Dienstag, 25. Juli 2017

Auf dem Holzweg

In einer Demokratie ist es keine Option nicht zu wählen.
Man darf dabei allerdings nicht die absurde Vorstellung haben eine Partei richte sich zu 100% nach den persönlichen Meinungen.
Wenn wie in Deutschland 82 Millionen Einzelmeinungen in gerade mal zwei Dutzend Parteien auf unserem Bundestagswahlzettel einfließen, kann der Einzelwähler keine individuell auf ihn persönlich abgestimmte Programmatik erwarten.
Parteien wirken bei der Meinungsbildung im Volk mit. Das ist eine wechselseitige Beziehung. Parteivertreter versuchen einerseits das Volk von ihrem Programm zu überzeugen und andererseits finden Volkes Meinungen Eingang in Parteiprogramme.
Dabei sind Wähler und Parteien als die beiden Entscheider in einer Demokratie nicht die einzigen Player. Beide Seiten werden mit enormem Aufwand von Lobbyisten aller Art, Journalisten und Kirchen umgarnt.

Diese kontinuierliche Einflussnahme in beide Richtungen kann zu vernünftigen Resultaten führen. So will beispielsweise auch die CDU aus der Atomkraft aussteigen, kriminalisiert Schwule nicht mehr und lehnt nun auch mehrheitlich die Straffreiheit von Vergewaltigung in der Ehe ab.
In all diesen Fällen waren „die Menschen da draußen“ fortschrittlicher und vernünftiger als die Partei, die sich letztendlich anpassen mußte.

Es kann auch umgekehrt sein. So wurde ein Umweltbewußtsein erst durch eine Partei mit drastischer Programmatik in das Volk übertragen.
Mülltrennung, Pfandflaschen, FCKW-Verbot in Haarsprayflaschen, Katalysatorenzwang für Autos, Ökostromvorgaben, Ächten von Plastikverpackungen erschien den Bürgern zunächst als staatliche Bevormundung. Konservative lehnte all das als wirtschaftsschädlich ab.
Inzwischen sind umweltschützende Maßnahmen breit akzeptiert.
CSU-Wähler und Linke-Fans würden es vermutlich gleichermaßen verdammen, wenn ich Plastiktüten in den Wald werfe.

Manchmal verweigern sich alle Parteien unisono vernünftigen Ansichten der Bevölkerung, weil sie unter besonders extremen Einfluss der Kirchen stehen.
Dafür stehen die Themen Patientenverfügung, Sterbehilfe, assistierter Suizid.
Gewaltige Mehrheiten von weit über 80% der Bevölkerung lehnen die letzten diesbezüglichen Gesetzesverschärfungen ab und sprechen sich für ein selbstbestimmtes Sterben aus.

In anderen Fällen übernehmen Parteien wider besseres Wissen eine völlig unvernünftige Mehrheitsmeinung des Volkes. Das ist beim Tabu des Autobahntempolimits der Fall. Rasen ist umweltschädlich und führt zu weit mehr Verletzten und Toten. Daher gibt es auch in jedem Land der Erde ein Autobahntempolimit. Außer in Deutschland, weil sich der hiesige Michl irrationalerweise über sein Recht aufs Todesrasen definiert.
Daher traut sich keine große Partei ein allgemeines Tempolimit zu fordern.

Da die Beeinflussungen kontinuierlich und dynamisch sind, sollte man möglichst viel partizipieren.

Das bedeutet bei einer Wahl das kleinste Übel auszusuchen.
Wenn zwei Dutzend Parteien antreten, kann es rechnerisch dazu führen, daß ein Kandidat, mit dem man zu 10% programmatisch übereinstimmt und den man zu 90% inhaltlich ablehnt, bereits das kleinste Übel ist, das man also auch wählen muss, wenn man mit dessen Konkurrenten noch etwas geringere Schnittmengen hat.
In dem Fall beeinflusst man als Wähler den politischen Prozess mit der Stimme für jemand, den man zu 90% ablehnt immer noch in die eigene Richtung.

Besser, sinnvoller und direkter geht die Beeinflussung einer Partei über eine Mitgliedschaft, die ich immer wieder nachdrücklich jedem empfehle.
Anders als bei einer einmaligen Wahlentscheidung reicht aber für eine Parteimitgliedschaft keine 10%-Übereinstimmung, weil man als Mitglied auch seine gesamte Partei stärkt, indem man sie über den Mitgliedsbeitrag finanziell unterstützt und weil Parteien natürlich auch mit ihrer Mitgliederzahl werben.

Um einer Partei beizutreten, sollte man mit 51% der Programmpunkte übereinstimmen.

Die Quote schaffe ich bei der SPD locker.

Allerdings sind bei potentiell bis zu 49% Ablehnung auch erhebliche Spielräume, um sich die Haare zu raufen, wenn man die eigene Partei betrachtet.

Ich werbe für die SPD, aber bin nicht parteiblind. Manchmal gefallen mir die Positionen von Linken oder Grünen besser, gelegentlich lehne ich einzelne Partei-Spitzenvertreter oder bestimmte Pläne so massiv ab, daß ich mich in diesem Blog fürchterlich aufrege. Herr Gabriel, Herr Thierse, Frau Nahles, Herr Oppermann, Frau Griese, die Thüringer, die Berliner Genossen haben immer wieder meinen verbalen Zorn zu spüren bekommen.

