilfe für Schulz zu erwarten war.
Wenn er eine Chance haben wollte, mußte er Knalleffekte bringen, die Zuschauer positiv überraschen und die Kanzlerin in die Bredouille bringen.

Da seit Monaten alle SPD-Hoffnungen auf genau diesem einen Spitzenduell lagen, nahm ich sicher an, im Willy Brandt-Haus werde man sich akribisch vorbereiten und genau das planen.
Ich war fast sicher, daß Schulz uns überraschen würde. Dutzende von PR-Experten, Werbeprofis und Parteistrategen würden sich ja wohl irgendetwas einfallen lassen, das Merkel echt in Schwierigkeiten brächte.

Und dann ging es los; die vier Moderatoren natürlich der erwartete Totalausfall. Mit allen ist Merkel seit Jahrzehnten bekannt; keiner hat sie jemals überrascht.
Sie stellten genau die Fragen, die René Pfister und Klaus Brinkbäumer vor zwei Tagen für ihr großes Merkel-Interview im aktuellen SPIEGEL (Nr36, 02.09.2017, s. 18ff.) ebenfalls verwendeten, so daß Merkel auch genau die Antworten geben konnte, die ich wörtlich tags zuvor im SPIEGEL gelesen hatte.

Der einzige Unterschied war, daß im SPIEGEL-Gespräch durchaus mal nachgefragt wurde und Merkel (erfolglos) ein bißchen pressiert wurde, während Illner, Maischberger, Klöppel und Strunz nie nachhakten.
Für mich persönlich war es immerhin noch eine kleine Überraschung zu sehen wie wenig der rechte Ex-SPRINGER „Journalist“ Strunz in der Lage ist seine AfD-freundlichen Ansichten zu verbergen; daß er gar nicht erst so tut, als ob er neutral wäre.

In jeder Hinsicht also weiterhin Idealbedingungen für Merkel, die Wolkige.
Einzig und allein Schulz hätte den Trott durchbrechen können, dem Duell seinen Stempel aufdrücken sollen.

Für mich völlig unverständlich war er aber fahrig und schwach. Rang nach (den einstudierten) Worten und wenn sie ihm nach einigem Stocken und Zaudern einfielen, verpuffte die Wirkung völlig, weil sie zu schwach waren. So kreißte er nach großen Windungen ein Zitat eine schiitischen Philosophen hervor, um die absolut zu erwartenden Frage nach der Rolle des Islams in Deutschland zu kontern.

Nachtrag 05.09.17:
"Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort. Dort treffen wir uns."
(Dschalal ad-Din al-Rumi; persischer Mystiker im 13. Jahrhundert)

Da ich während ich dies schreibe immer noch offline bin, kann ich es nicht zitieren; aber es war so banal, daß alle peinlich pikiert in die Runde starrten und der arme Schulz statt mit einem Zitat zu punkten, doppelte Abzüge bekam, weil er nachschieben mußte wie toll und bedeutend er diesen Spruch fand.
Wenn man eine Pointe setzt und sie anschließend erklären muß, war das eine miese Pointe.

Eine andere offensichtlich vorher zurechtgezimmerte Schulz-Replik war der Verweis auf Merkels „mit mir wird es keine Maut geben“ von 2013. Schulz wartete händeringend darauf, daß Merkel irgendetwas ausschließen würde und als das bezüglich der Rente mit 70 endlich kam, warf er aber nicht scheinbar spontan „so wie sie auch die Maut ausgeschlossen haben“ ein, sondern kreißte wieder erst umständlich, indem er mehrfach betonte wie Merkel sich festgelegt habe, daß er das in diesem Fall begrüße. Und so ruinierte er wieder seine Pointe, als er viel zu spät das „wie bei der Maut?“ auf seine Satzgebäude setzte.

