Freitag, 29. April 2022

Verfestigte Querfronten.

Vor der Corona-Pandemie kannte man den Begriff „Querfront“ insbesondere von den Berliner „Montagsdemos“.

Schon der Begriff war eine Anmaßung, bezog er sich doch auf die regimestürzenden Montagsdemos der DDR aus den Jahren 1989/1990. Gegen SED und Stasi auf die Straße zu gehen, konnte sehr böse enden und erforderte großen Mut.

Es begann mit den PEGIDA-Demos im Jahr 2014, als insbesondere sächsische Hobby-Nazis dem verwahrlosten Kriminellen Lutz Bachmann hinterherliefen und eine gewaltige politische Fehlleistung auslösten. Politiker fast aller Parteien fingen an, diese abscheulichen Hass-Menschen zu adeln, indem sie ihnen Berechtigung andichteten.

Nico Fried sprach von einer unzulässigen „Absolution des Mitläufertums“.

[…] Manch ein ehrenwerter Politiker bemüht sich, dem Phänomen der sogenannten Pegida mit jener Fähigkeit zu begegnen, die der selbsternannten Organisation zur Rettung des Abendlandes eher abgeht: Differenzierung. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und sein Amtskollege aus Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger (SPD), haben das vor einiger Zeit beispielhaft exerziert. Beide unterschieden säuberlich die ausländerfeindliche Hetze der Pegida, die nicht zu tolerieren sei, von der "diffusen Angst" (Jäger) und den "Sorgen" (de Maizière) vieler Demonstranten, die man ernst nehmen müsse. Die Frage ist: Warum eigentlich? […]

(Nico Fried, 21.02.2015)

Acht Jahre lang dieses rechtsextreme Pack mit Samthandschuhen anzufassen, führte dazu, daß die AfD sich enorm radikalisierte und bei der letzten Bundestagswahl in Thüringen und Sachsen stärkste Partei wurde.

Schon 2014 hatten rechtsextreme Verschwörungstheoretiker montags stattfindende „Friedensdemonstrationen“ so erfolgreich unterwandert, daß ein Konglomerat aus gefährlichen Spinnern von ganz links bis ganz rechts entstanden war; die Querfront. Johannes Baldauf, Experte für Verschwörungstheorien, erklärte schon vor acht Jahren:

[….] Johannes Baldauf:  Zentrale Figuren sind derzeit der ehemalige rbb-Radiomoderator Ken Jebsen („KenFM“), und der Publizist Jürgen Elsässer, der ursprünglich in der linken Szene beheimatet war,  allerdings in seinem „Compact“-Magazin schon seit Jahren die Querfront – also die Verbindung über Gemeinsamkeiten – mit der rechtsextremen Szene –  sucht. Dazu kommen neben den „klassischen“ Verschwörungstheoretiker*innen, Menschen aus dem Umfeld der „Wissensmanufaktur“, ein pseudowissenschaftliches „Institut für Wirtschaftsforschung und Gesellschaftspolitik“. Und Menschen, die sich Infokrieger nennen – nach den „Infowars“ um Radiomoderator  und Ikone der Verschwörungstheoretiker-Szene Alex Jones in den USA, die sich von den „Mainstream-Medien“ hinters Licht geführt und desinformiert sehen. Eine spannende Mischung.

Simone Rafael: Warum fällt es den nicht-rechten Demonstrationsteilnehmer*innen oder Veranstalter*innen so schwer, menschenfeindliches Gedankengut von ihren Veranstaltungen zu verweisen?

