Donnerstag, 24. März 2016

Kirchenaustrittswochende

Da Ostern vor der Tür steht, bemerkt man wieder einmal überdeutlich welch eine (Medien-) Macht die christlichen Kirchen haben.


Im säkularen gibt Hamburg das Abendblatt heute voller Stolz auf einer Doppelseite alle Gottesdiensttermine bekannt.
Zwei Tage vorher wurde ich schon von der umfangreichen Beilage „Himmel und Elbe“ molestiert, die so tut, als ob hier ein neues Kirchenzeitalter ausgebrochen wäre.
Dabei nähert sich die Zahl der Konfessionslosen in der dieser Stadt der Zwei-Drittel-Marke. Aktive Gottesdienstbesucher muß man mit der Lupe suchen.

Während sich die Katholiken offensichtlich Mühe geben die Mitglieder aktiv aus ihrem Verein rauszutreiben, indem beispielsweise der von Franzl mächtig geförderte Kardinal Pell erklärt die Kinderfickerei katholischer Priester sei weniger schlimm als Abtreibung, rätseln die Evangelen wie sie keiner mehr mag.

Evangelische Kirche Negativ-Rekord: Austrittswelle in der Nordkirche
Protestanten in Hamburg verlieren in einem Jahr 12.000 Mitglieder, ein bundesweiter Rekord. […]  In keinem Bundesland ist das Interesse am evangelischen Gottesdienst so gering wie in Hamburg. Da wird regelmäßig in Gemeindebriefen, im Internet und in Zeitungen für eine Veranstaltung geworben, die so sicher wie das Amen in der Kirche stattfindet. Aber gerade einmal zwei Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder in Hamburg nehmen daran teil.
Das jedenfalls geht aus einer neuen Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Jahr 2014 hervor. Pro Sonntag besuchen durchschnittlich 10.358 Hamburger einen evangelischen Gottesdienst – rund 60 Teilnehmer je Feier.
(Edgar Hasse, HH Abla, 17.02.16)

Es amüsiert mich immer zu sehen wie fassungslos die organsierten Protestanten vor diesen Zahlen stehen.
98% der Hamburger Kirchenmitglieder und 99,5% aller Hamburger besuchen keine evangelischen Gottesdienste und dennoch halten die üppig bezahlten hanseatischen Kirchenfunktionäre ihre Arbeit für so großartig, daß sie sich gar nicht erklären können, wieso ihre Schäfchen schreiend weglaufen.

Bevor ich es vergesse: Falls ein Hamburger, der dies liest noch Mitglied der Kirche ist: Hier findet man die Stelle, wohin man sich wenden muß, um auszutreten.
Wie heißt es so schön? Jeder Monat ist Kirchenaustrittsmonat!

Die bizarre Kostümshow der Katholo-Geistlichen mit ihren grellen Drag-Kostümen und den brennenden Handtäschchen überstrahlt ein bißchen die Tatsache, daß Evangelen noch fundamental irrer sind und übleres Personal aufweisen.

(…….)  Möglicherweise ist es tatsächlich so, daß der intellektuelle Niedergang der evangelischen Theologie, der in Huber und Käßmann ihre Apotheose fand, die eigentlich noch absurderen Katholiken (Zölibat, Primat des Papstes, Frauen-Ausschluss,..) in Relation gut dastehen läßt. (…..)

(……….) Der Niedergang des deutschen Protestantismus ist vermutlich unaufhaltsam.
Der Grund ist, daß es einfach keine sympathischen Führungspersönlichkeiten in der EKD gibt.
Die Laien werden von Politikern dominiert, die sich aus dem unsympathischsten Bodensatz ihrer jeweiligen Parteien rekrutieren: Volker Kauder, Hermann Gröhe, Günther Beckstein, Kathrin Göring-Kirchentag, Irmgard Schwätzer (FDP), Christoph Matschie (SPD), Kerstin Griese (SPD), Josef Philip Winkler (Grüne), Pascal Kober (FDP) oder Stefan Ruppert (FDP) sind die schlimmen Namen.

Bei den Theologen der EKD sieht es sogar noch düsterer aus: Huber, Schneider, Käßmann, Bedford-Strohm oder gar Petra Bahr heißen die Menschenschrecker, die meistens in die Talkshows geschickt werden.
Kein Wunder, daß die Gläubigen schneller aus der EKD flüchten als aus der zölibatären Kinderficker-RKK. (………….)

Wer würde nicht schreiend wegrennen wollen, wenn sich die EKD-Fürsten zu Wort melden?

Konsequenterweise wurde Plapperista Käßmann als BILD-Kolumnistin genau dort geparkt, wo sie intellektuell hingehört  - bei F.J. Wagner und Kai Diekmann.
Wenn man es gut mit der EKD meint, könnte man hoffen, daß Käßmann bei der enthirnten BamS-Leserschaft auch keinen Schaden mehr anrichten kann.

Zum höchsten christlichen Fest Ostern verbreitete sich meine besondere Freundin Bischöfin Breit-Keßler im GONG und demonstrierte ihre geistige Schlichtheit in bewährter Kombination mit Sendungsbewußtsein und Belehrungsattitüde.

Breit-Keßler kennt ihr nicht?
Das war die hier:

Gerade konnte ich im GONG vom 21.08.2015 ein Statement von Susanne Breit-Keßler, der Regionalbischöfin für München und Oberbayern, lesen.
Uiuiui.
Den Menschen, die sich keinen Urlaub leisten können, ruft sie zu:

Arbeit und Alltag sind eine Form der Selbstbestätigung, die einem zeigt: Hier hast du deine Fähigkeiten und Gaben- es ist schön, was du alles kannst! Die gleichen Handgriffe, die gleichen Gesichter. Tägliche Routine hat ihre guten Seiten. Es liegt an einem selber, ob man den Werktagen zusätzliche funkelnde Glanzlichter aufsteckt. „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein“ heißt ein biblisches Wort (Jesaja 30,15). Gebete am Morgen und Abend setzten Akzente, die die Tage voneinander unterscheiden.
(Bischöfin Susanne Breit-Keßler)

Na, das hört eine alleinerziehende Mutter mit drei Putzjobs sicher gerne von einer Bischöfin, die aus Steuermitteln ein fünfstelliges Monatsgehalt bezieht.