Die Kanzlerin war auf diesen Spruch selbstverständlich vorbereitet, wand sich mit dem Argument heraus, deutsche Autofahrer würden aber nicht mehrbelastet.  Wenn Deutsche im Ausland Maut zahlten, wäre es nur gerecht, wenn Ausländer in Deutschland Maut zahlten.
Frech nahm sich das populistisch-nationalistische CSU-Argument auf und schob den Schwarzen Peter zurück zu Schulz, der als Bundeskanzler die eben beschlossene Maut sofort wieder abschaffen wolle.

Typischer Merkellismus. A posteriori übernimmt sie einfach ein Pro-Maut-Argument als ihres, welches für sie vorher als Argument gegen die Anti-Ausländer-Maut diente.

Schulz, jetzt total im Maut-Modus, verzettelte sich daraufhin beim angeblich unmoralischen Zustandekommen des Maut-Gesetzes.
Nur die Stimme Thüringens – mit dem bösen, bösen LINKEN MP – hätte im Bundesrat die Antiausländermaut ermöglicht, während das Saarland  - mit „Merkels CDU-MP“ – dagegen gestimmt hätte.
Völlig absurd. Denn erstens regiert in beiden Ländern die SPD mit und zweitens spricht es doch eher für Kramp-Karrenbauer, wenn sie gegen ein Gesetz stimmt, welches Schulz so schlecht findet, das er es als Bundeskanzler sofort stoppen will.
Tatsächlich hätte Schulz an diesem Punkt die Kanzlerin sehr in die Enge treiben können. Dazu verwies er aber nur müde auf den CDU-Finanzminister Schäuble, der sich sorge, ob sich der Aufwand für die Maut lohne.
Als guter Wahlkämpfer hätte er aber Kampfvokabeln wie „Bürokratiemonster“ auspacken müssen und den TV-Zuschauer mit konkreten Zahlen schocken müssen, wie aufwändig und teuer das Eintreiben der Maut ist.
Das rechtliche Kernargument, mit dem der CSU-Nationalismus enttarnt wird, nämlich, daß in anderen Europäischen Ländern, die Maut erheben ALLE Maut bezahlen und nicht etwa die eigenen Bürger ausgenommen werden, vergaß Schulz völlig; ebenso wie den europäischen Gedanken, der ihm doch angeblich so wichtig ist. Daher hatte ja auch das Saarland gegen die Antiausländermaut gestimmt, weil die grenznahen Bundesländer extrem vom „kleinen Grenzverkehr“ profitieren.

So war es bei allen Themenkomplexen; die starken sachlichen Argumente gegen die Merkel-Linie fielen Schulz partout nicht ein.
So ging er ihr bei der Schonung der Auto-Konzerne voll auf den Leim, indem er ihr eifrig zustimmte es ginge um die 800.000 Arbeitsplätze in der Autoindustrie.

Mit keinem Wort erwähnte er, daß es im Bereich der erneuerbaren Energien inzwischen mehr Arbeitsplätze gibt, als bei VW, BMW und Co.
Mit keinem Wort erwähnte er, daß man mit dem Bau von emissionsarmen, wenig Benzin verbrauchenden und legal deklarierten Autos mindestens genauso  viele Arbeitsplätze benötigt.
Mit keinem Wort erwähnt er die Kehrseite des Dieselskandals, nämlich die Hunderttausenden Kinder und Erwachsenen, die durch die enormen städtischen Stockoxidbelastungen an Asthma, Neurodermitis und anderen Krankheiten leiden. Die Gesundheit der Kinder war ihm kein Wort wert; es ging nur um den Wiederverkaufswert der Dieselautos.
Mit keinem Wort erwähnte er wie gewaltig Deutschland inzwischen durch Merkels-Auto-Pampern technologisch hinter Japan, Frankreich, Italien und den USA zurückhängt.
Mit keinem Wort erwähnte er, daß mit Groß Britannien sogar das Mutterland des Kapitalismus einen Ausstiegstermin aus dem Verbrennungsmotor genannt hat.
Und die unglaubliche Steilvorlage, endlich auch den größten politischen Versager seit Jahrzehnten, nämlich Alexander Dobrindt einzugehen, erkannte Schulz erst recht nicht.
(Haha Breibandausbau, flächendeckendes schnelles Internet mit Internetminister Dobrindt. Ich sitze hier mal wieder seit Tagen offline rum und kann niemand erreichen, der sich darum kümmern würde.)
Der SPD-Mann hängte sich einfach an die Merkel-Argumentation, stimmte ihr zu und unterschied sich nur um Nuancen.

