Donnerstag, 2. April 2020

War es das schon?

In Kanada, Israel, Indien und Deutschland läuft die Sendung „Big Brother“, bei der ein Dutzend Bewohner komplett von der Außenwelt isoliert für Monate in ein Haus gesperrt werden. Das wäre normalerweise irrelevant, bekommt aber einen leicht spannenden Twist, weil sie unwissend zu den weltweit wenigen Corona-sicheren und Corona-Unwissenden gehören.
Ein schöner Plot für die Pilotfolge einer Endzeitserie: 12 gesunde junge Menschen werden plötzlich in die Zombiapokalypse entlassen.
Inzwischen wurden die vier Häuser aber über die dramatische Situation draußen in der Welt aufgeklärt und überall gab es die gleichen Reaktionen: Stumpfes stoisches Starren als die Zahlen und Maßnahmen verkündet wurden. Es sind schließlich nicht gerade die hellsten Köpfe, die sich für so eine primitive Form der TV-Unterhaltung bewerben. Merkliches Raunen und Staunen brach erst in dem Moment los, als ihnen verkündet wurde, daß auch die Fußball-EM abgesagt wurde.
Faszinierend. Es geht um Millionen Infizierte, Zehntausende Tote, dramatische Situationen in Pflegeheimen und Krankenhäusern, um den kompletten sozialen und ökonomischen Lockdown, aber all das vermag die Covid-jungfräulichen Hirnchen gar nicht zu erreichen. Erst abgesagte Sportevents sind genügend primitive Brocken, um die Vorstellungskraft zu erfüllen.
Immerhin in Kanada brach man den Unsinn gerade ab. Alle Teilnehmer gehen nach Hause. Die 100.000 Dollar Preisgeld werden einer Corona-Hilfsorganisation gespendet.

Wer nicht gerade zufällig im BigBrother-Container hockt assoziiert hingegen schon so viel mit dem Begriff „social distancing“, daß es zu den Ohren herauskommt.
Noch bis Ostern? Wird das schön, wenn endlich alles wieder normal ist.
Politiker planen bereits Strategien das öffentliche Leben wieder hochzufahren.
Trump wollte die Kirchen zu Ostern gerammelt voll mit Menschen packen. Erst als ihn sämtliche Berater in die Mangel nahmen und ihm drastische Szenarien mit Hunderttausenden oder gar Millionen toten Amerikanern einhämmerten, ließ er von dem Wahnsinn ab.
Aber auch die Majorität der Menschen, die nicht ganz so verblödet wie Trump sind, klammern sich weitgehend an dem Gedanken fest, daß es bald, möglichst bald, alles vorbei sein wird. Wie von Zauberhand wären dann alle wieder gesund, die Leute gehen wieder zur Arbeit und auf wundersame Weise boomt die Weltwirtschaft dann umso mehr. Sie hat ja was nachzuholen.
Big-Brother-Vanessa spricht in die Kamera, es sei „krass“ die schlimmste Pandemie ihres Lebens ausgerechnet im Big Brother-Haus zu erleben.

 Es wird wahrscheinlich die größte Epidemie sein, die in unserem Leben stattfindet, ne? Das ist schon krass, daß es genau dann in diesen drei Monaten passiert, in denen man einmal nicht da ist!“

Woher nimmt das Genie die Erkenntnis, daß es keine Pandemien mehr geben wird in ihrem Leben? Wieso glauben aber auch alle anderen Menschen, das Schlimmste bald hinter sich zu haben?

[…..] Die nächste Pandemie kann uns jeden Tag treffen. Und sie würde auch auf die derzeit grassierende natürlich keine Rücksicht nehmen. […..] Man hat mal ausgerechnet, dass ein Mensch innerhalb von 36 Stunden an jedem beliebigen Ort der Welt sein kann - damit sind nicht nur die Großstädte gemeint, sondern auch irgendein völlig verschlafenes Nest in einem Urwald. Wir sind also so eng miteinander vernetzt, was die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer solchen Pandemie natürlich noch deutlich steigert.[……]

Vielleicht ist die nächste Pandemie noch viel heimtückischer. Längere symptomfreie Inkubationszeit? Vielleicht sterben nicht 1% der Infizierten sondern 80%.

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim, 32, Chemikerin, Gewinnerin des Grimme Online Award in der Kategorie Wissen und Bildung sowie Publikumspreis des Grimme Online Award (2018), Trägerin des Georg von Holtzbrinck Preises für Wissenschaftsjournalismus, Journalistin des Jahres 2018 in der Kategorie Wissenschaft und Gewinnerin des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises klärt darüber auf wie lange wir mutmaßlich noch unter strengen social-distancing-Maßnahmen leben müssen.