Frappierend ist insbesondere die Unfähigkeit dieser Kategorie der Plapper-Bischöfinnen über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Genau wie Kollegin Käßmann, nimmt auch Breit-Keßler stets sich selbst und ihr eigenes Leben zum Maßstab.
In ihren Texten erzählt sie aus ihrer Familie, ihrem Alltag, beschreibt was ihr gefällt und überträgt das dann flugs auf alle anderen.

Die ganze bischöfliche Theologie ließe sich auf den Kernsatz: „Seid alle so wie ich, dann wird alles gut!“ reduzieren.

Auch in der heutigen Kolumne geht das so.


In der HIMMEL UND ELBE – Kirchenbeilage wird genau nach dem Motto verfahren.

Hier ist es eine Pröbstin, die Irrelevantes aus ihrem eigenen Alltag als bahnbrechende und zu verallgemeinernde Weisheit hochjazzt.

Ob man das im Theologiestudium so lernt? Suhlen in Banalitäten als Selbstzweck?

Dabei wird dem kirchlichen Bildersprachen-Drang entsprechend eine so unfassbar plump-primitive Metaphorik eingesetzt, daß ich nur hoffen kann, Frau Lützenich, meine frühere Deutschlehrerin muß das nicht lesen.
Ihr stürben vor Schreck die Hälfte der Hirnzellen ab.

Oft geht es mir so, dass ich für einen kleinen Moment richtig froh bin, wenn ich das Altpapier weggebracht habe. Das mag lächerlich klingen, aber solange sich die gelesenen Zeitschriften und Zettel bei mir stapeln, machen sie mir ein schlechtes Gewissen und rufen: "Wir wollen in den Container!"
Ich war auf dem Weg zum Gottesdienst. […] Und dann fiel mir etwas auf: Ein Mann brachte eine große Holzkiste mit Altpapier zum Container und sortierte es sorgfältig hinein, sodass nichts danebenfiel. Der Nächste zog einen gelben Sack mit Verpackungsmüll zum entsprechenden Behälter.
Als ich weiterging: eine Frau, die ihren Müllbeutel aus der Wohnung trug. […] Verblüffend, dachte ich, dass viele Menschen diesem Bedürfnis, bei sich Ordnung zu schaffen, offenkundig mit Vorliebe sonntagmorgens nachgehen. Die einen, indem sie zu Hause aufräumen, die anderen, in dem sie zum Gottesdienst gehen. […]

Erstaunlich, daß sich 98% der Hamburger Kirchenmitlgieder und 99,4 % aller Hamburger sonntags diese Art der Predigten nicht anhören mögen.
Es sollten doch eigentlich 99,999% sein, die das nicht ertragen.

Mittwoch, 23. März 2016

Kommentarsucht

Sascha Lobo nennt es Kollektivkatastrophen was wir gerade mal wieder in Brüssel erleben.

Auf merkwürdige, aber irgendwie nachvollziehbare Weise tritt das Publikum selbst, seine Trauer, seine Wut, seine Hilflosigkeit dabei in den Vordergrund, die tatsächlichen Opfer geraten zum Anlass. Das Wichtigste scheint, sich in solchen Situationen nicht allein fühlen zu müssen. Wir sind doch alle Überlebende, irgendwie.
Immer ist irgendwo jemand, der mit dem Smartphone live sendet oder fast live vom Ort des Geschehens oder ein paar Kilometer entfernt, das ist auch Bewältigung, verpackt in eine Nachrichtennachahmung: Bitte, Welt, nimm zur Kenntnis, was wir durchmachen, aber wir haben Glück und bis jetzt überlebt.
Schweigen würde als herzlos interpretiert.

Unser elendes Twitter-Instagram-Facebook-Zeitalter führt dazu, daß ich nur noch mit Schwierigkeiten erfahre was eigentlich ganz genau gestern in Brüssel geschah, weil ich erst einmal von lauter eingefärbten Profilbildchen, Trauer-Emojis und Drama-Memes erschlagen werde.

 Es gibt jetzt sogar schon Gegen-Memes, mit denen sich immer mehr Entnervte gegen die allertumbsten Sprüche, wie zB „Pray for Brussels“, wehren.


Als Nachrichtenkonsument wird man auch eine sehr bizarre Nebenebene gezerrt, auf der man sich fast nur noch mit den Reaktionen auf solche Anschläge beschäftigt.
Die eigentlichen Fragen, also die nach den Ursachen und den möglichen Abhilfen, werden gar nicht mehr gestellt, wenn man die perfide Hetze sieht, mit der die Petrys, von Storchs und Pretzells sofort die Toten für ihre Zwecke nutzen.

Irgendjemand scheint Frau Steinbach ihr Klugtelefon abgenommen zu haben, denn offenbar setzte sie gestern gar keinen perfid-faschistoiden Tweet ab.

Aber dafür sprang die geistig mindestens ebenso verwerfliche CDU-Kollegin Lengsfeld ein und gab Merkel die Schuld an dem Brüsseler Terroranschlägen.

Merkel habe "alles dafür getan, dass der Terror in Europa Fuß fassen kann", erklärte die Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld auf Facebook.

Es kommt eines Tages noch so weit, daß mir Merkel Leid tut wegen dieser Horror-Partei, die sie an der Backe hat.

Wenn man die oberste Schicht des Betroffenheits-Brummen und der Polit-Doofheiten der Rechten durchdrungen hat, folgt unweigerlich die Diskussion darüber, ob das alles „gar nichts mit dem Islam zu tun“ habe, ob kollektiv alle 1,irgendwas Milliarden Muslime irgendwie mitverantwortlich wären, wer jetzt gefordert sei sich zu distanzieren und natürlich kommen auch die Forderungen nach strengeren Gesetzen.

Die Westeuropäer drehen durch und auch wenn nach wie vor die allermeisten Terrorismusopfer Muslime in muslimischen Ländern sind, kann ich mich als weißer, atheistischer Mann in einem NATO-Staat nicht dem Gruselfaktor entziehen.

