Die Medien sind dermaßen voll mit Interviews von „Wutbürgern an Tankstellen“, daß ich schon zwei Wochen mit Sorge auf meine nah der Reserve liegende Nadel der Tankanzeige gucke.
Normalerweise tanke ich immer schon, wenn mein Auto noch halbvoll ist, weil ich es nicht leiden kann, in die Bredouille zu kommen. Gestern Abend war es dann soweit; aber es lief völlig glimpflich. Keine Presse an der Zapfsäule, kein Mikrofon im Gesicht, keine Schlange. 46 Liter Super E5 rein, 100 Euro bezahlt, weg.
A posteriori bedauere ich es ein bißchen, kein Mikro von Radio Hamburg oder RTL-Regional vor der Nase gehabt zu haben: „was sagen Sie zu den hohen Sprit-Preisen?“
Denn ich hätte ohne jede Ironie voller Ernsthaft geantwortet: „Ich finde es prima! Allerdings sollten die Preise noch mindestens doppelt so hoch werden!“
Schließlich findet bisher keinerlei Lenkungswirkung statt. Es wird mehr mit dem Auto gefahren denn je, mehr Benzin verkauft, denn je.
[….] Der Verbrauch von Benzin und Diesel ist 2025 nicht wie erhofft gesunken, sondern leicht gestiegen. Der Straßenverkehr verursachte damit offenbar erstmals so viele Treibhausgase wie die gesamte Industrie.
Um die Erderhitzung auszubremsen, muss der Verbrauch klimaschädlicher Kraftstoffe zurückgehen. Doch 2025 ist der Absatz von Benzin und Diesel in Deutschland sogar wieder gestiegen - um etwa ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigen vorläufige Daten der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, einer Gruppe aus Wirtschaftsverbänden und Instituten, die den Energieverbrauch in Deutschland auswertet. Autos, LKW, Busse und Motorräder waren damit im vergangenen Jahr für rund 142 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich - etwa genauso viel wie die gesamte Industrie in Deutschland. Es sei dringend eine Trendwende notwendig, damit Deutschland wie vereinbart bis 2045 klimaneutral werden könne, sagt deshalb Wiebke Zimmer, stellvertretende Direktorin der Organisation Agora Verkehrswende. […]
Natürlich, ich befinde mich in einer bequemen Situation. Die 100 Euro für die Tankfüllung tangieren mich nicht besonders, weil ich nur zwei Mal im Jahr tanke. Das Auto ist uralt, längst abgezahlt, ich fahre auf der niedrigsten Schadensfreiheitsrabatt-Stufe und schaffe kaum mal mehr als 1.000 km im Jahr.
Deswegen wäre es nicht ökologisch, den Bau eines 1,5 Tonnen schweren Stromers zu bezahlen. Bei meiner minimalen Fahrleistung, amortisiert sich der ökologische Fingerabdruck nie. Das Haus, in dem ich wohne wird mit Fernwärme geheizt, selbstverständlich beziehe ich 100% erneuerbaren Wind-Strom von Greenpeace und ich bin in diesem Jahrtausend noch nicht ein einziges mal geflogen oder mit dem Schiff gefahren. Fuck you, Fossillobby.
Und die armen Pendler, die auf ihr Auto angewiesen sind? Bin ich ihnen gegenüber zu arrogant?
[….] Mir ist der Krieg gegen Iran keineswegs egal, seine Auswirkungen auf
die Energiepreise aber schon. Öl und Gas spielen bei meinen Haushaltskosten
keine Rolle. Das klingt privilegiert, doch auch Sie können etwas tun. [….] Ich finde es angenehm, dass zu
unserem Haus keine Leitung führt, die ein flüchtiges, extrem brennbares Gift
enthält, an dem man ersticken kann. Mir ist völlig klar, dass das überwiegend
irrational ist, denn Gasunfälle sind in Deutschland recht selten. Aber mal
ehrlich: Haben Sie schon mal von einer Wärmepumpenexplosion gehört? Oder davon,
dass eine ganze Familie nachts wegen
einer kaputten Wärmepumpe erstickt ist? Ich auch nicht. [….] Meine
Familie und ich leben, energetisch betrachtet, in der Zukunft: Wenn die
menschliche Zivilisation die Klimakrise überleben soll, dann werden bald alle
so leben müssen wie wir. Vollständig elektrifiziert, versorgt mit Energie von
der Sonne. [….] Knapp 44 Prozent
der Deutschen lebten 2022 in selbstgenutztem Wohneigentum . All diese Menschen
treffen permanent private Investitionsentscheidungen. [….] Noch 2022
wurden in 28 Prozent der neu gebauten
Wohneinheiten Gasheizungen als primäre Wärmequellen verbaut. Seit 2022, seit
Russlands Angriff auf Kyjiw also, wurden in Deutschland weitere zwei Millionen
Gasheizungen verbaut . [….] Deutsche Autokäufer zahlten 2025
durchschnittlich über 44.000 Euro für einen Neuwagen. Dieselfahrzeuge sind im
Schnitt sogar teurer als Elektroautos. Und trotzdem waren nur 19 Prozent der in
Deutschland 2025 verkauften Wagen rein batterielektrisch. Die Leute entscheiden
sich sehenden Auges für das Falsche, Giftige, Teure, Gefährliche, geopolitisch
Problematische. Kommen Sie mir also bitte nicht mit der armen Krankenschwester
auf dem Land. Bei sehr vielen Deutschen liegt es keineswegs am Geld. [….]
