Der globale Süden, die BRICS-Staaten wenden sich immer
mehr von ihren einstigen Kolonisatoren, den westlichen Demokratien ab.
Wer, wie ich, während des Eisernen Vorhangs
politisch sozialisiert wurde, die Welt aufgeteilt zwischen den reichen,
demokratischen West-Nationen, den stalinistischen Warschauer Pakt-Staaten und
ein paar armen Habenichtsen/Dritte Welt/Blockfreien, erlebte, glaubte das werde
für lange Zeit so bleiben.
Oder es käme zu einem weltvernichtenden Nuklearkrieg der
beiden Supermächte.
Man kannte zwar die Namen einzelner Oppositioneller
hinter der Mauer (Sacharow, Wałęsa, Biermann), aber die waren chancenlos gegen
den übermächtigen Staatsapparat. Es scherte uns wenig. Alles östlich von Berlin
war Terra Incognita. Da kannte man niemanden, reiste man nicht hin. Darüber
wußte man nichts, sah lediglich die grotesk gedrillten Sportmaschinen auf
internationalen Events; stets abgeschirmt von Geheimdienstlern.
1985, also Gorbatschow, kam völlig überraschend.
1989, also der Mauerfall, kam überraschend.
Niemand war darauf vorbereitet, aber dann, huch, war auf
einmal „das Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) gekommen. Der
Staatskommunismus fiel in sich zusammen, die Menschen, die eben noch unter stalinistischer
Knechtschaft standen, wollten nun frei sein und die Segnungen des Kapitalismus
genießen. Verständlich. Bei uns im Westen war es doch auch so viel schöner. „Alles
so schön bunt hier!“ (Nina Hagen). Natürlich strebten die Ex-WP-Straaten alle
zu uns, in den Wirtschaftsraum, die EU, die NATO. Wir waren die Gewinner.
Es war der eine nachvollziehbare Weg: Aus der
Unterdrückung und Not, hin zu Freiheit und Überfluss. Alle Diktatur-Untertanten
strebten danach, ihre autokratische Herrschaftsschicht abzusetzen und
demokratisch zu werden. Tolle Sache. Unseren teuren Armeen brauchten wir nicht
mehr und nun kamen auf einen Schlag hunderte Millionen, bzw Milliarden (inklusive
China) neue Konsumenten für unsere Konzerne dazu. Goldene Zeiten für immer.
Fast Forward to 2026:
China und Russland lachen über uns Westler, die
Blockfreien, der globale Süden, zeigen uns den Stinkefinger, wollen lieber ohne
Bevormundung, mit der BRICS-Bank arbeiten. Nicht nur die ehemaligen diktatorischen
Warschauer-Pakt-Staaten lassen das Experiment Demokratie fallen, nein, auch die
einstigen demokratischen West-Kernländer, pfeifen immer mehr auf Rechtsstaatlichkeit,
regelbasierte internationale Ordnung und Demokratie. An vorderster Front
ausgerechnet das Mutterland der Demokratie, die Supermacht USA, in der sich 77
Millionen Wähler für einen erwiesenermaßen kriminellen Verfassungsverächter,
als starken Führer entschieden.
Die Slowakei, Ungarn, Polen und die Türkei kippen, Russland
und Belarus sind Diktaturen. Deutschland, England, Frankreich, Italien sind
gefährdet. Die Ex-DDR ebenfalls schon verloren.
Besser wird es nicht.
[…..] Es ist der 7. Mai
2027. Großbritanniens neuer Premierminister Nigel Farage, dessen Partei Reform
UK soeben bei vorgezogenen Parlamentswahlen die regierende Labour-Partei
geschlagen hat, hält in London vor der schwarzen Tür seines Amtssitzes seine
Siegesrede, während in Hörweite linke Gegendemonstranten johlen.