Der linke Terrorismus der 1970er und 1980er Jahre hatte auch schon ganz Deutschland verrückt gemacht, dabei war die RAF „nur“ gegen oberste Staats-, Wirtschafts- und Militärrepräsentanten gerichtet.

Der später folgende und bis heute anhaltende Rechtsterrorismus in Deutschland forderte bisher ungefähr 10 mal so viele Todesopfer wie der RAF-Terrorismus, grub sich aber vergleichsweise wenig in das Bewußtsein der Deutschen ein, weil die Opfer alle arm waren oder Minderheiten angehörten. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe konnten bekanntlich fast ein Dutzend Menschen bei Anschlägen töten, ohne daß irgendeinem bei Polizei, Staatsschutz oder Medien überhaupt eingefallen wäre das als „Terrorismus“ zu bezeichnen. Die Opfer waren ja „bloß Ausländer“ und wer weiß bei diesen Türken/Arabern/Kanaken schon genau, ob die sich nicht gegenseitig erschießen? Offenbar waren ja gelegentlich sogar BND-Agenten bei diesen Morden zugegen und hielten es nicht für nötig einzugreifen.

Der IS-Terrorismus ist ganz anders, weil er nicht opferspezifisch ist.
Es ist gewissermaßen spezifisch für den Schrecken der Radikal-Islamisten, daß sie nicht spezifisch sind und es ihnen „nur“ darum geht möglichst viele Menschen zu töten und möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Es ist relativ unvorstellbar, daß ein RAF-Kommando versucht hätte ein Atomkraftwerk hochzujagen, weil sie doch noch Skrupel angesichts der gewaltigen Kollateral-Opferzahlen gehabt hätten.
Fanatisierte Möchtegern-Märtyrer von IS oder Al Kaida würden hingegen sicher gern ein belgisches AKW sprengen und große Teile Westeuropa unbewohnbar machen.
Zumindest weiß man, daß Osama bin Laden und seine Kollegen gebannt den Einsturz der WTC-Türme verfolgen. Mit großen Jubel wurde jeweils der Moment des Zusammenfalls quittiert; die Vervielfachung der Opferzahlen löste also offensichtlich große Freude aus.

Die später von Augenzeugen berichteten Geschehnisse zeigen wieso es so schwer ist mit religiösem Terror umzugehen. Wer seinen Gott so interpretiert, daß dieser sich umso mehr freue, je mehr „Feinde“ getötet würden und dazu auch noch sein eigenes Leben ohnehin wegwirft, weil er zum Märtyrer werden möchte, ist mit westlicher Gerichtsbarkeit nicht zu sozialisieren.

Also bleibt uns offenbar nur übrig diesen Terror auszuhalten.
Aber das ist leicht gesagt. Es gilt dabei nicht den Extremisten auf den Leim zu gehen, indem man sich von den Werten verabschiedet, die Höcke und Abu Bakr al-Baghdadi gleichermaßen verachten.
Dem Superpopanz Sicherheit, vom ehemaligen Verfassungsminister Friedrich flugs als über den Grundrechten stehend aufgeblasen, ist man bereit viele europäische Freiheiten zu opfern.
Wir sollten das nicht tun.

Wenn man nach so einem Anschlag wie gestern weiter bohrt, durch die Lobo-Schicht und die „wie böse ist der Islam-Schicht“ gedrungen ist, stößt man auch auf sinnvolle Artikel.

Erhellendes erschien dazu heute von Edelfeder Kurt Kister, dem SZ-Chefredakteur und zweifellos einem der klügsten Journalisten des deutschsprachigen Raumes.

Aber auch wenn Kister sicher kein Religiot ist, rutschen ihm rudimentäre christliche Überheblichkeiten in seinen Text, die ich nicht akzeptieren kann.

Kein Gott braucht Mörder. Menschen, die sich auf Gott berufen, um andere Menschen zu verletzen und zu töten, sind die größten Gotteslästerer. Sie schaffen sich einen Gott nach ihrem Bilde und versuchen so, ihrem Hass, ihrer Paranoia und ihrer Rachsucht höhere Weihen zu geben. Gläubige wie Ungläubige dürfen gerade auf dieses zutiefst unmoralische Konstrukt nicht hereinfallen. Es ist nicht "der" Islam, der tötet, sondern in Brüssel und Paris war es eine kleine, verblendete Minderheit junger, aggressiver Männer, die sich auf etwas berufen haben, was sie nie verstanden.

Alle gläubigen Menschen erschaffen sich Gott nach ihrem Bild. Es gibt keinen Gott und demzufolge auch keinen „echten Gott“ der gegen Morden ist und dazu einen „falschen Gott“, den sich jemand nur ausgedacht hat.
Wenn man diese Unterscheidung anfängt, landet man unweigerlich in einem unlösbaren religiösen Antagonismus. Das ist ja der Kern der Tausenden von Religionen ausgelösten Kriege – jeder meint, daß nur sein Gott der richtige wäre.
Wenn Kister nun bestätigt, daß tatsächlich der eine Gott der Richtige und der andere falsch ist, spielt er genau das gefährliche Spiel mit, das wir überwinden sollten.

Übrigens: Auch George W. Bush hat sich vor 13 Jahren im Irak-Krieg auf Gott berufen. Jesus hatte mit diesem Feldzug so wenig zu tun wie Allah mit Molenbeek. Und gerade Christen, die am kommenden Freitag des Todes Jesu am Kreuz gedenken, sind sich sicher, dass er gestorben ist, um Menschen zu erlösen und nicht lebte, um töten zu lassen.

Die Aussage kann man angesichts der gewaltigen Kriminalgeschichte des Christentums, die mit Sicherheit in den letzten 2000 Jahren viel mehr Opfer forderte als die Opfer aller anderen Religionen zusammengenommen, nicht stehen lassen.
Wieder versucht Kister den einen Gott, in diesem Fall Jesus, als etwas absolut Gutes darzustellen.

Gewiss, Sicherheit und Freiheit stehen immer in einem Spannungsverhältnis. Und dennoch darf der Westen diese Freiheit nicht Schritt für Schritt aufgeben, um die abzuwehren, die ihn wegen der Freiheit angreifen. Die auf den Rechten des Individuums und der Menschenwürde ruhende Gesellschaft Europas hat nicht versagt, weil sie nun von Fanatikern attackiert wird. Sie würde versagen, wenn sie bei der nötigen Abwehr ihre Grundwerte in Frage stellte.