Ganz ähnlich verlief es beim Hauptthema Flüchtlinge.
Auch hier vertrat Schulz die reine Merkel-Linie, wollte sie aber in Details übertreffen.  Mehrfach gab er sich als harter Hund, wenn es darum ging „Gefährder“ abzuschieben.

Merkel konnte sich da als die abwägende Analytikerin geben, die schon weiter denkt; nicht nur Grenzen sichern will, sondern auch strategisch genial damit begonnen habe die Fluchtursachen zu bekämpfen. Schließlich verließe keiner gern sein Heimatland und wolle vermutlich auch zurückkehren, sobald es da sicher wäre.

Schulz versprach ein modernes Einwanderungsrecht wie in den USA, Kanada oder Australien.
Dann könnten migrationswillige Menschen schon in ihren Heimatländern Anträge stellen und müßten nicht über Jahre tatenlos in Deutschlands Notunterkünften auf BAMF-Entscheidungen warten.
Entscheidungen, die dank Merkels CDU-Innenministers viel zu lange brauchen.
Natürlich ließ er sich die Gelegenheit entgehen bei der Erwähnung de Maizières dessen indiskutable xenophobe Politik und seine ständigen Lügen zu thematisieren.
Merkels dreiste Behauptung sie arbeite an der Beseitigung der Fluchtursachen, nahm Schulz nur zustimmend hin.
Was für eine verpasste Gelegenheit. Auch hier hätte er sie knallhart stellen müssen und eine Liste runterrattern können, inwiefern Merkel sogar stetig dafür sorgt die Fluchtursachen zu verstärken: Deutsche Waffenexportrekorde, europäisches Leerfischen der afrikanischen Küstengewässer, Entziehen der Existenzgrundlage von Millionen afrikanischen Landwirten durch Überschwemmung von hochsubventionierten EU-Agrarprodukten (Stichwort „Hühnerklein“), Spekulation mit Lebensmittelpreisen, Nichteinhalten der deutschen Entwicklungshilfezusagen, Stärkung von afrikanischen Terrorregimen.

Es hätte so viele Argumente gegen Merkel gegeben, so viele Möglichkeiten sie ins Schwitzen zu bringen.
Leider fiel Schulz nichts davon ein.
Es fiel ihm auch nicht ein, wieso er eigentlich Kanzler werden will und mit welchen Parteien er sich dazu wählen lassen will.

Ich bin Sozialdemokrat. Für mich ist ein sogenanntes Spitzenduell nicht ausschlaggebend.
Hätte ich das deutsche Wahlrecht, würde ich niemals für die CDU stimmen, niemals für Merkel. Meine Stimme hätte Schulz, weil er allemal das kleinere Übel ist, weil die CSU aus der Regierung fliegen muß, weil ich von der Leyen, Schäuble und de Maizière nicht mehr sehen will, weil ich wirklich glaube, daß eine andere Bundesregierung vieles besser machen könnte.
Schulz ist auch nicht allein die SPD.

Aber um die 40% der deutschen Wähler sind angeblich noch unschlüssig was sie überhaupt wollen und wie sie Merkel finden. (Es ist mir ein Rätsel.)
Solche Leute muss man bei dem großen TV-Duell argumentativ packen, wenn man schon ähnlich Charisma-befreit ist, wie die Amtsinhaberin.
Meiner Ansicht nach hat Martin Schulz dabei heute völlig versagt.
Sicher könnte er womöglich dennoch ein guter Kanzler sein. Aber um überhaupt Kanzler zu werden, muß man auch entertainen können. Daran fehlt es.


