Freitag, 4. Mai 2018

Es wird immer schlimmer

John Ronald Reuel Tolkien, 1892-1973, begann vor knapp einhundert Jahren seinen Kindern Geschichten aus „Mittelerde“ zu erzählen.
Bekanntlich wurde daraus eine der erfolgreichsten Romanreihen aller Zeiten.
Ich las mit 14 Jahren das erste Mal das ganze Tolkien-Werk am Stück durch und war – wie so viele – total in den Bann dieser Welt gezogen. Mich begeisterte der abenteuerliche Plot, während ich die vielen Gedichte, Balladen und Lieder zunächst ignorierte. Für den teilweise extremen Rassismus Tolkiens fehlten mir damals noch die Antennen.
Ich las den „Herrn der Ringe“ noch viele Male und verlagerte dabei mein Interesse kontinuierlich in den sprachlichen und lyrischen Bereich; verglich Übersetzungen, sah ins Original und lernte sogar Passagen einiger Balladen auswendig.
Emotional faszinierte mich am meisten das „Weitblicken“ der hochgestellten Persönlichkeiten, der Reinrassigen, Uralten und Adeligen, der Mächtigen.
Sie richteten ihren Blick auf weit entfernte Ländereien, schauten anderen Lebewesen tief ins Herz. Sie konnten auf geheimnisvolle Weise konzentriert auf Geschehnisse in 1000 Meilen Entfernung sehen und ohne ihre Paläste zu verlassen die Welt erkennen und analysieren.
Auch das Böse schlechthin, Sauron, konnte das. Sein Symbol war nicht von ungefähr ein lidloses feuriges Auge.
Die hohen Herren verwendeten übrigens auch Hilfsmittel, die Palantiri.

 [….] Die Palantíri wurden im Zeitalter der Bäume von Feanor geschaffen und ermöglichten es, über größere Entfernungen miteinander zu kommunizieren. Elendil brachte sieben dieser Steine mit nach Mittelerde. Der Meisterstein, der alle Steine sehen konnte, befand sich im Turm von Avallóne auf der Insel Tol Eressea. So hielten die unsterblichen Lande Kontakt mit Mittelerde. Nur einer der Steine in Mittelerde, der im Elostirion auf den Turmbergen, war nach Westen gerichtet und hielt dadurch den Kontakt mit den Elben. [….] Die Palantíri waren vollkommene Kugeln, die im Ruhezustand von tiefschwarzer Farbe waren und so aussahen als bestünden sie aus massivem Glas oder Kristall. Die kleinsten hatten einen Durchmesser von etwa einem Fuß (~30cm), doch einige, vor allem die Steine von Osgiliath und Amon Sûl, waren viel größer und konnten von einem Mann allein nicht mehr hoch gehoben werden. [….][….]Kundige "Geister" konnten auch bestimmte Bereiche im Stein durch Konzentration ausblenden oder vergrößern, sodass z. B. zu erkennen war, ob ein Mensch einen Ring an der Hand trug. Diese Konzentration war aber sehr ermüdend und führte oft zur Erschöpfung, sodass sie nur selten verwendet wurde, wenn Informationen dringend benötigt wurden. [….] [….]

Durchaus faszinierend, daß ein Autor in den 1920er Jahren Sattelitenkommunikation und Smartphones in seine Romane einbaute.

Als Teeni stellte ich mir vor wie es wäre mit so einem durch meinen Willen gesteuerten Palantir den Dingen überall in der Welt auf den Grund zu sehen.
Nie hätte ich mir träumen lassen eines Tages etwas Vergleichbares – nämlich Laptop und Internet auf dem Schreibtisch stehen zu haben und damit tatsächlich meinen Blick nach meinem Belieben in die Welt richten zu können.

Tatsächlich ist es erschöpfend und tatsächlich richtet man den Blick wie von einer bösen Sauron-Macht manipuliert immer wieder auf dieselben grauenhaften Vorgänge:
Trump, die katholische Kirche, die CSU, die die AfD kopiert. Auf die Bundesregierung, in das Willy-Brandt-Haus. Nach Syrien, nach Osteuropa.
Und man wird wie einst Herr Peregrin Tuk anschließend von schweren Kopfschmerzen geplagt, fällt in Ohnmacht.

Wenn man es aber mal schafft auch in eine andere Ecke der Welt zu sehen, stellt man fest, daß es auch dort von Vollidioten wimmelt, daß die Bürger mit sicherem Griff ins Klo die schlimmstmöglichen Regierungen zusammenwählen und ihre Regierungschefs ganz gewaltige Peinlichkeiten sind.

Beispiel England. In den letzten Wochen hatte ich durch meine Fixierung auf Berlin und Washington fast schon vergessen wie unfassbar unfähig Theresa May durch ihre Regierungszeit debakuliert.

Gewählt dafür Großbritanniens Niedergang durch den EU-Austritt zu besiegeln, hatte May geschlagene anderthalb Jahre nur tumb verkündet „Brexit ist Brexit“, statt auch nur die geringste Idee zu entwickeln, wie sie das eigentlich bewältigen will.

Die Briten sind wirklich in besonderer Weise geschlagen mit ihrer Regierung.

Inzwischen verkündete May, sie wolle sich eben doch die Rosinen herauspicken – also England alle Vorteile der EU zukünftig auskosten lassen, ohne jedoch irgendwas zu bezahlen oder Lasten zu übernehmen. Ein Land glaubt 27 Ländern Vorschriften machen zu können.
Vollkommen irre, die Frau.