„Ich habe soeben die
Einladung Seiner Majestät angenommen, eine Regierung zu bilden“, hebt er an und
grinst verzückt. „Hier, vor Downing Street Nummer 10, weiß ich nur allzu gut,
wie groß meine Verantwortung ist – und wie groß das Vertrauen des britischen
Volks in mich. Ich weiß genau, wofür das Land gewählt hat. Es ist ein Mandat
für Reform, und ich sage dem britischen Volk: Wir traten an für Reform, und als
Regierung liefern wir Reform! Dies ist kein Mandat für Dogma oder Ideologie
oder für die Rückkehr zum Scheitern der Vergangenheit. Es ist ein Mandat, die
Dinge zu tun, die dieses Land dringend braucht, ein Mandat für Großbritanniens
Zukunft.“
Nur kurz vorher, am Abend
des 2. Mai, hat in Paris der frisch gewählte Präsident Jordan Bardella seinen
Sieg gefeiert, nach einem erbitterten Wahlkampf seines rechten Rassemblement
National (RN) gegen die Linke in der Stichwahl. Antifaschistische Großdemonstrationen
ziehen durch Teile von Paris; schussbereite Sonderpolizisten umgeben den jungen
Wahlsieger am abgeriegelten Triumphbogen.
„Danke, dass ihr heute
Abend hier seid!“, ruft er seinen Getreuen zu. „Heute Abend habt ihr gesiegt!
Frankreich hat gesiegt! Was wir geschafft haben, ist beispiellos und einmalig.
Heute Abend gibt es nur noch Französinnen und Franzosen, das geeinte französische
Volk! Die Welt schaut auf uns! Euer Mut wird mich tragen. Ich werde euch
beschützen. Ich werde für euch kämpfen. Gegen die Lüge, gegen die
Beharrungskräfte, für ein besseres Leben für jeden von euch!“
Ein Wind des Wandels fegt
durch Europa in diesem Sommer 2027. Italien, Österreich, Ungarn, Tschechien und
die Niederlande sind ohnehin schon nach rechts gerückt, nun auch Großbritannien
und Frankreich. Europa kippt. Farage und Bardella arbeiten seit Jahren
zusammen, für den 31-jährigen Franzosen ist der 63-jährige Brite ein Mentor,
„ein großer Patriot, ein Pionier“, wie er in London im Dezember 2025 sagte.
Gemeinsam wollen sie Europa seine „Selbstachtung“ als Bündnis stolzer
Nationalstaaten zurückgeben. Schluss mit der Masseneinwanderung, mit grün und
woke, mit Selbstzweifeln. Die EU wollen sie gemeinsam begraben, sie ist die
gescheiterte Welt von gestern.
Schon Anfang Juni 2027
können Farage und Bardella bei den Gedenkfeiern zum D-Day, der Landung der
Westalliierten des Zweiten Weltkriegs an den Stränden der Normandie 1944,
gemeinsam mit Donald Trump und Wladimir Putin die Achse der Freundschaft
zwischen Washington, London, Moskau und Paris neu gründen: die Wiedergeburt der
Siegerallianz von 1945 im Sinne der „Feier des individuellen Charakters und der
Geschichte der europäischen Nationen, frei von Schamgefühl“, wie es Ende 2025
die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA festhielt. [….]
(Dominic
Johnson, 03.01.2025)
Musste das so kommen?
Und wenn nicht, wer ist Schuld an dem Globaldesaster?
Den Brei haben natürlich viele Köche vergiftet.
Tech-Konzerne, Nazi-Parteien, Social-Media-Algorithmen, verblödet-apathische GenZ
und garstige Diktatoren.
Aber die größte Schuld tragen wir. Wir, die Bürger der
einst so glorreichen West-Staaten. Wir wählen nämlich, trotz so viel besserer
und fähigerer Alternativen, unsere eigenen Totengräber zu Regierungschefs: Meloni,
Johnson, Trump, Kurz, Merz. Typen, die
zusammen mit Orbán, Erdoğan, Nawrocki und Fico, die Axt an die EU legen.