Nachtrag:
Hatte ich schon gesagt wie sehr ich O2 verachte?
Am Freitag, innerhalb eines Zehnstunden-Zeitfensters, acht Tage nachdem ich einen kompletten Systemausfall erlitt, soll ein Techniker zu mir kommen.
Dafür wurde ich gezwungen einen weiteren O2-Vertrag abzuschließen, um wenigstens einen Internetstick zu bekommen, der nun, nach fünf Tagen offline, funktioniert.
Videogucken, Bilder einfügen, Downloads – all das wird erst mal schwierig. Aber ich kann, so Darwin will, ein bißchen Text in den Blog eingeben…
Alles Offline-Tammox, basierend auf Print-Zeitungs-Infos und TV.


Freitag, 1. September 2017

Impudenz des Monats August 2017

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Vorrede:

Ständig höre ich die Phrase „der irre Kim!“
Bei jeder Äußerung, bei jedem Waffentest, wissen Hinz und Kunz sofort, der nordkoreanische Diktator ist „irre“.

Ich bin da nicht so sicher. Vermutlich regiert Kim Jong Un so, wie es für die dritte Generation einer steinzeitkommunistischen Erbdiktatur logisch ist.
Er will die Macht für seine Familie erhalten, nicht abgesetzt werden und nicht in Frage gestellt werden.
In einer hochbewaffneten globalisierten Welt dürfte das ohne Atomwaffen aber kaum möglich sein.
Zumal die Bedrohung der staatlichen Integrität nicht nur eingebildet ist.

250.000 Amerikaner leben in Südkorea.
Der dem US Pacific Command (PACOM) unterstehende Großverband United States Forces Korea (USFK) steht seit 1957 mit mindestens 30.000 Mann direkt an der nordkoreanischen Grenze.

Man stelle sich für eine Minute vor, 30.000 bis an die Zähne bewaffnete nordkoreanische Elitesoldaten stünden in Mexiko direkt an der Südgrenze der USA.

Man stelle sich vor, dieser nordkoreanische Großverband stünde nicht nur drohend da, sondern hätte zuvor bereits auf US-Staatsgebiet gewütet, wie es die Amerikaner in Nordkorea taten.

[…..]  Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan eingetreten, die Kolonialmacht in Korea. Die Rote Armee rückte im August 1945 schnell nach Süden vor. Die USA fürchteten, Stalin könnte ganz Korea unter seine Kontrolle bekommen, sie definierte deshalb die südliche Hälfte der Halbinsel als ihre Einflusssphäre, mit dem 38. Breitengrad als Grenzlinie. Noch heute ist sie die innerkoreanische Grenze.
Im Koreakrieg starben allein im Norden etwa 1,5 Millionen Menschen
Dabei war niemandem in Washington bewusst, dass die verhasste Kolonialmacht Japan diese Linie schon einmal 1896 als Grenze von Einflusssphären definiert hatte, damals mit dem Zarenreich. Nach seinem Sieg im russisch-japanischen Krieg 1905 machte Tokio dann die Halbinsel, die strategische Mitte Nordostasiens, nach der auch Russland und China gegriffen hatten, zu seinem Protektorat, 1910 zur Kolonie. […..] Der Zweite Weltkrieg befreite Korea von den japanischen Besatzern, aber er spaltete es auch. Gespräche, das besetzte Land zu vereinen, scheiterten. […..]  Kim Il-sung, den Großvater des heutigen Machthabers […..] hatte sich im Widerstand gegen die Japaner einen Namen gemacht und später in der Roten Armee gedient. Nordkorea beanspruchte das Erbe dieses Widerstands von Anfang an für sich. […..] Am 25. Juni 1950 marschierte Kim Il-sung nach Südkorea ein, um das ganze Land unter seine Kontrolle zu bringen. Binnen weniger Wochen kontrollierten seine Truppen fast die ganze Halbinsel. Dann aber landete US-General Douglas MacArthur, gestützt durch ein Mandat der UN, im September 1950 und fiel den Nordkoreanern in die Flanke. […..]  Ein übler Vernichtungskrieg folgte, bei dem die Amerikaner alle Städte Nordkoreas zerstörten. Sie warfen 635 000 Tonnen Bomben über dem kleinen Land ab, mehr als im Zweiten Weltkrieg in allen Schlachten um den Pazifik. Etwa 1,5 Millionen Nordkoreaner kamen ums Leben. Die Frontlinie jedoch verschob sich kaum mehr. [….]   