Rein zufällig bin ich von der Hamburger SPD verwöhnt.
Nicht nur ist der Hamburger Landesverband derjenige, der mit Abstand die besten Wahlergebnisse vorweist, sondern ich halte Olaf Scholz auch für einen ausgesprochen guten Verwalter.
Hinzu kommt, daß mir seine unprätentiöse, gelassene und seriöse Persönlichkeit ausgesprochen gut gefällt.
Was für ein Luxus nach den vielen Jahren CDU-Beust einen Bürgermeister zu haben, der nicht nur von der eigenen Partei stammt, sondern den man wirklich gern unterstützt.

Meine Übereinstimmung mit der Scholz-SPD Hamburgs liegt sehr viel höher als 51%. So ein Glück.

In diesem Fall schmerzt es besonders, wenn sich die Heimat-Genossen im G20-Nachspiel so verrennen, daß man sie kaum noch verteidigen kann.

Ich bin geneigt Scholz Kredit zu geben, weil er in einer NoWin-Situation steckte.

(…..) Es ist offensichtlich, daß sich Scholz heftig vergaloppiert hat.
Aber immerhin war es nun mal Angela Merkel, die den Gipfel unbedingt in Hamburg abhalten wollte. Als Bürgermeister der so geehrten und ausgekorenen Stadt zu sagen "Nö, da haben wir keinen Bock drauf" wäre ebenfalls eine sehr schlechte Option gewesen.
Dann wären CDU und FDP über ihn hergefallen und im Wahlkampf hätte man sich ewig anhören müssen, daß der SPD sicherheitstechnisch nicht zu trauen sei, daß sie sich vor dem linken Mob kapituliere.
Und hätte ein CDU-Bürgermeister Trepoll etwa zu seiner Kanzlerin und Parteichefin gesagt „such dir gefälligst eine andere Stadt für deine Gipfel-Show?“

A posteriori meine ich schon, daß Scholz besser "Nein" gesagt hätte, aber an ihm hätte dann erst recht das Loser-Image geklebt. Es war eine no-win-Situation.
Gegen die Guerilla-Taktik der organisierten G20-Protestierer, die mal in schwarz Pflastersteine werfen, dann blitzschnell umgezogen sich in bunt unter friedliche Demonstranten mischen gibt es in einer 1,9 Millionen-Stadt auf 756 km2 ohnehin keine Polizeitaktik, die funktioniert – solange man sich in einem demokratischen Rechtsstaat befindet und nicht wie in China oder Saudi Arabien vorgehen kann. (….)

Ich verstehe außerdem, daß man als oberster Dienstherr der Polizei, der mit für den Einsatz, den die Polizei nicht freiwillig machte, verantwortlich ist, ungern mit dem Finger auf „die Polizei“ zeigt.
Es ist ehrenvoll, wenn sich Scholz vor die Polizei stellt, der er den G20 eingebrockt hat.
Ich nehme an, der Bürgermeister wollte klarstellen, daß die Polizei nicht insgesamt gewalttätig war, daß man nicht der Polizei generell Gewalt unterstellen dürfe. Das ist auch richtig.
Scholz drückte sich aber unter dem Druck der Medien und der Konservativen etwas zu deutlich aus.

[….] Scholz verteidigte erneut die Arbeit der Polizei rund um den G20-Gipfel. Auf die Fragen, ob die Einsatzkräfte zu hart vorgegangen seien und ob es Anzeichen für Polizeigewalt gebe, sagte er: "Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise." Auch bei Demonstrationen mit überwiegend friedlichen Teilnehmern hatte die Polizei teilweise Pfefferspray und Wasserwerfer eingesetzt.
"Ich will ausdrücklich sagen: Es gab sehr besonnene, sehr mutige, sehr schwierige Einsätze der Polizei. Und die Polizei hat wirklich alles getan, was möglich gewesen ist", so der Bürgermeister. [….]

So formuliert klingt es wie: „kein einziger der 21.000 Beamten wendete unangemessene Gewalt an“.
Das ist Unsinn, den der hochintelligente Scholz aus mir nicht bekannten Gründen nicht klar stellt.

Es mögen sich 99% der Polizisten korrekt verhalten haben, aber dennoch gab es einige (wie viele weiß ich nicht) Fälle von Polizeigewalt.
Es ist müßig darüber zu diskutieren, weil das auf Video festgehalten wurde.
Man kann das beispielsweise im YouTube-Kanal von „Unicorn Riot“ ansehen, aber auch die ARD zeigte unter anderem in der letzten PANORAMA-Sendung diese Bilder.


Anja Reschkes Sendung war, wie meistens, die beste und Lehrreichste zum Thema G20. Wer es noch nicht gesehen hat, möge sich die gesamten 29 Minuten ansehen.

Unterdessen beginnt sogar der rechts-bürgerliche CICERO-Chef die Hamburger Genossen zu bedauern.

[….]  Der rechtschaffene Prügelknabe
Nach den Randalen in Hamburg um den G20-Gipfel beginnt bei den Parteien das Spiel um die politische Verantwortung. Dabei zeigt sich ein Muster: Die SPD geht der CDU immer wieder auf den Leim. Den Sozialdemokraten fehlt dabei eine nicht sympathische, aber erfolgreiche Eigenschaft
Die SPD ist eine Partei, der man vieles anlasten kann, mit der man inhaltlich in vielen Punkten überkreuz liegen kann. Aber eines muss man ihr lassen. Sie ist eine Partei, die es sich nie leicht macht. Die es im Zweifel sogar lieber sich selbst als anderen schwer macht. Sie ist eine im Kern liebenswert (oder auch bedauernswert) rechtschaffene Partei. Sie ist keine ruchlose Partei. Sie ist oft zu gut für diese Welt. Wahrscheinlich ist das zwangsläufig so, wenn man Gerechtigkeit zu seinem obersten Grundwert erklärt. [….]

