Puh, das habe ich geschickt eingefädelt.
Als sozialphobischer Sportmuffel, befinde ich mich äußerst ungern eng mit Menschen zusammen an einem Ort, dem ich nicht entfliehen kann. Ein volles Konzert, ein Vorlesungssaal oder Wartezimmer sind schlecht, aber verursachen noch keine Panik, weil ich da theoretisch jederzeit rausgehen kann. Flugzeug, Bahn oder Schiff sind schon problematischer. Die lassen sich nicht jederzeit stoppen, um auszusteigen.
Am wenigsten mag ich Umgebungen voller Menschen, wenn die Körper selbst eine Rolle spielen, weil alle (wie im Freibad, oder Gemeinschaftsduschen) nackt sind, oder, noch schlimmer, sich extra zum Zwecke der körperlichen Aktivität versammeln: Sport, Krieg, Gruppensex, Fitness. Kaum etwas ist schlimmer, als bei „gutem Wetter“ an der Hamburger Außenalster zu sein, wenn dichte Pulks von Joggern unterwegs sind, man das kollektive Keuchen hört und bestialische Schweißschwaden hinterher wabern.
Als Kind und Teenager war meine Phobie noch nicht ausgeprägt. Zudem hielt ich mich selbst hartnäckig für einen Philanthropen. Naiv, ich weiß. Ich glaubte an das Gute im Menschen. Vermutlich lag es an jugendlicher Unbildung. Inzwischen bin ich lange aufgeklärt und wissend genug, um Misanthrop, Pessimist und Antinatalist zu sein. Meine heutige Lebensweise ermöglicht es mir glücklicherweise Menschenmassen, insbesondere solchen bei physischer Aktivität, auszuweichen.
Als Teenager empfand ich es sehr nachteilig, keinen deutschen Pass zu haben, da es beispielsweise erheblich schwieriger war, über das „Akademische Auslandsamt“ einen Studienplatz zu bekommen. Es brauchte Glück und mein NC musste sehr gut sein, weil keine Wartesemester anerkannt wurden. Ich brauchte eine Aufenthaltserlaubnis, um überhaupt in Deutschland zu sein. Zudem war ich politisch sehr engagiert und litt darunter, nicht in Deutschland wählen zu dürfen. Außerdem war da Berlin, das ich häufig besuchte, aber als US-Amerikaner jedes Mal auf der Transitstrecke von den DDR-Grenzern besonders belästigt wurde.
Aber während des Abiturs kamen die Musterungen. Alle meine Freunde verweigerten natürlich, aber auch das war nicht leicht, man musste durch die gefürchtete Gewissenprüfung und steckte anschließend fast zwei Jahre im Zivildienst. Nur ein extrem sportliches JU-Mitglied mit sehr reichem Vater wurde auf wundersame Weise mit so vielen Attesten ausgestattet, um gleich ausgemustert zu werden. Die Bonespurs-Varianten gab es auch im Deutschland er 80er Jahre.
Das hätte mir jedenfalls gar nicht gefallen; mich mit lauter fremden 18-Jährigen im Adamskostüm aufzustellen und von ollen Amtsärzten untenrum befummeln zu lassen. Deswegen mochte ich damals schon so gern Felix Krull.
Es war meine erste positive Erfahrung, US-Amerikaner zu sein: Keine Musterung für mich. Die Amis setzten ihre Wehrpflicht bereits 1973 aus. Mit 18 bekam ich meinen DRAFT-Bescheid, wurde also, wie alle männlichen US-Amerikaner weltweit vom Selective Service System (SSS) erfasst. Damit war ich verpflichtet, bis zum Alter von 25; unter bestimmten politischen Umständen bis 45 Jahren, meinen Aufenthaltsort dem SSS mitzuteilen, um im Kriegsfall doch zur US-Army eingezogen werden können. Das beunruhigte mich aber wenig. Für kleine Kriege reichte die US-Berufsarmee. Es müsste schon enorme Dimensionen annehmen, um 100 Millionen US-Amerikaner im passenden Altern zu draften. Dabei würde vermutlich nicht als Erstes auf diejenigen auf anderen Kontinenten zurückgegriffen. Zudem wäre es bei einem so großen Krieg schnell ein Atomkrieg und somit ohnehin irrelevant, ob ich eingezogen würde, oder nicht.
Tatsächlich war ich also mit 18 Jahren enorm jung, als ich anfing zu studieren. Ich hatte ein Jahr früher Abi gemacht, als die meisten und zudem weitere anderthalb bis zwei Jahre gespart, weil ich nicht beim Zivildienst war. Damals hielt ich es für einen tollen Vorteil gegenüber meinen männlichen Freunden.
(Leider ein Trugschluss. A posteriori weiß ich, wie unreif ich mit 18 war und hätte mit 21 sicherlich ein anderes Studienfach gewählt. Ich hätte sehr gern die Fakultät gewechselt, aber da war mir wieder das US-Pass im Weg. Als Ausländer durfte man nur einmal ein Studium in Deutschland anfangen. Möglicherweise liegt es an meinem Alter, aber heute glaube ich, zwei Jahre Zivildienst hätten mir gut getan. Damals lehnte ich den Gedanken natürlich strikt ab!)
Als ich 25 wurde, hing ich immer noch an der Uni rum und verdrängte den Gedanken an das SSS. Als ich 45 wurde, hatten GWBs Kriege zwar gezeigt, daß eine weltkriegsartige Eskalation für die US-Army möglich war, aber inzwischen war Obama Präsident und so verschlief ich auch das Datum, als ich endgültig aus dem SSS rutschte.