Nachdem die USA 635.000 Tonnen Bomben über Korea abwarfen und 1,5 Millionen Koreaner töteten, die sich gegen die brutale japanische Besatzungsmacht erhoben hatten, liebte das koreanische Volk die Amerikaner nicht besonders. (….)

Aus Kim Jong Uns Perspektive sind militärische Muskelspiele keineswegs irre.
Er muss kontinuierlich provozieren, um genügend Angst und Respekt zu erzeugen.
Sollte der Rest der Welt auf den Gedanken verfallen, dieser Jong Un wäre doch eigentlich ganz nett und vernünftig und werde im Ernstfall davon absehen Atomraketen auf Seoul und Tokio zu schießen, könnte das bald das Ende seines Regimes bedeuten, weil die Anrainer auf allen Ebenen versuchen würden Pjöngjang und das Nordkoreanische Volk zu beeinflussen.

„Irre“ im Sinne von geistig nicht voll zurechnungsfähig; irre im Sinne von „krank“ oder „pathologisch“ scheint mir sehr viel eher der amerikanische Präsident zu sein.
Trump kann sein eigenes Verhalten nicht kontrollieren, ist nicht in der Lage sich zu zügeln, leidet an komplexen Wahnvorstellungen und weiß garantiert nicht die Konsequenzen seines Handelns abzuschätzen.

Müßte ich eine Woche mit einem der beiden Staatschefs in einem Raum verbringen, würde ich Kim wählen, weil ich ihn für intelligenter und zurechnungsfähiger als den orangen Oberami halte.

So wie das Weiße Haus derzeit funktioniert, verorte ich mehr Ratio in der Nordkoreanischen Regierung.

Kellyanne Conway, die Chefberaterin Trumps, trat in einer Pat-Robertson-Show auf, also jenem völlig wahnsinnigen Psychopathen, der Naturkatastrophen als Folgen der Homoehe versteht, und wurde gefragt, welches die charakteristischte Eigenschaft Trumps sei.
Kein Witz, die Chefstrategin des größenwahnsinnigsten und selbstverliebtesten Prahlers aller Zeiten, nennt Demut und Bescheidenheit als dessen Charakteristika.

[…..] Robertson kicked off the softball interview by asking Conway “what characteristic stands out in your mind” most about Trump, to which she replied that “it’s one that most of the media never associate with him, and I would say it’s humility.”
“With the gravity and responsibility of being president of the United States and commander in chief of our armed forces,” she said, “I would say that with that gravity and responsibility has come a great deal of humility.” [….]


Sowas Irres habe ich aus Pjöngjang noch nie gehört!


Würde man mich aber fragen, wo ich lieber leben möchte, dann brauchte ich keine Mikrosekunde Überlegung, um “USA” zu antworten.

Das Leben in Nordkorea ist nämlich scheiße.
Mal abgesehen davon, daß man vom Welthandel ausgeschlossen ist und nichts von dem bekommt, was man bei uns (im Westen) gewöhnt ist, sind auch noch alle Bürger gehirngewaschen und es gibt keine Freiheiten.
Wer es wagt auch nur ansatzweise aufzumucken, zu hinterfragen, oder zu widersprechen, landet ganz schnell im Gulag, oder wird gleich einen Kopf kürzer gemacht.
Hunderttausende vegetieren in Arbeitslagern des Regimes.
Nordkorea is no fun at all.

Und damit zur Impudenz des Monats.

Beklopptester Mensch ist Kenneth Bae.
Der US-Amerikaner saß zwei Jahre in einem nordkoreanischen Knast.

