Samstag, 24. Dezember 2016

Lebensschutz à la Christ



Wenn organisierte Religioten über den Wert des Lebens orakeln, unterschiedliche Wertigkeiten definieren und schließlich zum Kampf für das ihrer Meinung nach wertvollste Leben ansetzen, ist immer Vorsicht geboten.

Was eigentlich Leben ist, welches geschützt werden muß, definieren sie ganz allein.
Tierleben gehören natürlich nicht dazu.

Amerikanische PRO-LIFE-Aktivisten sind genauso fanatisch wie die deutschen sogenannten „Lebensschützer“. Sie ordnen das Leben einer Frau oder eines Gynäkologen etwas anderem unter.
Ihr geschlossenes Weltbild ist typischerweise mit vielen anderen Ressentiments verquickt. Lebensschützer sind in Personalunion fast immer auch Homohasser oder agitieren gegen PID, Stammzellenforschung, Gentherapie für MS- oder Alzheimerkranke, Sterbehilfe und Patientenverfügungen.


Die christliche Religion bietet dabei den Leim, der die diversen Vorurteile mit der Fundi-immanenten „Wir sind besser als die“-Attitüde verklebt. Wir sind besser als die, wir dürfen mehr als die.
Sie maßen sich daher an exklusiv zu definieren was Familie ist. Uneheliche Gemeinschaften oder gemischtrassige Paare müssen nicht unbedingt dazu gehören. Schwule und Lesben sogar ganz bestimmt nicht - als ob nicht auch jeder LGBTI Eltern, Geschwister, Tanten und Cousins hätte.

Besonders grotesk agieren Lebensrecht-betonende Fundis in Bezug auf Gewalt.

Folter, Kriegseinsätze, Militär, Waffen, Todesstrafe – alle Methoden, bei denen letztendlich menschliche Leben vernichtet werden, finden ausgerechnet bei sogenannten PRO-LIFE-Anhängern signifikant mehr Zustimmung als bei Atheisten.

Christians More Supportive of Torture than Non-Religious Americans
A new Washington Post/ABC News poll finds that Americans, by a 59-31% margin, believe that CIA “treatment of suspected terrorists” in detention was justified.
A plurality deemed that “treatment” to be “torture,” by a 49-38% margin.
Remarkably, the gap between torture supporters and opponents widens between voters who are Christian and those who are not religious. Just 39% of white evangelicals believe the CIA’s treatment of detainees amounted to torture, with 53% of white non-evangelical Protestants and 45% of white Catholics agreeing with that statement. Among the non-religious, though, 72% said the treatment amounted to torture. (The poll did not break down non-Christian religions in the results.)
Sixty nine percent of white evangelicals believe the CIA treatment was justified, compared to just 20% who said it was not. (Those numbers, incidentally, roughly mirror the breakdown of Republican versus Democratic voters among white evangelicals.) A full three-quarters (75%) of white non-evangelical Protestants outnumber the 22% of their brethren in saying CIA treatment was justified. White Catholics believe the treatment was justified by a 66-23% margin.
But a majority of non-religious adults, 53%, believe the CIA actions were not justified, with 41% of the non-religious saying the treatment was justified. [….]

Ein ähnliches Bild bei der Todesstrafe in Amerika. Obwohl dort seit 1973 bisher 130 Fälle von unschuldig Hingerichteten dokumentiert sind, begeistern sich gerade die Bibelleser für das Töten anderer Menschen.


Individuals who self-identify as Protestants are somewhat more likely to endorse capital punishment than are Catholics and far more likely than those with no religious preference. More than 7 in 10 Protestants (71%) support the death penalty, while 66% of Catholics support it. Fifty-seven percent of those with no religious preference favor the death penalty for murder. [….]


In Deutschland ist man eigentlich zurückhaltender gegenüber der Todesstrafe, aber unter der Führung der christlichsten Kanzlerin aller Zeiten, weicht die Opposition zum offiziellen Töten anderer auf.
Kein böses Wort hört man aus den Reihen der zu 100% christlichen Bundesregierung zu den hunderten Todesopfern durch US-Drohnen.

De Maizière und Merkel und Seehofer und der tägliche Bibel-Hörer Söder, die alle für Parteien mit dem C im Namen stehen, finden es auch offensichtlich nicht weiter störend, daß im Jahr 2016 ein Rekordzahl Flüchtlinge im Mittelmeer verreckt ist.

Bei der Flucht über das Mittelmeer sind nach Schätzungen der internationalen Organisation für Migration (IOM) und des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in diesem Jahr etwa 5000 Menschen umgekommen. Das seien so viele wie in keinem Jahr zuvor, sagte IOM-Sprecher John Millman in Genf. "Ein trauriger Rekord." Schätzungen zufolge starben im Jahr 2015 etwa 3600 Menschen im Mittelmeer.
Zuletzt kamen nach Angaben der Organisationen am Donnerstag etwa 100 Menschen ums Leben, als zwei Schlauchboote vor Sizilien kenterten, die von Libyen nach Italien unterwegs waren. [….]

Im Gegenteil; sie tun alles dafür, um die Zahl weiter hoch zu treiben, indem für hermetisch verschlossene Grenzen gesorgt wird.

Die fromme Pfarrerstochter Merkel, die immer wieder die christlichen Wurzeln ihres Handelns betont, respektiert nicht jedes Mitglied der göttlichen Schöpfung.

2011 freute sich Frau Merkel sogar öffentlich über die widerrechtliche Tötung eines Menschen – das brachte ihr eine Anzeige ein.

[….] Ein Satz von Angela Merkel, den die Bundeskanzlerin als Reaktion auf die Tötung Osama Bin Ladens äußerte: "Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten", sagte die CDU-Politikerin am Montag.
Die Reaktion wird seither heiß diskutiert - politisch, völkerrechtlich, ethisch, moralisch. Heinz Uthmann hat die öffentliche Debatte nun neu befeuert, auf seine ganz persönliche Art: Er hat die Bundeskanzlerin angezeigt. Wegen öffentlicher Billigung eines vorsätzlichen Tötungsdelikts, strafbar gemäß Paragraf 140 des Strafgesetzbuches (StGB).
Darin heißt es im Kern: Wer eine rechtswidrige Tat öffentlich billigt, kann mit bis zu drei Jahren Haft oder einer Geldstrafe bestraft werden. Merkels Äußerung begründe "den Anfangsverdacht einer Straftat nach § 140 StGB", schreibt Uthmann in seiner zweiseitigen Anzeige, die er am Mittwochabend bei der Hamburger Staatsanwaltschaft in den Briefkasten geworfen hat und die SPIEGEL ONLINE im Wortlaut vorliegt. [….]