[….] Peinlicher geht es kaum für May
In fünf Monaten sollen die Verhandlungen um den Brexit abgeschlossen sein, in etwa 330 Tagen will Großbritannien die EU verlassen. Doch der Vorschlag der Premierministerin, wie das gehen könnte, wird als "Desaster" bezeichnet - von der eigenen Partei.
[….] Michel Barnier, der Chef-Unterhändler der EU, hatte den Vorschlag, mit dem Theresa May in ihre jüngste Kabinettssitzung ging, zwar sowieso schon für unbrauchbar erklärt. Aber es war der einzige, den sie hatte; also klammerte sie sich bis zuletzt daran. Nun hat sie gar keinen mehr.
Denn eine Mehrheit ihrer Minister hat den ziemlich komplizierten Plan einer "Zollpartnerschaft" abgelehnt, mit dem die Briten künftig für die EU Importzölle einsammeln und diese an Brüssel weiterleiten wollten. Sie haben der Premierministerin gesagt, sie solle erst wiederkommen, wenn sie eine bessere Idee habe. Worte wie "Desaster" und "kretinös" sollen gefallen sein. Alle Varianten, mit denen Grenzanlagen in Irland vermieden werden können, sind jetzt zur Überarbeitung an die Fachleute zurückverwiesen worden. Peinlicher geht es kaum.
Es war der letzte von einem Dutzend Rückschlägen, die May in den vergangenen Wochen erfahren hat. Die Frage, wann sie zurücktritt, steht wieder im Raum. Schlimmer noch: Zwei Jahre nach dem Brexit-Referendum und ein Jahr nach Beginn der Austrittsverhandlungen gibt es keinen klaren Plan, wie die Handelsbeziehungen mit der EU aussehen sollen. Oder, womit Zollunion und Binnenmarkt ersetzt werden könnten. [….] Damit bleibt die Irland-Frage weiter ungelöst. Und die Briten staunen einmal mehr darüber, dass ihre Regierung noch immer konzeptionslos und zerstritten in einen Brexit stolpert, dessen Ausformung und Ausführung nach wie vor in den Sternen stehen. […..]

PS:
Ich bin übrigens stolz nie einen Tolkien-Film gesehen zu haben und meine „Herr-der-Ringe“-Kenntnis allein auf meiner eigenen Lektüre und nicht irgendwelchen Hollywood-Kitschbildern basiert.

Donnerstag, 3. Mai 2018

Halt du sie arm, ich halt sie dumm…


….sprach der Bischof zum König.

 Dieser uralte Aphorismus zeigt sehr schön was die christlichen Kirchen über viele Jahrhunderte waren: Ein Herrschaftsinstrument, welches einerseits autokratische Regime rechtfertigte und stabilisierte. Und andererseits eine gigantische Ausbeutungsmaschinerie, die durch Ablasshandel und Reliquienwahn steinreich wurde.

Als im Zuge der Reformation Bauern aufmüpfig wurden und gegen Leibeigenschaft aufstanden, tobte Martin Luther vor Wut, weil er ein radikaler Obrigkeitsdenker war. Die feudale Fürstenherrschaft war schließlich gottgewollt.
Obrigkeitshörigkeit wurde so sehr zum Markenzeichen der evangelischen Christen, daß sie auch 450 Jahre später wesentlich fester und kompromissloser an der Seite Adolf Hitlers standen, als die Katholiken.


Die Amtskirchen standen dabei stets auf der Seite der Reichen und Mächtigen und sorgten dafür, daß die Armen, Sklaven und Rechtlosen weiter ausgebeutet werden konnten. Kaiser und Könige wurden von höchsten Geistlichen gekrönt und ihr Herrschaftsanspruch mit „von Gottes Gnaden“ besiegelt.


Bis ins Jahr 2018 stehen die Kirchen an der Seite von konservativen Parteien und gegen soziale Parteien, die womöglich den Besitz nach unten umverteilen könnten.
Die Kirchen unterstützen auch nach dem Ende der europäischen Monarchenherrschaft die rechtesten Gruppen, standen fest an der Seite der Faschisten in Italien, Spanien und Deutschland. Der slowakische Nazi-Diktator Jozef Tiso, der als glühender Hitler-Fan stolz verkündete alle slowakischen Juden ins Vernichtungslager geschickt zu haben, war selbst katholischer Priester.
Nach 1945 stand die RKK Spanien fest zum faschistischen Diktator Franco, bekämpfte demokratische Bestrebungen und verdiente sich durch den Verkauf hunderttausender Babys etwas dazu.
Auch in Lateinamerika waren die Kirchen bis ins 21. Jahrhundert die engsten Verbündeten der faschistischen Rechts-Diktaturen. Die wenigen einzelnen Bischöfe, die sich als „Befreiungstheologen“ auf die Seite der Armen stellten, wurden von Karol und Ratzi exkommuniziert oder abgesetzt.
Es ändert sich kaum etwas. Evangelikale Christen sind die wichtigste Machtbasis des rassistischen Rechtsradikalen Donald Trump.

Und auch in Europa steht die Kirchen besonders unterstützend an der Seite der Regierungen Ungarns, Polens und Russlands, weil sie dort Macht, Geld und Privilegien zurückbekommen, während lästige Bürgerrechte für Schwule oder dieser ganze demokratische Unsinn wie Pressefreiheit oder unabhängige Justiz konsequent abgeschafft werden. Das gefällt den Bischöfen, die nicht nur Putin und Orban lobpreisen, sondern auch die stärkste Stütze des Syrischen Diktators Assad sind.

