Wie das passieren konnte, weiß ich auch nicht. Vor ein paar Wochen stolperte ich nachts um 03.00 Uhr in die Reality-Trashshow „MTV Floribama Shore“. Einen der viele Shore-Ableger, bei denen rund 10 Jung-Twens in eine Villa gesteckt werden, um möglichst viel zu saufen und zu kopulieren, um unter 24/7-Kamerabeobachtung zur voyeuristischen Freude des Publikums auszuflippen. Das Prinzip kannte ich aus dem britischen „Geordie Shore“, welches wegen des in meinen Ohren sagenhaft lustigen Akzents in Newcastle kurzweilig ist.
Floribama hingegen löst mit seinem durchgehenden US-Südstaatenakzent Ohrenbluten bei mir aus. Amerikanische junge Menschen, die sich zum Bacchanalisieren treffen, sind anders als Europäer oder Australier. Sie sind unfassbar ungebildet, unfassbar nationalistisch, unfassbar aggressiv und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit fassen sie sich alle bei den Händen, stecken die Köpfe zusammen und beten. Nur um unmittelbar anschließend wieder so wütend zu brüllen und zu stampfen, daß ein Gorilla-Silberrücken eingeschüchtert wäre.
Während sie fluchend austicken, zitieren sie ihre christlichen Homeschooling-Werte – Freundschaft, Ehre, Familie, Treue – gegen die aus ihrer Sicht, der jeweils andere verstoßen habe. Es ist ein bißchen, wie in der ethnisch und soziokulturell homogenen ostdeutschen Provinz. Sie haben nie Toleranz gelernt, sind nicht fähig, zuzuhören, sich verbal mit Argumenten zu begegnen. Jede minimale Abweichung von ihrer subjektiven Norm, löst Aggressionen aus.
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JERIMIAH BUONI |
Der gemeinsame Hass auf andere ist das verbindende Element. Deswegen kommen politische Populisten, die Sündenböcke präsentieren und versichern, daß man sich niemals ändern müsse, in solchen Gebieten weit.
Der gemeinsame Hass auf Schwächere macht hier MAGA und dort die AfD so stark.
Wenn sie ihren Willen nicht bekommen, oder gar auf Widerspruch stoßen, sind sie aufgrund ihrer minimalen Toleranzschwelle sofort überfordert und reagieren mit Überschuss-Emotionen; viele Tränen, viel Wut. Sie werden von dem Gefühl beherrscht, zu kurz zu kommen, andere bekämen zu viel, ihnen werde etwas weggenommen.
Ich stolperte auf MTV in eine Folge aus der dritten Staffel von 2019. Die Prä-Covid Trump-Welt des Südens. Das Paradies für acht religiöse Südstaaten-Fans, die von Florida aus, auch Tagesausflüge nach Tennessee und South Carolina unternehmen.
Dort erlebt man das ultimative Klischee: Erzkonservative Menschen, die im Erwachsenenalter nahezu alle schwer adipös sind, Trucks fahren, saufen, grölen und dabei exzessiv ihre Religiosität als Monstranz vor sich her tragen.
Sie sind sich vollkommen sicher, alles genau richtig zu machen. Nur ihre Lebensweise kommt in Frage. Jede Abweichung davon, löst nicht etwa Neugier, sondern Aggression aus.
Es ist eine schreckliche Welt und als US-Amerikaner möchte ich an dieser Stelle die Heterogenität der Nation erwähnen: Meine Freunde in den USA sind noch viel mehr von den religiösen, weißen Südstaaten-MAGAs abgestoßen. Die Spaltung der Gesellschaft geht wesentlich tiefer, als die deutschen Ressentiments zwischen Ossis und Wessis.
In der ökonomischen Krise verstärken sich die Vorbehalte, weil die ländlich-homogenen erzkonservativen nationalistischen Landstriche, mit ihrer Pseudonostalgie, der Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, die es so aber nie gab, ihren Lebensstandard nicht halten können.
Sie schmieren soziokulturell immer weiter ab, weil sie ungebildeter, provinzieller und unattraktiver, als die multikulturellen liberaleren Metropolen sind.
Niemand will in Kaffs mit so einer Mentalität investieren. Weder in Alabama, noch in Sachsen-Anhalt. Sie hängen am finanziellen Tropf der Hauptstadt und diese Abhängigkeit, die ihnen tagtäglich ihre Minderleistung vor Augen führt, macht sie noch viel wütender, erfordert noch viel dringlicher Sündenböcke. Irgendjemand anderes – Schwule, Migranten, Linke, Schwarze, Feministen – muss schließlich Schuld sein, wenn man sich selbst als völlig fehlerlos betrachtet.