Als Top-Misanthrop kann ich mich nur wundern.
Ja, natürlich wünsche ich mir abstrakt betrachtet das Ende der Rasse Homo Sapiens. Homo Sapiens ist generell zu schädlich für alle anderen Arten der Flora und Fauna.
Der Planet hätte Grund zur Freude, wenn er endlich die ekelige Infektion los wäre.


Weil ich aber selbst zu dieser Pest-Gattung* gehöre, möchte ich mir umso weniger anmaßen über das Lebensrecht anderer zu urteilen.
Es erschreckt und schockiert mich zu beobachten, wie auch Westeuropa erneut verroht.
Immer wieder wird der grausame Tod eines Individuums nicht nur achselzuckend hingenommen, sondern sogar begrüßt.

Saddam Hussein, der in seinem Loch hockte und schließlich grausam im Zuge seiner Hinrichtung zehn Minuten mit dem Tode ringend am Strick hing und dabei gefoltert und ausgelacht wurde – der fromme Christ und US-Präsident George W. Bush würdigte die Hinrichtung von Saddam Hussein als „gerechte Strafe“.

Laut des Arabien-Experten Peter Scholl-Latours wurde der frühere libysche Diktator Muammar al-Gaddafi von seinen Gegnern zu Tode gefoltert worden und dabei "mit einer Eisenstange gepfählt".


Über Osama bin Ladens Tod weiß man bis heute keine Einzelheiten, außer daß mindestens vier weitere Anwesende erschossen wurden, darunter auch ein Kind  und die Ehefrau bin Ladens.
Überfallartig wurden auch Familienangehörige gekillt und die Bundeskanzlerin freut sich?

Der fromme überzeugte Christ Charles Taylor ließ als liberianischer Präsident seinen Vorgänger Samuel Doe, der 1980-1990 an der Macht war, vor laufenden Kameras lebendig zerstückeln. Im Jahr 2009 konvertierte Taylor zum Judentum, obgleich er behauptete weiterhin Jesus Christus zu dienen.

Gestern nun wurde der Berlin-Attentäter Anis Amris erschossen und auch das wird eher freudig aufgenommen.
Grazie mille, Signori lautet die Überschrift in der SZ zum Thema.

Keiner der genannten Typen war ein netter Mensch, alle haben selbst mehrfach getötet.
Aber es widert mich an, wie selbstverständlich das Tötungstabu relativiert wird.
Weil Saddam und Osama Arschlöcher waren, dürfen wir auch Arschlöcher sein?
Da ist er wieder, der ekelhafte Rache- und Strafe-Gedanke aus dem Alten Testament. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Für Christen mag das OK sein. Ich wünsche mir, daß Homo Sapiens diese Ideologie überwindet und zu etwas besseren als Christen wird.


* Sind wir, Homo Sapiens, eigentlich eine Art, eine Spezies, eine Rasse? Wie heißt das wissenschaftlich korrekt. Fall hier zufällig ein Biologe mitliest, wäre ich über Aufklärung dankbar.

Freitag, 23. Dezember 2016

Reicher als Gott

Seine Exzellenz Hans-Josef Becker (* 1948), Erzbischof von Paderborn herrscht als Metropolit der Archidioecesis Paderbornensis auch über die Suffraganbistümer Erfurt, Fulda und Magdeburg.
Der Großoffizier und Prior der Ordensprovinz Rheinland-Westfalen des Päpstlichen Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem verfügt über die größtmögliche Machtfülle, die es vorm Kardinal gibt.


Hungern muß der gute Mann in der Besoldungsstufe B10 (Grundgehalt 11.000 Euro) ebenfalls nicht, da der bischöfliche Privathaushalt aus der Kirchensteuer bezahlt wird.
Natürlich werden die finanziellen Privilegien des Paderborner Metropoliten nicht offengelegt – obwohl das Gehalt eben nichts aus Kirchenmitteln, sondern aus dem Haushalt des Landes NRW berappt wird.
Rechnet man aber die finanziellen Privilegien der Pfarrer hoch, dürfte Herrn Becker am Ende des Monats ein hübsches Sümmchen bleiben.

[….] Zusätzlich sind aber folgende Faktoren zu berücksichtigen:

·        Geistliche erhalten grundsätzlich (mit wenigen Ausnahmen) ein volles 13. Monatsgehalt und alle im öffentlichen Dienst üblichen Zuschläge (z. B. Urlaubsgeld, vermögenswirksame Leistungen). Die Höhe der Zusatz-Einkünfte für besondere Dienste (z. B. Taufen, Trauungen, Bestattungen, Religionsunterricht, Meßstipendien) hängt von der Regelung in der einzelnen Diözese/Landeskirche ab.
·        Fast immer wohnen Geistliche in einem Pfarrhaus o. ä., wo sie nur eine geringe Miete entrichten. Im Vergleich zum Normalbürger sparen sie je nach Wohnort und Lage einen Mietaufwand von 400 bis 1200 (im Schnitt etwa 700) Euro. Diesen "geldwerten Vorteil" müssen sie versteuern; er gilt als Zusatz-Einkommen.
·        Von den Bruttogehältern ist neben der Steuer nur noch ein Eigenbeitrag zur Krankenversicherung von etwa 250 EUR monatlich abzuziehen. Weitere Sozialversicherungsbeiträge fallen nicht an.
·        Bei der Krankenversicherung, der Kfz-Haftpflicht und anderen Versicherungsarten erhalten Pfarrer Vorzugstarife. Auch können sie bei einer kirchlichen Bank ein gebührenfreies Gehaltskonto führen.
·        Wegen des Pfarrermangels steigen katholische Kapläne in den meisten Diözesen relativ schnell in die Besoldungsstufe A 14 auf - meist mit einer deutlich günstigeren Dienstaltersstufe als im öffentlichen Dienst.
·        Die Kosten der kath. Pfarrhaushälterinnen werden zu 50 bis 75 Prozent (je nach Bistum) aus Kirchensteuern bezahlt, nur den Restanteil zahlen die Pfarrer selbst, können ihn aber von der Steuer absetzen.
·        Fahrten zur Arbeitsstelle werden voll erstattet; andere Arbeitnehmer erhalten nur einen Teil über die Steuer.

Die Veranschlagung des monatlichen Pfarrer-Durchschnittseinkommens auf 6.000 EUR (Stand 1.3.16) ist eher noch abgerundet. [….]

Erzbischof Becker legt genauso wenig wie seine Brüder im Amt alle Vermögenswerte seiner Kirchenprovinz offen.
Niemand außer ihm und dem Domkapitular dürfte Einblick in wirklich alle Kassen haben.
Aber selbst die bisher offengelegten Summen aus Paderborn lassen darauf schließen, daß die RKK Paderborn nicht unbedingt darauf angewiesen ist sich die Gehälter der Topkleriker vom verschuldeten Bundesland NRW bezahlen zu lassen.