Offensichtlich ahnt die Hamburger SPD, daß etwas gründlich schief gelaufen ist, daß der G20 noch a posteriori für ganz ganz schlechte Stimmung in der Stadt sorgt.

Statt aber zuzugeben, daß man einiges falsch einschätzte, bleiben sie bockig auf ihrem Rechtfertigungskurs.
Die Hamburger Genossen werden nun von der Partei mit Rechtfertigungsstanzen versorgt…..

Wenn man in einem Loch sitzt, sollte man nicht weiter graben, sagte schon Rumsfeld.

[…..] Die Ham­bur­ger SPD hat ih­ren Mit­glie­dern ei­nen Ka­ta­log mit zwölf „Fra­gen und Ant­wor­ten zum G-20-Gip­fel in Ham­burg“ ge­mailt. Er soll den Ge­nos­sin­nen und Ge­nos­sen hel­fen, kri­ti­sche Fra­gen von Mit­bür­gern zur Si­cher­heits­la­ge wäh­rend des Gip­fels zu be­ant­wor­ten. Ob dies mit dem zwi­schen Pein­lich­keit und Pro­pa­gan­da os­zil­lie­ren­den Fünf-Sei­ten-Pa­pier ge­lingt, darf be­zwei­felt wer­den. Die Fra­ge „Hat sich der G-20-Gip­fel in­halt­lich ge­lohnt?“ be­ant­wor­ten die Ver­fas­ser so: „Das Fa­zit ist ge­mischt.“ Als größ­ten Er­folg wer­ten sie „die Waf­fen­ru­he in Sy­ri­en“, die auf dem Gip­fel bloß ver­kün­det, nicht aber be­han­delt wor­den war. Zum G-20-Rah­men­be­fehl der Ham­bur­ger Po­li­zei, in dem es heißt, „der Schutz und die Si­cher­heit der Gäs­te ha­ben höchs­te Prio­ri­tät“ (SPIEGEL 29/2017), und der un­wah­ren Aus­sa­ge des Ers­ten Bür­ger­meis­ters Olaf Scholz (SPD), es habe kei­ne Prio­ri­sie­rung ge­ge­ben, fin­den sich nur Ant­wort­stan­zen. Ei­gent­lich, so die Au­to­ren, habe die Po­li­zei „zu je­der Zeit“ alle schüt­zen wol­len. „Das hat in den meis­ten Si­tua­tio­nen sehr gut funk­tio­niert“, heißt es dort, of­fen­bar mit ei­ni­gem Rea­li­täts­ver­lust. „Lei­der“ habe es „bei ei­ni­gen An­grif­fen et­was län­ger ge­dau­ert, bis die Po­li­zei vor Ort war“. [….]
(Der Spiegel, 30/2017, s.21)

Zum Mitschämen.

Aber was soll’s? Ich liege immer noch bei über 51%.
Besser als die anderen Hamburger Parteien ist die SPD immer.

Montag, 24. Juli 2017

Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte.



Um unter Trump was zu werden, muß man nur eins können.
Man muß sich ihm bis zur absoluten Selbstverleugnung unterordnen; ihn lobpreisen.

So kommen erstaunliche Leute zu einem Topjob.

Der neue Kommunikationsdirektor Anthony „the Mooch“ Scaramucci, der bereits seinen großen Wert erwies, indem er der neuen Trump-Sprecherin Sarah Huckabee-Sanders Schminktipps gab, warf seine gesamten Überzeugungen über Bord.
Mit Erfolg. Wer Trump nur tief genug in den Hintern kriecht, wird belohnt – egal was vorher behauptet wurde.

[…..] Anthony Scaramucci hat bislang viele Meinungen vertreten, die in seiner Heimat als links gelten. Er sprach sich für mehr Waffenkontrollen und gegen die Todesstrafe aus, forderte mehr Klimaschutz und kritisierte Donald Trumps geplante Grenzmauer als nutzlos. Trump selbst bezeichnete Scaramucci als Stümper, seine Konkurrentin Hillary Clinton dagegen als "unglaublich kompetent".
Von alldem will Scaramucci nun nichts mehr wissen. Nur Stunden nach seiner Berufung zu Trumps neuem Kommunikationschef am Freitag löschte der Ex-Banker viele seiner Trump-kritischen Kommentare auf Twitter. Begründung: Er diene jetzt dem Präsidenten, das sei "alles, was zählt".
Offenbar glaubt Scaramucci, seinem Chef selbst rückblickend keine abweichenden Meinungen zumuten zu können. Solches Verhalten kennt man sonst aus dem Umfeld autoritärer Herrscher, es erinnert an Fotofälschungen unter Josef Stalin oder Walter Ulbricht. [….]
(David Böcking, SPIEGEL DAILY, 24.07.17)

So kommt ein linker, früherer Demokraten-Spender in die US-Regierung.

Obwohl die Trump-Pence-Regierung auf radikal homophoben Kurs ging und sämtliche LGBTI-freundlichen Regelungen abschaffte, wird nun ein offen Schwuler US-Botschafter in Berlin.
Auch Richard Grenell hatte sich diesen Posten erfolgreich erschleimt.