300 Tage? 600 Tage?
Wer glaubt daran, daß sich nach so langer Zeit die Weltwirtschaft ganz plötzlich erholen könnte?
Wie soll das funktionieren, wenn möglicherweise eine Million Betriebe insolvent sind, die Arbeitslosenzahl achtstellig ist und das gesamte Gesundheitssystem am Boden liegt?
Nach zwei Wochen planen Landwirte 80% des Spargels und der Erdbeeren unterzupflügen, weil bereits das Erntehelfer-System zusammengebrochen ist.
Jena führte schon vor Tagen eine allgemeine Atemschutzmaskenpflicht ein, während schon vor dem Pandemie-Peek die Schutzbekleidung in Krankenhäusern knapp wird und privat überhaupt keine Infektionsmittel und Schutzmasken oder Handschuhe zu bekommen sind.

Vielleicht bricht alles zusammen und wir erleben gerade das Ende der Zivilisation wie wir sie kennen.
Vielleicht ist es nun, mit 75 Jahren Verspätung doch soweit die Vision des Ehepaars Helmut und Loki Schmidt am Ende des zweiten Weltkrieges zu reaktivieren: Deutschland wird weiterleben, ja, aber es wird eine sehr primitive und trostlose Troglodyten-Gesellschaft sein, in der man in Erdhöhlen haust und nur durch Kannibalismus überlebt.

Das Coronaische Ende der Zivilisation wird vermutlich nicht wie in Hollywoodschen Endzeit-Versionen mit einem großen Knall kommen. Keine Meteore, Außerirdische, Zombiviren oder Tsunamis, die in Stunden oder Tagen die Umwelt in eine postapokalyptische Mad-Max-Kulisse verwandeln.
Vielmehr werden wir in der trügerischen Hoffnung auch eine medizinische Bedrohung zu beherrschen selbst die Gesellschaft und Wirtschaft runterfahren.
Es war zwar nicht als dauerhafte Maßnahme geplant und es mag auch kleinere Aufschwünge geben. Aber vielleicht kommt die globalisierte Form des Homo Sapiens nie wieder richtig auf die Beine. Die Superreichen und Mächtigen werden sich der Solidaritätspflicht völlig entziehen, wenn die Gesellschaften so schwach werden, daß sich der Staat nicht mehr durchsetzen kann. Schon jetzt leben Millionäre und Milliardäre hinter hohen Mauern, beschäftigen bewaffnete Security-Leute. Reiche Russen kaufen Beatmungsgeräte vom Weltmarkt und richten sich in ihre Megavillen für jedes Familienmitglied einen Intensivmedizinplatz ein, der anderen fehlt.
Die Lufthansa hat ihre A380-Flotte eingemottet. Die Kreuzfahrtschiffe liegen auf Reede, es gibt keine Staus mehr, weil nur noch wenige Menschen ihrer Arbeit nachgehen.
Vielleicht wird man über meine Generation einst sagen, sie habe mit der Gnade der frühen Geburt gelebt.
Aufgewachsen in einer Zeit, in der es bloß bergauf ging. Frei von social media-pressure pubertiert, Studium mit der Aussicht viel Geld zu verdienen und dauerhaft abgesichert zu sein. Ende des Ostwest-Konfliktes, für jedermann erschwingliche Fernreisen.
Für die ab 2010 Geborenen wird das Leben womöglich eher ein kontinuierlicher Ressourcenkampf sein. Ein ewiges rationieren und schrumpfen.
Man wird sich begnügen müssen, gewaltige Nahrungsmittelauswahl aus den Erzählungen der Großeltern kennen und ganz selbstverständlich bereits bei milden Erkrankungen eingeschläfert werden, weil ein öffentliches für alle erschwingliches Gesundheitsnetz nicht mehr existiert.
Vielleicht komme ich als Angehöriger der 50+Generation genau jetzt, ohne es zu bemerken an die Grenze meiner materiellen und technischen Entwicklung.
In zwei Jahren werden aufgrund des ökonomischen Minimalbetriebes neue Notebooks nur noch an die absolut Bedürftigen verteilt. Wer auf mehr als 30 Quadratmetern lebt, bekommt automatisch weitere Bewohner einquartiert, um damit die knappen Wasser- und Energiereserven zu schonen.
Betablocker und Antidepressiva nur noch für Menschen mit systemkritischen Fähigkeiten. Kleidung muss man wieder selbst nähen und wer Proteine essen will, muss versuchen einen Aal aus einem Alsterfleet zu angeln.
Vielleicht haben wir den Zenit unsers Lebens bereits ohne es zu wissen überschritten.
Nun wird es dunkel.

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