„Der Islam“ ist da weiter. Dort werden Reichtum und Verteilungsungerechtigkeit nicht in dem Maße unterstützt. Jeder Muslim muss fünf Mal am Tag beten – auch Könige und Emire. Bei der höchsten Pflicht, der Haddsch in Mekka, tragen Multimilliardäre und Wanderarbeiter, Hochadelige und Putzfrauen das gleiche schlichte weiße Gewand. Für alle gelten die gleichen Regeln, weil niemand vor Allah mehr wert ist als ein anderer.

(….) Während es im Islam heute noch  Zakat und Zinsverbot gibt, ist völlig in Vergessenheit geraten, daß die  Katholische Kirche die längste Zeit ihrer Existenz kein Herz für Kredithaie und Wuchergeschäfte hatte.

Im Gegenteil; die Bibel verbietet dies.

35 Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann. 36 Nimm von ihm keinen Zins und Wucher! Fürchte deinen Gott und dein Bruder soll neben dir leben können. 37 Du sollst ihm weder dein Geld noch deine Nahrung gegen Zins und Wucher geben.
(Levitikus 25)  (……)

24 Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins fordern.
(Exodus 22)

(…..)   Insbesondere ab dem 12. Jahrhundert hat eine Vielzahl unfehlbarer Päpste das Zinsverbot als „unveränderliches kirchliches Gebot“ bestätigt.

[…] Noch 1745 wandte sich Papst Benedikt XIV. in der an die hohe Geistlichkeit Italiens adressierte Enzyklika Vix pervenit entschieden gegen den Zins. In § 3, Absatz I heißt es: Die Sünde, die usura heißt und im Darlehensvertrag ihren eigentlichen Sitz und Ursprung hat, beruht darin, dass jemand aus dem Darlehen selbst für sich mehr zurückverlangt, als der andere von ihm empfangen hat […] Jeder Gewinn, der die geliehene Summe übersteigt, ist deshalb unerlaubt und wucherisch.
(Wiki)

In den nächsten Jahrhunderten fand man allerdings auch im Vatikan heraus wie wunderbar einfach man sich mit Geldverleih eine goldene Nase verdienen kann.
Insbesondere katholische Ritterorden waren extrem kreativ dabei die biblischen und Vatikanischen Regeln zu umgehen.
Im 19. Jahrhundert waren Zinsen dann inzwischen so alltäglich geworden, daß es überhaupt keinem mehr auffiel als Papst Pius VIII. am 18. August 1830 alle vorherigen Zins-Gesetze aufhob. (……)

Auf allen Kontinenten der Erde rafften christliche Geistliche auf diese Art und Weise ungeheure Schätze und Geldmittel zusammen. Die Kirchen sind heute der größte Grundbesitzer des Planeten.

Allein die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sitzen auf einem Vermögensberg von geschätzten 700 Milliarden Euro.
Bis heute werden Bischöfe üppig bezahlt; in etwa so wie Ministerpräsidenten.
Bezahlt aus den Haushalten der Bundesländer; also nicht etwa nur von Kirchenmitgliedern, sondern unter anderem auch von Konfessionslosen und Muslims.

Das Bestreben das Volk dumm und arm zu halten kommt den Interessen einer reichen Besitzenden-Klasse und den christlichen Kirchen gleichermaßen entgegen.
Nicht nur, weil sie beide finanziell profitieren, sondern weil Dummheit und Armut ihrer beider Herrschaft stabilisiert.
Wer dumm ist begehrt nicht auf, organisiert sich nicht.
Wer arm ist, leidet mehr an Krankheit und Sorgen – und je mehr Sorgen und Ungewissheit es gibt, desto größer der Glaube an Gott und die Unterwerfung unter kirchliche Autoritäten.

Übertragen auf das 21. Jahrhundert bedeutet das: Je schlechter das soziale Netz und je weniger Verlass auf den Staat ist, desto notwendiger ist Gott.
Also ist es nur konsequent von Christen sich an die Seite von Politikern wie Trump oder Merkel zu stellen – beide bauen Sozialleistungen und Bildungschancen kontinuierlich ab und sorgen mit on Lobbyisten maßgeschneiderten Steuergesetzen dafür, daß Superreiche superschnell noch superreicher werden.
„Halt du sie arm, ich halt sie dumm“ führt zu mehr Religiosität. Wer keine staatliche Absicherung, keinen Krankenversicherung, kein soziales Netz kennt, ist weniger aufgeschlossen für Atheismus und Säkularität, weil er den Beistand Gottes umso mehr benötigt.
Gebildete, selbstständig denkende und sozial grundversorgte Menschen sind hingegen der Alptraum für die Amtskirchen, denn so einer braucht keine Gebete und folgt weniger leicht den Anweisungen des Pastors.

[….] Eine aktuelle Studie hat den Zusammenhang zwischen Religiosität und staatlicher Fürsorge untersucht.
    Ergebnis: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen bieten, desto attraktiver erscheint den Menschen der Beistand eines Gottes.
    Andersherum bedeutet das allerdings auch: Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand. [….]

Dieser Zusammenhang ist in sich logisch und wird seit Jahrzehnten postuliert und empirisch dokumentiert. Wenn der Sozialstaat gut funktioniert und Bildung kostenlos ist, sich die Menschen vergleichsweise wenig Sorgen um Krankheiten machen müssen, passiert das was wir zum Beispiel in den Skandinavischen und Benelux-Staaten beobachten:
Die Bürger werden massenhaft zu Atheisten.
Das ist nicht nur eine Frage der Bildung, sondern auch eine Sozialpsychologische.