Johannes Baldauf:  Die Grundausrichtung der Demonstrationen ist ja, nicht rechts und nicht links zu sein, sondern gemeinsam für eine wichtigen Sache zu kämpfen, eine Querfront zu bilden. Das ist zwar ein schöner Gedanke. Aber „der Sache willen“ zu ignorieren, wie jemand ansonsten politisch denkt, ob er zu Hass und Gewalt aufruft etwa oder ein Rassist ist, funktioniert nicht. Deshalb bekommt diese Positionierung oft einen manischen Charakter. Wenn sich die Veranstalter einer Demonstration in der Theorie von Neonazis distanzieren, heißt es im Zweifelsfalle des praktischen Nazis auf der Demo oft: „Aber der ist doch gar kein Nazi“. Oder, im Sinne eines Verschwörungstheoretikers sehr überzeugend: „Wenn Sie den als Faschisten bezeichnen, sind Sie ja selbst Teil der Elite!“ [….]

(Belltower, 07.07.2014)

Die Migrationsbewegungen und insbesondere die Pandemie sorgten ab Frühjahr 2020 für gewaltigen Zulauf aus der Esoteriker-, Alternativmedizinischen und Impfgegnerszene. Und immer noch nahm die politische Klasse insgesamt viel zu viel Rücksicht auf diese hochgefährlichen Menschen, die sie nicht als Wähler verprellen wollten.

Nur so ist das anderthalbjährige politische „es wird keine Impfpflicht geben“-Mantra zu erklären. Dabei vertreten diese radikalen Seuchenfreunde genauso wenig legitime Ängste oder „alternative Ansichten“ wie die xenophoben Bachmann-Fans. Genauso wie es keine alternative Mathematik oder alternative Physik gibt, existiert auch keine alternative Medizin ohne Viren oder Heilungskräften von nicht existenten „Wirkstoffen“ in D10-Potenzen.

Querfrontler sind schon lange kein einfaches Kuriosum mehr; also bekloppte Menschen, die man auslachen kann; sondern eine enorme Gefahr für die gesamte Gesellschaft. Womöglich würden Zehntausende Menschen noch leben, wenn diese Fakten-negierenden Virenfreunde nicht die Impfkampagnen bekämpft hätten.

Halbwegs zurechnungsfähigen Bürgern mögen sich darüber amüsieren, wenn in Leipzig, Berlin oder Stuttgart Myriaden Aluhüte von Reptiloiden-Invasionen, unfruchtbar machenden Chemtrails, Gates-Chips im Impfserum oder massenhaft geraubten Kindern, denen Adenochrom abgesaugt würde, erzählen.

Das ist aber nicht lustig, da wir unterschätzen, wie viele mental labile und intellektuell bescheidene Menschen anfällig sind, den Schwachsinn zu glauben. Deswegen erreichen wir keine Herdenimmunität, deswegen sterben jetzt noch zwischen 200 und 300 Menschen in Deutschland an Covid19.

Putins Angriff auf die Ukraine ist ein weiterer Booster für die Querfront.  Die düsteren geopolitischen Szenarien sind wie dafür gemacht, sich sinistere Strippenzieher vorzustellen.

Abstimmungen über die Waffenlieferungen an die Ukraine, die heute im Bundestag stattfand, bestärken Querfrontler in ihrer Wahnwelt, weil alle halbwegs vernünftigen Parteien übereinstimmen. CDUCSU-Oppositionsführer Merz tut es wahrlich nicht gern, aber er konnte heute in dieser Frage nicht gegen die Ampel stimmen lassen.

[…]  Nur unter Getöse! Friedrich Merz und seine CDU stecken gerade in einem gewaltigen Dilemma: Wie viel Opposition kann man sich während des Ukraine-Kriegs erlauben, ohne das Selbstbild von der staatstragenden Partei zu beschädigen? Und wie viel Zusammenarbeit mit dem Kanzler ist möglich, ohne politisch unsichtbar zu werden? Das ist schon an sich keine einfache Abwägung. Wegen der anstehenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ist sie aber besonders schwierig.  […]

(Robert Rossmann, 28.04.2022)

Wenn aber in so einer zentralen Frage SPD, Grüne, FDP und CDUCSU gemeinsam stimmen, treffen sich die ohnehin vollständig im Covidioten-Lager kauernde AfD und die durch Wagenknecht inzwischen auch schon semiverschwurbelte Linke in dem Putin-freundlichen Boot.