Weitere zehn Jahre später geschah, nach weit über einem halben Jahrhundert in Deutschland, das Wunder: Sie gaben mir den roten Pass! Die kostbare deutsche Staatsbürgerschaft; einfach so an mich verramscht!
Aber da lag Karl-Theodor von und zu Guttenbergs Geniestreich, die deutsche Wehrpflicht abzuschaffen, bereits mehr als eine Dekade zurück.
Nach 2022 dämmert es seinen Fans bei CDU und CSU: Das war ganz großer Mist und schadet uns für Jahrzehnte.
Aber so kennen wir es von CSU-Ministern; die richten immer Katastrophen an, unter denen wir noch Dekaden zu leiden haben. KTGs Freundin und Nachfolgerin im Amt der Wirtschaftsministerin tut es ihm nach. Auch sie wird Deutschlands Zukunft nachhaltig ruinieren.
Wie sich inzwischen herausstellt, kann Boris Pistoius zwar so eine Art Draft nach dem Muster des SSS einführen. Damit weiß man schon einmal, wie man die deutschen Männer zwischen 18 und 45 Jahren erreicht. Aber das ist das kleinste Problem. Die CSUCDU-Verteidigungsminister seither haben die Kasernen plattgemacht, die Feldjäger ausgedünnt, die Musterungsbüros aufgelöst, die Ausbilder entlassen. Es gibt schlicht und ergreifend nicht mehr die Strukturen, um alle wehrpflichtigen Männer eines Jahrgangs zu mustern und diejenigen, die nicht verweigern, durch die Grundausbildung zu schicken. Selbst Freiwillige, die zur Bundeswehr möchten, müssen lange warten, weil die Gebäude, die Ausrüstung, die Logistik, die Ausbilder nicht mehr existieren.
Minister Pistorius verfügt zwar über viel mehr Geld, als seine Amtsvorgänger, aber erstens kann er nicht einkaufen, was er will, weil das nicht abholbereit in den Regalen steht, sondern erst entwickelt und produziert werden muss. Zweitens ist da die Ukraine, die schon allein deswegen unterstützt werden muss, weil ein fortdauernder Krieg mit Russland im Interesse der schwachen europäischen NATO-Staaten liegt. Sie hängen mit ihrer Rüstung immer noch weit zurück und sind derzeit nur sicher vor Russland, solange die stärkste europäische Armee – nämlich die Ukrainische – Putin beschäftigt. Es ist pervers und amoralisch, aber „wir“, die EU, profitieren vom Sterben der Ukrainer, weil wir so lange sicher sind. Deswegen liefert Deutschland auch die Waffen, die Kiew braucht. Ein sofortiger Frieden hieße nämlich für Putin, daß er die Dank Trump sprudelnden Öl- und Gas-Einnahmen zur Aufrüstung verwendet, ohne Soldaten, Waffen und Munition zu verlieren.
Dem stünden eine viel zu träge NATO und EU gegenüber, die sich auf ihre große militärische Schutzmacht USA nicht verlassen können. Aber so langsam dämmert es einigen, wie ernst es für uns werden kann.
[….] Mit dem neuen Wehrdienstgesetz müssen sich grundsätzlich alle Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten von der Bundeswehr genehmigen lassen. Diese Änderung des Wehrpflichtgesetzes (WPflG) , die mehrere Millionen Männer in Deutschland betrifft, ist am 1. Januar relativ unbemerkt in Kraft getreten und wurde öffentlich kaum diskutiert.
Das Bundesverteidigungsministerium bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa entsprechende Informationen aus einem Bericht der »Frankfurter Rundschau« . Doch fügte ein Sprecher hinzu: »Wir werden aber durch Verwaltungsvorschriften klarstellen, dass die Genehmigung als erteilt gilt, solange der Wehrdienst freiwillig ist.« Ob sich betroffene Männer diese Genehmigung trotzdem praktisch einholen müssen oder was für sie gilt, bis die Verwaltungsvorschriften erteilt sind, wollte ein Sprecher auf SPIEGEL-Nachfrage nicht näher ausführen.
Das sogenannte Wehrdienst-Modernisierungsgesetz gilt seit Jahresbeginn. Kern ist die verpflichtende Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008. So sollen Freiwillige für einen Ausbau der Truppe von zuletzt mehr als 180.000 Männern und Frauen um 80.000 auf 260.000 aktive Soldaten rekrutiert werden. [….] Die Bundeswehr müsse für den Ernstfall wissen, wer sich gegebenenfalls längerfristig im Ausland aufhalte, führte der Sprecher aus. »Es wurde hier also eine rechtliche Grundlage geschaffen, um bei Bedarf verpflichtende Elemente des neuen Wehrdienstes – wie zum Beispiel die seit 1. Januar 2026 verpflichtende Musterung – in der praktischen Umsetzung zu stützen.« Die Genehmigungspflicht gilt laut Gesetz auch außerhalb des Spannungs- und Verteidigungsfalls. [….]
Die Infrastruktur zur Musterung und massenhaften Rekrutenausbildung haben wir nicht. Aber es geht los.
Und wieder habe ich Glück. Zwar bin ich jetzt ein DEUTSCHER Mann, aber klar jenseits der 45 Jahre. Ich kann Pistorius nicht helfen.

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