Erzbistum Paderborn steigert Vermögen
[….]  Das Erzbistum Paderborn verzeichnet für 2015 einen Jahresüberschuss von rund 44,2 Millionen Euro. Das geht aus dem am Dienstag in in Paderborn vorgestellten Finanzbericht hervor. Im vergangenen Jahr hatte der Überschuss 41 Millionen Euro betragen. Die Einnahmen aus der Kirchensteuer stiegen um 20 Millionen Euro oder 5,3 Prozent auf rund 396 Millionen Euro. [….] Das Vermögen der Erzdiözese stieg nach den Angaben um 3,7 Prozent auf 4,16 Milliarden Euro, vor allem wegen zusätzlicher Mittel für die Altersversorgung aufgrund der niedrigen Kapitalmarktzinsen. Damit liegt Paderborn hinter dem Erzbistum München-Freising mit einer Bilanzsumme von 6,26 Milliarden Euro und vor der Erzdiözese Köln mit einem Vermögen von 3,52 Milliarden Euro. Allerdings sind in der Paderborner Bilanzsumme der Erzbischöfliche Stuhl und das Domkapitel noch nicht erfasst.  [….]
(gho/KNA 25.10.2016)

Das Geheimnis des Beckerschen Reichtums ist leicht ergründet.
Sein Trick ist wie beim eigenen Gehalt immer einen anderen Blöden zu finden, der die Rechnungen bezahlt.

Der Erzbischof hätte gern eine neue Bass-Glocke, um das Geläut zu optimieren.

Spendenaufruf für neue Domglocken
[….]  Die große Glocke soll 13.000 Kilogramm wiegen, die kleine 1.000 Kilogramm. Die geplanten neuen Glocken des Hohen Domes sollen ab 2018 für eine musikalische Optimierung des Domgeläutes sorgen. [….]
Die Kosten für die große Glocke belaufen sich laut Angebot auf 275.000 Euro. Die kleine Glocke, deren Preis sich auf 17.000 Euro beläuft, ist bereits gestiftet. Das Paderborner Metropolitankapitel wirbt um Spenden für die Bass-Glocke des Domes (Ton e), denn, wie bei allen Kirchen im Erzbistum Paderborn, müssen Glocken durch Spenden finanziert werden. Selbstverständlich kann für eine Spende auch eine Spendenquittung ausgestellt werden. "Interessierte Einzelspender und Vereine können ab jetzt alle Fakten in einem speziellen Spendenflyer nachlesen, der im Hohen Dom, im Erzbischöflichen Generalvikariat und auch in den Paderborner Kirchengemeinden ausliegt", so Dompropst Monsignore Joachim Göbel, der stellvertretend für das Metropolitankapitel Paderborn um Unterstützung bittet. [….]

Mit derselben Berechtigung könnte Bill Gates per Crowdfunding darum bitten ihm ein neues Notebook zu kaufen.

1.549.231 Menschen finden das offenbar so wenig seltsam, daß sie immer noch Mitglieder der RKK Paderborn sind.


Donnerstag, 22. Dezember 2016

Fähige Politiker.

Ein größerer terroristischer Anschlag in Deutschland war ungefähr so überraschend wie das Amen in der Kirche.
 Eine Frage der Zeit.
Umso erstaunlicher, daß Merkel so gar nicht drauf vorbereitet war und nur dümmlich losplapperte.

Fähige Politiker können das auch mit den richtigen Worten und der richtigen Haltung kommunizieren.

"Sie mögen in diesem Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollen sich nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes. Dabei müssen wir alle trotz unseres Zornes einen kühlen Kopf behalten".
(Helmut Schmidt 1977)


Einen Helmut Schmidt gibt es nicht mehr.

Ole von Beust, teuerster und schlechtester Bürgermeister, den Hamburg je hatte, verursachte durch seine Jahrhundertfehlentscheidungen einen zweistelligen Milliardenschaden für die Stadt.
Er traf aber nicht nur grundsätzlich diese idiotischen Entscheidungen, sondern glaubte auch noch, es liefe schon irgendwie alles von allein, wenn er einmal gesagt hätte wo es lang geht.
Der Di,Mi,Do-Bürgermeister war chronisch arbeitsscheu und kümmerte sich grundsätzlich nicht um die Umsetzung seiner grotesken Pläne.

Von Beust ist völlig schamlos und ließ sich just mit einer Barkasse mit der versammelten Presse vor der inzwischen tatsächlich fertiggestellten Elbphilharmonie feiern.

Dabei waren der Ex-Bürgermeister und seine damaligen CDU-Senatskollegen schlicht und ergreifend unfähig den Bau zu überwachen und die Kosten zu kontrollieren. Das gelang erst als sich Olaf Scholz und die leider, leider, leider gerade verstorbene Barbara Kisseler der Sache annahmen.

Eine Großstadt zu regieren ist nicht in erster Linie ein politischer Job, sondern ein Verwaltungsjob; eine MGMT-Aufgabe.

Zum großen Glück der Hamburger ist der gegenwärtige Bürgermeister Olaf Scholz ein exzellenter Manager.

Selbst die Mammutaufgabe in einer Stadt mit eine Wohnungsleerstandsquote von 0,4% Myriaden Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen, gelingt in Hamburg deutlich besser als in anderen Bundesländern.

Scholz erweist sich dabei als so fähiger Politiker, daß die Hauptstadt Berlin vor einer Woche offiziell um Amtshilfe bat.
„Lageso“ ist in Berlin nur die Spitze des Eisbergs.
Die Berliner Verwaltung hat bei der Ausschreibung so gewaltige Fehler gemacht, daß Heimatvertriebene noch immer in Turnhallen zusammengepfercht leben müssen. Berlin sieht sich außer Stande der Sache Herr zu werden.

Mario Czaja (CDU), vom 01. Dezember 2011 bis zum 8. Dezember 2016 Senator für Gesundheit und Soziales im Senat Wowereit und Senat Müller I hatte die Flüchtlingsunterbringung so katastrophal gegen die Wand gefahren, daß der neue R2G-Senat in Hamburg anrief.