Dem Zusammenhang stimme ich natürlich zu, aber leider halte ich Kisters „würde-Konjunktiv“ für verspätet.
Online-Überwachung, Bundestrojaner, Vorratsdatenspeicherung, Grenzkontrollen und allgemeines Misstrauen – all das gibt es leider schon.

Dienstag, 22. März 2016

Mein persönliches „Projekt 18“

Die letzten dreieinhalb verbliebenen vernünftigen US-Republikaner haben es offensichtlich aufgegeben einen Präsidentschaftskandidaten Trump zu verhindern. Der einzige Weg das noch zu verhindern wäre tabula rasa beim Clevelander Nominierungsparteitag. Aber dort nicht Trump auf den Schild zu heben, hätte womöglich Aufstände zur Folge. Trump selbst kündigte schon „riots“ an und Millionen seiner fanatisierten Fans sähen sich in ihren „die da oben betrügen uns“-Vorurteilen gegen die Partei bestätigt.
Die GOP böte so ein chaotisches Bild, daß Hillary Clinton Präsidentin würde.

Wer es gut meint mit den US-Republikanern muß sich eigentlich wünschen, daß Trump nominiert wird, sich die Partei einmütig hinter ihn stellt und er im November krachend gegen die Demokraten verliert.
Man müßte anschließend bis 2020 Clinton aussitzen und während der Zeit die Partei erneuern und von den Teebeutlern reinigen.
Immerhin hätte man dann das Argument es mit einem Extremisten versucht zu haben, aber damit auf die Nase gefallen zu sein.

Auch wenn der folgende Vergleich reichlich stark hinkt, so befürchte ich, daß ein ähnliches Szenario für die SPD in Deutschland notwendig ist.
Heute gelang es der ältesten Partei unter der Führung Sigmar Gabriels auf 20% bei der Sonntagsfrage zu schrumpfen. In weiten Teilen Ostdeutschlands rutscht sie damit hinter die Storch-Höcke-Pest.

"Diese Aufmerksamkeit beschert nun der AfD und den Grünen auch einen bundesweiten Sympathie-Zuwachs", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner. Bei bundesweiten 13 Prozent erreicht die AfD in Ostdeutschland flächendeckend 22 Prozent, in Bayern 15 und in Baden-Württemberg 13 Prozent – im Rest der Republik allerdings nur 8 Prozent.

Meine politische Ausrichtung ist klar. Ich hatte 2013 gegen die große Koalition gestimmt, sehe meine Befürchtungen sogar noch bestätigt.

Absolut gesprochen heißt das:
Jemand, der so agiert wie der Vizekanzler Gabriel hat es nicht verdient wiedergewählt zu werden oder gar Bundeskanzler zu werden.
Relativ betrachtet gilt aber auch:
Natürlich ist die SPD immer noch das kleinste Übel in der GroKo. Gabriel hat durchaus auch seine lichten Momente; kein Vergleich zu seinem Groko-Kollegen Seehofer, der nie etwas Vernünftiges sagt oder fordert. Hieße die Alternative CDU/CSU/FDP-, CDU/CSU/AfD-, oder CDU/CSU-Regierung würde ich dennoch empfehlen die SPD zu wählen, weil sie das kleinere Übel ist.

Was wird passieren bei der Bundestagswahl 2017?
Schon jetzt mehren sich die Stimmen in der SPD, die Gabriel ermuntern Kanzlerkandidat zu werden.
Ein ziemlich vergiftetet Lob, denn zu gewinnen gibt es nichts. Irgendeiner muß den Job ja machen. Die anderen SPD-Minister sind zu feige, faul oder uninspiriert, um sich als Prügelknabe zur Verfügung zu stellen. Nahles zB will auch ihre Chancen für 2021 bewahren und nicht vorher beschädigt werden.
Gabriel auf den Schild zu heben ist zudem eine Aktion, die auf wenig Widerstand treffen dürfte. Wie sollte sich Gabriel als Parteivorsitzender halten, wenn er nach 2013 zum zweiten mal kniffe und sich hinter einem anderen Kandidaten versteckte? Schon im Dezember 2015 wurde er nur mit miserablen 74,3% als Vorsitzender wiedergewählt; wie sollte er zukünftig respektiert werden, wenn er sich vor der Kanzlerkandidatur drückte?

Gabriel muß also seinen Kopf hinhalten und wird vom Wähler höchstwahrscheinlich eine üble Klatsche einkassieren.
Erst nach so einer Erfahrung wird er entweder den Parteivorsitz aufgeben, oder aber aus Einsicht umsteuern.

 Im vorletzten SPIEGEL-Heft (Nr. 11/2016) gab es eine vorzügliche Titelgeschichte zum Thema „Die geteilte Nation. Deutschland 2016: Reich wird reicher, arm bleibt arm.

Unser Sozialstaat droht an der wachsenden Ungleichheit zu kollabieren. Die Undurchdringlichkeit der sozialen Schichten, der fast unmögliche Aufstieg aus der Armut, die eklatante Chancenungleichheit bei der Bildung, die enorm höhere Sterblichkeit von Armen, wird ökonomische Einbußen von über 550 Milliarden Euro bis 2030 bringen.
Deutschland leistet sich ein in Europa einmalig unterfinanziertes schlechtes Schulsystem, weil Schäuble kurzfristige neoliberale PR-Erfolge – „die schwarze Null“ – wichtiger sind, als langfristige Investitionen.
Es ist höchste Zeit umzusteuern, aber die SPD hilft dabei leider nicht, weil Gabriel der Mut fehlt das zu fordern, was inzwischen auch konservative Wirtschaftsforscher, wie die vom DIW mit Nachdruck verlangen.