Die mit vollgeschissenen Hosen vor Diktator Trump appeasen
und damit dem globalen Süden, den BRICS-Staaten klar signalisieren: Alles, das
wir von Euch verlangen, die Werte, die wir anmahnen, sind pure Heuchelei. Wir
stellen uns zwar offiziell gegen Putin, finanzieren aber seinen Krieg, indem
wir weiter sein Öl und Gas kaufen. Kriegsverbrechen mahnen wir nur an, wenn es uns
zufällig in den Kram passt. Werden sie aber von Israel oder der USA begangen,
robben wir sofort schleimspurziehend mit geschürzten Lippen herbei, um den Kriegsverbrechern
den Arsch zu küssen. Illegale Angriffskriege mit einer Million Toten sind böse,
wenn Putin sie anzettelt, aber gar kein Problem, wenn es George W. Bush war.
Bibi und Taco sanktionieren wir nicht, weil wir testikelfreie Gummirücken sind,
die sich sofort einnässen, wenn Washington aktiv wird.
[….] Trump will aus Europa
eine Kolonie machen. Vielleicht haben wir es nicht besser verdient
Der US-Präsident macht kein
Geheimnis daraus, dass der alte Kontinent ein Mündel Amerikas werden soll.
Warum wehren wir uns nicht entschlossener dagegen? [….] »Seien wir
ehrlich, die Europäische Union wurde gegründet, um die Vereinigten Staaten über
den Tisch zu ziehen«, sagte Trump im vergangenen Februar während einer
Kabinettssitzung. »Das ist ihr Zweck, und sie haben das gar nicht schlecht
gemacht. Aber jetzt bin ich Präsident.« [….] Die neue
Sicherheitsstrategie der US-Regierung lässt wenig Zweifel daran, dass Trump
sich in den Kernländern Europas eine rechte Revolution wünscht, die
EU-feindliche Kräfte an die Macht spült. [….] Man muss blind und taub
sein, um nicht zu erkennen, welch Verheerungen amerikanische Techkonzerne in
unserer politischen Kultur hinterlassen haben. Der Aufstieg
rechtspopulistischer Parteien lässt sich sicher nicht monokausal erklären. Aber
der Start von Facebook (2004) und Twitter (2006) sowie die Einführung des
iPhones (2007) haben die Grundlage für einen politischen Diskurs geschaffen,
der sich in immer kürzeren Erregungszirkeln dreht und der von Algorithmen
angefeuert wird, die die schärfsten Thesen befeuern. Es ist ein
Belohnungssystem, von dem Populisten von links und rechts am meisten
profitierten. [….] Man mag die Idee, Plattformen wie X in der EU einfach
abzuschalten, für zu radikal halten. [….]
Wir Europäer haben alle
Mittel, die amerikanische Wirtschaft und damit Trump das Fürchten zu lehren.
Wir sind ein Markt mit 450 Millionen Konsumenten. Im Jahr 2024 verkauften
US-Firmen Waren im Wert von 370 Milliarden Dollar im europäischen Binnenmarkt. Es
gibt keinen Grund, uns von der US-Regierung Zölle aufzwingen zu lassen, die
grotesk unfair sind. [….] Es steht nirgendwo geschrieben, dass wir
unsere Innenstädte von Firmen wie Amazon zerstören lassen müssen. Und einfach
dabei zusehen sollen, wie die KI-Giganten im Silicon Valley ihre Technik erst
mit dem Diebstahl geistigen Eigentums aufbauen, um nun Zug um Zug dem
unabhängigen Journalismus und der
Kreativbranche die Geschäftsgrundlage zu entziehen. [….] Europa muss
sich nicht mit einer Welt abfinden, in der keine Regeln mehr gelten und in der
nur die Macht des Stärkeren zählt. [….]
(René Pfister, 04.01.2026)
Die EU überhört jeden Schuss. Wir sind so erbärmliche
Rechtsstaatsamöben, daß wir es verdient haben, internationales Gespött zu sein,
das ganz sicher niemanden mehr als Vorbild dient.
[….] Völkerrechtsbruch in
Venezuela: Merz muss klar Stellung beziehen[….] Niemand muss Nicolás
Maduro eine Träne nachweinen. Der venezolanische Präsident war ein Diktator.