Die AfD findet Putin toll, weil er Naziparteien finanziert als einzige Großmacht eine weiße, nicht diverse Gesellschaft propagiert, in der Schwule, Migranten und Feministinnen keinen Platz haben. Die Linken stehen eigentlich für genau die gegenteiligen Werte, hängen aber kurioserweise auch an Putin, weil sie einer  russlandfreundlichen Tradition anhängen, als Moskau noch ganz ganz links und nicht ganz ganz rechts war. Putin ist mit seiner Idealisierung der kommunistischen atheistischen (also ganz linken) sowjetischen Supermachtvergangenheit und seiner inzwischen rechtsextremen kirchenaffinen homophoben Politik selbst so etwas wie die Apotheose der Querfront. In ihm kommt allerlei Extremes zusammen, das verschwörungstheoretische Spinner wohlig triggert.

Der ehemalige ultrakonservative Katholik David Berger ging den Weg in den antisemitischen Schwurbelkosmos mit, vertritt als beinharter Impfgegner inzwischen nahezu jede noch so abstruse Verschwörungstheorie.

Als schwuler Mann hasst er die Schwulenbewegung oder die Ehe für alle, wie die Pest. Als Steinzeitkatholik wettert er gegen den Papst, als angeblicher Israelfreund (Israel mag er nur, weil er darin seine radikal islamophoben Phantasien ausleben kann) durchsetzt er seine Beiträge mit antisemitischen Stereotypen, sieht stets Rothschildsche oder Sorossche oder Gatessche Strippenzieher am Werk. Politisch tickt er mit Trump und Alex Jones und Steve Bannon, die seine rassistische antifeministische und wissenschaftsfeindliche Weltsicht vertreten. Natürlich liebt er Putin, weil dieser sich gegen die von ihm so verachteten Institutionen EU, NATO, aber auch gegen Scholz oder Biden persönlich steht.  Am meisten hasst Berger aber immer noch die Grünen, die er, der Faschist, stets als faschistisch darstellt. Er kann es nicht ertragen, daß Annalena Baerbock Außenministerin geworden ist und schon gar nicht, daß sein geliebtes Moskau nun mit deutschen Waffen unter Druck geraten soll. Baerbocks Eintreten für die Gepard-Lieferungen an die Ukraine beschreibt er in jeder Zeile vor Menschenhass triefend:

[….] Diese Erklärung Baerbocks ist deshalb so gefährlich, weil jetzt dem Antrag auf Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine stattgegeben wurde, der – so Max Otte – „in martialischer Sprache verfasst ist und der von Russland als Kriegseintritt Deutschlands gesehen werden muss … Ich bin kein ängstlicher Mensch. Aber das macht mir Angst.“ Und weil man sich dem ganz großen Bang entgegensehnt, wird China auch noch gleich als mögliche Konfliktpartei geführt.  Und noch eines: Die Grünen sind mit dem Wunsch, ihre perversen Gewaltphantasien auszuleben, nicht alleine. Gerade ist ihnen Friedrich Merz beigesprungen und lässt wissen: „Gerade weil wir die furchtbaren Bilder aus dem Stahlwerk in Mariupol vor Augen haben, sagen wir: Einem Aggressor wie Putin muss auch mit militärischer Gewalt begegnet werden. Deshalb kommen wir heute zu einem gemeinsamen Entschließungsantrag: Um der Ukraine zu helfen.“  Die Neigung des Deutschen zum totalen Krieg feiert wieder fröhlich Urständ. Dazu keine weiteren Worte, außer einen Satz aus meiner Jugend: Die Überlebenden werden die Toten beneiden! [….]

(Philosophie Perennis, 28.04.2022)

Heute steht sie wieder, die Querfront aus ganz rechts und ganz links.

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