[….] Weshalb sind so viele Menschen in den USA so tief religiös, während in weiten Teilen Europas die Kirchen leer bleiben?
Die letzte Frage könnte ein Studie von Psychologen um Miron Zuckerman von der University of Rochester und Ed Diener von der University of Virgina zum Teil beantworten: Wie sie im Fachblatt Personality and Social Psychology Bulletin berichten, besteht ein Zusammenhang zwischen dem Glauben an einen Gott und der Fürsorge, die ein Staat seinen Bürgern erteilt: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen bieten, desto attraktiver ist der Beistand eines Gottes für die Menschen. Andersherum formuliert bedeutet das: Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand; und in den USA lässt der Staat seine Bürger - im Vergleich zu Europa zumindest - im Zweifelsfall selbst wieder aufstehen (oder auf dem Boden liegen), wenn sie einmal gestürzt sind.
Wo die Lebensqualität vergleichsweise hoch ist, wirkt Religion weniger attraktiv.
Die Wissenschaftler um Zuckerman werteten Daten aus, die zwischen 2005 und 2009 für die Gallup World Poll weltweit erhoben wurden. Mehr als 455 000 Personen aus 155 Nationen wurden dafür befragt, darunter waren Nationen, in denen Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten die Mehrheit der Gläubigen stellten. Aber egal welcher Religion die Menschen anhingen, ihr Glaube war dort im Durchschnitt stärker ausgeprägt, wo staatliche Leistungen eher mäßig ausfielen.
[….] Wo sich weltliche Behörden hingegen halbwegs vernünftig um das Wohlergehen der Bürger kümmerten, suchten weniger Menschen Halt und Hoffnung im Glauben an eine übernatürliche Wesenheit. Zudem wirkte Religion dort weniger attraktiv auf die Menschen, wo die Lebensqualität vergleichsweise hoch ist.[…..]

Mittwoch, 2. Mai 2018

Comedy-time

Kann ein sehr offensichtlich adipöser Geront, der sich ausschließlich von Fastfood ernährt der gesündeste US-Präsident aller Zeiten sein?


Insbesondere wenn sein athletisch-asketischer direkter Vorgänger 23 Jahre jünger war, als er das Amt antrat und so aussah?




In der völlig wahnsinnigen Welt des Donald T. kann man den Wählern das Absurde verkaufen.
Trump ging zu Dr. Okun, that hippie looking mad scientist from Area 51 in Independence Day.


Dieser bestätigte schwarz auf weiß, was #45 behauptet hatte.







Schon im Wahlkampf bezweifelte man die Seriosität des Mediziners, da er sich einer so offensichtlich nicht wissenschaftlichen Ausdrucksweise bediente.

Es ging gesundheitlich weiter bergauf für den Präsidenten.
Nach einem Jahr im Amt bestätigte Ronny Jackson, der offizielle Arzt des Weißen Hauses sogar Trumps mentale Fitness.
Das golfende Genie hatte soeben den MoCa fehlerfrei absolviert. Eine ungeheure Leistung. Er konnte also ein Uhrenziffernblatt (zehn nach elf!) zeichnen und ist zu weiteren geistigen Höchstleistungen fähig.

Test zur geistigen Gesundheit: Trump kann Löwe und Nashorn benennen.

Natürlich prahlte er sofort mit diesem Sensationsergebnis.
Vermutlich war nie ein US-Präsident schlauer als er. 30 von 30!

[…..] The White House physician reported Tuesday that President Trump is in “excellent” overall health based on a four-hour examination. At Trump’s request, said Dr. Ronny Jackson, this included a common test of cognitive ability on which the President reportedly scored a perfect 30 out of 30.
Trump, who has famously bragged about his intelligence on Twitter, wasted no time in brandishing his score. In an interview with Reuters Wednesday, he blamed his three most recent predecessors for their failure regarding North Korea, and said, “I guess they all realized they were going to have to leave it to a president that scored the highest on tests.”
The 15-minute exam that Jackson administered is called the Montreal Cognitive Assessment, or MoCA, and is widely used to test for early signs of diseases like Alzheimer’s and other forms of dementia. None of the questions are difficult for someone who does not suffer from cognitive impairment, but “the test is very sensitive to early stages of these conditions,” says Dr. Ziad Nasreddine, who developed the assessment in 1996. [….]

Dr. Jackson hatte, wie wir inzwischen wissen, seinen Chef einfach ein bißchen größer gemacht, um gerade noch einen BMI zu messen, bei dem er nicht Adipositas aufschreiben muss.


Dem Drogen-vertickenden Alki, aka „Candyman“ wurden seine freundlichen Worte mit einem Ministerposten gedankt. Blöd nur, daß man in diesen #MeToo-Zeiten doch nicht mehr darüber hinwegsehen konnte wie Ronny im Suff Frauen belästigte.
So zog sich der Lügendoktor zurück – natürlich laut Trump alles nur die Schuld der „evil democrats“, die es wagen darüber zu sprechen.
Trump selbst hat nie selbst an irgendetwas Schuld.
Das ist so wie bei Autos der Marke Mercedes Benz. Bei denen ist bekanntlich die Vorfahrt schon eingebaut.

Und Dr. Okun alias Harold Bornstein?
Für ihn hatte der Fixer Michael Cohen offensichtlich nicht genügend hush-money eingezahlt.
Der Mann plaudert jetzt.