Flüchtlingschaos in Berlin Hamburg muss die Hauptstadt retten
[…] Berlin versinkt im Flüchtlingschaos – und Hamburg soll das Problem nun lösen. Weil die Hauptstadt mit der Unterbringung von Asylsuchenden heillos überfordert ist, hat sie bei den Norddeutschen Amtshilfe beantragt.
Kein Platz, keine Privatsphäre, keine Perspektive – dicht an dicht stehen die Betten in der Turnhalle an der Berliner Hüttenstraße. Sie ist eine von 38 Notunterkünften, in denen derzeit 3.000 Flüchtlinge untergebracht sind.
Während Sporthallen in Hamburg immer ein Tabu waren, hat die Hauptstadt von Anfang an Asylsuchende dort untergebracht – und nun ein echtes Problem. Die Stadt bekommt die Flüchtlinge dort nicht mehr raus!
[…][…] Die neue Regierung um Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat jetzt einen neuen Weg eingeschlagen – und Hamburg um Hilfe gebeten.
„Da sich die Situation in den Turnhallen verschlechtert und teilweise prekäre Bedingungen herrschen, sollen bereits während der Laufzeit der Ausschreibungen temporäre Lösungen gefunden werden“, heißt es in einer Mitteilung des Berliner Senats. Eine davon ist die Amtshilfe durch andere Bundesländer – und die soll aus Hamburg kommen. […]

Liebe Berliner, wir helfen doch gern.
Und es ist erfreulich zu sehen, daß Ihr wie auch die Hamburger nach den dunklen Jahren 2001-2011 gelernt habt die Stadtregierung nicht mehr CDU-Politikern zu überlassen.
CDU bähbäh. Bitte nicht wiederwählen.


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Nur so eine Idee.

In einer kleinen Stadt an der ostfriesischen Küste gibt es ein sagenhaft gut sortiertes Wollgeschäft, welches seit Jahrzehnten von einer Spanierin geführt wird.
In der Gegend gibt es eine riesengroße iberische Gemeinde, da die Fischfabriken in und um Cuxhaven fast nur spanische und portugiesische Arbeiter beschäftigen. (Einer dieser Jobs, für die sich Deutsche zu fein sind.)
Man eröffnet nicht unbedingt in der niedersächsischen Provinz einen Wollladen, wenn man plant irgendwann Multimilliardär zu werden und die Weltherrschaft zu übernehmen.
Häkeln und Stricken ist aber kontemplativ. Auch wenn man nicht reich wird, hat man vielleicht mit so einem Laden sein finanzielles Auskommen und führt ein zufriedenes Leben.
Seit einigen Jahren ist Stricken wieder extrem in Mode gekommen.
Man strickt nun nicht mehr, weil gekaufte Pullover zu teuer sind, sondern betrachtet es als reine Entspannungsmethode. In der hektischen Smombi-Welt ist das der Megatrend: Offline sein und dann irgendetwas mit den Händen machen: Ausmalbücher kolorieren, Handarbeiten oder Sudokus lösen.
Wie schön für die Spanierin; auf ihre alten Tage kommt noch mal eine ordentliche Belebung ins Geschäft.
Dachte ich zumindest.
In Wahrheit verliert sie so massiv Kunden, daß der Laden bald schließen muß.
Dabei ist die Bude immer voll; weil jeder weiß wie gut sie sich mit Strickmustern und komplizierten Häkelabläufen auskennt.
Die Leute kommen mehr denn je zu ihr und fragen sie um Rat. Nur kaufen sie nichts mehr, weil sie erstaunlicherweise zufällig alle gerade größere Mengen Wolle von jemand geschenkt bekommen haben.

In Hamburg gab es diesen Effekt schon vor vielen Jahren.
Als es in der Stadt noch diverse Elektronik-Fachgeschäfte gab, erzählte mir mein Friseur eines Tages voller Stolz; er sei über eine Stunde bei Brinkmann gewesen, um sich ausführlich über Waschmaschinen beraten zu lassen und dann sei er rausgegangen und habe das Wunschobjekt im Internet bestellt; da habe es viel weniger gekostet. Mir schoss die Zornesröte ins Gesicht.
Die Ernst Brinkmann KG meldete 2001 Insolvenz an.

Selbstverständlich sind diese vielen kleinen Geschäfte, die Service und Beratung boten inzwischen alle tot. Nun gibt es nur noch Saturn und Mediamarkt, die beide dem METRO-Konzern gehören.
Hauptsache billig. Und wenn der Fernseher, das Notebook, der Föhn oder die Kaffeemaschine kaputt geht, schmeißt man das Gelumpe weg und kauft gleich was Neues. Es gibt ohnehin niemand, der ins Haus käme, um so etwas zu reparieren. Und wer will schon einen großen TV oder einen Staubsauger zurück zu SATURN schleppen, um in der Reparaturabteilung eine Nummer zu ziehen, drei Stunden zu warten, um dann zu erfahren, das müsse jetzt erst mal eingeschickt werden und man solle schon mal den Kostenvoranschlag zur Reparatur in Höhe von EUR 170,00 bezahlen?

Jeder beklagt das Sterben der inhabergeführten Geschäfte, in denen es Bratung und Service gibt. Jeder kann abendfüllend die abstrusesten Erlebnisse mit Paketlieferdiensten erzählen, sich über Paketboten ärgern, die gar nicht erst klingeln. Es jammert auch jeder über die verstopften Straßen, weil an jedem zweiten Haus gerade ein DHL-, GLS-, DPD-, Hermes- oder UPS-Wagen in zweiter Reihe hält.
Es will nur keiner den Zusammenhang mit dem eigenen Konsumverhalten erkennen.

Gerade diese Woche erlebte ich wieder eine absolut haarsträubende Geschichte mit einer Paketlieferung, die mich zehn Jahre altern ließ.
Man kann noch nicht mal einen gesunden Hass auf die Paketboten entwickeln, weil klar ist, daß sie arme unterbezahlte Schweine sind, die jeden Tag 12 Stunden racken und am Ende des Monats ungefähr auf HARTZ-Niveau rauskommen.

Könnte man nicht wenigstens die Beschäftigten in der Lieferbranche anständig bezahlen, wenn die deutsche Bundesregierung schon nicht in der Lage ist die ganz großen Versender dazu zu bringen Steuern zu zahlen?
IKEA und AMAZON haben sich bekanntlich in Steueroasen abgesetzt und zahlen auf ihre gewaltigen Milliardengewinne quasi keine Steuern.

Wären die Konsumenten tatsächlich an Nachhaltigkeit interessiert und verhielten sich klug, dann könnten sie wenigstens die schlimmsten Ausbeuterkonzerne meiden.
Aber das ist hoffnungslos. Hauptsache billig.

Da der Verbraucher zu doof ist, sollte der Gesetzgeber aktiv werden.
Mir schwebt ein von Großversendern zu zahlendes Mindestporto von 15 Euro vor. Oder 17, oder 20 Euro.
Es muß so wehtun, daß die Paketlieferanten erheblich besser bezahlt werden und daß sich Kunden genau überlegen, ob sie nicht doch lieber die Wolle im Laden nebenan kaufen, statt das 19 Cent billigere Knäul bei Amazon zu schießen.