 […..] Mitarbeiter von Donald Trump machen es sich inzwischen zur Pflicht, dem Präsidenten stets und ausdauernd zu danken. Gründe dafür muss es nicht geben. Und so war auch niemand verwundert, als Richard Grenell am 12. Juli ein Foto mit sich und Trump aus dem Oval Office mit der obligaten Dankesbotschaft verbreitete. Da Grenell aber auch Diplomat ist, konnte zumindest unterstellt werden, dass der Tweet mit einer Gegenleistung verbunden war. Jetzt ist bekannt, welche. Trump hatte dem 50-jährigen Harvard-Absolventen den Botschafterposten in Berlin angeboten. […..] Er [ist] der erste US-Vertreter, der offen in einer homosexuellen Beziehung lebt, seit 14 Jahren bereits. […..] Sein wichtigstes Mitteilungsorgan aber ist Twitter, das er weit häufiger bespielt als der Präsident selbst - nicht selten in gleicher Schärfe. Einige Hundert beleidigende oder politisch gefährliche Tweets löschte er bereits vor dem Romney-Wahlkampf. [….]

Auch der hundertfache Lügner und mutmaßliche Kriminelle Jared Kushner weiß wie es geht.
Da Schwiegerpapi mit seiner „Pardon-Power“ winkt, bemühte sich der Junior heute besonders unterwürfig zu erscheinen und Trump so exzessiv zu loben, daß ihm egal sein kann, was Sonderermittler und Senat jemals nachweisen werden.


Pech haben die Trump-Mitarbeiter, die noch über Rudimente von Rückgrat verfügen.
Das kann tödlich sein. Da rollt beruflich mal schnell der Kopf.

Trumps Anwalt Marc Kasowitz, der ihn seit 2000 vertritt und sich noch vor wenigen Tagen mit Cortisol vollgepumpt wüst pöbelnd für Trump einsetze, schmiss gestern hin.

Donald Trump's personal lawyer quits top role as administration faces fresh setback over Russia probe. […..]

Auch Kushners Anwalt Jamie Gorelick warf diese Woche das Handtuch.

In den Monaten zuvor hatten schon Trumps communications director Michael Dubke und Deputy chief of staff Katie Walsh das sinkende Schiff verlassen.

Es wird schon gewettet wer als nächstes geht.

[…..] Commerce Secretary Wilbur Ross’s interminable teleconference babbling to a Christian Democratic Union meeting in Berlin made him a laughingstock in Germany — and we know that the president is not amused by public mockery. National Economic Council director Gary Cohn has angered conservatives who believe him a moderating force on the president. [….]

Heute kündigte aber erst einmal, wie erwartet, der Mann, der “Comical Ali” wie einen seriösen Mann aussehen läßt; die weltweit ausgelachte peinliche Witzfigur Sean Spicer aka Melissa McCarthy. (…..)

Die neuesten Gerüchte besagen nun, daß zwei andere Minister die Nächsten sein könnten.

Rexit? Rex Tillerson 'to quit as Donald Trump's secretary of state before the end of the year'

Justizminister Sessions könnte durch den Trump vollkommen ergebenen Rudi Crazy Giuliani ersetzt werden. Anschließend ist vielleicht der Außenminister dran.

[….] Secretary of State Rex Tillerson may soon be joining the growing list of Trump administration officials who have prematurely left their posts.
CNN reported Monday morning that Tillerson has a “growing list of differences with the White House,” and found Trump’s public expression of regret his selection of Attorney General Jeff Sessions in a New York Times interview “unprofessional.”
According to CNN’s anonymous sources, Tillerson would remain in his post until at least the end of the year, but is debating whether he will resign from the State Department.
Tillerson was allegedly one of several within the administration who took issue with how Trump said he would have passed over selecting Sessions if he had known ahead of time that Sessions would recuse himself from the federal investigation into Russia tampering with the U.S. presidential election. Trump characterized the move as “very unfair to the president.”
Trump is allegedly considering replacing Sessions with Rudy Giuliani. [….]

Sonntag, 23. Juli 2017

Zitate zum Kinderquälen und Kinderficken

[….] Mehr als 400 Seiten lang ist der Bericht, ein dicker Packen, der die Dimensionen der Gewalt und des Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen gut sichtbar macht. Weber, vom Bistum mit der Klärung des Skandals beauftragt, sprach am Dienstag etwa 20 Minuten vor der Presse.
Aber um diesen Wahnsinn zu erfassen, braucht es mehr Zeit. "Die Lektüre wird für viele Menschen nicht einfach sein", heißt es in der fünften Zeile. Wer bis zum Ende durchhält, stellt fest: Diese Warnung ist brutal untertrieben. […..]