Die Leute wären jetzt so weit. Aber in Gabriel haben sie einen, auf den sie nicht bauen können. Der SPD-Chef wäscht sich nur, wenn er nicht nass wird. Seine Idee vom Solidarpakt war nicht schlecht: keinen „Flüchtlingswohnungsbau“ und keine „Flüchtlings-Kitas“, sondern bezahlbare Wohnungen und ausreichende Kinderbetreuung für alle. Kritik verdient er nicht für den Vorstoß, sondern für den Rückzug. Gabriel hätte den Populismusvorwurf aushalten müssen. Hat er aber nicht. „Weder sind Steuererhöhungen nötig noch neue Schulden“, versicherte er artig. Den Kampf gegen die magische „schwarze Null“, den ausgeglichenen Haushalt, wagt der SPD-Chef nicht.
Es sind also eine Million Menschen gekommen, aber alles geht weiter wie bisher? Es kommen noch mehr, und wir zahlen das aus der Portokasse? Keine Zumutungen, keine Wahrheiten? Das ist der wahre Populismus.

Nebenbei bemerkt: Wer das ganze Desaster der verfehlten Politik in der eben schon dringend empfohlenen SPIEGEL-Titelgeschichte liest, bekommt zu 100% den toxischen Einfluss der eiskalt-neoliberalen Westerwelle-Doktrin vor Augen geführt.

Wie sich die Zeiten ändern. Vor 15 Jahren war es der damalige SPIEGEL-Starjournalist Gabor Steingart, der den SPD-Kanzler unter Feuer nahm. Schröder solle endlich neoliberal umsteuern. Nur Westerwelle wisse was geschehen müsse daher unbedingt in die Regierung.
Nun haben sich alle Vorzeichen geändert. Die SPD macht die wirtschaftsfreundliche neoliberale Politik, die der SPIEGEL (und 95% aller anderen Medien) damals forderten, aber es ist der SPIEGEL, der dringend fordert auf Keynesianisch umzusteuern.

Wir sind insgesamt noch weit hinter richtig soziale Marktwirtschaft zurückgefallen.
Heute sind beispielsweise ausnahmslos alle Zeitungen voll des Lobes über Nahles‘ Rekord-Rentenerhöhung von fast 5% im Westen.

Daß aber Nahles grundsätzlich nur die Angestellten einzahlen lässt, während Reiche, Selbstständige, Beamte und Bundestagsabgeordnete gar nichts in die Rentenkasse zahlen, wird gar nicht mehr erwähnt, obwohl das eine so eklatante Ungerechtigkeit ist, daß Nahles selbst immer forderte die Renten aus dem Bundeshaushalt zu zahlen – aber da war sie noch nicht Ministerin.

Und was bedeutet überhaupt „5% Erhöhung“? Prozentual heißt, daß diejenigen mit der höchsten Rente auch die größten Aufschlag bekommen.

Eine arme Rentnerin mit 500 Euro im Monat bekommt dann 25 Euro mehr, ist also immer noch richtig arm, während der Luxusrentner mit 10.000 Euro Rente, der also keineswegs eine Erhöhung nötig hätte, gleich 500 Euro dazu bekommt.
Das sind 475 mehr.
Faire Sozialpolitik würde wenn sie etwas zu verteilen hat lieber Pauschalbeträge aufschlagen. 250 Euro mehr für jeden, beispielsweise.

Gabriel ist aber auch der Mann, der

·        Für Rüstungsexporte steht

·        Der TTIP befürwortet und verschleiert


·        Der populistisch blinkt


·        Der den Edeka/Tengelmann-Pakt gegen Monopolkommission und Kartellbehörde durchprügelte.


Ich bleibe zwar auch dabei, daß Gabriel durchaus intelligent ist und seine lichten Momente hat, aber unterm Strich muß er sich ganz grundsätzlich gegen Merkel, die Union und den Neoliberalismus einstellen, um Erfolg zu haben.

Vielleicht braucht er noch eine krachende persönliche Niederlage im Herbst 2017, um zu erkennen, daß sein Schmusekurs mit der CDU-Chefin seiner Partei schadet.
Dafür muß er vielleicht erst mal auf unter 18% bei einer Bundestagswahl rutschen.

So wie es einem Alkoholiker erst mal richtig in der Gosse gelandet sein muß, bevor er einsieht ein Problem zu haben.

Montag, 21. März 2016

Wie es hier so läuft – Teil VIII

Der große Helmut Schmidt sagte einst, als Hamburger Bürgermeister wäre eher ein guter Verwalter als Politiker gefragt.
Das stimmt natürlich.
Der kleine Mann auf der Straße ärgert sich über Baustellen, fehlende Parkplätze, verschobene Buslinien, Ticketpreise und ähnliches.
Gefühlte 99% der Hamburger sind davon überzeugt, daß es noch nie so viele Baustellen gab.
Wenn wir uns einen Ideal-Politiker backen würden, könnte dieser auch nicht mehr erreichen. Straßenbau nervt alle und ist teuer. Schlimmer ist nur noch nichts zu tun (wie unter der CDU-Regierung von 2001-2011). Dann sind die Leute irgendwann richtig genervt, wenn Brücken nicht mehr befahrbar sind, alles voller Schlaglöcher ist und dadurch noch viel teurer wird, als wenn man gleich saniert hätte.
Und klar, es gibt noch ein paar Myriaden Flüchtlinge in der Stadt. Auch das ist weniger ein politisches als ein verwaltungstechnisches „Problem“. In Hamburg gibt es kaum bezahlbare Wohnungen* und als Stadtstaat gibt es natürlich wenig freies Bauland, das man benutzen könnte.

* (Unter von Beust 2001-2010 wurde der soziale Wohnungsbau komplett eingestellt. Erst seit Olaf Scholz regiert, werden wieder pro Jahr über 10.000 Wohnungsbaugenehmigungen erteilt)

Die Stadtregierung muß diese Flüchtlinge nicht nur unterbringen, sondern auch versorgen, eingliedern und mit argwöhnischen Anwohnern verhandeln.

Am 07. März 2016 veröffentlichte unser Bürgermeister Olaf Scholz in der ZEIT eine „Positionsbestimmung“ zum Thema, die ich nur als hochvernünftig ansehen kann.
Genau so wünsche ich mir den Chef einer Stadtregierung.