So ein Mindestpaketporto beträfe natürlich nur Geschäftskunden, so daß Oma Kowalski ihrem Enkel weiterhin die selbstgebackenen Kekse sehr günstig schicken kann.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Im Spin-Room

Gut möglich, daß ich die Vergangenheit idealisiere.
Aber gab es nicht mal Zeiten, in denen bei Katastrophen aller Art zunächst neutral berichtet, anschließend von Experten analysiert und schließlich von Klugen kommentiert wurde?

Inzwischen sind aber die Reaktionen auf die Nachricht die eigentliche Nachricht.
In TV-Nachrichtenstrecken unterläßt man es eigene journalistische Kompetenz zu zeigen und blendet stattdessen Tweets relevanter und noch mehr irrelevanter Personen ein.

Beispielsweise auf sueddeutsche.de gibt es zwar noch einen Artikel „Was wir über die Tat wissen und was nicht“, aber ich muß das eigentlich gar nicht mehr anklicken. Mir reicht das, was ich in den Überschriften aufgeschnappt hatte: Berlin, Weihnachtsmarkt, LKW in Menge, 12 Tote.

Mehr Fakten braucht niemand. Während die Einsatzkräfte noch zwischen den Leichen und Verletzen knien, fährt die „wie schlage ich daraus Kapital?“-Maschine blitzschnell auf 100% Leistung.

Ja, natürlich haben die paar Extrarationalen vollkommen Recht, die 12 Tote durch einen mutmaßlichen Anschlag in Relation zu anderen, größeren Todeszahlen setzen. So viele Menschen sterben jeden Tag im deutschen Straßenverkehr; es sterben sogar weit mehr Menschen in Deutschland täglich durch Ärztepfusch und noch mehr durch Hygienemängel in Krankenhäusern, weil die Politik vor der Lobby eingeknickt ist. Bekanntlich kann man MRSA-Infektionen, also das myriadenfache Sterben durch multiresistente Krankenhauskeime auch verhindern – das zeigt Holland. Aber das würde Geld kosten, mehr Personal erfordern und somit die Milliardengewinne von Typen wie Bernd große Broermann schmälern.
Die Oma von nebenan, die nach einer Knie-OP an Wundinfektionen stirbt, weil im Asklepios-Krankenhaus siffiges OP-Besteck benutzt wurde, ist aber politisch schlecht auszunutzen.

Terrortote in Berlin (Hauptstadt! Merkel!) zur Weihnachtszeit (Christlich! Friedlich!) in Zusammenhang mit einem Flüchtling (Muslim! Asylantenflut!) sind wesentlich wertvollere Leichen. Damit kann man etwas anfangen.

Lange Partynacht: Anwohner von AfD-Parteizentrale beschweren sich über Ruhestörung
Berlin (dpo) - Was war da denn los? Die Berliner Polizei hat in der Nacht von Montag auf Dienstag um kurz nach 22 Uhr mehrere Anrufe wütender Anwohner erhalten, die sich über lauten Partylärm aus der AfD-Parteizentrale in der Schillstraße beschwerten. Die Polizei musste mehrfach anrücken und löste die Feierlichkeiten schließlich in den frühen Morgenstunden auf.
"Ich wollte mich gerade schlafen legen, da höre ich plötzlich diesen Krach, als wenn einer mit einem Maschinengewehr rumballert", erzählt uns ein Anwohner. "Nach einer kurzen Schrecksekunde wurde mir bewusst: Das sind Sektkorken! Dann wurde Musik laut aufgedreht und herumgegrölt. Ich habe dann die Polizei alarmiert."
Im Laufe des Abends erhielt die Polizei weitere Anrufe von Anwohnern, die sich über Jubelgeschrei, lautstarkes Gelächter und ohrenbetäubende Musik aus der AfD-Parteizentrale beschwerten. Die Beamten müssen mehrfach ausrücken und die Feierwütigen dazu ermahnen, die Musik leiser zu stellen – vergeblich. [….]

Die üblichen Verdächtigen recken ihre kotbraunen Twitterfingerchen und legen los.


Längst sind es nicht mehr nur oppositionelle Fascho-Populisten, die genüsslich ihre demagogischen Werbesprüche in die Welt ballern.

Der zukünftige US-Präsident handelt genauso, ist für diese Methoden sogar gewählt worden.

Zehn Etagen unter dem menschlichen Mindestanstand agitieren aber auch Politiker der in Bayern mit absoluter Mehrheit gewählten CSU.


Deutsche Profipolitiker anderer Parteien versagen aber auch bei ihren öffentlichen Reaktionen. Bis auf wenige.

Ulrich Schulte: Auf eine solche Tat haben die Rechtsextremen gewartet?

Konstantin von Notz: Diejenigen, die unsere liberale und offene Gesellschaft spalten und den Rechtsstaat beschädigen wollen, werden versuchen, den Anschlag zu instrumentalisieren. Sie versuchen es jetzt schon. Islamisten und Rechtsextreme kochen dabei übrigens dieselbe Suppe. Sie versuchen, aus Angst Profit zu schlagen.

Ulrich Schulte: Der nordrhein-westfälische AfD-Landeschef Marcus Pretzell twitterte kurz nach dem Attentat, dies seien „Merkels Tote“. Sollte man solche Provokationen ignorieren – oder verurteilen?

Konstantin von Notz: Politische Widerlichkeit ist wählbar und heißt AfD. Pretzell macht nicht mal den Versuch, seine abgründigen Interessen zu kaschieren. Das spricht für sich selbst. Demokratische Parteien dürfen sich die Debatten nicht von der AfD aufzwingen lassen, aber eben auch nicht schweigen, wenn sich Rechtsextreme im Leid der Opfer und der Angst der Menschen suhlen.

Lügenminister de Maizière, der schon seit anderthalb Jahren Flüchtlingen genauso pauschal wie faktenwidrig alles Negative unterstellt, verkündete zunächst einmal, er bete für die Opfer.


Das ist an Schwachsinnigkeit kaum zu unterbieten. Schließlich ist Religion mit ihrer rechthaberischen und jenseitsgläubigen „wir sind besser als die“-Haltung die Ursache der Gewalt.
Der deutsche Innenminister will nun also das Übel mit mehr Übel bekämpfen.
Mit Beterei, also der Ausrede von Menschen, die nicht tatsächlich helfen wollen.




Einen Tag später schrieb de Maizière doch tatsächlich "Herr, gib ihnen die Kraft..." in das Kondolenzbuch. Dem Mann ist nicht mehr zu helfen.