Für mich war es ein Zuchthaus schlechthin. Die Schläge, Prügeleien   und Demütigungen usw. die dort die Regel waren, das schlichte Eingesperrt sein, haben mich vor allem psychologisch belastet.*

Ich stelle mir immer ein Nazi-Gefängnis so vor: eingesperrt  sein, keine Rückzugsmöglichkeiten, ständige Kontrolle, kein Briefgeheimnis, überzogen  brutale Strafen.*

Doch die Kindheit im Sinne einer schönen glücklichen Zeit war mit dem Eintritt bei den Domspatzen vorbei. Ein regelrechter  Albtraum  hatte  begonnen. Es war die Hölle. Die Hölle, die ein Priester und sein Helfer aufstieß.*

Es war schrecklich wie in einem Todes-KZ. Horror.*

[….] Das Martyrium in Etterzhausen begann frühmorgens im Waschraum: "Direktor M. stand an dem Hebel mit dem er das Wasser 'steuerte'. Je nach Belieben machte er es eiskalt oder extrem heiß. Er schrie und prügelte, wenn Kinder aus dem Wasserstrahl gingen." Danach hieß es Antreten zur Hygienekontrolle. "Der Letzte, der in die Reihe trat (...), bekam seine Packung Ohrfeigen ab als morgendlichen Muntermacher".
 [….] Wer nicht aß, "bekam die kochend heiße Suppe über die Hände gegossen". Wer sich erfolglos dazu zwang, um nicht bestraft zu werden, sei manchmal genötigt worden, das Erbrochene zu essen. "Der Direktor zwang ihm das Erbrochene wieder und wieder in den Kropf, fütterte ihn gewaltsam", erzählt ein Schüler aus den Sechzigerjahren über seinen Tischnachbarn.
 [….] Ein Opfer aus den Sechzigern erzählt, wie ihn der Krampus "in einen alten Kartoffelsack gesteckt" und "hineingeworfen" habe in "ein Zimmer ohne Licht. Nach wenigen Minuten sprach mich ein Junge, der das Schicksal mit mir teilte, in der Dunkelheit (...) an. (...) Mein Mitschüler urinierte in die Hose. Wir hatten panische Angst, da wir nicht wussten, was auf uns zukommt. Nach einer Stunde wurden wir aus der Dunkelheit befreit."
All dies sind nur Ausschnitte aus Etterzhausen und Pielenhofen - und längst nicht die schlimmsten, es gab auch schweren sexuellen Missbrauch, den die Opfer im Bericht teils detailliert schildern. [….] Ein Schüler aus den Achtzigern erzählt in einer - noch relativ wenig expliziten - Passage über den Missbrauch: "Geendet hat (...) alles damit, dass ich mich in der Dusche sitzen sehe, nachdem in seinem Zimmer Dinge geschehen sind (...). Ich beobachte rot gefärbtes Wasser, das im Sieb im Boden verschwindet. Ich erinnere mich, dass ich aufstehen will, aber nicht kann."  […..]

Der Direktor prügelte mit hasserfülltem Gesicht auf mich ein. Ich kann mich erinnern an Fußtritte und Fausthiebe ins Gesicht bzw.an den Kopf, in den Magen und auf den Rücken, als ich schon am Boden lag. Ich hatte in diesem Moment totale Panik und regelrecht Todesangst.*

"Das ist totaler Schmarrn. Das ist einfach richtig gemein. In jeder Schule, in jedem Sportverein gibt es dieses Phänomen und das wird es auch immer geben. Man geht gerne auf die Kirche los und das ist ein gefundenes Fressen."

Neben den einzelnen, schmerzhaften und demütigenden Mißhandlungen  wiegen die Summe des Erlebten und die Erinnerung an zwei Jahre in permanenter Angst vor der nächsten Attacke weit schwerer.*

Das ist eine der Szenen, die ich erinnere, als wäre sie gerade eben, wie ich bei Herrn M.  im  dunklen  Zimmer  stand  und  er  mich  dunkel  anblickte  und  sagte:  ‚Ah,  der Bettnässer.‘ [...] Schon spürte ich seine Hand an meinem Penis und Hodensack. Er hielt beides in seiner Hand, knetete und drückte mehr und mehr. Ich erinnere noch genau das unangenehme und auch schmerzhafte Gefühl an den Hoden und empfand es trotzdem irgendwie als gerechte Strafe für mein Einnässen. [...] Nach Weihnachten im neuen Jahr [...] beließ er es nicht dabei, mehr oder weniger stark zu kneten, sondern drückte meinen Hodensack immer so stark zusammen, bis ich leicht in die Knie ging und stöhnte, dann Filmriss, völliger Blackout*

"In meiner Jugend waren Schläge ein ganz normales pädagogisches Mittel, um mit frechen Kindern, wie ich eines war, fertig zu werden."

Mein Mitschüler [Name] wurde mir zum Ministrieren zugeteilt, da er Probleme mit den lateinischen Gebeten und dem Ablauf  der Messprozedur hatte. Er war  hypernervös, voller Angst, und machte so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Als er bei der Wandlung noch Direktor M. aus Nervosität Wein und Wasser über die den Kelch haltenden Finger schüttete, rastete der Gottesmann  Direktor M. völlig aus und schlug meinen armen Mitschüler so heftig links und rechts ins Gesicht, dass dieser bei laufender Messe vor voll versammelter Mannschaft auf die Altarstufen stürzte und die Wasser- und Weinkännchen  zerbrachen. Dann setzte Gottesmann M. nach diesem teuflischen Gewaltausbruch seelenruhig die Messe fort und teilte die Kommunion aus. Nach der Messe wurde [Name] wegen seiner ‚groben Missetat‘ vor – wie üblich – in Zweierreihen angetretener Mannschaft mit Hand an der Hosennaht auf das Übelste mit Stockschlägen auf den Hintern bestraft, um allen vor Augen zu führen, was ‚Versagen‘ als Ministrant für Folgen hat.*

[…..] Gloria von Thurn und Taxis erhält vom Vatikan eine hochrangige Auszeichnung. Der Papst habe [sie] zur "Komturdame mit Stern des St.-Gregorius-Ordens" ernannt. […..]
Der Orden werde direkt von Benedikt XVI. verliehen und gehöre zu den höchsten Ehrungen des Heiligen Stuhls für katholische Laien.
Die Regensburger Adelige sei eine couragierte Katholikin und trete seit Jahren für den christlichen Glauben und die Kirche ein, begründete Regensburgs Bischof Gerhard Ludwig Müller die Auszeichnung. "Besonders beeindruckt ihr großes Interesse an der Lehre und Tradition der Kirche sowie ihre selbstverständliche, natürliche Loyalität gegenüber Papst und Bischof", sagte er. [….]