Die erbärmliche Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die abscheulichen Nachrichten aus Sachsen und Bayern, das kollektive außenpolitische Versagen, die Krisenunterfütterung durch noch mehr Waffenexporte, die rasant zunehmende xenophobe Gewalt, der von den C-Parteien gepushte Siegeszug der AfD und die allgemeine Anfälligkeit für Verschwörungstheorien der krudesten Art – all das weckt in mir den Wunsch nach sehr starken Antidepressiva.

Da muß man zur eigenen psychischen Gesundheit bewußt auf die wenigen Dinge blicken, die ausnahmsweise ganz gut funktionieren.

Während sich Regierungschefs anderer Bundesländer mit Dummheit und dreisten Sprüchen gegenseitig überbieten, können wir Hamburger nach wie vor recht zufrieden sein mit Olaf Scholz.


Während also Oppositionspolitiker wie Katja Suding damit beschäftigt sind den Boulevard zu bedienen, indem sie ihre Liebes-Affären und Frisuren in die Kamera halten, wird wenigstens das Bundesland Hamburg ordentlich regiert.
Schaudernd denkt man Schill, Beust und Kusch zurück, die erst gestiegene Kriminalität verdammten und dann, selbst an der Regierung, die Polizei zusammensparten.

Der heutige CDU-Fraktionschef André Trepoll behauptet, Scholz spare an der Polizei.
Er kann das aber nur sagen, weil er ein Lügner ist.

Tatsächlich sank unter der rotgrünen Regierung Hamburgs die Kriminalität auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren.
Zahlen von denen die selbsternannten Law-and-order-Politiker von Schill-Partei und CDU nur träumen konnten.
Das muß auch das konservative Hamburger Abendblatt zerknirscht einräumen.

Früher war nicht alles besser: Es gab in den 90er-Jahren deutlich mehr Straftaten als heute. Sieht man sich die Statistik jeweils im Abstand von zehn Jahren an, ist die Kriminalität in Hamburg insgesamt auf dem niedrigsten Stand seit 1985. [….]
Bei den Autoaufbrüchen waren es vor 20 Jahren mit 39.917 noch mehr als doppelt so viele Taten wie heute. 16.725 Fälle wurden im Jahr 2015 angezeigt. Und auch beim Einbruch lagen die Zahlen 2015 ein deutliches Stück hinter den hohen Zahlen von 1995, damals gab es 11.214 Einbrüche, rund 400 weniger als 1985.
Insgesamt war die Diebstahlskriminalität auf einem hohen Stand: 1985 und 1995 wurden in Hamburg jeweils gut 40.000 Diebstähle mehr angezeigt als im vergangenen Jahr. [….]
(Hamburger Abendblatt, 16.03.2016)

An dieser Stelle die Frage, was eigentlich die Opposition macht – außer lügen und posieren.

Vom Nachbarbundesland Schleswig-Holstein kennen wir ja schon ideale Oppositionsarbeit.
Zunächst versank die CDU-Landespartei in einem Betrugsskandal. Wieder einmal gab es illegale Tricksereien und Rücktritte bei der Wahl-Aufstellung.
Das ist aber üblich; drei Mal in Folge stolperte ein CDU-Landesvorsitzender in Kiel über einen Skandal. Christian von Boetticher, Jost de Jager und Reimer Böge mußten jeweils innerhalb eines Jahres zurücktreten.
Nun aber macht die CDU SLH wieder Furore mit hochkarätigen politischen Vorschlägen. Sie will Schweinfleischpflicht in Schleswig-Holsteinischen Schulkantinen einführen.

CDU erntet Hohn und Spott
Die schleswig-holsteinische CDU sorgt sich offenbar um die kulinarische Vielfalt. "Die Landesregierung wird aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass Schweinefleisch auch weiterhin im Nahrungsmittelangebot sowohl öffentlicher Kantinen als auch in Kitas und Schulen erhalten bleibt", heißt es in einem Antrag der CDU-Landtagsfraktion für die Parlamentssitzung in der kommenden Woche. "Der Minderheitenschutz - auch aus religiösen Gründen - darf nicht dazu führen, dass eine Mehrheit aus falsch verstandener Rücksichtnahme in ihrer freien Entscheidung überstimmt wird." Schweinefleisch als ein Muss? Lachhaft - finden viele Politiker anderer Parteien und Kommentatoren auf Twitter, Facebook und Co. [….]

Aber zurück zur CDU-Hamburg.

Der Bürgermeister hatte in der schon genannten „Positionsbestimmung“ ein Angebot gemacht und um Mitarbeit gebeten.

[….] Die größte Herausforderung ist es im Moment aber, allen Flüchtlingen ein festes Dach über dem Kopf zu verschaffen. Um ein Gefühl für die Dimension zu bekommen, erinnere ich an das Jahr 2011. Als ich ins Amt kam, reichten für die Erstaufnahme knapp 400 Plätze. Heute, fünf Jahre später, betreiben wir fast 40 Erstaufnahme-Unterkünfte mit circa 20.000 Plätzen. Zusätzlich noch einmal fast genauso viele Plätze stellen wir, über die Stadt verstreut, in 100 größeren und kleineren Folgeunterkünften zur Verfügung. [….] Setzt sich der bisherige Trend fort, wovon wir angesichts der beschriebenen Lage ausgehen müssen, wird Hamburg im laufenden Jahr 40.000 zusätzliche Plätze schaffen müssen. Sonst laufen wir Gefahr, dass im Dezember mehr als zehntausend Flüchtlinge in unserer Stadt obdachlos sind. Das dürfen wir nicht riskieren. [….] Die HafenCity Universität Hamburg hat ein interaktives Stadtmodell entwickelt, das wir dazu nutzen können, geeignete Flächen für Flüchtlingsunterkünfte zu identifizieren und verschiedene Modellrechnungen durchzuführen. Es wird moderierte Veranstaltungen geben, zu denen interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreter von Initiativen eingeladen werden. [….]
(Olaf Scholz, 7. März 2016)

Scholz erklärt sehr genau welche Unterbringungsmöglichkeiten es gibt und welche anderen aus welchen Gründen nichts taugen.
Es gilt nun als freie Flächen zu finden.
Dazu ist jeder Gutmeinende eingeladen. Die Bürger sollen sich beteiligen.
Wie kann Integration am besten gelingen?