Mein nachbarlicher SPD-Ortverein Eppendorf verbreitete auf Facebook schwarzen Trauerfloor mit dem Hashtag #PRAYFORBERLIN.
Auch bei denen also intellektuelle Schlichtheit. Sie preisen das Gift als Medizin, welches den Schaden angerichtet hat. Wir brauchen nicht mehr Gebete, sondern weniger.


Eigentlich unnötig zu erwähnen, aber da sie nun mal die deutsche Regierungschefin ist: Merkel blamiert sich selbstverständlich, wenn sie es menscheln lassen soll.
Von ihr kommen kryptische Sätze, auch wenn man gutmeinend ahnen könnte, daß sie es eben nicht so mies und populistisch wie Kollege Seehofer machen wollte:

Sollte sich bestätigen, dass es sich bei dem Täter um einen Flüchtling gehandelt habe, wäre es nach Merkels Worten "für uns alle besonders schwer zu ertragen". "Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind", sagte Merkel, "und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und sich um Integration in unser Land bemühen."

Gilt das auch für die Verletzten und Angehörigen der Opfer?
Wären die fröhlich und erleichtert, wenn sich herausstellen sollte, daß sie nur von einem normalen Irren und keinem Muslim massakriert wurden?
Das dachte sich vermutlich auch die in Berlin die U-Bahntreppe heruntergetretene Frau mit dem gebrochenen Arm, als sie erfuhr von einem CHRISTEN attackiert worden zu sein: „Habe ich ein Glück gehabt!“

Fairerweise will ich nicht verschweigen, daß es auch kluge und besonnene Reaktionen gibt.
Aber das sind weitgehend wieder nur die paar offiziell bekannten Atheisten, die nur in sehr wenigen FACEBOOK-Bubbles wahrgenommen werden. Michael Schmidt-Salomon passiert die meisten Facebook-Filter gar nicht erst.

 [….] Die Nachricht von der Tragödie auf dem Berliner Weihnachtsmarkt war gerade erst über die Ticker gelaufen, da wusste der Landeschef der AfD in Nordrhein-Westfalen Marcus Pretzell bereits, wer die Schuld daran trägt. Via Twitter verkündete Pretzell zu einem Zeitpunkt, als nicht einmal ansatzweise klar war, ob es sich bei den dramatischen Ereignissen an der Gedächtniskirche um einen Unfall, einen apolitischen Amoklauf oder einen terroristischen Anschlag gehandelt hatte: "Wann schlägt der deutsche Rechtsstaat zurück? Wann hört diese verfluchte Heuchelei endlich auf? Es sind Merkels Tote!" Dabei übersah der AfD-Politiker allerdings, dass gerade er und seinesgleichen den Terroristen in die Hände spielen. Denn Rechtspopulisten zählen – wenn auch unfreiwillig – zu den wichtigsten Verbündeten der Islamisten im globalen Dschihad.
Die islamischen Gotteskrieger verfolgen eine perfide und bislang sehr wirkungsvolle Strategie, die in zahlreichen, u.a. im Internet verbreiteten Schriften nachzulesen ist: Da sie nicht die Mittel besitzen, die westlichen Demokratien militärisch ernsthaft zu gefährden, sollen viele terroristische Einzelaktionen die Bürgerinnen und Bürger in Angst und Schrecken versetzen und entsprechende Aversionen gegen "die Muslime" wecken, was wiederum zu einer weiteren Radikalisierung unter Muslimen führen soll.
Den Masterplan für diese Strategie hat der einflussreiche Islamist Abu Musab al-Suri in seiner 1.600-seitigen Propagandaschrift "Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand" dargelegt. Darin heißt es: "Wenn wir zwölf Angriffsteams in der gesamten islamischen Welt bilden könnten und jedes dieser Teams würde eine Operation im Jahr ausführen, dann gäbe es jeden Monat einen Angriff. Wenn sie zwei Operationen schaffen, wäre das alle fünfzehn Tage ein Angriff." [….][….][….]

Montag, 19. Dezember 2016

Im Spiegelglück

Es ist ein ewiger und nicht zu gewinnender Kampf gegen die tägliche Flut der Zeitungen/Nachrichten. Es sammelt sich und stapelt sich wie von selbst herum um mich.
Da ist es ein unerwarteter Zeitgewinn, wenn DER SPIEGEL gleich zweimal nacheinander mit einer für mich vollkommen uninteressanten Titelgeschichte kommt, für die ich keine Sekunde Zeit aufwenden muß.
So geschehen am 03.12.2016 „Football Leaks – die Geldmeister. Enthüllt: Die schmutzigen Geschäfte der Fußball-Superstars“ und am 10.12.2016 „Bundesliga intern. Football Leaks: Die geheimen Verträge der Profis.
Perfekt. Es gibt ohnehin nichts uninteressanteres und proletigeres als Fußball.
Daß die tausendfach überbezahlten, wehleidigen Deppen mit ihrem Small-Penis-Superluxussportwagen und den immer gleichen operierten Model-Freundinnen nicht mit ihren Einnahmen mauscheln, wäre eine Meldung gewesen.
Kann so weitergehen mit dem Spiegel.
Die Überraschung aber in der nächsten Ausgabe vom 17.12.2016.
Titelthema Asklepios-Konzern.


Der Hauptartikel beschäftigt sich zudem auch noch fast ausschließlich mit dem AK St. Georg, das ich sehr viel besser kenne, als mir lieb ist.
Was haben wir in dem Ding schon erlebt.
Und wie heftig habe ich mit meinem Anwalt gestritten, weil er unbedingt wollte, daß ich Klage gegen die Klinik und den Chefarzt einreiche; Klagen mit hoher Gewinnchance.
Ich habe mich aber immer dagegen entschieden, weil die Erfahrungen dort über Monate schon in jeder Hinsicht so extrem unerfreulich waren, daß ich mich psychisch nicht in der Lage sah, das alles noch mal aufzurollen.

Immerhin habe ich in diesem Blog seit zehn Jahren regelmäßig immer wieder Horrorgeschichten über Asklepios geschrieben, mich an der grausamen Behandlung der Patienten abgearbeitet, die abartige Bereicherung des Besitzers Bernd große Broermanns beklagt und voller Empörung auf die politischen Verantwortlichen Peiner und Beust gezeigt.

DER SPIEGEL fasst dazu recht eindrucksvoll die Methoden zusammen, wie der Asklepios-Konzern seine Mitarbeiter mit zweifelhaften Methoden dazu drängt mehr Geld aus den Patienten zu quetschen und nicht bei der eher nebensächlichen Heilung von Kranken Zeit zu verschwenden.
Broermannwohl vor Patientenwohl heißt die oberste Regel in den Asklepios-Krankenhäusern.
Ein lesenswerter Artikel. Jeder sollte sich diese Woche den SPIEGEL kaufen.
Erfreulich klar auch die Auskünfte darüber was für einen geradezu grotesk schlechten Deal der damalige CDU-Senat für den Busenfreund des Finanzsenators ausgehandelt hatte.