Einer wurde in der Nacht von einer Schwester an den Haaren aus dem Schlafsaal auf den Gang gezerrt und unter ihrem irren Schreien geschlagen und als er am Boden kauerte ist sie dann auf ihm regelrecht ‚herumgesprungen‘*

[….] Liebe Regensburger Domspatzen, ich war einer von Euch, [….] Natürlich hatte einer von uns ein blaues Auge. In den 50er-Jahren schlugen Erwachsene Kinder. Mich schlug ein Präfekt, ein Priester mit so einer Wucht, dass ich auf den Gang in der Klasse fiel.
[….] Woran ich mich erinnere, ist die Erleichterung, die ich empfand, als ich ins Gesicht geschlagen wurde. Es war die Erleichterung, dass ich nicht ein zweites Mal ins Gesicht geschlagen wurde.  Ich nahm das als Strafe.
Der Schmerz des Schlages ist nicht schlimm, einen Tag später spürt man nichts mehr. [….]. Wenn ich den Ton nicht traf, bekam ich eins auf die Fresse. […..]

Man durfte nachts und beim Essen nicht sprechen. Wenn man es doch tat, kam Herr H. dann nachts reingestürmt, hat das Bett vorgezogen, umgekippt  und  die  Schüler geschlagen und getreten, auch in die Genitalien.*

[…..] Last year, Francis denounced “the sin of covering up and denial.” He had promised reform in 2015, including the creation of a tribunal to try accused bishops, but last year he backed away from the promise under reported pressure by church officials in Rome. […..]. Catholic Whistleblowers, a group of priests, nuns and other advocates for victims of abuse, said it had sent the Vatican documentation on three particularly egregious prelates among dozens under suspicion, and heard nothing back.
[…..] Francis provoked outrage in Chile by appointing the Rev. Juan Barros as a bishop, despite his closeness to a notorious serial abuser who had been defrocked by the Vatican. The pope was later caught on videotape dismissing objectors as “stupid” and “leftists.” Now Francis is without a trusted adviser because of a scandal he has failed to confront at the highest levels. […..]

Bei  einigen  Alpträumen  und  Flashbackerlebnissen  sah  ich  immer  einen  schwarzen Mann, genau wie Herr M., mit steifem Penis aus seiner Hose stehen und zudem wurde mir immer wieder flau im Magen und ich hatte das Gefühl lauter Sperma im Bauch zu haben... Habe aber dazu keine konkret erinnerten Bilder von damals. Als Junge habe ich das wohl irgendwie bewusst nicht mehr wahrgenommen. Am besten ich erinnere es nie, will es echt nicht wissen, das bringt einen um...*

[….] Entschuldigung - ein solches Wort ist weder dem greisen Ex-Domkapellmeister Georg Ratzinger noch dem früheren Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller über die Lippen gekommen. [….]
(Sebastian Beck, 20.07.2017)

Auch  musste  er  die  Hose  runterziehen nach der Messe in der Sakristei. Bei der sexuellen Gewalt durch M. hatte [Name] keine Erektion. M. hat aber daran Spaß gehabt. Er hat anders geatmet dabei und gesagt, ‚vor Gott darf man nicht riechen‘.*

[….] Der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, verlangt, dass sich der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bei ihm entschuldigt. Im Interview mit der PNP warf Müller diesem "Falschaussagen und falsche Informationen" vor. [….] Müller sagte der PNP: "Ich weise den Vorwurf der Verschleppung zurück, weil er den Tatsachen diametral widerspricht. Herr Rörig sollte sich erst einmal die neunseitige Chronologie der Aufarbeitung durch die Diözese anschauen – die er auch kennt, deren Faktenlage er jedoch offensichtlich nicht akzeptieren will".[….]

Damals hat er sich mit seinen Zimmerkollegen geschworen, wenn sie mal größer sind, H. und M. umzubringen*

*alle nicht gekennzeichneten Aussagen, stammen von Opfern kirchlicher Gewalt und sind dem Abschlussbericht entnommen.

Samstag, 22. Juli 2017

Kleines nettes Hamburg.

Inzwischen wächst es sich zu einer handfesten Manie des SPIEGELs heraus sich ständig über die Weltstadtambitionen der Stadt Hamburg lustig zu machen.
Hätten die Hamburger dieses Bestreben, würde ich mich natürlich auch darüber amüsieren.

Aber dabei handelt es sich um eine reine Medien-Hoax. Punktuelle Fake-News. Naja, allerdings ist Jan Fleischhauer der Autor, der gestern diese Attacke ritt.
Der selbsternannte Rächer der Konservativen, dessen SPIEGEL-Kolumne „der schwarze Kanal“ heißt, scheint sich mehr und mehr zum Nachfolger Matthias Matusseks, als braunes Enfant Terrible des Nachrichtenmagazins zu mausern.
Mindestens einen Profi-Verrückten braucht jedes Magazin.