Ja, und dann gibt es eben noch die CDU, die ehemalige Regierungspartei, die auch einen tollen und hilfreichen Vorschlag hat.

Ich sollte es vielleicht vorher dazu schreiben: Nein, genau wie beim Schweinefleischvorschlag handelt es sich im Folgenden nicht um Satire!

Die Hamburger CDU fordert angesichts der Flüchtlingsunterbringungsproblematik an den Schulen die Deutschlandflagge zu hissen! Schwarz-Rot-Gold für die deutschen Schüler.

Flagge zeigen, ganz buchstäblich: Die Hamburger CDU ­plädiert dafür, Deutschland- und Europaflaggen an allen Schulen der Hansestadt anzubringen. Die Partei sieht dies als Beitrag zur besseren Integration von Flüchtlingen.
"Es ist zunehmend klar geworden, dass wir bei Aufnahme so vieler Menschen aus anderen Kulturkreisen mit unterschiedlichster politischer und gesellschaftlicher Vorprägung von Anfang an großen Wert auf die Vermittlung unserer deutschen und europäischen Grundwerte und unserer rechtlichen und demokratischen Grundordnung ­legen müssen", sagte die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende und Schulpolitikerin, Karin Prien, dem Hamburger Abendblatt. [….]
(Hamburger Abendblatt 21.03.16)


Sonntag, 20. März 2016

Judentum ist verdammt anstrengend

Mein Gemüsemann versucht mir jetzt wieder ständig Granatäpfel zu verkaufen.
Ich mag die sogar, aber kaufe sie so gut wie nie, weil ich die Frucht übermäßig umständlich finde. Das spritzt immer so und anschließend klebt alles.
Er gibt mir natürlich die besten Tipps. Er selbst pult die Kerne in einer Schüssel unter Wasser ab und gießt es dann in ein Sieb.
OK, das könnte ich natürlich auch mal probieren.

Aber bei Granatäpfeln muß ich auch immer an die armen Juden denken.
Angeblich hat jeder Granatapfel genau 613 Kerne und diese Anzahl entspricht genau den 613 Lebensregeln der Mitzwot, die bekanntlich Gott auf dem Berg Sinai Mose übergab.
Hätte Gott sich nicht bei der Regelanzahl nach Apfel- oder Mandarinenkernen richten können? Das wäre in der Praxis wesentlich einfacher für strenggläubige Juden.
(Nein, es stimmt übrigens nicht, daß alle Granatäpfel genau 613 Kerne haben.)

Aber die Juden machen ihrem Ruf besonders intelligent zu sein alle Ehre, indem sie die Vielzahl der Regeln nutzen, um eine mit der anderen abzuschwächen.
Freitags darf man nur Fisch essen. Und eben auch Hühnersuppe. Denn beim Kochen schwimmt das Huhn ja im Wasser und alles was schwimmt, gilt laut einer anderen Regel als Fisch.

Das ist offenbar das gleiche Prinzip wie bei der deutschen Steuergesetzgebung. Es gibt dermaßen viele Paragraphen zu Präzisierung, daß ein findiger Steuerberater sie auch benutzen kann, um einige Sachverhalte unpräzise zu machen.

Das Judentum ist eine eigenartige Religion.

·        Als einziger abrahamitischer Zweig missioniert sie nicht und bekommt dafür von mir extra Sympathiepunkte. Mission ist für mich das Hauptübel der Religionen.

·        Nur das Judentum bringt neben Orthodoxen auch noch Ultra-Orthodoxe und Ultra-Ultra-Orthodoxe hervor, obwohl mehr als orthodox gar nicht geht; denn die Thora gilt im orthodoxen Judentum als autoritatives Wort Gottes und darf daher nicht uminterpretiert werden.

·        Das Judentum zählt ausdrücklich auch Nicht-Religiöse zu ihrer Religion.

Marcel Reich-Ranicki verstand sich stets als 100%iger Jude, obwohl er durch und durch Atheist war und kein bißchen an irgendeinen Gott glaubte.

Ich bin jüdisch aufgewachsen. Aber wie die meisten Israelis bin ich völlig säkular. Atheist trifft es am ehesten, ich mag Religion eigentlich nicht. Was ich sehr mag, ist die jüdische Kultur, das ist etwas anderes, und mir liegt eine Menge daran, dem verschlossenen, exklusiven, orthodoxen Judentum, das in Israel leider bedenklich an Macht gewinnt, einen humanistischen, weltoffenen liberalen Umgang mit dieser Kultur entgegenzusetzen. Zum Beispiel mag ich es sehr, mit meiner kleinen Familie in Berlin das Schabbat-Abendessen zu feiern.

Bei 613 Regeln gibt es natürlich mehr oder weniger schwer einzuhaltende.
In jeder erfolgreichen Religion werden nicht einzuhaltende Forderungen postuliert, denn nur ein Gläubiger mit schlechtem Gewissen ist für die Obrigkeit leicht zu gängeln. Daher ist das christliche Konzept generell die Sexualität zu verdammen – vom Gedanken über Masturbation bis zum Geschlechtsverkehr - auch so genial.
Jeder verstößt irgendwann dagegen und bedarf dann der Kirche, um nicht in der Hölle zu landen.

Der Islam hatte aber auch eine brillante Kernidee, indem er ausgerechnet dort wo in der Spätantike die besten und kostbarsten Weine gekeltert wurden mit einem totalen Alkoholverbot Furore machte. Das war ungefähr so als ob man mit einem sexlosen Puff Werbung macht.

Arabien in der Spätantike, das ist kein Ort der Askese, Syrien und Palästina gelten zu dieser Zeit als die Weinländer schlechthin. Ägypten, Mesopotamien - selbst das trockenere Jemen hält sich auf seine hochwertigen Weine etwas zugute, 78 Rebsorten zählt der Geograf Ibn Rusta dort allein in der Region der heutigen Hauptstadt Sanaa. Die Riojas und Merlots ihrer Zeit heißen al-Schamsi ("der Sonnige", dessen Gärung man durch Sonneneinstrahlung verstärkt hat), al-Schamul ("vom Nordwind gekühlt") oder al-Qarqaf ("der einen erbeben lässt").
Orient-Wein ist ein kostbares Handelsgut. Er wird per Karawane exportiert, die syrische Stadt Palmyra dient dabei als internationales Wein-Drehkreuz, wie in den islamischen Überlieferungen, den Hadi-then, nachzulesen ist.