[….] Der Ver­kauf der Ham­bur­ger Kran­ken­häu­ser an As­kle­pios ist ein Lehr­stück miss­lun­ge­ner Pri­va­ti­sie­rung. Es zeigt, wie sich die Stadt Ham­burg von ei­nem pri­va­ten Kon­zern den Schneid ab­kau­fen ließ, nur um dem ei­ge­nen Ver­sa­gen zu ent­rin­nen. Und wie sie es dem Un­ter­neh­mer Ber­nard gro­ße Bro­er­mann er­mög­lich­te, sich mit Geld aus dem so­li­da­risch fi­nan­zier­ten Ge­sund­heits­sys­tem ei­nen mil­li­ar­den­schwe­ren Kli­nik­kon­zern zu bau­en.

Ob­wohl die Mehr­heit der Ham­bur­ger 2004 in ei­nem Volks­ent­scheid ge­gen die Pri­va­ti­sie­rung ge­stimmt hat, ent­schied der Se­nat um CDU-Bür­ger­meis­ter Ole von Beust, As­kle­pios die Mehr­heit von 74,9 Pro­zent am Lan­des­be­trieb Kran­ken­häu­ser zu ver­kau­fen. Der mit 565 Mil­lio­nen Euro chro­nisch ver­schul­de­te Lan­des­be­trieb sei ein „Fass ohne Bo­den“.
Was die Stadt­vä­ter als not­wen­di­gen und lu­kra­ti­ven Ver­kauf be­war­ben, en­de­te in ei­nem fi­nan­zi­el­len De­ba­kel. Die 318 Mil­lio­nen Euro Kauf­preis fei­er­te der Se­nat als gro­ßen Er­folg. Da­bei über­nahm Ham­burg mehr als die Hälf­te der LBK-Schul­den, also über 300 Mil­lio­nen Euro. 75 Mil­lio­nen Euro des Kauf­prei­ses muss­te As­kle­pios gar nicht erst über­wei­sen: Sie wä­ren nur fäl­lig ge­we­sen, wenn die Kli­ni­ken in den ers­ten fünf Jah­ren in Sum­me gut 408 Mil­lio­nen Euro ope­ra­ti­ven Ge­winn (Ebit­da) ab­ge­wor­fen hät­ten, ein Ding der Un­mög­lich­keit. Für den Rest der Sum­me gab die Stadt As­kle­pios noch ein Dar­le­hen.
Den Groß­teil des Kauf­prei­ses press­te der Kon­zern sei­nen neu er­wor­be­nen Kran­ken­häu­sern ab. Sie be­gli­chen gut 180 Mil­lio­nen Euro der Rech­nung – mit Schul­den, die sie selbst ab­ar­bei­ten muss­ten. As­kle­pios zahl­te nur 19 Mil­lio­nen Euro aus vor­han­de­nem Ver­mö­gen, für Kli­ni­ken, die heu­te rund eine Mil­li­ar­de Euro wert sein dürf­ten.
Als wenn das nicht rei­chen wür­de, über­nahm Ham­burg die Pen­si­ons­las­ten aus­ge­schie­de­ner Mit­ar­bei­ter. Die Grund­stü­cke, auf de­nen die Kran­ken­häu­ser ste­hen, über­ließ die Stadt dem Kon­zern für min­des­tens 60 Jah­re – pacht- und miet­frei. Mit­ar­bei­ter, die bei As­kle­pios nicht blei­ben woll­ten, hat­ten ein Rück­kehr­recht zur Stadt. Für je­den An­ge­stell­ten, den sie zu­rück­nahm, muss­te As­kle­pios der Stadt 25 000 Euro zah­len, ins­ge­samt aber höchs­tens 15 Mil­lio­nen Euro, so steht es im Kauf­ver­trag vom De­zem­ber 2004. Weil fast 1500 Mit­ar­bei­ter vor dem neu­en Ei­gen­tü­mer flo­hen, kos­te­ten die Rück­keh­rer die Stadt­kas­se am Ende über 150 Mil­lio­nen Euro.
An­ge­sichts all des­sen mu­tet es gro­tesk an, wel­che Mit­spra­che­rech­te sich die Stadt Ham­burg trotz ih­res An­teils von 25,1 Pro­zent ab­kau­fen ließ. Der ge­hei­me Be­tei­li­gungs­ver­trag zwi­schen der Stadt und As­kle­pios, der dem SPIEGEL vor­liegt, de­gra­diert die städ­ti­schen Ver­tre­ter in Ge­sell­schaf­ter­ver­samm­lung und Auf­sichts­rat zu Ma­rio­net­ten. [….]
(DER SPIEGEL, 17.12.2016)

Wie gesagt, ein interessanter und lehrreicher Artikel – wenn mir auch das Meiste schon vorher bekannt war.
In Hamburg ist der Ruf der Asklepioshäuser ohnehin ruiniert. Jeder kennt jemand, der als Patient schlechte Erfahrungen dort gemacht hat.
Wer es irgendwie verhindern kann, vermeidet die Broermannhäuser.
Wichtig ist es aber via SPIEGEL das Thema überregional zu puschen, um auch entsprechenden Druck auf die Gesetzgeber zu machen.

Im Geiste hatte ich schon einen Leserbrief formuliert.
Zunächst dachte ich daran dem SPIEGEL meine eigene haarsträubende Horrorgeschichte aus dem Asklepios St. Georg zu schildern und die wesentlich besseren Erfahrungen aus einem Nicht-Asklepios-Krankenhaus dagegen zu stellen.
Da ich mir aber sicher bin, daß jede Menge bestätigende Fallbeispiele beim SPIEGEL eintrudeln werden, wollte ich lieber den falschen Adressaten des Artikels monieren.
Broermann wird kritisiert, die untätigen Landesgesundheitspolitiker pauschal angegriffen und auch allgemein „die Hamburger Politik“ benannt, die diesen Deal eingegangen ist.

Das reicht aber nicht.
Denn diese totale Fehlentscheidung des offensichtlich korrupten CDU-Senates war über ¾ der Hamburger schon vorher klar.
SPD, Grüne und Linke hatten das entsprechend angeprangert. Alles war öffentlich diskutiert worden.
Aber es war die Hamburger CDU, die gegen ale Vernunft und gegen die überwältigende Mehrheit der Wähler entschloss zum Schaden der Gesundheit der Hamburger den Freund des Finanzsenators zum Milliardär zu machen.