[….] Der damals 69-jährige Präsidentschaftskandidat habe in 40 Jahren keine gesundheitlichen Probleme gehabt, schrieb der Arzt in einem Brief, der als eine Art Gesundheitsgutachten dienen sollte. Trumps jüngste Laborwerte seien "erstaunlich großartig" gewesen, hieß es ohne die Angabe von Details. "Seine physische Stärke und Kraft sind außerordentlich." Bornsteins Fazit: Im Falle seiner Wahl werde Trump "das gesündeste Individuum sein, das jemals zum US-Präsidenten gewählt wurde", so die gewagte Prognose.
[….] Schon einige Monate später gab der Arzt an, den Brief in fünf Minuten geschrieben zu haben. Nun erklärte Bornstein den Fernsehsendern NBC und CNN, dass er selbst gar nicht der Verfasser gewesen sei: Trump habe ihm den Inhalt diktiert, er selbst habe ein paar Hinweise gegeben und ansonsten einfach mitgemacht. "Der Brief ist schwarzer Humor, genau meine Art von Humor", so der 70-Jährige.
[….] Die Brief-Enthüllung ist allerdings nur ein Aspekt der Bornstein-Festspiele vom Dienstag: In einem NBC-Interview beschuldigte der Mediziner Trumps damaligen Leibwächter Keith Schiller, Anfang Februar 2017 gemeinsam mit einem anderen "großen Mann" in seinem Büro eine Art Razzia durchgeführt zu haben. Die beiden hätten "eine Menge Chaos" angerichtet und schließlich Trumps Patientenakten in Original und Kopie mitgenommen. Er habe sich "vergewaltigt, verängstigt und traurig" gefühlt, so Bornstein, auch hier kein Freund von Untertreibungen.
[….] Jackson, der Trumps Gesundheit ebenfalls überschwänglich gelobt hatte, wird auch nicht mehr auf seine Arztstelle im Weißen Haus zurückkehren. Sein Nachfolger wird Bornstein sicher nicht. Jonathan Chait, Autor des New York Magazine, bemerkte mit einer gewissen Verwirrung: Wer jetzt die "irre Geschichte mit dem Trump-Doktor" erwähne, müsse erst einmal präzisieren, welchen der beiden Ärzte er denn meine. [….]

Wieder einer dieser Extremfälle von „Kann man sich nicht ausdenken!“
Das ist eben Trump.
Charakteristisch ist gar nicht in erster Linie sein ständiges Lügen und die kriminelle Energie, sondern seine unfassbare Dummheit, die dazu führt, daß diese Dinge für jeden so offensichtlich sind.
Ein normaler krimineller Psychopath hätte bei einem gefakten ärztlichen Attest auf korrekte Grammatik und die richtige medizinische Fachsprache geachtet.
Aber Trump ist dazu geistig gar nicht in der Lage, weil er, als jemand, der noch nie ein Buch gelesen hat, nur über ein rudimentäres Proleten-Vokabular verfügt.

Inzwischen weiß man auch wer hinter den vielen Leaks aus dem Weißen Haus steckt: Trump selbst.
Klar zu erkennen an den für ihn typischen vielen Grammatik und Orthographie-Fehlern.

[…..] Robert Mueller’s former assistant explains how grammar errors prove ‘leaked questions’ came from Trump
[….] A former special assistant to Robert Mueller doesn’t believe for a second that the “leaked questions” came from the special counsel or that those are the questions he’ll ask.
It was revealed Monday that there are 40 questions that Mueller will allegedly ask President Donald Trump about the ongoing investigations. The New York Times reported that someone outside of Trump’s legal team leaked the questions. However, Michael Zeldin, who now works as a legal analyst for CNN, told “New Day” that he doesn’t believe these questions came actually from Mueller.
[….] “We have, this morning, been calling these questions that Mueller propounded, but I don’t believe that that’s actually what these are,” he began. “I think these are notes taken by the recipients of a conversation with Mueller’s office where he outlined broad topics and these guys wrote down questions that they thought these topics may raise.”
He explained that the way the questions are written make it pretty obvious.
“Because of the way these questions are written,” Zeldin explained his methodology. “Lawyers wouldn’t write questions this way, in my estimation. Some of the grammar is not even proper. So, I don’t see this as a list of written questions that Mueller’s office gave to the president. I think these are more notes that the White House has taken and then they have expanded upon the conversation to write out these as questions.  […..]

Wenig verwunderlich, daß bei so einem völlig verblödeten Mandanten die Anwälte aus dem Weißen Haus fliehen. Heute warf der aktuelle Chef-Anwalt Ty Cobb die Brocken hin.

Bei den geleakten 40 Fragen fällt klar auf wie sich Mueller auf Trumps besondere Dummheit einstellt.
Während sonst in Kreuzverhören sehr präzise Fragen gestellt werden, bei denen man möglichst nur mit „Nein“ oder „Ja“ antworten kann, so daß sich der Befragte nicht herausreden kann, sind die Fragen an Trump eher vage und offen gehalten.
Man kann Trump nicht mehr schaden, als ihn frei reden zu lassen.

So ähnlich ergeht es ihm beim Twittern. Dabei kann seine Legasthenie echte internationale Krisen hervorrufen. Jüngstes Beispiel ist Trumps groteske Reaktion auf die Anti-Iran-Presseshow seines Kumpels Bibi.

[…..]  Kurz nachdem Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu am Montag erklärt hatte, Iran habe in der Vergangenheit ein geheimes Atomwaffenprogramm unterhalten (was bekannt war) und die Unterlagen dazu in Teheran versteckt, gab das US-Präsidialamt eine fehlerhafte Mitteilung heraus.
"Iran hat ein umfängliches geheimes Atomwaffenprogramm", hieß es in einer offiziellen Pressemeldung und in einem dazugehörigen Tweet. Das allerdings hatte nicht einmal Netanyahu in seiner umstrittenen Pressekonferenz behauptet.
Nachträglich und ohne offizielle Korrektur machte das Weiße Haus aus dem Wörtchen "has" ein "had", aus "hat" also "hatte", den Tweet löschte der Pressestab. Aus einem angeblich andauernden Programm - was ein klarer Bruch des Atomabkommens wäre - wurde so ein gestopptes Programm, über das die Welt seit Langem Bescheid wusste.
Versuchte die US-Regierung hier, Stimmung gegen Iran zu machen und das "Wasser zu trüben", wie ein Berater des früheren US-Präsidenten Obama erklärte? Oder war es ein "Schreibfehler", wie es das Weiße Haus auf Nachfrage von US-Journalisten erklärte? [….]