Aber auch der Koran ist interpretierbar, weil es sich widersprechende Suren gibt – und das obwohl Allah den Koran bekanntlich selbst diktiert hat.
So dauerte es bis ins 19. Jahrhundert, um das heutige strenge Alkoholverbot im Islam durchzusetzen.
Weit über tausend Jahre zechten die Muslime weiter.

Das Christentum ist eigentlich eine Säuferreligion, oder wie soll man sonst eins der bekanntesten Wunder Jesu interpretieren?

Bei der Hochzeit zu Kana war der Alk ausgegangen (Joh 2,1-12) und Jesus von Nazareth als Gast ist schon so angepisst, daß er seine Mami Maria wütend an grölt, als sie ihn bittet zu helfen.
Schließlich verwandelt er aber den Inhalt der Wasserfässer für die rituelle Waschung in besten Stoff, so daß alle weiterzechen können.

Auch im Christentum wurde man mit den Jahrhunderten strenger, führte das Gebot der Mäßigung ein. Ganz aufhören mit dem Alkohol wie zum Beispiel die Mormonen, kann man aber nicht, weil man im Gottesdienst Messwein verwendet, um dem bizarren Kannibalen-Kult um Jesu Körper zu huldigen.
Aber eben nur einen Schluck.
Nor oinen wönzigen Schlock.

Das Judentum als die älteste der drei Religionen ist entsprechend noch die Trinkfreudigste.
Selbst die Säkularen, wie der Berliner DJ Cobretti, schätzen die Saufgelage, wie sie beim Purim-Fest sogar Pflicht sind.

Purim, ein freudiger Gedenktag, dessen Beachtung nicht biblisch vorgeschrieben ist, wird am 14. Adar (bzw. Adar II) zur Erinnerung an die Errettung der Juden in Persien gefeiert, die im Buch Esther beschrieben ist. [….] Purim ist als freudiger Gedenktag ein Arbeitstag. Als Besonderheit des synagogalen Rituals ist vor allem zu erwähnen, daß sowohl nach dem Abendgebet als auch morgens nach der Toravorlesung das Buch Esther gelesen wird. [….]  Bereits im Buch Esther wird von der Festlegung berichtet, daß der Freude über die Rettung durch ein Festmahl, durch gegenseitiges Beschenken mit Speisen und durch Spenden für die Armen Ausdruck verliehen werden soll. An Purim ist es erlaubt, viel zu trinken, sogar sich zu betrinken, denn im Buch Esther ist das Mahl, das man zur Erinnerung an das Ereignis einnehmen soll, als Trinkgelage bezeichnet.
[….][….]

Tja, das ist die offizielle Beschreibung.
In der Praxis heißt es eher Komasaufen.

Die Geschwister meines Vaters kamen einst als bettelarme Einwanderer aus Libyen nach Israel, als orientalische Juden. Es gibt eine Redensart in Israel: Als diese Gruppe kam, waren alle Türen schon verschlossen. Nur nicht die Tür zur Synagoge. So sind sie orthodox geworden, ernste, ergriffene Leute. Als Kind in Israel war ich fasziniert davon, wie sie zum Purim-Fest trotzdem völlig ausflippen können. Da sah ich die Verwandten plötzlich betrunken, sie sangen Lieder, alberten herum wie kleine Kinder, weil der Talmud einen dazu ermuntert, bei dieser Gelegenheit einen draufzumachen.

Daß orthodoxe Juden alle Hemmungen verlieren, überrascht wenig, wenn man die entsprechenden Regelungen streng einhält.
Auch bei anderen Festen müssen sie sich ordentlich einen hinter die Binde gießen und so entwickelt sich die Leber eines Strengreligiösen entsprechend kräftig.

Wenn mit dem Pessach-Abendessen des Auszugs der Juden aus Ägypten gedacht wird, dann stehen für jeden Erwachsenen vier Gläser Wein auf dem Speiseplan. Wenn mit dem jüdischen Tu-bi-Schwat-Fest im Frühjahr die wiedererwachende Natur begrüßt wird, sollen die Gäste ihre vier Gläser sogar in wechselnden Farben trinken: Es beginnt mit Weißwein, dann folgt eine Rotwein-Weißwein-Mischung, die mit jedem Becher dunkler wird. Das soll die Natur ehren für ihren Wandel von Winter (weiß) zu Sommer (rot).

Juden sind also geübte Trinker und müssen den üblichen Weinkonsum gelegentlich auch gottgewollt bis zum Exzess treiben.

Interessanterweise beschäftigen sich Koran und Talmud schon mit Promillegrenzen.
Was ist angemessener Alkoholkonsum, ab wann beginnt der Vollrausch?

Aus den widersprüchlichen Koran-Stellen destillieren die anfangs vorherrschenden Koran-Exegeten kein strenges, sondern nur ein abgestuftes Alkohol-Verbot. Ein Mittelweg. Geistige Getränke seien zulässig - solange man nicht betrunken werde. Dem Gedanken nach führen die Gelehrten damit eine Art Promillegrenze ein. Wann beginnt Trunkenheit? In dem Moment, da man zwischen Himmel und Erde nicht mehr unterscheiden könne, so lautet eine gängige Definition dieser Zeit; womit die Schwelle durchaus recht hoch liegt, recht liberal.
 (Die jüdische Lehre definiert den Vollrausch übrigens auf ähnliche Weise: als den Zustand, in dem man nicht mehr unterscheiden kann zwischen einem Fluch und einem Lob; bloß dass diese Definition nicht eine Sünde umschreibt, sondern die Zielmarke beim Purim-Fest.)

Holla, die Waldfee. Vollrausch als von Gott befohlene Zielmarke.
Wieso gibt es im Vergleich zum prüden Christentum und zum abstinenten Islam nur so wenig Juden?