Im September 2001 übernahm eine Koalition aus CDU, Schill-Partei und FDP nach 44 Jahren SPD-Herrschaft die Regierungsgeschäfte in Hamburg.
Im Dezember 2003 beschloss der neue Senat nach einer internationalen Ausschreibung, dem privaten hessischen Klinikbetreiber Asklepios Anteile am LBK zu verkaufen. Drahtzieher war der damalige Finanzsenator Wolfgang Peiner. Da Asklepios-Inhaber Bernard gr. Broermann zum Verwaltungsrat einer Versicherung gehörte, als Peiner dort im Vorstand saß, warf die SPD dem Senat Vetternwirtschaft vor.
Am 29. Februar 2004 beteiligten sich 788.563 Hamburger Bürger an einem Volksentscheid, den Gewerkschaften und soziale Gruppen unter den Slogan "Gesundheit ist keine Ware" organisiert hatten. 593.497 stimmten gegen den Verkauf, das waren 76,8 Prozent der Stimmen. Da die mittlerweile allein regierende CDU um Bürgermeister Ole von Beust den Volksentscheid als nicht bindend einstufte, zogen dessen Initiatoren vor das Hamburger Verfassungsgericht.
Am 15. Dezember 2004 bestätigte das Gericht die Sichtweise der CDU. Einen Tag später beschloss die Bürgerschaft, den LBK zu 74,9 Prozent an die Asklepios-Kliniken GmbH zu verkaufen. Als Kaufpreis wurden knapp 320 Millionen Euro vereinbart, wovon 75 Millionen ertragsabhängig waren und nicht bezahlt werden mussten, da der erwartete Ertrag ausblieb.

2004 hatte Hamburg den LBK privatisiert, obwohl eine Mehrheit der Hamburger Wahlberechtigten sich in einem Volksentscheid dagegen ausgesprochen hatten. Die Opposition aus GAL und SPD hat schon bei Abschluss des Kaufvertrages 2004 kritisiert, dass die Stadt bei dem Geschäft draufzahle. Nach Lektüre der Verkaufsunterlagen hatten sie den Vorwurf erhoben, Peiner habe bei dem Deal kräftig manipuliert. Er habe sich, entgegen seiner eigenen Darstellung, aktiv in die Verhandlungen eingemischt und strittige Details mit Asklepios-Chef Bernard Broermann persönlich verhandelt - einem alten Geschäftspartner aus Peiners Zeit bei der Gothaer-Versicherung. So sei das Angebot der Asklepios-Klinikgruppe mehrfach geschönt worden.

Inzwischen wird das aber schicksalhaft als gegeben hingenommen. Ist ja auch so lange her.

Und genau das ist falsch!
Tausende Patienten leiden heute jeden Tag unter den Verhältnissen in den Asklepios-Kliniken, während der Besitzer in rasendem Tempo immer reicher wird.

Bernd Broermanns Vermögen wuchs in den letzten 12 Monaten von 2,95 Milliarden auf 3,10 Milliarden Euro (BILANZ Magazin September 2016).
150 Millionen Euro Zuwachs in einem Jahr beutet, daß der Mann alle zwei bis drei Tage eine Million Euro mehr hat, die er aus seinen Patienten herauspresst. (…..)
(Staatsverachtung, 26.11.2016)

Menschen wie Ole von Beust und Wolfgang Peiner gehören zur Rechenschaft gezogen. Ich bin kein Jurist; aber kann man da nicht irgendwas machen? Untreue? Die Hamburger CDU sollte sich vor dem Richter rechtfertigen und natürlich müssen die Pensionen der Protagonisten gekürzt, bzw gepfändet werden.

Es ist wichtig für den nicht eben hellen Urnenpöbel nicht nur zu ahnen/wissen, daß etwas schiefläuft, sondern daß auch klar die Zusammenhänge aufgezeigt werden. Daß deutlich wird, welchen Personen und Parteien sie das Desaster zu verdanken haben.

Es sind nicht allgemein „die Politik“ oder „die Politiker“ Schuld, sondern es muß außerordentlich präzise aufgezeigt werden, welcher einzelne Politiker, welche Partei verantwortlich ist.

Unerwartet deutlich und klar schlägt zwei Tage nach der SPIEGEL-Titelgeschichte heute die kleine Boulevard-MOPO in dieser Kerbe.
Holla, daß ich dieses Blatt mal so loben würde. Hätte ich nicht gedacht.

Asklepios, HSH, Elphi Ole von Beust ist der teuerste Bürgermeister aller Zeiten
[…..]  Diese Riege erfolgreicher und verdienstvoller Bürgermeister ließe sich noch fortsetzen. Einer aber gehört wohl nicht drauf: Ole von Beust (CDU). Dabei haben sie ihn alle anfangs so gern gehabt. Smart sah er aus. Und freundlich, fast ein bisschen schüchtern kam er rüber. Als er Schill rauswarf, den koksenden und erpresserischen Innensenator, regierte er zeitweise mit absoluter Mehrheit. Am Ende stiegen sogar die Grünen zu ihm ins Bett.
[…..] Tja, wer aber heute mit etwas Abstand darüber nachdenkt, was in neun Jahren Ole eigentlich gut war, der kommt nach einigem Grübeln zu dem erschreckenden Ergebnis: Viel fällt einem da nicht ein...
Seine Fehler aber werden noch in Generationen zu spüren sein: Nehmen wir die Wohnungsnot: von Beust hat sie hervorgerufen durch eine völlig verfehlte Baupolitik.
Der Verkauf der Krankenhäuser: Schlau war der jedenfalls nicht. Dann die Elbphilharmonie: Ein wunderschönes Projekt, miserabel gemanagt. Ganz zu schweigen von den Milliarden, die im Zusammenhang mit der HSH-Nordbank verpulvert wurden!
Vieles deutet darauf hin, dass Ole von Beust einer der schlechtesten  Bürgermeister war, den die Stadt je hatte. Der teuerste ist er auf jeden Fall. […..]

In diesem Blog habe ich in zehn Jahren immer wieder die geradezu absurden Fehlleistungen Ole von Beusts aufgezählt und mich bitterlich über die zu 99% ultrafreundliche Presse für ihn beklagt.
Den Medien gefiel die Story dieses vermeidlich neuen liberalen Großstadt-CDU’lers, der angeblich so gut mit Merkel konnte.
Nur weil Beust schwul ist, kann man ihm nicht verzeihen Schill zum Bürgermeister gemacht zu haben und der Stadt einen zweistelligen Milliardenschaden aufgebrummt zu haben.
"Schlechtester Bpürgermeister aller Zeiten" - wohl wahr. Den Schuh muss sich von Beust anziehen. Wäre nur schön gewesen, wenn die Hamburger das 15 Jahre früher erkannt hätten.
In meinem Blog stand es von Anfang an.
(Ein "I told you so" muß ich mir auch mal gönnen.)