Nachdem vor einem Monat Alexander Smoltczyk den toten Gaul „Weltstadt Hamburg“ ritt, sich über die Olympia-Blamage und den G20-Wahn mokierte und dabei vergaß, daß große Mehrheiten der Hamburger diese Megaprojekte eben nicht haben wollten, kommt nun Fleischhauer mit demselben Unsinn.
Niemand in Hamburg will Weltstadt sein.

[…..] „Hanseaten bleibt besser im Garten“, fordert Kolumnist Jan Fleischhauer. […..]
Dafür gibt es jede Menge Spott für den (angeblichen) Wunsch der Hamburger „unbedingt Weltstadt“ sein zu wollen, obwohl Hamburg definitiv nicht „irgendwie hip oder großstädtisch“ ist. Eher ein bisschen langweilig. […..]
Wenn die Stadt mal bei Ausschreitungen schmutzig werde, würden die Hamburger sofort aufräumen, man sei schließlich das „Stuttgart des Nordens“: „Andernorts warten sie nach Krawallen eine Woche auf die Stadtreinigung, in Hamburg rückt am nächsten Tag die Bewohnerschaft unter dem Motto ,Hamburg räumt auf‘ mit Besen und Eimer an.“
[…..] Wenn Fleischhauer mal auf Elternbesuch komme, schreibt er, würden die Hamburger U-Bahnen pünktlich fahren, würden sich die Obdachlosen artig bedanken und die Dealer unsichtbar machen. „Spießige Kaufmannsstadt“ eben. […..]

Ja, Herr Fleischhauer. Die Retourkutsche an das provinzielle Berlin, in dem man noch nicht mal einen richtigen Blumenstrauß bekommt und Weltläufigkeit mit mangelnder Hygiene der Bewohner und Unfreundlichkeit verwechselt wird, wälze ich lieber nicht aus.

Ich bin gerne im Fleischhauerschen Sinne Kleinstädtisch, wenn damit gemeint ist, daß ich es bevorzuge Menschen auf der Straße zu treffen, die öfter als einmal pro Woche duschen und einen nicht mit einer Pöbel-Attacke überziehen, wenn man freundlich grüßt.

Hamburg führte schon seit Jahrhunderten weltumspannenden Handelsbeziehungen, als Berlin noch ein Nest war. Berlin liegt kontinental, hat keinen internationalen Hafen, schmorte daher immer im eigenen Saft, während Hamburger von Natur aus polyglott veranlagt sind.

Hamburg beherbergt aufgrund seiner gewaltigen Handelsbeziehungen nach New York die zweitmeisten Konsulate der Welt. Im Gegensatz zu Berlin sind wir aber nie Sitz einer nationalen Regierung gewesen.
Staatsgäste trudeln bei Frau Merkel und Herrn Steinmeier in Berlin beinahe täglich ein; in Hamburg geschieht das kaum – aber der G20 zeigte welch zweifelhaftes Vergnügen es ist, wenn die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden müssen.

Ich hätte in Hamburg lieber deutlich weniger Großveranstaltungen – und bin mir darin offensichtlich sogar mit einer Majorität meiner Mitstädter einig, wenn ich die Reaktionen und Leserbriefe lese, die erschienen, als eine Woche nach dem G20-Wochenende wieder die halbe Stadt gesperrt wurde, weil Schlagermove und der Triathlon stattfanden.

Eine Stadt darf nicht zu provinziell sein, aber für meinen Geschmack sind etwas unter zwei Millionen Bewohner auf einer Fläche von 755 Quadratkilometern auch fast das Maximum.
Die echten Weltstädte, die über 10, oder gar 20 Millionen Einwohner haben, werden einfach zu anstrengend, weil der Verkehr kollabiert, die Pendelzeiten zur Arbeit extrem, die Mieten im Zentrum unbezahlbar werden.
Die Luft wird unerträglich, der Flughafen ist Stunden entfernt.

Nein, ich bevorzuge es klein und fein.
Dafür aber stabil und eigenständig. Hamburg hängt im Gegensatz zu einer gewissen größeren deutschen Stadt östlich davon nicht am finanziellen Tropf des Bundes.

Hamburg verfügt über das mit Abstand höchste Prokopf-Einkommen aller Bundesländer und ist in Kombination damit gerade groß genug, um bei den spezifischen großstädtischen Einrichtungen international mitspielen zu können.
Hier gibt es Weltklasse-Kardiologen, Weltklasse-Ballett und auch die ganz großen internationalen Stars wie Adele oder Madonna gastieren hier.

Natürlich ist Hamburg nicht überall spitze.
Mit der Presse ist es beispielsweise sehr eigenartig. Alle bedeutenden wöchentlichen Periodika, SPIEGEL, STERN und ZEIT sitzen in Hamburg.

Dafür gibt es aber keine einzige gute überregionale Tageszeitung aus Hamburg.

Bis 2014 das biedere „Hamburger Abendblatt“ mit seiner 175.000-Auflage an die FUNKE-Mediengruppe verkauft wurde, gab es de facto nur Springer-Tagespresse neben der kleinen Boulevard-Zeitung Hamburger Morgenpost.

Aber keine Hamburger Tageszeitung erreicht das Niveau der FAZ, der FR, oder gar der SZ.
Sogar der aufgabenschwache Berliner Tagesspiegel (100.000 verkaufte Exemplare) ist besser als das Abla.