Und trotzdem: Seine gewaltsame Festnahme inklusive Bombardierung mit
Todesopfern war ein Völkerrechtsbruch, der weltweite Folgen haben könnte. Für
Grönland, für Taiwan, für die Ukraine. Denn Russland und China könnten den
US-Überfall als Rechtfertigung für eigene Angriffe nutzen.
Donald Trump ignoriert das
Völkerrecht und die territoriale Unverletzlichkeit von Staaten. Er schert sich
nicht um internationale Regeln. Er verschleiert nicht mal, dass es ihm in
Venezuela ums Öl geht. Die Führungsmacht des Westens hat die Büchse der Pandora
geöffnet.
Und der Bundeskanzler und
Jurist Friedrich Merz fabuliert in dürren Zeilen "die rechtliche
Einordnung des US-Einsatzes" sei "komplex" und spielt auf Zeit. [….]
(Uli Hauck, 04.01.2026)
Wir wußten es natürlich schon vor dem Kriegsverbrechen von
Caracas: Merz ist der schlechteste Bundeskanzler aller Zeiten und
schadet der EU schwer. Aber Fritze vermag es offenkundig,
seine internationale Erbärmlichkeit noch deutlich zu steigern. Man schämt sich
in Grund und Boden für diese Lusche.

[….] Die Entscheidung des
US-Präsidenten Donald Trump, Venezuela zu bombardieren, war, ist und bleibt
illegal. Dieser Angriff ist nicht abgedeckt durch ein Mandat des
UN-Sicherheitsrats oder Beschluss des US-Kongresses. Es war die Entscheidung
einiger weniger – aber mit hochgefährlichen Folgen für die internationale
Ordnung. [….] Der Angriff der US-Regierung auf Caracas ist nicht aus dem
intrinsischen Wunsch entstanden, den Menschen in Venezuela die Freiheit zu
bringen, sondern hat drei andere Dimensionen: Kontrolle über die größten
Ölreserven der Welt; international deutlich zu machen, dass der
südamerikanische Kontinent US-Einflusssphäre ist; und drittens, mit Blick auf
die Midterm-Wahlen in diesem November, ein innenpolitisches Signal an Teile der
lateinamerikanischen Wählerschaft zu senden. […..]
(Adis Ahmetovic, SPD, 04.01.2026)
Merz signalisiert gerade Xi und Putin: Macht nur! Ich bin
nur ein Maulheld. Mir darf jeder beliebig auf der Nase rumtrampeln, der stark
genug ist. Ich teile nur kräftig aus, wenn es gegen sehr viel Schwächere geht;
Bürgergeldempfänger, Migranten, Geringverdiener.
[….] Nach dem US-Angriff
auf Venezuela postete die Ehefrau eines engen Trump-Beraters eine
Grönland-Karte in Farben der US-Flagge - und versah sie mit dem Wort
"SOON". In Grönland und Dänemark sorgt das für Irritationen.
Grönland und Dänemark haben
irritiert auf den Online-Post der Ehefrau eines wichtigen Beraters von
US-Präsident Donald Trump reagiert. Katie Miller, die Frau von Vize-Stabschef
Stephen Miller, hatte bei X eine Grönland-Karte in den Farben der US-Flagge geteilt,
mit dem Kommentar "SOON" ("bald") - und das kurz nach nach
dem US-Angriff auf Venezuela, bei dem der venezolanische Staatschef Nicolas
Maduro festgenommen worden war. […..]
(Tagesschau, 04.01.2026)
Das Völkerrecht interessiert mich nicht. Ich buckele gern
vor dem Stärkeren. So wie Trump sich Grönland oder Kuba nimmt, nehmt Euch gern das
Baltikum und Taiwan.
[….] Trump will mit Putin
die Ukraine wiederaufbauen – Russlands Bomben als Wegbereiter für US-Investoren
– und die Rohstoffe der Arktis ausbeuten, wo Grönland als Nächstes auf dem Menü
steht. [….] Trump, Putin und Xi wollen die brutale Welt von gestern.
Venezolaner, Ukrainer und Taiwanesen wollen die selbstbestimmte Welt von
morgen. Gegner imperialer Machtpolitik wissen, auf wessen Seite man da steht. [….]
(Taz, 04.01.2026)