Wäre doch Trump beruflich bloß beim Titten-rating geblieben.
Dann könnte man sich jetzt amüsieren, wie er sich mit dem Irren Doc aus „Independence Day“ über sein Haarwuchsmittel Propecia und gemeinsame Bilder an der Praxiswand streitet.
Leider ist er aber US-Präsident geworden, sitzt am roten Atomknopf und ist gerade dabei den Nahen Osten in Flammen zu setzen.

Dienstag, 1. Mai 2018

Impudenz des Monats April 2018

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Der heutige Gewinner heißt Benjamin Netanjahu.
Er folgt damit seiner Ehefrau.


Da haben sich wirklich zwei gefunden. Topf und Deckel extrem.

Israels stramm rechter Ministerpräsident tut alles dafür, um Unfrieden in die Region zu bringen und Donald Trump zu noch mehr Aggressionen zu verleiten.
Bibi, 68, in einen endlosen Strudel aus Korruption hineingesogen, war von Mai 1996 bis Mai 1999 israelischer Ministerpräsident und amtiert seit 2009 erneut als solcher.
Der amerikanische Staatsbürger Netanjahu wuchs in Pennsylvania auf, studierte in den USA und mischte sich auch als Israelischer Außenminister und Ministerpräsident immer wieder direkt in die amerikanische Innenpolitik ein, weil er die Demokraten und insbesondere den dunkelhäutigen Barack Obama zutiefst verachtet.
In diesem Punkt gibt es 100%ige Übereinstimmungen mit dem Rassisten Trump.
Die beiden verstehen sich – wenig überraschend – prächtig.
Die meisten anderen westlichen Regierungschefs empfinden den MP aus Jerusalem ungefähr so angenehm wie Fußpilz, da Bibi ähnlich wie Trump ständig prahlt und mit der Wahrheit auf Kriegsfuß steht.

(…..) Er hält sich selbst für so extrem überqualifiziert, daß er immer wieder laut bedauert nicht eine Supermacht wie die USA führen zu dürfen. Entsprechend großspurig tritt er auch unter den Regierungschefs auf und wird ganz offensichtlich von vielen Kollegen leidenschaftlich abgelehnt.
Immer wieder werden Unmutsäußerungen über ihn geleakt.

[…] In einem vertraulichen Gespräch mit US-Präsident Barack Obama hat Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy über den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu hergezogen. "Ich kann ihn nicht mehr sehen, er ist ein Lügner", soll Sarkozy nach übereinstimmenden Angaben von Mithörern des Gesprächs über Netanjahu gesagt haben. Obama habe ihm geantwortet: "Du bist ihn leid, aber ich habe jeden Tag mit ihm zu tun!" […]

Der nicht eben als Choleriker bekannte US-Präsident kann sich kaum noch zügeln.

Obama schäumt vor Wut über Netanjahu
[…] Die Vereinigten Staaten von Amerika und Israel sind strategische Verbündete zur Wahrung ihrer Interessen im Nahen und Mittleren Osten. Angesichts der Tatsache, dass diese vor allem energiepolitisch bedeutende Weltregion von Krieg, Despotien, gefährlichen sozialen Unwuchten, militantem Islamismus und aggressivem Terrorismus gekennzeichnet ist, kommt dieser Allianz eine hohe Bedeutung zu. Umso fataler ist, dass die Regierungen in Washington und Jerusalem alles andere als befreundet sind und gegenwärtig einen Kurs des Frontalzusammenstoßes steuern, wie die israelische Zeitung "Maariv" schrieb. Dieser Streit ist überflüssig und zudem politisch brandgefährlich.
Es ist kein Geheimnis, dass US-Präsident Barack Obama und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu nicht nur politische Differenzen haben, sondern sich auch ganz persönlich nicht ausstehen können. Netanjahus Festhalten an einem fortgesetzten Siedlungsbau in Schlüsselregionen der besetzten Gebiete ist geeignet, dem halb toten Nahost-Friedensprozess den Rest zu geben, den Obama gern belebt und als Erfolg seiner Amtszeit vorgewiesen hätte. Mit der Besiedlung zerschneidet Netanjahu das Gebiet eines möglichen Palästinenserstaates bis zur Unregierbarkeit – was wohl beabsichtigt ist.
Ein zweiter Streitpunkt zwischen Washington und Jerusalem hat sich nun zu einem "endgültigen Bruch" zwischen den beiden Staatsmännern zugespitzt, wie US-Kommentatoren meinen. Es geht im Kern um die Bemühungen der fünf Veto-Mächte der Uno – USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien – sowie Deutschlands, den Atomkonflikt mit dem Iran friedlich per Abkommen beizulegen. Israel und der Westen verdächtigen das Mullah-Regime in Teheran, unter dem Deckmantel eines zivilen Programms eine atomare Bewaffnung anzustreben. […]

Willkommen im Kindergarten.

In gewisser Weise ist Netanjahu sogar noch unmoralischer als Trump, da er es eigentlich besser wissen sollte.
Während #45 bedingt durch seine tiefsitzende Ignoranz und Borniertheit ungebildet und dumm ist, verfügt Netanjahu über fundierte Bildung und viele Jahrzehnte politischer Erfahrungen.
Trump lügt so viel, weil er erstens nicht anders kann und zweitens zu dämlich ist zu bemerken in welche Widersprüche er sich ständig verstrickt.