[….] Pae Jun Ho, der sich in den USA Kenneth Bae nennt, war Anfang November im Nordosten des kommunistischen Landes festgenommen worden. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA hatte Anfang Mai die Verurteilung gemeldet, ohne nähere Angaben zu den Vorwürfen gegen Pae zu machen. […]

Vor drei Tagen hörte ich Bae fassungslos zu, als er beim BBC-Hardtalk locker darüber plauderte wieder nach Nordkorea zu gehen.

[…..] Relations between the United States and North Korea have long been difficult. The recent toe-to-toe confrontation between Donald Trump and Kim Jong UN raised fears of a conflagration on the Korean Peninsula. Stephen Sackur speaks to Kenneth Bae. […..]  What does his experience tell us about the world's most secretive country? […..]

Wie kann man so irre sein?
Man reist nicht auf eigene Faust nach Nordkorea und veranstaltet dann ein großes Theater. Wenn man sofort im Zuchthaus landet und das sogar überlebt, hat man noch Glück gehabt.
Das kann auch anders enden.

[….] Ein junger Student ist auf Abenteuerreise, soll in seinem Hotel ein für ihn interessantes Plakat entdeckt und abgenommen haben. Hierzulande keine große Sache. Umso erschütternder ist der Fortlauf der Geschichte des US-Amerikaners Otto Warmbier. Nachdem der junge Mann das Plakat auf seiner Reise in Nordkorea abgenommen haben soll und schließlich mit seiner Reisegruppe wieder abreisen will, wird er am Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: Staatsfeindliche Handlungen.
Warmbier wird zu einem öffentlichen Geständnis gedrängt - daher gibt es Zweifel, ob er es überhaupt war, der das Plakat im Hotel abnahm. Am Ende steht eine Verurteilung des jungen Mannes zu 15 Jahren Haft mit Zwangsarbeit. Doch die Haft steht er offenbar nur einen Monat durch, dann fällt er ins Koma. Anderthalb Jahre später - vor einer Woche - wird Warmbier mit schwersten Hirnschäden zurück in die USA gebracht, nun ist er gestorben. Weil er - wenn überhaupt - ein Plakat von der Wand eines Hotels genommen hat. […..]

Anders als Warmbier, stolperte Bae aber nicht in sein Unglück, sondern wußte genau was ihm blüht. Er ist ein Überzeugungstäter, denn er ist hardcore-Religiot.
Denn nur Missionare sind schlimmer als Religioten an sich.
Es brauchte viel Geld, Geschick und den amerikanischen Geheimdienstdirektor James Clapper persönlich, um Bae nach seiner Missioniererei freizukommen.

[….] Es ist das Ende jahrelanger diplomatischer Verhandlungen: Die beiden US-Bürger Kenneth Bae und Matthew Miller sind in Begleitung des US-Geheimdienstdirektors James Clapper auf dem Rückflug in ihre Heimat. Das erklärte am Samstag ein Geheimdienstsprecher in Washington. Damit sind auch die letzten US-Amerikaner aus nordkoreanischer Haft entlassen worden. Erst wenige Wochen zuvor war der US-Tourist Jeffrey Fowle freigelassen worden. Er hatte fünf Monate im Gefängnis gesessen, weil er eine Bibel auf der Toilette eines Klubs in Pjöngjang liegengelassen haben soll.
Bae hingegen hatte eine weit längere Strafe abzusitzen. Der christliche Missionar mit südkoreanischen Wurzeln war zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, hat mittlerweile zwei Jahre in nordkoreanischen Gefängnissen hinter sich gebracht. Ein Gericht in Pjöngjang hatte es als erwiesen angesehen, dass er zum Umsturz des kommunistischen Regimes des politisch isolierten Landes aufgerufen habe. [….] Nach Angaben des US-Außenministeriums hatte sich nun Geheimdienstdirektor Clapper persönlich in die Bemühungen um die Freilassung eingeschaltet. [….]

Nicht daß es um Missionare besonders schade wäre – wer so von seinem Christengott überzeigt ist, daß er in ein streng muslimisches Land wie den Jemen oder nach Afghanistan reist, um dort allen aus der Bibel vorzulesen, endet mit hoher Wahrscheinlichkeit als Märtyrer.