Wer in Hamburg eine vernünftige Tageszeitung mit regionalen Informationen lesen möchte, muß sich mit mehreren Tageszeitungen behelfen.

Die Meldungen über die aktuelle Entwicklung der Kirchenmitgliedszahlen in Hamburg kann ich also nur durch die trübe lila Brille des Abendblattes lesen.

Grundsätzlich ist die säkulare Entwicklung in Hamburg sehr positiv.

(…..) Ungeachtet der schnöden Realität, die ein eklatantes Desinteresse an der Kirche zeigt, versuchen Medien und Politiker mit allen Mitteln für die Frommen zu werben.
In der Pfingstausgabe des Hamburger Abendblattes erschienen drei volle Zeitungsseiten unter dem Titel „Nicht ohne meine Kirche“.
Funke-Autor Peter Wenig hatte sich auf eine Reise zu den 44 Kirchen sowie rund 50 Gemeindehäusern und Pastoraten des Kirchenkreises Hamburg-Ost gemacht, die geschlossen werden.
Ein Drittel ihrer knapp 300 Gebäude muß die evangelische Kirche in Hamburg Ost innerhalb der nächsten acht Jahre aufgeben, weil sich einfach niemand mehr für ihre Gottesdienste interessiert.

[….] Jedes Jahr verliert der Kirchenkreis 5500 Mitglieder, binnen 25 Jahren ist ihre Zahl von rund 658.000 auf 433.000 gesunken. [….]
(Abendblatt, 03./04./05.06.2017)

Interessanterweise macht sich die Kirchenführung, die immer noch auf einem Milliardenvermögen sitzt, doppelt unbeliebt, indem sie systematisch die ärmsten und schwächsten Gemeinden streben läßt.

Kirchen in den reichen Stadtteilen stehen nicht zur Disposition.

[…..] Monatelang bewerteten Experten jedes kirchliche Gebäude, vom Michel bis zum kleinsten Pastorat in den Vier- und Marschlanden. Ausschlaggebend waren vor allem Lage, architektonische Qualität, Zustand des Gebäudes sowie Größe der Gemeinde. Wer dann das Prädikat "C" erhielt, wusste: Es gibt künftig kein Geld mehr vom Kirchenkreis, wenn die Heizung streiken sollte oder gar der Turm für einen sechsstelligen Betrag saniert werden muss. Und so verbirgt sich unter dem Stempel "nicht förderfähig" das wahrscheinliche Sterben auf Raten. [….]
(Abendblatt, 03./04./05.06.2017)

Abendblatt-Autor Wenig bringt viel Mitleid auf für die Pastoren, denen von ihrer Kirchenleitung der blaue Brief mit dem „Kategorie C“-Diktum ins Haus flattert.

Viele fromme Kirchen-affine Journalisten beklagen das Sterben der Kirchen, zählen die immer gleichen Gründe auf.
Immer herrscht ein larmoyanter Ton.

Nur das einzig Naheliegende liest man nie: „Die Kirchen schrumpfen – das ist ein Grund zur Freude!“

Die Kirche in Hamburg ist so gut wie tot – und das ist auch gut so.

In Hamburg ist die Kirche marginalisiert.
Katholiken finden traditionell ohnehin kaum statt.
Gut so, denn abgesehen davon, daß niemand mehr die Predigten der hanseatischen Pfaffen hören will, sind sie auch noch unangenehm. (….)
So viel Geld und so viel Werbung für die Kirchen und dennoch laufen die Mitglieder zu Hunderttausenden davon.

Das bedauernswerte Abendblatt versucht heute aber wieder einmal alles, um eine rosige Zukunft der Kirche herbei zuschreiben.
Kirchenmitglieder wären bessere Menschen als die bösen Atheisten, fährt der HH-Redakteur fort und beklagt den traditionell hohen Anteil der Freigeister in Hamburg.
Christen betrachtet FUNKE als „das Salz der Erde“, oder der Suppe – was auch immer dem Lokalschreiberling metaphorisch gerade einfiel.

Danke Herr Edgar S. Hasse, daß Sie mich offenbar als „fade Suppe“ betrachten. Da zahle ich doch gleich doppelt gern mein Abendblatt-Abonnement.

[…..]  Die Mehrheit der Menschen, die hier lebt, gehört längst keiner christlichen Religionsgemeinschaft mehr an. Die neuen statistischen Daten der beiden großen Kirchen belegen, dass nur noch weniger als 40 Prozent evangelisch oder katholisch sind. […..] Ausgerechnet in der Stadt mit dem berühmten Michel, Norddeutschlands schönster Barockkirche, hat das institutionalisierte Christentum keinen leichten Stand. […..] Die Hanseaten sind wohl bevorzugt Freigeister, und nicht von ungefähr kamen aus Hamburg wesentliche Impulse für die Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert.
[…..] Dass Christen immer mehr zur Minderheit werden, muss überhaupt nicht von Nachteil sein. […..] Selbst wenn ihre Zahl weiter sinkt, können die Christen das "Salz der Erde" bleiben. Auch mit weniger Mitgliedern hat die Kirche die Chance, die Welt und die Stadt ein bisschen besser zu machen. […..] Maßstab dafür kann nur sein, was der Herr der Kirche, nämlich Jesus Christus, auf den Weg gegeben hat: Gott und den Nächsten zu lieben. […..]
(Hamburger Abendblatt, 22.07.2017)

Zugegeben, mit solchen Zeitungen kann man sich nicht als Weltstadt gerieren.