Netanjahu hingegen lügt und intrigiert strategisch aus purer Bosheit.

(….) Der arme Bibi Netanjahu leidet offenbar an einem Nero-Komplex. Er ist ein mehrfach überführter Lügner, der zudem auch noch über eine wahrlich abstoßende Persönlichkeit verfügt.
Wenn man aber seinen zweitägigen Washington-Besuch beobachtet hat, scheint er eine ganz neue Dimension des Irrsinns erreicht zu haben.
Bibi, der Molch und Herr Boehner drehen jetzt völlig frei, oder?
Inzwischen wird Weltpolitik, ja sogar der Frieden, den persönlichen Machtinteressen skrupellos untergeordnet.
In den letzten 70 Jahren hatte Israel nirgends auf der Welt so treue und
so wichtige Freunde wie im Weißen Haus.
Und Bibi schafft es der gesamten US-Administration so vor das Schienbein zu treten, daß alle Minister und der Präsident sowieso schreiend weglaufen, wenn er in Washington ist. Niemand will mehr mit ihm gesehen werden.
Wenn Netanjahu im Oval Office auf Obamas Schreibtisch geschissen hätte, wäre das auch kein größerer außenpolitischer Eklat, als das was er tatsächlich anstellte.

Eine Rede, gespickt mit vom eigenen Geheimdienst Mossad längst widerlegten Lügen und Übertreibungen. Und eine Rede voller Anwürfe gegen die USA, immerhin seit der Gründung Israels vor fast 70 Jahren der wichtigste Verbündete des Landes. Nancy Pelosi, demokratische Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus und bislang wahrlich nicht als Kritikerin der israelischen Politik aufgefallen, empfand die Rede als „so selbstgefällig und beleidigend“, dass sie „mit den Tränen gekämpft“ habe.
Netanjahus Auftritt habe sie „an Dr Strangelove erinnert“, meinte die bekannteste Politikjournalistin der USA, Christiane Amanpour in Anspielung auf Stanley Kubricks berühmte Kalte-Kriegs-Satire. Darin löst ein paranoider, von sowjetischen Angriffsabsichten überzeugter US-General beinahe  einen Atomkrieg aus.

Und der Grund für Bibis rasenden Hass auf Obama ist lediglich der, daß in Washington gelegentlich Vernunft einkehrt.
Offenbar hat man dort die Lage im Nahen Osten analysiert und ist zu verschiedenen Schlüssen gekommen:

1.) Das größte Hindernis auf  dem „Weg zum Frieden“ ist Israels Siedlungspolitik mit der daraus folgenden Katastrophe für das palästinensische Volk. Obama und Kerry haben das auch öffentlich gesagt, Israel darum gebeten sich beim Siedlungsbau zurück zu halten.
Natanjahu platzte vor Wut.

2.) Die totale Konfrontation mit dem Iran, die seit 2001 besonders von den USA ausgeht, hat zu nichts geführt. Dieses tote Pferd sollte man nicht weiter reichen und stattdessen lieber versuchen auf Augenhöhe mit Teheran zu sprechen.

Nicht, daß mich noch irgendetwas Irres an Gingrich oder McCain verwundern könnte, aber es ist schon ein starkes Stück, daß sie aus purem Hass auf ihre eigene Regierung lieber einen Krieg im Pulverfass Nahost provozieren, als dem verhassten Präsidenten Obama diesen außenpolitischen Erfolg zu gönnen! (…..)

Relativ unbestritten verfügt Israel über einen der effektivsten Geheimdienste der Welt.
Er führt seit Jahrzehnten höchst erfolgreich Operationen überall in der Welt aus, tötet gezielt und soll – angeblich – nahezu allwissend sein.
Anders als die sich vielfach blamierenden westlichen Dienste, halten sich israelische Schlapphüte gern im Hintergrund; sie geben keine Statements heraus, veranstalten keine Pressekonferenzen und verbreiten von ihnen erwünschte Informationen subtil durch Leaks.

Gestern hingegen wählte Bibi einen ganz anderen Weg und lieferte eine große Show auf offener Bühne ab; Hollywoodreif mit dramatisch verhüllten Aktenbergen. Es erinnerte alles an Colin Powells berühmte Saddam-hat-WMD-Show vor dem UN-Sicherheitsrat 2003.

[….] Der Ort war nicht zufällig gewählt, auch die Inszenierung war durchgeplant: Im militärischen Hauptquartier in Tel Aviv trat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf eine in Schwarz gehaltene Bühne, auf der er nur einige wenige Worte auf Hebräisch sprach. Dann wechselte er ins Englische, denn mit seiner Botschaft will Netanjahu die Welt aufrütteln.
"Heute werden wir Ihnen etwas zeigen, was Sie noch nie gesehen haben: das geheime Atomarchiv", kündigte Netanjahu an. Auf die Leinwand wurden Videoeinspielungen mit Aussagen iranischer Politiker projiziert, wonach Iran kein Nuklearprogramm verfolge. "Iran lügt dreist", sagte Netanjahu und enthüllte zwei Schränke. In einer Geheimdienstoperation seien in einer "unschuldig aussehenden Lagerhalle" Dutzende Aktenordner mit 55 000 Seiten und 183 CDs sichergestellt worden. [….]