So wie die ostdeutschen Bundesländer, liegen auch die „solid red“ US-Südstaaten bei allen ökonomischen und soziologischen Kenndaten weit hinten.
Während aber die Ossis kollektiv bisher nur von AfD-Landesregierungen träumen, erleben die Rednecks bereits seit Jahren, was ihre MAGA-Idole in der Regierungspraxis erreichen: Nämlich nichts!
Ihre wirtschaftliche Lage verschlechtert sich massiv. Aber für viele überwiegt noch der Hass auf andere. Sie wählen weiter ihren eigenen Untergang.
Trumps Politik kann Farmer direkt in den Ruin treiben, aber deswegen eine andere Partei zu wählen, bringen viele nicht fertig.
[…] Farmer Stoltzfus aus Idaho sagt, er sei der Republikanischen Partei immer treu geblieben. Derzeit falle ihm das schwer, angesichts des Chaos, der hohen Preise.
Dennoch würde er, wenn das ginge, wieder für Trump stimmen. »Es wird nicht einfacher. Aber was kommt sonst? Ich fürchte: Sozialismus.« Er habe als Junge die Kubakrise erlebt, sagt Stoltzfus. Das habe ihm gezeigt, wozu der Kommunismus imstande sei. So etwas müsse man in den USA um jeden Preis verhindern.
Auch wenn das bedeute, gegen die eigenen Interessen zu stimmen. […]
Die Dummheit in der Provinz ist groß!
In Lindsey Grahams deep red South Carolina hingegen, könnte seine kleine Schwester tatsächlich Probleme bekommen, seinen US-Senatssitz zu übernehmen. Sie ist selbst für US-Südstaatler zu dumm. Zu sehr ruinierte die Dekaden währende republikanische Herrschaft den Südstaat.
[…] Die Wahlkampf-Freiwilligen der Demokratin Annie Andrews stehen entlang der Einfahrtstraße zum Fernsehstudio des öffentlichen Senders SCETV. Sie schwenken Schilder und schießen Selfies, alles in der Hoffnung darauf, nach Jahrzehnten der Niederlagen in diesem Staat endlich einmal zum Gewinner-Team zu gehören. […] Es ist bemerkenswert, dass Andrews überhaupt hier steht, denn der Südosten des Landes ist normalerweise fest in republikanischen Händen. Deren Kandidaten haben oft einen so großen Vorsprung, dass sie eine TV-Debatte einfach absagen.
Auch Andrews’ Konkurrentin Darline Graham hatte erst nach langem Drängen zugestimmt. Sie gilt selbst innerhalb der eigenen Partei als schwach und wenig präsent. […] In Studio B des Sendehauses dauert die Debatte nur eine Stunde. Die Kandidatinnen setzen auf Wahlkampf-Phrasen, spürbar mit Blick auf ein zweites Leben als viraler 45-Sekunden-Clip online. So erinnert Graham ein ums andere Mal an ihre Eltern, die kurz nacheinander starben, als sie elf und 13 Jahre alt war. Sie warnt davor, dass ihre Gegnerin „linksradikal“ sei, Steuern erhöhen und eine staatlich gesteuerte Pflicht-Krankenversicherung einführen wolle. […] Die Demokratin kämpft auch gegen die Historie ihres Staates: Der letzte Präsidentschaftskandidat, der sich gegen einen Republikaner durchsetzen konnte, war Jimmy Carter vor einem halben Jahrhundert. Einen Sitz im US-Senat hat hier seit 1998 kein Demokrat mehr gewonnen.
In Umfragen hat sich Andrews aber teils bis auf einen Prozentpunkt an ihre Konkurrentin herangeschlichen. In dem republikanischen Staat seien solche Zahlen so kurz vor der Wahl ungewöhnlich, meint Scott Huffmon, Politikwissenschaftler an der Winthrop University, […] Wer sich in dem Staat umhört, der etwa so groß ist wie Österreich, bekommt trotzdem schnell den Eindruck: Die jahrzehntelange republikanische Übermacht führt zu Lethargie. Die allermeisten winken schnell ab, wenn sie nach ihrer politischen Meinung gefragt werden. Sonntags stehen stattdessen die Autos vor den Kirchen und noch viel häufiger auf den Parkplätzen der Golfplätze. Abends jubeln die Fans im Moment eher in den Sportsbars ihren Lieblingsteams im College Football zu. 5,5 Millionen Menschen wohnen hier – anderthalb Millionen mehr als noch im Jahr 2000. […] Einst von der Landwirtschaft geprägt, holt South Carolina wirtschaftlich erst seit kurzem auf, beim BIP liegt man gerade einmal auf Rang 44 der 50 US-Staaten. […]





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