(Prof. Christian Stöcker, 08.03.2026)
Eine Woche vor der Landtagswahl im Baden Württemberg, erschien im SPIEGEL eine Reportage über die Stimmung unter den vielen Angehörigen der Autobau- und Zulieferer-Industrie. Wieso wählen diese seit Jahrzehnten vom Erfolg verwöhnten und gut verdienenden Menschen rechts?
Schon vor Trumps Irankrieg schimpften die Reichen Schwaben über die Benzinpreise
[….] Die Automobilbranche in Deutschland ist vom Erfolgskurs abgekommen, sie schlingert und verliert an Tempo, wo sie beschleunigen müsste. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als am Geburtsort des modernen Automobils. In Baden-Württemberg hängen direkt und indirekt knapp eine halbe Million Arbeitsplätze am Auto. [….]
(Christine Keck, 28.02.2026, DER SPIEGEL 10/2026)
Wäre es nicht gerade an den wohlhabenden Cleverles, sich rechtzeitig zu Stromern umzuorientieren?
Technisch sind wir so weit. Viele Deutsche sind auch reich genug, sich aus den Krallen der Fossillobby zu lösen.
Aber die Propaganda der rechten Medien und der toxischen CDUCSUAfD-Politik ist so stark, daß sich die Verbraucher von Ideologie und Unwissenheit treiben lassen.
Fragt man die genervten Pendler, wieso sie nicht auf E-Autos umsteigen, hört man „das ist nichts für mich.“
Man muss die Menschen zu ihrem eigenen Glück, zu ökologischer Vernunft, zum Klimaschutz zwingen. Mit Freiwilligkeit wird das nichts, weil die Fossil-Cheflobbyistin Reiche viel zu toxisch agiert.
[…] Die Wirtschaftsministerin will für neue Ökostrom-Anlagen den Zugang zu knappen Stromnetzen verteuern und die Vergütung für private Solarzellen kappen. Kommt die Energiewende ins Straucheln? [….]
(Michael Bauchmüller, 20.03.2026)
Benzin ist viel zu billig.
Es dürfen nicht mehr zig Milliarden Steuergelder den Verbrauch fossiler Energie subventionieren.
[…] Vermutlich muss Sprit noch viel teurer werden, bis es auch der letzte Autofahrer merkt, dass er sich nur mit einem Stromer von der Ölmafia lösen kann. […] Sorry, liebe Wutbürger: Auch wenn der Preishammer an den Tankstellen vielen und gerade den sozial Schwächeren wehtut – die Spritpreise sind in Deutschland einfach noch viel zu niedrig. Das ist keine grünversiffte Illusion, das ist Klimaschutz und die einzig mögliche Antwort auf eine bereits weit vorangeschrittene Verkehrswende.
Donald Trump führt die USA gerade in den zweiten Kriegsschlag ums Öl – seit Jahresbeginn. Die beste Versicherung gegen die Abhängigkeit von den Fossilen sind E-Autos. Sie helfen dem Klima, schaffen Jobs und schützen uns vor fossilen Oligarchen. Wer jetzt schon mit grünem Strom fährt, ist gegen die Flummibewegungen der neuen Geopolitik ganz gut gefeit. Der Preisschock an den Zapfsäulen durch den Iran-Krieg belastet die Fahrer*innen von Benzinautos fünfmal so stark wie jene von Stromern.
Alle E-Autos weltweit sparen heute schon zwei Drittel des Öls ein, das durch die Straße von Hormus transportiert wird. Außerdem werden sie preislich immer attraktiver gegenüber Benzinern. Doch EU und Bundesregierung setzen auf ein ökologisches Rollback. […]

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