Ganz offensichtlich ging es darum die rasenden Iran-Hasser Mike Pompeo und Donald Trump mit zusätzlichen Argumenten zu versorgen, damit sie wirklich aus dem „Irandeal“ aussteigen – auch wenn es offensichtlich ist, daß die Gefahr eines Atomkrieges ohne diesen Deal dramatisch ansteigt, weil es keine bessere Alternative gibt.
Wenn es nicht so tragisch und gefährlich wäre, könnte man jetzt in einem Lachkrampf dahinscheiden:
Ein gewohnheitsmäßiger Lügner spielt dem größten Lügner überhaupt angebliche Beweise über dessen einzigen Informationskanal zu – das TV, denn Trump hört bekanntlich nicht auf Experten oder seine Geheimdienste – und dieser so getriggerte Lügner erweist sich als genauso leicht manipulierbar, wie Bibi dachte.
Pompeo und Trump schnappten den Köder sofort.

[….] US-Außenminister zum Iran-Atomdeal USA bezichtigen Iran der Lüge. Israel wirft Iran vor, an einem geheimen Atomwaffenprogramm zu arbeiten. Nun haben die USA das von Israel vorgelegte Material als authentisch bezeichnet. US-Außenminister Pompeo sprach von "neuen Dokumenten". [….]
[….] Trump sieht sich "zu hundert Prozent" bestätigt
Donald Trump hat auf die Präsentation Netanyahus reagiert: Er habe mit seiner Meinung zu Iran Recht gehabt, sagte der US-Präsident. Er erwähnte auch die Möglichkeit, ein neues Atomabkommen mit Teheran auszuhandeln. [….]
Viel geändert hat sich dennoch nicht, weil alle anderen am Deal ('Joint Comprehensive Plan of Action' (JCPOA)) beteiligten Parteien -  die anderen vier Vetomächte England, Frankreich, Russland und China, sowie Deutschland und der Iran, genau wie die EU und die IAEO-Inspekteure über einen höheren IQ als Zimmertemperatur verfügen.
Sie wußten auch schon vorher, was Bibi gestern spektakulär enthüllte:
Bis 2003 versuchte der Iran in einem Programm namens NOMAD Atomwaffen zu entwickeln.
Lieber Donald und lieber Bibi, das war ja genau der Grund für die Verhandlungen!

[….] Nach einer ersten Einschätzung der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bislang keine Beweise dafür präsentiert, dass sich Iran nicht an das Abkommen zum Verzicht auf Atomwaffen hält.
Die Präsentation Netanyahus vom Montag habe, so ihre erste Einschätzung, die Vertragstreue der iranischen Führung nicht infrage gestellt, teilte Mogherini mit. Das Atomabkommen aus dem Jahr 2015 basiere auf konkreten Verpflichtungen, Überprüfungsmechanismen und einer strikten Kontrolle durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA). Diese habe schon zehn Berichte veröffentlicht, die Iran bestätigten, sich an die Abmachungen zu halten. [….]


Abgesehen von dem totalen amerikanisch-israelischen Wahnsinn einen nicht perfekten Vertrag ersatzlos zu streichen und somit in eine viel gefährlichere Situation zu schlittern, noch ein paar grundsätzliche Anmerkungen:

1.)

Israel und Amerika werfen dem Iran Lügen vor.


Das sind ja genau die Richtigen, weil Trump und Netanjahu ja nie lügen.
Das sind ja genau die Richtigen, weil die USA und Israel ja bekannt dafür sind sich immer punktgetreu an alle internationalen Verträge zu halten.

2.)

Der Iran hat erlebt was seinen beiden großen Nachbarnationen – dem Irak im Westen und Afghanistan im Osten – widerfahren ist, weil die keine Massenvernichtungswaffen hatten.
Gegen beide begann Amerika große Kriege und unterzog sie einem extrem brutalen Regimechange, der viele Hunderttausend Tote verursachte.
Die einzige Nation im Visier der Amerikaner, die tatsächlich über Atomwaffen verfügt, ist Nordkorea.
Nordkorea wurde aber nicht von den USA angegriffen. Stattdessen flirtete Trump den nordkoreanischen Chef Kim Jong Un als „Ehrenmann“ an.
Was läge also aus Sicht Teherans näher als natürlich auch Atomwaffen anzuschaffen?

3.)
Der Atomwaffensperrvertrag NPT (Non-Proliferation Treaty) von 1970 erlaubt keinem Land außer den fünf UN-Vetomächten den Erwerb oder die Verbreitung von Atomwaffen. Außer Indien, Israel, Pakistan und Südsudan sind alle Nationen Mitglieder des NPT; über Nordkoreas Status wird derzeit verhandelt.
Mit welchem Recht wird eigentlich dem Iran verweigert sich Atomwaffen zuzulegen, wenn sich Frankreich, England, Russland, China und die USA ganz selbstverständlich das Recht nehmen und auch niemand Anstoß nahm, als sich Israel, Pakistan und Indien Atombomben zulegten?

Ist es nicht ein bißchen sehr heuchlerisch, wenn der Israelische Ministerpräsident, der selbst über mindestens 200 Atombomben verfügt und damit alle anderen Staaten des Nahen Ostens latent bedroht, vor Empörung bebt, wenn jemand anderes auch nur darüber nachdenkt das zu tun, was Israel schon seit 50 Jahren macht: Atombomben herstellen.

4.)

Die zivile und militärische Nutzung der Atomkraft ist nicht völlig voneinander zu trennen. Man muss in jedem Fall Uran aufkonzentrieren und man erhält immer waffenfähiges Material.
31 Länder betreiben dieses Jahr 446 Kernreaktoren. Das sind keineswegs alles demokratische Länder. Wieso sollte Iran nicht dürfen, was Kasachstan, Weißrussland oder die VAE und Ägypten tun?