Vor acht Jahren ging der Fall einer fünfköpfigen deutschen Familie aus dem sächsischen Meschwitz bei Bautzen durch die Weltpresse, weil die frommen Sachsen ausgerechnet in einem der muslimischsten Orte der Welt einforderten zum Christentum zu konvertieren. Die Religiotie muss weit fortgeschritten sein, um überhaupt auf so eine Idee zu kommen.
Es geht meistens nicht gut aus.

[….] Auch die drei ermordeten Frauen hatten eine missionarische Ausbildung durchlaufen. Die beiden deutschen Todesopfer, Anita G. (24) und Rita S. (25) waren Studentinnen der Bibelschule Brake, die auf die Evangelisierungsarbeit im Ausland vorbereitet und mit dem Missionswerk WEC zusammenarbeitet. Die getötete Südkoreanerin Eom Young-sun (34) hatte Theologie studiert und sich dann beim WEC für die Missionstätigkeit fortgebildet.

Vermutlich ist es irgendwie möglich in Ländern wie Afghanistan oder Saudi Arabien auch eine Zeit lang nicht aufzufallen.

In Nordkorea ist es unmöglich unter dem Radar zu bleiben.
Bae legte es wirklich drauf an in den Gulag zu kommen und nach zwei Jahren Arbeitslager, ist er gläubiger denn je.

[….]  Zwei Jahre verbrachte der «Jugend mit einer Mission»-Mitarbeiter Kenneth Bae in einem Zwangslager in Nordkorea. Wie sich sein Gebet von «Schick mich heim, Herr!» in «Gebrauche mich, Herr!» verwandelte, beschreibt er in seinem neuen Buch.
[….]  15 Mal war er innerhalb von zwei Jahren als Touristenführer in Nordkorea gewesen – bis die Flughafenpolizei 2012 seinen Harddrive mit christlichem und missionsrelevantem Material beschlagnahmte.
«Für die Regierung Nordkoreas ist ein Missionar dasselbe wie ein Terrorist», schreibt Bae in seinem Buch «Not Forgotten: The True Story of My Imprisonment in North Korea» (Nicht vergessen: Die wahre Geschichte meines Gefängnisaufenthaltes in Nordkorea). Und weiter: «Für die Regierung ist das Evangelium von Jesus Christus äusserst gefährlich.» Dies war der wahre Grund seiner Gefangennahme, nicht die «feindseligen Handlungen gegenüber der Regierung», wie es in der offiziellen Verurteilung zu 15 Jahren Haft in einem Arbeitslager hiess. «Mein Verbrechen war, dorthin zu gehen und dafür zu beten, dass Gott erneut das tut, was er bereits einmal getan hat (eine Erweckung schenken, Anm. d. Red.). [….]. «In Nordkorea lernte ich Gottes Treue kennen, erlebte seine Gnade, sah sein Erbarmen auf eine Weise, wie ich es mir vorher nie hätte vorstellen können. Ich lernte, Gott zu vertrauen und an seinen Versprechen festzuhalten.» In diesem Sinn waren die zwei Jahre im nordkoreanischen Gefängnis für Bae wie eine geistliche Erneuerung: «Es war, als hätte ich eine persönliche zweijährige Zeit der Ruhe und Abgeschiedenheit mit dem Herrn Jesus gehabt.»
[….] Trotz aller Vorsicht gab es immer wieder Möglichkeiten, die Wächter versteckt auf Jesus hinzuweisen. «Am Ende eines Gesprächs sagte ein Wächter: 'Du sagst, dass Gott deine Gebete beantwortet. Wenn Gott wirklich existiert, warum bist du dann immer noch hier?' Ich erklärte ihm, dass Gottes Pläne anders sind als unsere und sagte ihm: 'Vielleicht bist du Teil seines Plans.  […..]

Zwei Jahre Kerker bei Kim?
Für Bae ein „Blessing“.